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Rahel Tschopp: die nächste Feldherrin

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Bild: SFV/Daniel Rodriguez 

Wer sie an diesem frostigen Frühlingsnachmittag beim Training beobachtet, muss unweigerlich an Lara Dickenmann denken, die erfolgreichste Schweizer Fussballerin aller Zeiten. Dieselben wehenden blonden Haare, dieselbe aufrechte Haltung, dieselbe feine Technik. Wie eine Feldherrin bewegt sich Rahel Tschopp im Kunstrasenviereck, den Kopf immer erhoben, das Spielgeschehen immer im Blick. Der Ball klebt ihr förmlich am Fuss, wenn sie in hohem Tempo auf die Gegenspielerin zuprescht und sie mit einer eleganten Körpertäuschung austrickst.

Keine Frage: Rahel Tschopp darf sich seriöse Chancen auf eine Profikarriere ausrechnen. Und darauf arbeitet die 15-Jährige hin. Genau wie die anderen 18 Mädchen, die eine intensive Trainingseinheit absolvieren.

Optimale Verzahnung von Schule und Sport

Willkommen in der Credit Suisse Football Academy - im nationalen Ausbildungszentrum für Mädchen zwischen 13 und 15. Rund zehn Talente pro Jahrgang profitieren hier während zweier Jahre von einer optimalen Verzahnung von Schule und Sport. Untergebracht sind sie bei Gastfamilien. Neben der Schule mit Stützunterricht trainieren sie mindestens einmal pro Tag unter der Aufsicht von Nationaltrainern. An den Wochenenden fahren die Nachwuchskickerinnen nach Hause, wo sie mit ihrem Stammverein die Meisterschaftsspiele bestreiten.

Die Credit Suisse Football Academy ist ein zentraler Bestandteil des erfolgreichen Nachwuchskonzepts des Schweizer Fussballverbands (SFV). Eröffnet wurde sie 2004 in Huttwil, seit 2013 befindet sie sich in Biel. Ihren wesentlichen Anteil am Aufschwung des Frauenfussballs zeigt der Blick auf das aktuelle Nationalteam: Sieben Nationalspielerinnen haben hier das Fussballhandwerk gelernt, darunter auch die Weltklassestürmerin Ramona Bachmann. An der Finanzierung beteiligen sich der Standortkanton, der SFV und die Credit Suisse. Die Eltern zahlen einen monatlichen Unterhaltsbeitrag von 350 Franken an die Gastfamilien.

Professionelle Infrastruktur

«Wir arbeiten hier unter ausgezeichneten Bedingungen», schwärmt Martina Voss-Tecklenburg in ihrem Büro in der Tissot-Arena mit Blick auf die Sportanlage und den Jura-Südfuss. Die Schweizer Nationaltrainerin ist gemeinsam mit U17-Nationaltrainerin Brigitte Steiner auch für die Akademie verantwortlich. Tatsächlich steht den Juniorinnen eine brandneue Infrastruktur zur Verfügung, die so manchem Profiverein gut anstünde: drei Kunstrasenplätze, ein Rasenplatz, ein Fitnesscenter, ein Restaurant, alles picobello. Und ganz in der Nähe befindet sich das «Swiss Olympic Medical Center» von Magglingen, deren Physiotherapeuten und Ärzte zur Verfügung stehen.

Anspruchsvolles Selektionsverfahren

Um hier aufgenommen zu werden, gilt es, ein anspruchsvolles Selek-tionsverfahren zu überstehen. Der Trainerstab bietet jeweils die grössten Talente der Regionalauswahlen zu Sichtungstagen auf. Getestet werden Grundlagentechnik, koordinative Fähigkeiten, Schnelligkeit und Verhalten im Spiel. Zudem runden ein medizinischer Check, ein persönliches Interview und ein Elterngespräch das ganzheitliche Bild der Kandidatinnen ab. Damit soll sichergestellt werden, dass die Spielerinnen mit dem besten Entwicklungspotenzial gefördert werden.

Strenger Verhaltenskodex

«Ich habe keine Sekunde gezögert, als ich den Aufnahmebescheid bekam», erzählt Rahel Tschopp. Sie hat inzwischen das Training beendet und macht sich auf den Weg zur Hausaufgabenstunde, die ebenfalls im Stadionkomplex stattfindet. «Sport und Schule sind hier ideal aufeinander abgestimmt», sagt sie, «früher war mein Alltag viel stressiger.» Aufgewachsen in Sachseln im Kanton Obwalden, sei sie nach der Schule jeweils zu den Trainings des örtlichen Vereins oder der Regionalauswahl nach Luzern gehetzt. Und dies viermal pro Woche.

Sie spricht leise, aber selbstbewusst und wirkt dabei sehr fokussiert. Wer hier bestehen will, braucht Disziplin. Die Pubertierenden unterschreiben einen Verhaltenskodex, inklusive der Verpflichtung, die Abende daheim bei der Gastfamilie zu verbringen. Alle Abende. «Man gewöhnt sich daran», schüttelt sie Befindlichkeitsfragen wie eine lästige Gegenspielerin ab, «zudem habe ich das Glück, bei Verwandten wohnen zu können, das hat den Einstieg erleichtert.»

Intrinsische Motivation wichtig

Laut Martina Voss-Tecklenburg verfügt die Innerschweizerin über die nötige intrinsische Motivation für den Weg nach ganz oben: «Sie gibt sich nie zufrieden. Und sie geht nicht den einfachsten Weg, sondern versucht, Widerstände zu überwinden.» So schnappe sie sich nach dem Training durchaus einmal noch zwei Spielerinnen, die Flanken schlagen müssen, damit sie ihre Spannschusstechnik verbessern kann. «Mental ist Rahel längst ein Profi.»

Technik im Mittelpunkt

Die Anforderungen an die Absolventinnen des Leistungszentrums sind hoch und umfassen auch theoretische Kenntnisse des Fussball-ABC: Taktikschulung, Videoanalyse, Karriereplanung, Ernährungsfragen.

Im Zentrum der spielerischen Ausbildung stehen die Perfektionierung der koordinativen Fähigkeiten und die Technik. «Es sind die entscheidenden Jahre», so Voss-Tecklenburg. «Wer mit 15 die Akademie verlässt, muss über das technische Rüstzeug einer Nationalliga-A-Spielerin verfügen.»

Viele Stärken

Ziele, die Rahel Tschopp mehr als erfüllt. Nationaltrainerin Voss-Tecklenburg hat in ihrer langen Karriere schon viele Talente gesehen. Auch viele, die scheiterten. Dementsprechend zurückhaltend ist sie mit Prognosen. Doch über Tschopp sagte sie: «Rahel kam mit zwölf in die Academy. Drei Wochen später fuhr ich nach Hause und meinte zu meinem Mann: Die Neue wird einmal Nationalspielerin.» Sie sei ein Ausnahmetalent mit vielen Stärken: «Ballbeherrschung unter Druck, Explosivität, Beidfüssigkeit, ein unglaubliches Gespür für den Raum und die Situation». Ausserdem sei sie keine Egoistin, «sondern sie zerreist sich fürs Team».

Das einzige Mädchen unter Jungs

Diese Qualitäten erlauben der Mittelfeldstrategin, was noch keiner gelang: Als einziges Mädchen spielt sie an den Wochenenden in der nationalen U15-Meisterschaft der Jungs. Brutal schnell werde dort gespielt, erzählt sie, und körperlich gehe es ganz schön zur Sache. «Dabei hilft mir, dass ich mit zwei fussballverrückten Brüdern aufgewachsen bin, die mich nie geschont haben». Um den Zweikämpfen auszuweichen, lernt sie das Spiel noch besser zu antizipieren, den Ball noch schneller abzuspielen. Und sie fällt nicht ab. Im Gegenteil. «Wir bekommen vom FC Luzern hervorragende Rückmeldungen. Sie gehört oft zu den Besten», sagt Martina Voss-Tecklenburg.

U17 statt U16

Wie für Hochbegabte typisch, verläuft die Karriere von Rahel Tschopp beschleunigt. Statt ins U16-Nationalteam, wurde sie direkt in die U17 berufen und fuhr im März auch gleich mit zur EM-Eliterunde nach Österreich. Zwar schieden die Schweizerinnen dort mit drei Punkten in drei Spielen aus, aber die Jüngste wusste zu überzeugen: «Sie hat sehr gut auf diesem Level mitgehalten und ihre spielerischen Fähigkeiten unter Beweis gestellt», sagt U17-Nationaltrainerin Brigitte Steiner.

Abschied aus der Academy

Im Sommer schliesst Rahel Tschopp die Sekundarschule ab. Damit endet auch ihre Ausbildung in der Credit Suisse Football Academy. Dann kehrt sie erst einmal heim zur Familie und besucht das Sportgymnasium. Der Branchenprimus FC Zürich hat schon bei ihr angeklopft, aber erhielt einen Korb. Die Umworbene hat sich für den FC Luzern entschieden, wo Frauen-Sportchef Andy Egli sie bereits ins A-Team der Nationalliga integrieren möchte. Es braucht wenig Fantasie, um zu erahnen, dass sie sich dort im Rekordtempo durchsetzen wird. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Vor 16 Jahren sorgte in der Innerschweiz schon einmal ein junges Mädchen für Furore - beim DFC Sursee, aus dem die Frauenabteilung des FC Luzern hervorgegangen ist. Ihr Name: Lara Dickenmann.

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Bild: SFV/Daniel Rodriguez 

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