Digitalisierung: Chancen und Herausforderungen für die Vermögensverwaltung
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Digitalisierung: Chancen und Herausforderungen für die Vermögensverwaltung

Kryptowährungen, Fintechs, automatisierte Prozesse – die Finanzbranche befindet sich in einer tiefgreifenden Transformation. Der digitale Wandel treibt auch die Entwicklungen in der Vermögensverwaltung an. Welche Herausforderungen und Chancen er bietet, diskutierten hochkarätige Expertinnen und Experten anlässlich des EAM Leadership Roundtable vom 26. Oktober 2021.

Digitalisierung sorgt für Wirtschaftswachstum

Die Finanzindustrie befindet sich seit Längerem in einer digitalen Transformation. Durch die Pandemie hat der Digitalisierungsschub zusätzlich an Fahrt aufgenommen. Gestiegene Kundenerwartungen, innovative Technologien und neue Akteure stellen Banken vor grosse Herausforderungen. Um kompetitiv zu bleiben, müssen sie ihre klassischen Geschäftsmodelle grundlegend hinterfragen. Welche Folgen hat die Disruption auf das bisherige Finanz-Ökosystem?

Laut Prof. Dr. Tobias Straumann bietet die Digitalisierung in erster Linie Chancen. «Wenn wir auf die Schweizer Wirtschaftsgeschichte der letzten 150 Jahre zurückblicken, zeigt sich, dass neue Technologien meistens mehr Nutzen als Schaden brachten», sagt der Wirtschaftshistoriker der Universität Zürich. Zudem habe sich die Angst vor Massenarbeitslosigkeit meist als übertrieben herausgestellt. «Neue Technologien haben bestehende nie vollständig verdrängt, sondern weitere Geschäftsmodelle und Anwendungsfelder ermöglicht und die Wirtschaft angekurbelt.» Ein eindrückliches Beispiel dafür sei laut Tobias Straumann der Bau der Eisenbahn im 19. Jahrhundert gewesen. Anstatt die Postkutsche zu verdrängen, habe der erhöhte Warenverkehr durch die Eisenbahn auch zu einer deutlich höheren Nachfrage des Postverkehrs geführt.

Digitale Vermögenswerte stehen am Anfang

Die Distributed-Ledger-Technologie (DLT) zeigt exemplarisch, wie die Digitalisierung zusätzliche Anwendungsfelder für den Kapitalmarkt schafft. Die Blockchain-Technologie, die durch Kryptowährungen (Payment Tokens) bekannt wurde, wird nun als zukunftsweisende Lösung für die Digitalisierung von Vermögenswerten gehandelt. Mittels eines digitalen Verbriefungsprozesses – der Tokenisierung – lassen sich Vermögenswerte virtuell stückeln und in Asset Tokens teilen. Nicht nur Wertpapiere, sondern auch materielle Güter wie Kunst, wertvolle Autos, Immobilien oder Industrieanlagen können tokenisiert werden. Auf diese Weise können Unternehmen ihre Vermögenswerte unkompliziert handelbar machen, was insbesondere die Kapitalbeschaffung grundlegend vereinfacht. Auf der anderen Seite stehen Anlegerinnen und Anlegern beispielsweise die Türen zu exklusiven Anlageklassen offen, für die ihr Kapital bisher nicht ausreichend war.

Im Rahmen eines Proof-of-Concept hat die Credit Suisse erste Schritte bezüglich Verwahrung und Handel von tokenisierten Vermögenswerten unternommen und Anteile eines Private-Equity-Anlageprodukts tokenisiert. «Aus diesem Case wollen wir lernen, wie wir die Distributed-Ledger-Technologie auch für die traditionellen Bankengeschäfte nutzen können», erklärt Dr. Daniel Hunziker, Leiter Institutional Clients bei der Credit Suisse.

Rückgang von Bargeld befeuert Nachfrage nach digitaler Währung

Auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) prüft die DLT hinsichtlich der Abwicklung von tokenisierten Vermögenswerten. In einer Machbarkeitsstudie (Projekt Helvetia) wurde untersucht, inwiefern ein Distributed Ledger mit dem bestehenden Zahlungssystem (SIC) verbunden werden kann und welche Vor- und Nachteile mit der Einführung von digitalem Zentralbankgeld (Central Bank Digital Currency, CBDC) für Finanzintermediäre verbunden wären.

Während ein Wholesale CBDC als eine mögliche Option für den Handel zwischen Zentralbank und Retailbanken geprüft wird, sieht die SNB hingegen keine Notwendigkeit einer digitalen Währung (Retail CBDC) für die breite Öffentlichkeit. «Der Schweizer Franken geniesst dank politisch unabhängiger und stabilitätsorientierter Geldpolitik weltweit hohes Vertrauen», sagt Dr. Andréa Maechler, Mitglied des Direktoriums der SNB. Zudem funktioniere das zweistufige Finanzsystem mit Zentralbank- und Bankengeld in der Schweiz ausgezeichnet. Darüber hinaus existiere bereits heute ein breites Angebot an digitalen Zahlungslösungen. «Weshalb sollen wir etwas ersetzen, was gut läuft?», fragt die SNB-Direktorin. Weit wichtiger als eine digitale Währung sei ein einfaches Sofortzahlungssystem, das in Echtzeit zwischen Zentralbank, Retailbank und Endkunde funktioniere.

Weltweit beschäftigen sich zahlreiche Zentralbanken – darunter auch die Europäische Zentralbank (EZB) – mit der Lancierung einer digitalen Währung als Antwort auf die rückläufige Verwendung von Bargeld und die zunehmende Gefahr durch die Verbreitung digitaler Währungen von privaten Unternehmen, wie beispielsweise Facebook mit Diem.

Die Banken-Infrastruktur wird durchlässig

Mit der voranschreitenden Digitalisierung steigt der Druck auf Unternehmen, ihre Prozesse auf die neuen Kundenbedürfnisse auszurichten. «Unsere Kunden nutzen im Alltag vermehrt digitale Kanäle und fordern auch von ihrer Bank einfache und effiziente Lösungen», sagt Daniel Hunziker, Leiter Institutional Clients bei der Credit Suisse. Aus diesem Grund investiert die Credit Suisse kontinuierlich in den Ausbau der Infrastruktur und treibt neue Technologien voran – zum Beispiel mit der Entwicklung eines digitalen Onboardings im Bereich der Vermögensverwaltung, um die Prozesse zu vereinfachen. Von der Kundenerfassung über die KYC(Know Your Customer)-Informationen bis zur Kontoeröffnung sollen mittelfristig alle Schritte digital erfolgen können.

Zudem setzt sich die Credit Suisse auch für eine offene Banking-Infrastruktur ein.
Als aktives Mitglied der Initiative «Open Wealth» verfolgt sie zusammen mit anderen Banken, Softwareanbietern und weiteren Dienstleistern das Ziel, den Open-API-Standard im Bereich der Vermögensverwaltung zu operationalisieren – mit dem Ziel, Standards zu definieren, die einen einfachen Datenfluss entlang der gesamten Wertschöpfungskette ermöglichen. «Wenn Kundeninformationen und Kundendokumente nur einmal in der Wertschöpfungskette erfasst werden müssen, profitieren alle», ist Daniel Hunziker überzeugt.

Cyberkriminalität erfordert Investitionen in IT-Security

Mit der zunehmenden Nutzung digitaler Kanäle steigt die Gefahr der Cyberkriminalität. «Das Risiko eines Angriffs von cyberkriminellen Organisationen besteht auch für Schweizer Unternehmen», sagt Dr. Florian J. Egloff, Senior Researcher in Cybersicherheit am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich. Zu den grössten Gefahren gehören schädliche Programme (Malware, v. a. Ransomware), E Mail-Missbrauch (Phishing) und Payment-Betrugsfälle.

«Ein Cyberangriff kann ein Unternehmen in den Konkurs treiben», sagt Florian J. Egloff. Deshalb sei es wichtig, neben der Prävention die Cyberresilienz des eigenen Unternehmens aufzubauen. So könne man sich vor Angriffen bestmöglich schützen und bei einem Vorfall richtig reagieren. Dazu müsse insbesondere in die eigene IT Sicherheit investiert werden. «Je nach Unternehmen können gut einmal bis 20 Prozent des IT-Budgets für Security-Massnahmen investiert werden.» Des Weiteren brauche es klare Prozesse im Umgang mit Daten und Datensicherheit sowie eine kontinuierliche Weiterbildung der Mitarbeitenden. Hinsichtlich der Bewältigung eines möglichen Angriffs ist zudem eine klare Krisenkommunikations- und Business-Continuity-Strategie erforderlich.

Wettbewerbssituation schafft Differenzierung

Durch die Digitalisierung hat sich die Wettbewerbssituation im Finanzmarkt nachhaltig verändert. Neue Akteure wie Neobanken sorgen mit digitalen Finanzprodukten und dienstleistungen für eine zunehmende Differenzierung des Finanzangebots. Für Daniel Hunziker ist dies jedoch kein Nachteil. «Die Credit Suisse befürwortet den Wettbewerb und sucht eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit neuen Anbietern.»

Während Fintechs innovative Produkte lancierten, lägen die Stärken der Credit Suisse in einer Anlageberatung auf sehr hohem Niveau und in engen Kundenbeziehungen. Von diesem Zusammenspiel würden Kundinnen und Kunden wie auch Partner im Bereich der Vermögensverwaltung profitieren, ist Dr. Daniel Hunziker überzeugt.

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