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Richtig vererben. Familienwerte erhalten.

Drei Familien – drei unterschiedliche Geschichten rund ums Erbe. Eine Adelsfamilie, ein Unternehmersohn und zwei Firmenerben erzählen, welche Herausforderungen das Erbe für sie bereithielt und wie sie vorgehen, damit die Werte der Familie nahtlos an die nächste Generation übergeben werden.

Das Erbe des Landsitzes der Familie frühzeitig geregelt

Wenn Sigmund von Wattenwyl am antiken Schreibtisch in seinem Büro sitzt, ist er nie allein. Hinter ihm hängt ein goldgerahmtes Ölgemälde von einem Mann aus ferner Zeit: «Das ist mein 13-facher Urgrossvater», erzählt der 59-Jährige, «er schaut mir hier immer über die Schulter.» Dieser Vorfahre war der Vater von Albrecht von Wattenwyl, dem Erbauer von Schloss Oberdiessbach. Der Landsitz aus dem 17. Jahrhundert gilt als einer der vornehmsten der französischen Spätrenaissance in der Schweiz – und er befindet sich in prächtigem Zustand.

Als Sigmund das Schloss vor 27 Jahren zusammen mit seiner Frau Martina in Besitz nahm, war das noch ganz anders. «Der schlechte Zustand hat meine beiden jüngeren Geschwister abgeschreckt», erinnert er sich. Der Erbvertrag war denn auch aufgesetzt, lange bevor der Vater starb, «alles war geregelt, alle waren einverstanden, niemand ging leer aus».

Erbschaften bergen Konfliktpotenzial

Dass man gleich ein herrschaftliches Schloss erbt, ist die Ausnahme, aber in der Schweiz wird so viel vererbt wie noch nie. Allein im Jahr 2020 waren es 95 Milliarden Franken – doppelt so viel wie 2005 und sogar fünfmal mehr als 1990. Was bis heute gleich geblieben ist: Das Thema ist komplex – und emotional. Fast jede fünfte Erbschaft, so eine Studie des deutschen Allensbach-Instituts, führt zu Streit. Nicht wenige enden vor Gericht. «Entscheidend ist es deshalb, frühzeitig mit der Nachlassplanung zu beginnen und sämtliche Beteiligten miteinzubeziehen», sagt Sibylle Brodkorb von der Credit Suisse.

Bei den Erben von Schloss Oberdiessbach hat sich dieses Vorgehen bewährt. Sigmund von Wattenwyl ist glücklich über die gütliche Einigung mit seinen Geschwistern. Die Zukunft des Schlosses steht aber in den Sternen. Das Ehepaar hat vier erwachsene Kinder. Bislang hat erst der älteste Sohn David als Teilhaber am Landwirtschaftsbetrieb einen festen Platz im Familienerbe eingenommen.

Erbschaften in der Schweiz haben sich seit 1990 verfünffacht

Starke Zunahme bei vererbten Vermögen in der Schweiz

Von 1990 bis 2020 stiegen die vererbten Vermögen von rund 20 auf 95 Milliarden – jährlich.

Quelle: Brülhart / FORSSource: Brülhart/FORS

Aus der Erbschaft ein bleibendes Vermächtnis schaffen

Der Schweizer Erben-Boom ist zu einem grossen Teil auf die Generation der Babyboomer zurückzuführen. Sie ist so reich wie keine zuvor und gibt nun ihr Vermögen an Vertreter der nächsten Generation weiter.

Einer von ihnen ist Tobias Rihs – ein Sohn des 2018 verstorbenen Andy Rihs. Dieser hatte 1965 von seinem Vater die AG für Elektroakustik übernommen und zum Weltkonzern Sonova gemacht. Der extrovertierte Unternehmer sagte einst: «Meine Söhne müssen nicht mein Leben kopieren.» Tobias Rihs hat ihn nicht kopiert. Er wurde Architekt, dann Unternehmer im Gastro- und Wellnessbereich in Zürich. Vor ein paar Jahren zog er mit Frau und Tochter auf einen Hof in Portugal. «Immer nur mehr vom Gleichen, das hat mich nicht mehr interessiert», erzählt der 52-Jährige, «ich wollte etwas anderes tun, etwas wirklich Sinnvolles». Gemeint ist sein immenser Einsatz für die Umwelt. «Ich will Verantwortung übernehmen und mit meinen Mitteln etwas bewirken», sagt er.

Tobias Rihs verkörpert damit eine die Generation der Millennial-Erben. Sie hat erkannt, dass sie ihr Vermögen nutzen kann, um ein bleibendes Vermächtnis zu hinterlassen. Tobias Rihs steckt seine Energie und sein Geld in «naturnahe und nachhaltige Projekte» von Start-ups. Darüber hinaus hat er die Stiftung Clima Now mitgegründet. Deren Ziel: 100’000 Gross- und Kleinspender zu mobilisieren, die Klimalösungen finanzieren, «um den nächsten Generationen eine lebenswerte Erde zu vererben». Für ihn steht fest: Erben verpflichtet. «Was nützt das ganze Vermögen, wenn die Welt in zehn, zwanzig Jahren vor die Hunde geht?»

Ich will Verantwortung übernehmen und mit meinen Mitteln etwas bewirken.

Tobias Rihs

Den Generationenwechsel frühzeitig planen

Das Schweizer Erbrecht hat sich in den letzten hundert Jahren kaum verändert. Nun wird es aber modernisiert. Die Revision tritt Anfang 2023 in Kraft und wird den modernen Formen des Zusammenlebens besser gerecht. «Patchworkfamilien, Konkubinate, kinderlose Paare, Ehen mit unterschiedlichen Staatsbürgerschaften oder Vermögenswerte im Ausland haben stark zugenommen», sagt Sibylle Brodkorb, «dies macht die Nachlassplanung komplexer und anspruchsvoller.»

Zudem werden die Erblasser immer älter – und damit auch die Erben. 80 Prozent sind älter als 50 Jahre, 40 Prozent gar älter als 65 Jahre. Nicht so bei der Familie Dreifuss. Anfang 2020 übergab Vater Daniel, der Patron der Zürcher Uhrenfirma Maurice de Mauriac, mit gerade einmal 60 Jahren die operative Leitung an seine Söhne Massimo (28) und Leonard (25). Für Leonard war stets klar, dass er dereinst das Unternehmen weiterführt. Ganz anders sein Bruder Massimo, der, wie er sagt, «erst einmal das Weite suchte». Er war in der Sales-Abteilung von Oracle in London tätig, als Leonard anrief und ihn bat, zurück nach Zürich zu kommen. Das Timing stimmte. «Mir war in diesem Riesenkonzern bewusst geworden, wie viel Freiheit unser Familienbetrieb bietet», sagt Massimo, «und wie sehr ich das brauche.»

Sachlich über das emotionale Thema Erbschaft sprechen

Mit der Freiheit ist das jedoch so eine Sache. Der Vater ist omnipräsent, und die Söhne sind auf dessen Know-how und Know-who angewiesen. «Wir wollen hier ja nicht alles anders machen», sagt Massimo, «aber wir können auch nicht einfach copy-pasten, was der Vater gemacht hat. Wir sind nicht er.» Daniel Dreifuss hat inzwischen jedem Sohn fünf Prozent am Unternehmen geschenkt und sie im Handelsregister als unterschriftsberechtigt eintragen lassen. Weitere fünf Prozent will er seiner Tochter Masha (21) übertragen, sobald sie mit der Ausbildung fertig und willens ist, die Brüder zu unterstützen.

Vater und Söhne erleben gerade, dass Vererben komplex ist – und noch viel komplexer ist es, wenn eine Firmennachfolge dazukommt. Die Familie Dreifuss trifft sich monatlich mit einem Erbschaftsexperten, der die schwierigen Diskussionen moderiert. «Allein würden wir es nicht schaffen», sagt Daniel Dreifuss. Der Vertrauensmann verstehe es, die Wogen zu glätten. «Er findet die richtigen Worte und kennt sich zudem bestens mit Finanz- und Rechtsfragen aus.» Der Erblasser ist heilfroh um diesen externen Support. Jede Hürde, die im angelaufenen Erbprozess überwunden wird, rückt ihn näher an sein nächstes Ziel: kürzertreten und möglichst viel Zeit in seiner Wahlheimat Italien zu verbringen. Denn der Vollblutunternehmer weiss: Zur Bella Vita gehört auch die Kunst des Vererbens.

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