Insights & Stories Nishan Burkart: «Ich gehe das entspannt an.»

Nishan Burkart: «Ich gehe das entspannt an.»

Er spielt in der U16-Nationalmannschaft und zelebriert die unendliche Leichtigkeit des Toreschiessens. Jetzt zieht es Nishan Burkart, das Sturmtalent mit den schnellen Beinen, zum grossen Manchester United.

Nishan Burkart

Bild: Keystone/Peter Klaunzer 

Jener Augenblick, in dem ein Star geboren wird. Ein magischer Moment, in dem alles beginnt. Sollte Nishan Burkart dereinst die hohen Erwartungen erfüllen, wird dies der Swiss Cup im Sommer 2015 sein. Denn bei jenem inter-nationalen Juniorenturnier im liechtensteinischen Ruggell bot er ein aussergewöhnliches Spektakel. Mit traumwandlerischer Leichtigkeit tanzte er die Gegner aus, bediente die Mitspieler mit perfekten Torvorlagen oder versenkte die Kugel gleich selber im Netz. Wobei das Wort «versenkt» dem Gezeigten nicht gerecht wird. Vielmehr waren es kleine Kunstwerke, choreografiert, herbeigezaubert. Sololäufe, Heber, Kopfball, Fallrückzieher – die gesamte Palette des Toreschiessens. Am Ende des Turniers hatte der Stürmer und Kapitän neun Tore in sieben Spielen erzielt und sein FC Zürich das Turnier überlegen gewonnen. Unter den Teilnehmern befanden sich renommierte Teams wie Manchester City, West Ham United, Werder Bremen, VfB Stuttgart oder Rapid Wien. Von diesem Tag an stand sein Name ganz oben in den Notizbüchern der Scouts. Plötzlich war der 15-Jährige eines der begehrtesten Talente der Fussballwelt.

Starker Jahrgang

Nishan Burkart zählt zu den ganz grossen Zukunftshoffnungen des Schweizer Fussballs. Der U16-Nationalspieler gehört zu jenem 2000er Jahrgang, den Insider als den vielversprechendsten seit Langem bezeichnen, dank Spielern wie Lorenzo Gonzalez, Noah Okafor – oder eben Nishan Burkart. Die 2000er sind auch der erste Jahrgang, der das Nachwuchsförderungsprogramm Footeco vollständig durchlaufen hat. Dieses wurde 2012 vom Schweizerischen Fussballverband gegründet mit dem Ziel, die Ausbildung auf der Stufe der 11- bis 14-Jährigen zu verbessern, indem die Talente früher erfasst und besser ausgebildet werden. «Wir sind überzeugt, dass Footeco den Schweizer Fussball voranbringt», sagt U16-Nationalcoach Yves Débonnaire. «Es ist noch zu früh für ein Fazit, aber unser erster Eindruck ist, dass die Breite an Qualität steigt und die Auswahl an Talenten bei der Selektion für die Nachwuchs-Nationalteams grösser geworden ist.»

Der erfahrene Ausbildner, der seit zwei Jahrzehnten für den SFV tätig ist, sagt über Burkart: «Er gehört zu den Spielern, die den Unterschied ausmachen können, und er ist äusserst vielseitig.» Beim ihm stimmten die Mentalität, der Kampfgeist und die Technik. Herausragend sei aber sein Tempo: «Er gehört zu den schnellsten Junioren, mit denen ich je gearbeitet habe. Und dies nicht bloss auf längere Distanz, er ist auch auf den ersten Metern extrem explosiv und wendig.»

Sportliche Gene

Den Speed hat er in den Genen. Sein Vater ist Stefan Burkart, zweifacher Olympiateilnehmer und ehemaliger Schweizer Rekordhalter über 100 Meter und 200 Meter. Die Mutter ist Helen Barnett, eine ehemalige britische 400-Meter-Läuferin, die mit der Schweizer Staffel an Olympia 1992 lief. «Mein Vater hätte es gerne gesehen, wenn ich ebenfalls Leichtathlet geworden wäre», erzählt er an diesem milden Frühlingsnachmittag in einem Trend-Restaurant in Zürich-West. Ihm zuliebe hatte er als Bub auch an zwei, drei Sprintwettkämpfen teilgenommen – und gewonnen, wie er sich erinnert. «Aber mehr ging nicht. Mir war das zu langweilig.»

Stattdessen klopfte der 7-Jährige beim lokalen FC Urdorf an, wo er aufgrund der langen Warteliste jedoch abgewiesen wurde. Als Nächstes versuchte er es beim grossen FC Zürich. Dort erkannte man augenblicklich seine Begabung. Nach nur einem Probetraining wurde er in den Verein aufgenommen. Fortan war der Fussball mit drei Trainingseinheiten und einem Match pro Woche ein prägender Bestandteil seines Alltags. «Er hat sich diesen Sport selbst ausgesucht und musste keine Minute dafür motiviert werden», erinnert sich der Vater. «Meine Eltern haben mich immer positiv unterstützt und begleitet. Aber sie haben nie vom Spielfeldrand hereingeschrien oder beim Abendessen meine Leistung analysiert», erinnert sich der Sohn. «Ich wollte das nicht. Und sie haben sich daran gehalten.»

51 Minuten für das erste Tor

Dieser unerschütterliche Glaube an die eigenen Fähigkeiten gehört bis heute zu seinen grossen Qualitäten und zeichnet ihn auch neben dem Fussballplatz aus. Selbstbewusst, aber unaufgeregt und eloquent, schildert er seinen Werdegang. Den beinharten Konkurrenzkampf steckt er problemlos weg. Von Verletzungen blieb er bis jetzt – mit Ausnahme einer Bänderzerrung und einer entzündeten Patellasehne – verschont, obwohl er als schneller Stürmer für überharte Attacken prädestiniert ist. «Es ist, als ob ich spüren könnte, wenn mich einer foulen will. Ich antizipiere gefährliche Situationen und weiche den gegnerischen Beinen mit einem Sprung oder einer Richtungsänderung aus.»

Einen Helden, ein eigentliches Vorbild, hat er nicht. Spielerisch gefallen ihm die Barcelona-Cracks Neymar und Suarez, erzählt er. «Der eine ein trickreicher Tänzer, der andere ein eiskalter Scorer – eine Kreuzung der beiden, das wär ich gern.» Und im Prinzip ist er das schon. Beim FCZ-Nachwuchs hat er sich längst einen Namen als Vorbereiter und Vollstrecker gemacht. In der U15-Meisterschaft wurde er mit 25 Treffern Torschützenkönig. Und auch in der nationalen Auswahl dauerte es nicht lange bis zum ersten Erfolgserlebnis. Als er im April 2014 gegen Schottland erstmals im Trikot mit dem Schweizer Kreuz auflief, benötigte er gerade einmal 51 Minuten bis zu seinem ersten Treffer.

Tauziehen der Grossklubs

Ein Jahr darauf reiste er zu erwähntem Turnier, das sein Leben nachhaltig verändern sollte. In der Folge machte Nishan Burkart mit dem branchenüblichen Hype um talentierte Jungfussballer Bekanntschaft. Die ersten Spielervermittler klopften an, englische Internetportale berichteten über das «Swiss superkid» und bezeichneten ihn als «the next Theo Walcott». Tatsächlich erinnert der junge Schweizer frappant an den englischen Nationalstürmer. Die gleiche Physio-gnomie (mit 1,72 Metern und 63 Kilo ist er ähnlich klein und leicht) und eine sehr ähnliche Spielweise wie der Supersprinter Walcott, über den der Guardian einmal voller Bewunderung schrieb: «Er jagt übers Feld wie ein Jack Russell, der an einem voll besetzten Strand einer Biene hinterherhetzt.»

Laut Medien entstand im vergangenen Herbst in der Beletage des englischen Fussballs ein veritables Tauziehen um den schnellen Schweizer Teenager mit den Rastalocken. Neben Southampton seien auch Chelsea, Arsenal und Manchester United hinter ihm her, kolportierten sie. Für einmal stimmten die Gerüchte. «Ich bin zu jedem Verein gereist und habe mir vor Ort die Infrastruktur angesehen», erzählt er. «Für mich war immer klar: Wenn ich ins Ausland wechsle, dann nur nach England, in die Heimat meiner Mutter.»

Ein neues Leben

Einige Monate später, im April 2016, fielen schliesslich die Würfel. Nishan Burkart unterschrieb bei Manchester United einen Nachwuchsvertrag über vier Jahre. «Reines Bauchgefühl – auch die anderen Klubs waren sehr interessiert», sagt er und lächelt befreit. Im Sommer zieht er nun zusammen mit seiner Mutter nach Nordengland, wo er in die U18 des Traditionsvereins integriert wird. Daneben geht er dort eineinhalb Tage pro Woche zur Schule – ohne Sprachprobleme, denn bei den Burkarts wurde immer schon englisch gesprochen.

Die letzten Wochen daheim im aargauischen Zufikon sind für Nishan Burkart auch ein Abschied von der Kindheit. Bei seinem neuen Klub wird er ein Talent von vielen, das Training härter und der Fussball schneller sein. Er ist nicht naiv. Und er kennt die Geschichte von Saidy Janko. Auch dieser wechselte vor drei Jahren vom Nachwuchs des FCZ zu Manchester United. Dort schaffte er zwar den Sprung in die U21 und wurde sogar zum «Reserve Team Player of the Year 2014» gewählt. Doch im Profiteam kam er nur zu einem Teileinsatz. Heute spielt er bei Celtic Glasgow. Aber der Hip-Hop- und Basketballfan Burkart gibt sich cool: «Ich gehe das ganz entspannt an», sagt er, «sollte es bei Manchester United nicht klappen, so ist die hervorragende Ausbildung zumindest eine gutes Sprungbrett für die Karriere in anderen Klubs.»

Und manchmal – das weiss auch der junge Schweizer – kann es bei Manchester United ganz schnell nach oben gehen. So wie im vergangenen Februar. Da debütierte Marcus Rushford in der Premier League und erzielte gleich mit dem allerersten Schuss sein erstes Tor. Drei Tage später sicherte er mit einem Doppelpack das Weiterkommen in der Europa League. Er kam direkt aus der Juniorenmannschaft und war gerade einmal 18 Jahre alt. Nicht umsonst hat das ehrwürdige Old Trafford Stadium noch einen zweiten Namen: «Theater of Dream».

Nishan Burkart

Bild: Michael Krobath