2. Säule: sinkende Renten für kommende Generationen
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Renten künftiger Generationen sinken markant

Tiefere Renditen und sinkende Umwandlungssätze – heutige Erwerbstätige werden mit niedrigeren Renten rechnen müssen. Die aktuelle Studie der Credit Suisse zeigt auf, wie erheblich die Unterschiede tatsächlich sein könnten und wer die grössten Einbussen in Kauf nehmen muss.

Es ist neun Uhr morgens. Lehrer Daniel Müller wird seine Schüler alsbald zum Unterricht begrüssen. Zwei Stunden zuvor hat er seine Eltern, vor ihrer Pensionierung ebenfalls Lehrerin und Lehrer, zum Flughafen begleitet. Sie werden in den kommenden Wochen auf einer Atlantik-Kreuzfahrt bis nach Florida dem winterlichen Grau der Schweiz entfliehen.

Auf dem Weg zur Arbeit beschäftigt ihn der Gedanke: Wird er einst mit einer vergleichbaren Rente rechnen und finanziell ebenso sorglos leben können wie seine Eltern? Nein, voraussichtlich nicht. Das zeigt ein Blick auf die aktuelle Studie der Credit Suisse «Zweite Säule: wachsendes Gefälle zwischen den Generationen».

13 % weniger Rente als die Eltern

Die Studie belegt: Ohne Gegenmassnahmen wird die Altersrente (AHV und BVG) von Daniel Müller um 13 % niedriger ausfallen als jene seiner Eltern. Obwohl diese etwas weniger verdienten als ihr Sohn heute, profitierten sie beim Vermögensaufbau über Jahrzehnte von hohen Zinsen und entsprechenden Renditen. Ihre heutige Rente wurde zudem anhand von Umwandlungssätzen berechnet, die aus aktueller versicherungstechnischer Sicht eindeutig zu hoch sind.

Trotz steigender Einkommen sinken die Renten

Vier Rentner-Generationen im Vergleich: Die Renten sinken

Vier Generationen im Vergleich

Trotz steigender Einkommen sinken die Renten

Vergangene Wertentwicklungen oder Finanzmarktszenarien sind keine verlässlichen Indikatoren für zukünftige Wertentwicklungen.

Quelle: SNB, Swisscanto, OAK, Credit Suisse

Generation «Glück gehabt!»

Die Eltern von Daniel Müller gehören zur ersten Generation in der oben abgebildeten Infografik, die von 1970 bis 2010 arbeitstätig war. Obwohl die Löhne dieser Generation niedriger waren als jene der Folgegenerationen, wuchs ihr Pensionskassenvermögen aufgrund durchschnittlicher Jahreszinsen von 5,65 % ordentlich an. Auch lag der mittlere Umwandlungssatz zum Pensionierungszeitpunkt bei 6,74 %. Mit den zusammen­gezählten Renten der 1. und 2. Säule erreichen die Eltern Müller rund 57 % des letzten Lohnes.

Generationen «Wird es reichen?»

Die drei folgenden Generationen bekommen die gesunkenen Renditen zu spüren – zwischen 1985 und 2018 betrug die geschätzte jährliche Verzinsung der Altersvermögen im Durchschnitt 4,5 %, 2019 liegt sie bei nur noch 1,5 %. Der Aufbau ihres Vorsorgeguthabens geht somit langsamer vonstatten. Wenn auch nicht so vorgesehen, findet derzeit eine Umverteilung von den aktiven Versicherten wie Daniel Müller an die Pensionierten (seine Eltern) statt. Diese Generation profitiert von zu hohen Umwand­lungssätzen, die nicht mehr der aktuellen demografischen Situation und dem anhal­tenden Tiefzinsumfeld entsprechen. Künftige Rentner müssen mit sinkenden Umwand­lungssätzen rechnen. Nach Berechnung der Credit Suisse Ökonomen bedeutet dies für Daniel Müller, der 2040 pensioniert wird, dass seine Rente aus AHV und BVG voraus­sichtlich nur noch 45 % seines letzten Bruttoeinkommens entsprechen wird. Reicht das?

Studie «Zweite Säule: wachsendes Gefälle zwischen den Generationen»

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Halten des Lebensstandards – auch nach der Pensionierung

Die Rente aus der beruflichen Vorsorge (2. Säule) sollte gemäss angestrebtem Leistungsziel des Bundes mit der AHV-Rente (1. Säule) zusammengerechnet 60 % des letzten Bruttolohns vor der Pensionierung erreichen.

Mit der privaten Vorsorge (3. Säule) addiert, ergibt sich idealerweise ein Einkommen, das 80 % des letzten Bruttolohns vor der Pensionierung entspricht. Man geht davon aus, dass eine Person mit dieser Rente denselben Lebensstandard pflegen kann wie vor der Pensionierung, auch wenn dies natürlich individuell sehr unterschiedlich ist.

Als Vorsorgelücke wird die Differenz zwischen zusammengerechneter 1. und 2. Säule und den angestrebten 80 % des letzten Lohnes bezeichnet. Bei Daniel Müller beträgt sie voraussichtlich 35 %, während sie bei seinen Eltern noch bei 23 % lag.

Je höher das Einkommen, desto grösser die Vorsorgelücke

Je höher das Einkommen, desto grösser die Vorsorgelücke

Der Vergleich verschiedener Einkommensgruppen 

* Für die Berechnung der Rente der beruflichen Vorsorge wurde zum Pensionierungszeitpunkt bei tieferen Einkommen ein Mindestumwandlungssatz von 7,0 % im Jahr 2010 und 6,0 % ab 2021 angenommen, für die mittleren und hohen Einkommen ein Umwandlungssatz von 6,74 % (2010), 5,36 % (2025), 5,09 % (2040) bzw. 4,70 % (2061).
Vergangene Wertentwicklungen oder Finanzmarktszenarien sind keine verlässlichen Indikatoren für zukünftige Wertentwicklungen.

Quelle: Credit Suisse

Der Vergleich zwischen drei Einkommensgruppen (Verkäufer, Lehrer, Jurist) verdeutlicht: Je höher das Gehalt, desto kleiner die Chance, die angestrebten 60 % des letzten Lohnes mit AHV und beruflicher Vorsorge zu erreichen. Während die Rente einer 2010 pensionierten Verkäuferin 58 % betrug, scheint jene des heutigen Verkäuferlehrlings mit 53 % auf den ersten Blick nicht allzu signifikant niedriger auszufallen. Allerdings fällt die Reduktion einer ohnehin schon kleinen Rente spürbarer ins Gewicht als bei einer höheren Rente. 

Die Vertreter der höheren Einkommensklassen werden indessen am stärksten von sinkenden Renten betroffen sein: Die 2010 pensionierte Juristin erreichte noch eine Rente von 51 % ihres letzten Gehalts und wies somit eine Vorsorgelücke von 29 % auf. Der Jurastudent von heute, der 2061 sein Rentenalter erreicht, wird gemäss den Berechnungen der Studie nur 34 % seines letzten Lohnes erhalten und mit einer Vorsorgelücke von 46 % rechnen müssen.