Gaetano Cardillo
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Vorsorgelücken schliessen – was ist zu bedenken?

Wie entstehen Vorsorgelücken, und wie deckt man sie? Die Fragen dazu beantwortet Gaetano Cardillo, Ausbildner für Kundenberater bei der Credit Suisse. Sein Rat: Das Problem «Vorsorgelücken» sollte man früh genug angehen.

Die gesetzlich geregelten Einzahlungen in die AHV (1. Säule) und die Pensionskasse (2. Säule) sichern Pensionierten ein geregeltes Einkommen. Dieses reicht in den meisten Fällen aber nicht, um den gewohnten Lebensstandard fortführen zu können. Man spricht hier von einer Vorsorgelücke.

Viele Berufstätige sind sich nicht bewusst, in welchem Mass sich Vorsorgelücken auf die Lebensumstände im Alter auswirken können. Gaetano Cardillo weiss, wie Einbussen in der Lebensqualität verhindert werden können.

Ist eine Vorsorgelücke ein Nischenproblem, oder muss sich jeder mit diesem Thema beschäftigen?

Grundsätzlich ist das ein Thema, das alle angeht. Je früher man sich damit beschäftigt, desto besser. Wir haben in der Schweiz ein ausgezeichnetes Vorsorgesystem nach dem 3-Säulen-Prinzip, um das uns viele Länder beneiden. Mit der 1. und 2. Säule haben wir ein Vorsorgesystem, welches weitgehend gesetzlich geregelt ist. Aber das Ziel dieser beiden Säulen ist es, nur etwa 60 Prozent des letzten Einkommens abzudecken. Nun, 60 Prozent reichen in den meisten Fällen nicht, um den normalen Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich zwischen Lebenshaltungskosten und Rente eine Lücke auftut, ist sehr hoch.

Rechenbeispiel bei einem Lohn von CHF 100’000.–

Trotz ununterbrochenen Einzahlungen in AHV und Pensionskasse sind bei der Pensionierung mit der 1. und 2. Säule nur knapp 60 Prozent des Lohnes gedeckt. Nötig aber wären nach allgemeinem Richtwert ungefähr 80 Prozent, um den gewohnten Lebensstandard zu halten.

Situation vor der Pensionierung

 

Jahreslohn

CHF 100'000.–

Situation nach der Pensionierung

 
Leistungen AHV (1. Säule) CHF 28'440.–
Leistungen Pensionskasse (2. Säule)* CHF 30'000.–
Total CHF 58'440.–

Berechnung Vorsorgelücke

 
Bedarf CHF 80'000.–
Leistungen aus 1. und 2. Säule CHF 58'440.–
Jährliche Vorsorgelücke CHF 21'560.–

* Annahme bei der Rentenauszahlung der 2. Säule: CHF 30’000.– (die tatsächlichen Leistungen sind auf dem Pensionskassenausweis ersichtlich).

Was sind in der Praxis die schlimmsten Auswirkungen, wenn jemand das Thema ignoriert?

AHV und Pensionskasse orientieren sich in ihren Leistungen ja eigentlich am Minimalbedarf der Pensionierten. Nun kann es schon sein, dass dies einfach nicht reicht, um den täglichen Lebensbedarf zu decken. Gerade im Alter, wenn zum Beispiel die Krankenkasse immer teurer wird, geht die Rechnung irgendwann nicht mehr auf. Oder wenn jemand Immobilienbesitzer ist, kann er plötzlich die Kosten nicht mehr tragen und ist gezwungen, sich hier zu verändern. Dann ist aber vielleicht in der liebgewonnenen Wohngegend kein passendes Objekt verfügbar. Das sind sehr unangenehme Auswirkungen im Alter.

Was ich viel sehe, gerade bei zugewanderten Personen, dass sie aufgrund der Vorsorgelücken im Alter gezwungen sind, in ihr Ursprungsland zurückzukehren, weil dort die Lebenshaltungskosten in der Regel tiefer sind.

Ab Alter 50 ist es höchste Zeit, dass man sich ernsthaft mit dem Thema Vorsorge auseinandersetzt.

Gaetano Cardillo 

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um sich über persönliche Vorsorgelücken Gedanken zu machen beziehungsweise wann ist es zu spät?

Grundsätzlich sollte man bei jeder Änderung der Lebenssituation die Vorsorgekonsequenzen prüfen: das kann ein beruflicher Karrieresprung sein, ein längerer Auslandaufenthalt, Familiengründung, Scheidung … Da ist unter Umständen auch ein Gespräch mit einem Experten ratsam. Wenn es Richtung Pensionierung geht, ist es höchste Zeit, dass man sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt. Wir empfehlen, sich spätestens ab Alter 50 damit zu befassen.

Wie sollte man in diesem Fall vorgehen?

Schritt eins: Eine AHV-Rentenvorausberechnung bei der Ausgleichskasse anfordern und den Pensionskassenausweis studieren, um die Renteneinnahmen zu bestimmen. Und auf der anderen Seite ist es ganz wichtig, ein Budget zu erstellen und die Kosten aufzulisten, mit denen man rechnen muss. Ich rege in Beratungsgesprächen oft zum Nachdenken an mit der Frage: «Wann geben Sie mehr Geld aus, beim Arbeiten oder in der Freizeit?» Es ist ja auch so, dass viele sich nach der Pensionierung gewisse Wünsche erfüllen, Hobbys pflegen und etwas gönnen möchten.

In der Praxis sieht man 80 Prozent des letzten Einkommens für den Bedarf nach der Pensionierung als Richtwert. Aber das kann von Fall zu Fall variieren. Wenn man sich mit 50 über die Wünsche im Alter im Klaren ist, bleibt noch Zeit, um Änderungen vorzunehmen und Optimierungen aufzugleisen. Zum Beispiel, indem man gestaffelt und steuerlich begünstigt in die Pensionskasse einzahlt. Sehr wichtig ist dabei auch, seine Pensionskasse genau anzuschauen. Ist sie stabil? Was steht im Reglement? Hier ist es gegebenenfalls auch ratsam, einen Experten zu fragen, was genau zwischen den Zeilen zu lesen ist, um Überraschungen zu vermeiden.

Was muss jemand bedenken, der über längere Zeit nicht berufstätig war oder eine Auszeit plant?

Die 1. Säule ist fundamental. Gerade bei Frauen mit Kindern, bei Studenten oder Leuten, die zum Beispiel längere Zeit im Ausland tätig sind, gilt es, Lücken in der 1. Säule zu vermeiden. Da die Pensionskasse in dieser Zeit ganz wegfällt, ist es wichtig, mit privater Vorsorge zu versuchen, diesen Teil zu kompensieren: mit der Säule 3a und andererseits mit der Säule 3b, bei der das Geld bei Bedarf verfügbar bleibt. Hier kommen verschiedene Sparplanlösungen oder andere Anlageformen infrage. Es können aber auch bei durchgängiger Berufstätigkeit Lücken entstehen, etwa wenn es zu einem Karrieresprung gekommen ist und der Einkommensstandard plötzlich deutlich höher liegt.

Was ist steuerlich der beste Weg, um Vorsorgelücken zu schliessen?

In erster Linie empfehlen sich Einzahlungen in die Säule 3a: Hier sollte man, wenn möglich, unbedingt den jährlichen Maximalbeitrag einzahlen, der vom steuerbaren Einkommen abgesetzt werden kann, aktuell 6’826 Franken*. Als zweite Option bieten sich Einkäufe in die Pensionskasse an, welche ebenfalls vom steuerbaren Einkommen in Abzug gebracht werden können. Zudem fallen auf beiden Möglichkeiten während der ganzen Investitionsdauer keine Vermögens-, Einkommens- und Verrechnungssteuern an. Beim Bezug in Kapitalform werden bei beiden Optionen zwar wieder Steuern erhoben, aber getrennt vom übrigen Einkommen und zu einem Vorzugssatz.

Gaetano Cardillo, Credit Suisse Rapperswil

Gaetano Cardillo, Ausbildner für Kundenberater bei der Credit Suisse

Gaetano Cardillo (49) ist als Sohn italienischer Einwanderer in Rapperswil-Jona aufgewachsen und hat nach der kaufmännischen Ausbildung im Bankenbereich interne und externe Zusatzausbildungen abgeschlossen. Seit 1995 arbeitet er bei der Credit Suisse, von 1997 bis 2017 als Kundenberater in Rapperswil, wo das Thema Vorsorge in seiner Beratungstätigkeit von zentraler Bedeutung war. Heute arbeitet er in der Ausbildung von Kundenberatern in Zürich.