Anlagestrategie: Zuversicht an den Finanzmärkten 2022
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Ein Jahr des Übergangs. Was die Finanzmärkte 2022 bewegt.

Werden sich die globalen Finanzmärkte im nächsten Jahr genauso stark entwickeln wie 2021? Eher nicht, sagt Burkhard Varnholt, CIO der Credit Suisse Schweiz. Dennoch blickt er mit Zuversicht auf das neue Jahr. Welche sechs Gründe für den positiven Ausblick sprechen und welche Risiken externe Vermögensverwalter in ihrer Anlagestrategie berücksichtigen sollten.

Positive Aussichten für die Finanzmärkte

«Das Jahr 2022 wird ein Jahr des Übergangs.» Mit diesen Worten eröffnete Burkhard Varnholt, CIO der Credit Suisse Schweiz, den Online-Event «Investment Insights – Global Outlook». Nach der aussergewöhnlich starken Entwicklung der Finanzmärkte 2021 dürften sich die Wachstumsraten zwar etwas normalisieren. «Dennoch werden sie weiterhin über dem historischen Durchschnitt sein», sagt Burkhard Varnholt.

Externe Vermögensverwalter können also mit Optimismus auf die künftigen Entwicklungen der Finanzmärkte blicken. Die folgenden sechs Gründe zeigen auf, weshalb beim Anlegen auch im neuen Jahr Zuversicht angebracht ist.

Investment Outlook 2022 – sechs Gründe für Zuversicht

1. Unternehmen weisen hohe Gewinnmargen auf

Die Gewinnmargen von Unternehmen sind derzeit höher denn je. Sie liegen bei Firmen im S&P 500 bei rund 14 bis 15 Prozent, und auch in Europa und in der Schweiz entwickeln sich die Margen positiv. Daran ändert auch die Tatsache, dass die Löhne steigen, nichts. Denn steigende Gewinnmargen und steigende Löhne gehen derzeit Hand in Hand. Die Erklärung für diese widersprüchliche Entwicklung liegt für Burkhard Varnholt im starken Anstieg der Produktivität. «Seit dem Ende der Lockdowns hat die Produktivität in den USA die stärkste Erholung erlebt, die je gemessen wurde.»

Und noch ist der Spielraum nach oben nicht ausgeschöpft. Die zunehmende Digitalisierung sowie die Optimierung von Produkt- und Dienstleistungsportfolios, Lieferketten und Produktionsprozessen bieten weiterhin Raum für Verbesserungen.

2. Unternehmensgewinne sind so hoch wie nie

Die absoluten kumulierten Gewinne von Unternehmen wachsen stärker denn je und sind auf einem Rekordniveau angelangt. Das erklärt die historischen Höchstkurse der Aktienmärkte. «Denn Aktien werden durch Unternehmensgewinne getrieben und getragen», sagt der Investmentexperte.

Da die Gewinne 2021 stärker wuchsen als die grossen Aktienindizes, haben die Kurse 2022 weiter Luft nach oben. Selbst wenn sich das Gewinnwachstum erwartungsgemäss etwas verlangsamen wird. Anlegerinnen und Anleger an den Aktienmärkten dürfen im neuen Jahr mit einer Rendite im hohen einstelligen Bereich, also zwischen 5 und 9 Prozent, rechnen.

3. Aufgeschobene Nachfrage nach Aktien

Der Boom bei Aktienrückkäufen von Unternehmen dürfte auch im Jahr 2022 eine Fortsetzung finden, da die Fremdkapitalkosten tiefer bleiben als die Eigenkapitalkosten. Zudem sind viele institutionelle Anleger wie Vorsorgewerke weiterhin strukturell unterinvestiert in Aktien, meint Burkhard Varnholt. «In Gesprächen mit Pensionskassenverwaltern höre ich sehr oft die Frage, wie sie ihre Aktienexposition im nächsten Jahr erhöhen können.» Das sind positive Zeichen für die Aktiennachfrage 2022. Zudem könnte die Angst vor Inflation bei Investorinnen und Investoren zu Portfolioumschichtungen von Bonds hin zu Aktien führen.

4. Geldpolitische Wende ist nicht in Sicht

In den grossen Industrienationen verfügt keine Notenbank über ein Mandat, eine Kehrtwende in der Geldpolitik zu vollziehen. Ebenso wenig besteht eine Notwendigkeit dazu. Denn die Wirtschaft ist in den letzten Jahren stetig gewachsen, die Aktienkurse notieren auf Rekordniveau. Gleichzeitig sind die Staatsschulden so hoch wie nie, und die Pandemie ist noch nicht gänzlich überwunden. Mit einem radikalen Zinsschritt gäbe es also viel zu verlieren.

«Natürlich wird aber das Tapering ein Thema werden im nächsten Jahr», wirft Burkhard Varnholt ein. Dessen Auswirkungen auf die Anlagemärkte dürften jedoch gering sein. «Wenn also die Sorge vor dem Tapering Korrekturen an den Börsen auslöst, sollte man diese eher für Zukäufe nutzen, nicht für Verkäufe.»

5. Inflation wird Zenit 2022 überschreiten

Zwar sind für das nächste Jahr hohe Inflationsraten zu erwarten. Gemäss den Prognosen der Credit Suisse dürfte die Inflation aber spätestens im zweiten Quartal 2022 ihren Höhepunkt überschreiten und im zweiten Halbjahr deutlich abnehmen.

Denn rund 50 Prozent des aktuellen Inflationsschocks sind mit den gestiegenen Gas- und Strompreisen zu erklären. Diese dürften spätestens im Frühling mit den wärmeren Temperaturen wieder sinken. Das bestätigt auch ein Blick auf den Futures-Markt für Gas.

Weitere 40 Prozent der Inflation entstanden durch die Lieferengpässe im internationalen Warenhandel. Der Stau vor den grossen Frachthäfen dürfte sich jedoch in den nächsten Monaten langsam auflösen. Zugleich wird sich die derzeitige Angebotsknappheit in einzelnen Branchen, zum Beispiel bei Halbleitern, in den nächsten Monaten durch die Inbetriebnahme neuer Produktionsstätten entspannen.

6. Disruptive Technologien stehen vor dem Durchbruch

«Ein weiterer Grund für Zuversicht ist, dass wir möglicherweise am Anfang einer der innovativsten Dekaden seit Langem stehen», sagt Burkhard Varnholt. Die 2020er-Jahre könnten von disruptiven Innovationen geprägt sein, beispielsweise im Bereich der Dekarbonisierung. «Denn das Umfeld war selten so förderlich für Innovation.»

Aus drei Gründen: Erstens war das Kapital nie günstiger als heute. Zweitens entstand eine ganze Industrie von Venture-Kapitalisten, die Start-ups nicht nur Kapital zur Verfügung stellen, sondern auch unternehmerische Erfahrung und ein grosses Netzwerk. Und drittens werden innovative Jungunternehmen in einem Ausmass vom Staat gefördert, wie wir es in keiner der letzten Dekaden erlebt haben.

«Schwarze Schwäne» können Anlagestrategie beeinflussen

Trotz aller berechtigter Zuversicht sollten Anlegerinnen und Anleger die Risiken «schwarzer Schwäne» nicht gänzlich ausser Acht lassen. Dazu zählen zum einen geopolitische Risiken wie eine mögliche Eskalation der Konflikte in der Ukraine oder in Taiwan. Zum andern könnte die Inflation wider Erwarten dennoch ausser Kontrolle geraten. Dies würde eine negative Entwicklung für Bonds bedeuten, wohingegen es für Aktienanlagen, zumindest bis zu einem gewissen Punkt, eher positiv wäre. Externe Vermögensverwalter tun gut daran, solche Risiken in ihren Strategien zu berücksichtigen.

Diesen Risiken zum Trotz blickt Burkhard Varnholt mit Optimismus auf die Finanzmarktentwicklung im Jahr 2022. Zum Abschluss des Events gab er den Teilnehmenden zwei zentrale Botschaften mit auf den Weg. Erstens: «Bleiben Sie investiert. Denn auch 2022 gilt: ‹Time in the market› ist wichtiger als ‹Timing the market›.» Aktien dürften unverändert attraktivere Renditeaussichten bieten als Staatsanleihen, Cash und Unternehmensanleihen. Und zweitens: «Bleiben Sie neugierig. Es wird sich in den nächsten Jahren mehr denn je lohnen, an vorderster Front in junge, innovative Unternehmen und in disruptive Technologien zu investieren.» Das gelinge über thematische Anlagen, Private Equity oder Venture Capital.