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Der Klimawandel ist ein Risiko für Anleger – und eine Chance

Noch nie war das Thema Klimawandel so präsent wie heute. Reto Knutti, Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich, erklärt im Interview, was das für die Wirtschaft und die Investoren bedeutet. Er ist überzeugt: Nachhaltiges Investieren kann zum Schutz des Klimas beitragen.

Was halten Sie als Forscher von der aktuellen weltweiten Diskussion zum Klimawandel?

Reto Knutti*: International wird der Klimawandel schon seit 30 Jahren diskutiert. In der öffentlichen Wahrnehmung hat sich aber erst jetzt etwas geändert. Vielleicht war einfach die Zeit reif für etwas, das schon länger drängend war. Wie dauerhaft diese Veränderung ist, muss sich aber erst noch zeigen.

Wie lässt sich die Erwärmung der Erde stoppen?

CO2 ist überall: In der Landwirtschaft, im Verkehr, es ist Teil von unserem ganzen Leben. Deshalb lässt sich der Klimawandel auch nicht mit einer Massnahme stoppen. Es braucht sehr viele Massnahmen. Der Klimaschutz ist ein Gemeinschaftsproblem: Jeder muss etwas dazu beitragen. Doch das ist gar nicht so einfach. Denn der Mensch ist – überspitzt gesagt – dumm, egoistisch und schlecht, wenn es darum geht, weit in die Zukunft zu denken.

Das scheint sich nun zu ändern. Der gesellschaftliche Druck wird grösser. Kann der Klimawandel durch Eigenverantwortung der Menschen gestoppt werden?

Wenig wird alleine durch Markt- und Eigenverantwortung passieren. Das klappt in der Realität nicht. Die Vergangenheit zeigt: Damit Klimaschutz umgesetzt wird, muss es etwas kosten und es braucht Regeln. Der Staat muss entsprechende Rahmenbedingungen schaffen.

Unternehmen sollten den Klimaschutz als Innovationschance sehen.

Reto Knutti, Professor für Klimaphysik

Welche Massnahmen sind am wirkungsvollsten?

In der Schweiz entsteht ein grosser Teil der CO2-Emissionen durch Gebäude. Diese machen ein Drittel aller CO2-Emissionen aus. Dabei wäre es technisch einfach, dies zu verbessern. Zum Beispiel, wenn alte Ölheizungen mit ökologischeren Alternativen statt wieder mit einer Ölheizung ersetzt würden. Viele Emissionen verursacht ebenfalls der Privatverkehr mit immer grösseren Autos und mehr gefahrenen Kilometern sowie das Fliegen. Die Industrie dagegen macht schon einiges. Primär aus wirtschaftlichen Überlegungen.

Hat in der Wirtschaft also ein Umdenken bereits stattgefunden?

Das Verständnis für die Problematik ist zumindest vorhanden. In gewissen Bereichen gibt es diesbezüglich auch Innovationen. Doch grosse Teile der Wirtschaft leben gut mit dem bisherigen System. Solange die Geldmaschinerie läuft, ändert sich wenig. Hier ist es eine Frage der Zeit, wann Unternehmen bereit sind, aus den bestehenden Mustern auszubrechen.

Wie kann dieser Spagat zwischen Umweltschutz und wirtschaftlichen Zielen gemeistert werden?

Unternehmen sollten den Klimaschutz als Innovationschance sehen. Die Schweiz könnte sich als Vorreiterin bezüglich Forschung und Dienstleistung positionieren.

Massgeblich für den Unternehmenskurs sind oftmals die Investoren. Ist die Klimadiskussion bei ihnen angekommen?

Anleger hatten bislang die Einstellung, dass sich mit klassischen Anlagen mehr Rendite erwirtschaften lässt. Das ist eine sehr kurzfristige Denkweise – und falsch. Inzwischen gibt es zum Glück immer mehr Leute, die zwar Geld verdienen wollen, aber auf eine Art und Weise, hinter der sie stehen können. Andere Anleger schwenken aus Risikogründen um.

Können Sie das erläutern?

Unternehmen sind teils schon heute von den direkten Auswirkungen des Klimawandels betroffen. Risiken stellen aber auch ein sich änderndes Kundenverhalten oder regulatorische Massnahmen dar. Auch die Gefahr von rechtlichen Klagen ist real. Denn der Zusammenhang zwischen CO2 und den Umweltschäden ist unbestritten. Noch fehlen zwar Rahmenbedingungen oder Regeln, damit Unternehmen zur Rechenschaft gezogen werden können. Aber das finanzielle Risiko ist heute schon vorhanden.

Wie können Anleger dem globalen Klimawandel entgegenwirken?

Möglich ist es beispielsweise, bei der Investition gezielt einzelne Firmen oder Sektoren auszuschliessen. Etwas komplizierter ist es dagegen, gezielt nur in besonders klimafreundliche Unternehmen zu investieren, denn bislang fehlt es an einheitlichen Standards.

Es gibt kein Richtig oder Falsch. Die Frage ist vielmehr: Wo kann ich selber einen Beitrag leisten, so wie ich es will?

Reto Knutti, Professor für Klimaphysik

Haben solche Investitionen tatsächlich Folgen?

Der Einzelne bewirkt natürlich nur wenig. Wenn aber viele Leute ähnlich denken, wird auch die Wirtschaft nachziehen. Wichtig ist, dass der Prozess in Gang kommt. Dieser wird uns aber noch die nächsten 50 Jahre begleiten.

Welche Art von nachhaltigen Investitionen ist am sinnvollsten?

Es gibt kein Richtig oder Falsch. Die Frage ist vielmehr: Wo kann ich selber einen Beitrag leisten, so wie ich es will? Dafür ist es wichtig, einen Partner zu finden, der diesbezüglich beraten kann. Das heisst, auf Bankenseite braucht es Leute, die fachlich verstehen, worum es beim Klimaschutz geht, und die dafür sorgen, dass Investitionen tatsächlich einen Einfluss haben.

International hat man das Gefühl, dass Verhandlungen keine Folgen haben. Täuscht das?

Für internationale Abkommen wird Einstimmigkeit vorausgesetzt. Da braucht es nur einen, der sich querstellt. Deshalb kommt es zu keiner Einigung. Trotzdem gibt es immer mehr Länder, die den Klimaschutz aktiv angehen. So verfolgen mehrere Länder ein Netto-null-CO2-Ziel.

Welche Rolle hat die Schweiz dabei inne?

Die Schweiz zeigt sich eher abwartend. Die Politiker schauen zuerst, was die anderen machen. Persönlich bin ich aber der Ansicht, dass die Schweiz als Land die Klimadiskussion mitgestalten sollte und Innovationen vorantreiben muss. Dazu beitragen kann insbesondere der Finanzplatz. Denn die Schweiz hat einen grossen Finanzsektor. Dieser hat Einfluss weit über die Landesgrenzen hinweg. Somit verfügen wir als kleines Land über einen grossen Hebel mit sehr vielen Möglichkeiten und hoher Verantwortung.

Wie optimistisch sind Sie, dass sich der Klimawandel noch aufhalten lässt?

Wir haben zu lange gewartet. Das ist natürlich schlecht. Gleichzeitig hatten wir noch nie so viele Möglichkeiten wie heute: Wir haben das Wissen, die Technologien, das Geld und nun auch die Bereitschaft der Gesellschaft, etwas zu tun. Daher bin ich zuversichtlich, dass wir das Problem zu einem grossen Teil lösen können. Doch braucht es den gesellschaftlichen und politischen Willen dazu. Das bedingt mehr als den guten Silvestervorsatz – auch bei den Anlegern.

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