Artikel

«Ich lasse mich mit 75 frühpensionieren.»

Das Arbeitsleben des Ehepaars Roduner ist viel zu spannend, um sich zur Ruhe zu setzen. Mit Erreichen des Pensionsalters nahm der Professor ein Projekt in Südafrika an, das für unser Klima entscheidend sein könnte. Und auch Hanny Roduner dachte nicht im Traum daran, ihre geliebte Arbeit aufzugeben.

Herr Roduner, Sie waren bis zum Erreichen des Pensionsalters Professor für physikalische Chemie an der Universität Stuttgart. Und Sie, Frau Roduner, arbeiteten bis 64 in der Erwachsenenbildung des Kantons Zürich, wo Sie als Handarbeitslehrerin Kurse gaben. Dieses Jahr werden Sie beide 73 Jahre alt, sind aber noch immer sehr in Ihre Berufe eingespannt. Womit beschäftigen Sie sich?

Emil Roduner (E. R.): Ich bin jeweils sechs Monate im Jahr in Südafrika und arbeite im Rahmen einer Professur an einem Forschungsprojekt. Es geht darum, CO2 in flüssigen, erneuerbaren Treibstoff umzuwandeln – etwa um Flugzeuge zu betanken.

Das klingt, als tüftelten Sie an der Lösung eines unserer grössten globalen Probleme …

E.R.: Es ist tatsächlich so, dass die besten Labors weltweit in der CO2-Reduktion engagiert sind. Der Wettbewerb ist immens. Und natürlich ist es grossartig, ein Forschungsprojekt aufzubauen, das ein derartiges Potenzial hat.

Frau Roduner, auch Ihnen ist nicht langweilig, während Ihr Mann «die Welt rettet». Was hat sich bei Ihnen seit der Pensionierung verändert?

Hanny Roduner (H. R.): Genau wie mein Mann beschäftige ich mich mit dem, was ich am besten kann und was mir am meisten Freude bereitet. Als Handarbeitslehrerin habe ich schon vor vielen Jahren meine Nische gefunden: Ich gebe Kurse für die Gestaltung von Krippenfiguren. Weil ich zum Zeitpunkt meiner Pensionierung bei der Stadt Zürich angestellt war, konnte ich nur um ein halbes Jahr verlängern. In anderen Gemeinden ist das Arbeiten über das ordentliche Pensionsalter hinaus jedoch möglich. So etwa in Volketswil oder in Grüningen, wo ich regelmässig Kurse gebe. Am liebsten mag ich meine Ferienkurse in Sils Maria.

Pensioniert und berufstätig

Für Hanny und Emil Roduner ist ihre Arbeit Hobby und Berufung. Bereits vor einigen Jahren erreichten sie ihr ordentliches Pensionsalter, doch stehen beide noch immer aktiv im Berufsleben.

Wie ist es, mit 65 einen neuen Job auf einem anderen Kontinent anzunehmen?

E. R.: Für mich war es, als hätte ich ein zusätzliches Leben geschenkt bekommen. Den Ort zu wechseln, eine neue Umgebung kennenzulernen, neue Kollegen, eine neue Thematik, das inspiriert und setzt enorme Energien frei – und es hält jung.

Für mich war es, als hätte ich ein zusätzliches Leben geschenkt bekommen.

Emil Roduner

Wann und wie begannen Sie, Ihre Pensionierung und die Zeit danach zu planen?

E. R.: Ich sage immer, mich kann man gar nicht pensionieren, weil ich noch nie gearbeitet habe – ich bin immer nur meinem Hobby nachgegangen (lacht).

H. R.: Dass wir mit 64 oder 65 Jahren nicht einfach die Füsse hochlegen und nichts mehr tun würden, war uns beiden schon lange klar. Allerdings hatten wir auch keine konkreten Pläne für die Zeit danach. Das würden wir heute anders angehen, denn eine gute Planung ist schon wertvoll. Bei mir war es so, dass sich meine Kursteilnehmerinnen schlicht nicht an mein Pensionsdatum hielten (lacht). Meine Kurse blieben weiter­hin gut gebucht. Viele Teilnehmerinnen bauen seit Jahren bei mir ihre Weihnachts­krippe. Meine eigene grösste Krippenlandschaft stellt die ganze Weihnachtsgeschichte dar und umfasst über 100 Figuren.

E. R.: Ich begann, mir mit 63 erstmals Gedanken zur Verlängerung meines Forscherlebens zu machen. Damals war ich seit 16 Jahren an der Uni Stuttgart angestellt und kannte den Betrieb so gut wie meine Westentasche. Es wäre möglich gewesen, meine Professur mit 65 dreimal für ein Jahr zu verlängern – eine bequeme Lösung. Nach einigem Überlegen wurde mir aber klar, dass ich den Mangel an Motivation fürchtete, wenn mich längerfristige Projekte nichts mehr angingen und ich alles schon kannte. Deshalb fasste ich den Entschluss, mich in Stuttgart mit 65 pensionieren zu lassen, ohne zu wissen, ob eine neue berufliche Tür aufgehen würde.

Ich sage immer, mich kann man gar nicht pensionieren, weil ich noch nie gearbeitet habe – ich bin immer nur meinem Hobby nachgegangen.

Emil Roduner

Und wie kam es zum Projekt in Südafrika?

E. R.: In meinem letzten Jahr in Stuttgart erhielt ich an der Uni Besuch von einem Forscherkollegen aus Südafrika. Uns verband ein ähnliches Forschungsinteresse und er erkundigte sich, ob wir unseren Studierenden einen Austausch ermöglichen könnten. Im Hinblick auf meine nahende Pensionierung bekundete ich mein eigenes Interesse, was ihn natürlich erst einmal überraschte. Doch dann kam einige Monate später das Angebot aus Pretoria. Es gab auch Anfragen aus den USA, China und Indien – sie waren aber weniger konkret.

Bewältigen Sie heute noch ein volles Arbeitspensum oder haben Sie reduziert?

H. R.: Es ist heute weniger als früher, und das ist gut so. Bei mir sind es offiziell etwa 40 Prozent, bei Emil sind es 50. Wir stellen beide fest: Wenn man mehr Zeit hat, gibt man auch mehr. Ich bereite mich noch ausführlicher auf meine Kurse vor als früher.

E. R.: Ich geniesse es, keine Sitzungen mehr zu haben und keine Prüfungen mehr abnehmen zu müssen. Vorher war alles dichter. Und kreativ bin ich eigentlich immer erst geworden, wenn das Semester zu Ende war und die Pflichten entfielen – wenn ich mich etwas zurücklehnen und träumen konnte. Heute darf ich jeden Tag so arbeiten.

Was treibt Sie an, weiterzuarbeiten?

H. R.: Der soziale Aspekt ist nicht zu unterschätzen, gerade im Alter. Ich stehe beim Unterrichten mitten im Leben. Zudem stelle ich zur Weihnachtszeit regelmässig meine Krippenlandschaften in Museen, Einkaufszentren oder Schaufenstern aus. Mir bedeu­tet es viel, dass ich damit jedes Jahr viele Menschen erreiche und für mein kunsthandwerkliches Schaffen zu begeistern vermag. Das ist zwar keine bezahlte Arbeit, aber es werden Herzen berührt.

E. R.: Das ist eben nicht Arbeit im gewerkschaftlichen Sinne, sondern es ist Lebensinhalt.

Welche Auswirkungen hat das Weiterarbeiten in finanzieller Hinsicht für Sie?

H. R.: Wir sind zum Glück nicht darauf angewiesen, weiterzuarbeiten, weil wir ein Leben lang sehr sparsam waren. Und wir hatten Glück: zum Beispiel, als wir unser Haus zu einem niedrigen Preis kaufen konnten. Das ist heute eine gute Anlage. Weil Abzah­len immer unsere Devise war, zahlen wir heute viel weniger, als wenn wir in einer Mietwohnung lebten. Das Schönste aber ist, dass wir mit gutem Gewissen auf Reisen gehen können, ohne dass wir deswegen später Ergänzungsleistungen beziehen müssten. Das Reisen ist neben der Arbeit unsere grosse Passion. Vor einigen Monaten waren wir in Burma. Dieses Land, die Farben, die Menschen – für uns unvergesslich. Wir zehren heute noch jeden Tag davon.

Eine aktuelle Studie der Credit Suisse betrachtet Rentensysteme im internationalen Kontext und weist im Ländervergleich darauf hin, dass längeres Arbeiten belohnt werden sollte. Passt das Schweizer Rentensystem zu Leuten wie Ihnen?

E. R.: Meine Rente erhalte ich natürlich aus Deutschland, weil ich durch meine Professur deutscher Beamter auf Lebenszeit wurde. Im Schweizer Rentensystem sind wir die Gewinnergeneration. Momentan besteht noch die Balance zwischen Einnahmen und Ausgaben, doch sehr bald wird das nicht mehr der Fall sein. Kürzlich habe ich die Vorschläge der bürgerlichen Jungparteien für eine umfassende Reform der Altersvorsorge gelesen. Die fand ich geradezu visionär. Am besten gefällt mir die Idee, den Pensionszeitpunkt an die Lebenserwartung zu koppeln. Ganz wichtig finde ich auch, dass die Pensionskassenabzüge für ältere Arbeitnehmer nicht höher sein dürfen als jene der Jungen. Wir Älteren sind sonst zu unattraktiv für den Arbeitsmarkt.

Die höheren Beiträge in der Pensionskasse sind aber vermutlich nicht die einzigen Gründe, die Unternehmen davon abhalten, ältere Personen einzustellen …

E. R.: Man sagt von uns älteren Mitarbeitenden, wir seien nicht mehr so flexibel, man könne uns nicht ins Ausland schicken, wir seien langsamer und bräuchten länger, um uns mit Neuem vertraut zu machen. Andererseits bringen wir Erfahrung mit. An all diesen Aussagen ist sicherlich etwas Wahres dran. Ich finde deshalb, es sollte nicht tabu sein, über die Löhne der älteren Arbeitnehmer nachzudenken. Warum ist es so sakrosankt, dass Löhne nur steigen, aber nie sinken dürfen?

Es sollte nicht tabu sein, über die Löhne älterer Arbeitnehmer nachzudenken. Warum ist es so sakrosankt, dass Löhne nur steigen, aber nie sinken dürfen?

Emil Roduner

Glauben Sie, die ältere Generation wäre damit einverstanden?

E. R.: Ja. Vorausgesetzt, dass damit auch die Erwartung gedrosselt wird, die Älteren müssten genau dasselbe leisten wie junge Personen. So kann das eine sehr angenehme Entlastung für beide Seiten sein. Viele würden gerne noch arbeiten, aber nicht von 8.00 bis 18.00 Uhr, sondern vielleicht von 9.30 bis 16.00 Uhr an drei oder vier Tagen. Tendenziell sinken im Alter die Ausgaben: Man muss keine Kinder mehr ver­sorgen und im Idealfall nichts mehr fürs Alterssparen abzweigen, weil man dies ja schon früher gemacht hat. Und wer nach der Pensionierung weiterarbeitet, erhält zusätzlich zum Lohn eine Rente, was das Budget weiter entlastet.

H. R.: Eine Bekannte von uns arbeitete bis zu ihrem Tod im Familienbetrieb in der Buchhaltung. Mit 95 verkündete sie, fortan nur noch 50 Prozent arbeiten zu wollen. (lacht). Der richtige Zeitpunkt ist natürlich sehr individuell und hängt von unzähligen Faktoren ab. Ich stelle in meinem Bekanntenkreis aber fest, dass es jenen besser geht, die noch Aufgaben haben – egal, ob es sich um bezahlte oder unbezahlte Arbeit handelt.

Wie lange möchten Sie noch weiterarbeiten?

E. R.: Ich lasse mich mit 75 frühpensionieren (schmunzelt). Nein, im Ernst: Solange man mich will und bis ich nicht mehr mag. Aber auch ohne bezahlte Arbeit wird es uns nicht so schnell langweilig werden. Ich habe noch eine Wand voller Bücher, die ich mit Freude wieder einmal lesen würde. Auch kleinere ehrenamtliche Tätigkeiten werde ich gerne weiterführen. Vor ein paar Tagen kam zum Beispiel eine Anfrage, ob ich die Bewerbun­gen auf eine Professur in Pakistan begutachten könnte.

H. R.: Uns geht es gesundheitlich gut, das ist die Voraussetzung. Wir haben drei Kinder und sechs Enkelkinder, die uns enorm wichtig sind, auch wenn wir sie nicht so oft sehen. Wir leben ein ganz anderes Pensionierten- oder Grosseltern-Modell als noch unsere Eltern. Unsere Pensionierung erfolgt in sehr kleinen Schritten.

Haben Sie Fragen zu Ihrer Vorsorge oder zur Planung Ihrer Pensionierung?

Beratungsgespräch vereinbaren This link target opens in a new window
Wir helfen Ihnen gerne weiter. Rufen Sie uns unter der Telefonnummer 0844 200 111 an oder vereinbaren Sie ein Beratungsgespräch.