Insights & Stories Interview mit Heinz Moser

Interview mit Heinz Moser

Talent haben viele, aber die wenigsten schaffen es ganz nach oben. Heinz Moser, Trainer der Schweizer U21-Nationalmannschaft und Chef Auswahlen beim SFV, über den Traumberuf Fussballprofi und die Bedeutung einer seriösen Karriereplanung.

Heinz Moser

Bild: Keystone / Gaetan Bally

Mehr als jeder dritte Schweizer Bub kickt in einem Fussballklub. Und fast jeder träumt von einer Profikarriere. Wer darf sich berechtigte Hoffnungen machen?
Jene, die es auf der Stufe U15 in den Junioren-Spitzenfussball schaffen. Also in eines der 14 Teams, die um die nationale Meisterschaft mitspielen. Davon sind pro Team zirka fünf bis zehn Spieler überdurchschnittlich talentiert. Wir reden also von höchstens 140 Junioren pro Jahrgang.

Braucht es dazu zwingend spezifische körperliche Voraussetzungen? 
Nein, das absolute «Fussballer-Gen» gibt es nicht. Es braucht eine Kombination verschiedener Begabungen. Wir arbeiten in der Talentsichtung mit dem System TIPS, mit dem wir die Faktoren Technik, Spielintelligenz, Persönlichkeit und Schnelligkeit analysieren. Aber nach 15 Jahren in der Nachwuchsförderung glaube ich sagen zu können, dass es kein eindeutiges Profil gibt, das auf eine erfolgreiche Karriere schliessen lässt. Die totale Objektivierbarkeit von Talent ist eine Illusion.

Kann man eine Karriere planen oder regieren schlussendlich der Zufall und das Glück?
Natürlich gibt es keine Garantien, aber eine seriöse Planung erhöht die Erfolgs­chancen. Es braucht eine regelmässige Ist-Analyse. Wo steht der Spieler? Welches Potenzial hat er? Was sind seine nächsten Etappen? Dabei ist es wichtig, kurz-, mittel- und langfristig zu denken. Wir unterteilen die Planung in vier Phasen: die Ausbildung, die Integration in den Profifussball, der Sprung ins Ausland und – für die Allerbesten – der Schritt zum Weltklasseklub.

Wann beginnt die Karriereplanung?
Phase eins beginnt mit erwähntem Schritt in die U15 und dauert bis zur U18. In diesen Jahren wird die Basis für eine erfolgreiche Zukunft gelegt. Im Junioren­Spitzenfussball steigt die Trainingsintensität auf 25 bis 30 Stunden pro Woche. Da gilt es, die Balance zwischen Spitzensport und Ausbildung zu finden, damit die Doppelbelastung nicht zur Überforderung führt. Die Vereine sollten den Spieler und sein Umfeld dafür sensibilisieren und bei der Suche nach idealen Lösungen unterstützen.

Soll ein Talent eine Berufslehre machen oder ganz auf den Fussball setzen?
Wir stehen grundsätzlich zum dualen Weg. Es gibt in der Schweiz inzwischen genügend sportfreundliche Berufsschulen und Lehrstellen, die massgeschnei­derte Lösungen zulassen. So konnte Breel Embolo beim Nordwestschweizer Fussballverband eine Bürolehre absolvieren, die es ihm erlaubte, intensiv zu trainieren. Schwieriger ist die Situation für Gymnasiasten: Kantonsschule und Spitzenfussball lassen sich heute kaum mehr vereinbaren.

Wäre der Status Jungprofi nicht Erfolg versprechender?
Das empfehlen wir höchstens den allerbesten. Jenen sechs bis acht Talenten pro Jahrgang mit Potenzial zum A-Nationalspieler, die es mit 17 ins Footuro-Projekt des SFV schaffen. Anto Grgic vom FCZ ist zurzeit so ein Fall. Wichtig ist, dass Familie und Verein mit den Jungprofis eine klare Wochenplanung vereinbaren. Und die Spieler sollen daneben auch ihren Kopf benutzen, um Sprachen zu lernen oder Informatikkurse zu belegen.

Ist der Wechsel in die Nachwuchsabteilung eines Schweizer Topvereins nötig?
Das ist nicht zwingend. Unsere Empfehlung ist klar: Die Jugendlichen sollen möglichst lange in der näheren Umgebung trainieren, um die Wege kurz und den Stress tief zu halten. Entscheidend ist immer die individuelle Förderung. Auch kleinere Super-League- und viele Challenge-League-Klubs haben die Fähigkeit, Talente an die Spitze zu bringen, wie die Beispiele von aktuellen Nationalspielern beweisen: Silvan Widmer wurde beim FC Aarau ausgebildet, Michael Lang beim FC St. Gallen, Fabian Schär beim FC Wil und Luca Zuffi beim FC Winterthur.

Welche Rolle kommt den Eltern zu?
Am wichtigsten ist die emotionale Unterstützung. Eltern sollen ihre Kinder positiv unterstützen, für sie da sein, sie begleiten. Sie sollen auch durchaus einmal kritisch sein und gewisse Dinge hinterfragen. Aber sie sollen auf keinen Fall Druck ausüben. Das ist leider immer noch weit verbreitet und hat schon so manche vielversprechende Karriere stark behindert oder sogar zerstört.

Inwiefern?
Eine zu hohe Erwartungshaltung setzt den Jugendlichen unter Druck. Er merkt, er muss liefern. Er verliert die Lockerheit und manchmal sogar die Freude. Aufgabe der Trainer ist es, in solchen Situationen das Gespräch mit den Eltern zu suchen und gegenzusteuern, indem man dem Spieler reelle Ziele setzt. Zu viel Druck manifestiert sich auch in permanenter Unzufriedenheit der Eltern: Das Kind wird zu selten eingesetzt, es wird auf der falschen Position eingesetzt oder es wird zu wenig schnell in die nächste Leistungsstufe befördert. Diese Haltung überträgt sich auf den Spieler und führt oft zu häufigen Vereinswechseln und einem negativen Karriereverlauf.

Wann zeigt sich, ob eine Profikarriere realistisch ist?
Mit 17, 18 Jahren. Wer hier zu den Topspielern seiner Mannschaft gehört, ist ein ernsthafter Kandidat. Das sind vielleicht noch 40 bis 60 Spieler pro Jahr­gang.

Wie gelingt der Schritt in die Super League?
Es gibt nicht den Königsweg. Jene, die athletisch schon sehr weit sind, sollen den Schritt ins Profikader machen. Die anderen sollen mit der U21 in der 1. Liga spielen und/oder sich über Challenge League an die Super League herantasten. Das Wichtigste ist die Spielpraxis. Manchmal muss man auch einen Schritt zurückmachen, um die nächste Karrierestufe zu erklimmen. Ein aktuelles Beispiel ist der U21-Nationalspieler Leven Gülen. Er fiel zu Beginn der Rückrunde bei den Grasshoppers aus dem Stammteam und liess sich auch auf Empfehlung von uns zum FC Vaduz ausleihen. Dort spielt er regelmässig, gewinnt weiter an Erfahrung und profitiert enorm davon. Das ist gelebte Karriereplanung.

Was sind die grössten Hindernisse auf dem Weg zum Profi?
Sicher die Verlockung des Geldes. Immer wieder erliegen Spieler attraktiven finanziellen Auslandangeboten und begeben sich damit ins Abseits. Menschlich kann ich das nachvollziehen, gerade bei Familien, die finanziell nicht auf Rosen gebettet sind und alles in die Karriere des Kindes investiert haben. Aber die Statistiken sind eindeutig: von den vielen Talenten, die schon auf Juniorenstufe ins Ausland wechselten, haben nur gerade Johan Djourou und Philippe Senderos den Sprung ins Profiteam ihres Vereins geschafft. Erfreulicherweise scheint sich das herumgesprochen zu haben. Aktuell spielen nur noch 2-3 Nachwuchsinternationale pro Jahrgang im Ausland.

Worauf gilt es bei Vertragsverhandlungen besonders zu achten?
Wichtiger als das Renommee des Klubs oder der Lohn ist das Vertrauen. Habe ich die Unterstützung des Vereins? Bekomme ich hier die nötigen Spieleinsätze? Hat der Klub eine glasklare Karriereplanung für mich? Mindestens ebenso wichtig wie der Support des Trainers, ist jener des Sportchefs. Er ist für die mittel- und langfristige Strategie zuständig und meist auch länger im Amt.

Was ist der richtige Zeitpunkt für den Wechsel ins Ausland?
Nach ein bis zwei Jahren Erfahrung in der Super League als Stammspieler und Leistungsträger. Erst dann ist die Ausbildung ganz abgeschlossen. Die Wahl des ersten ausländischen Vereins ist enorm wichtig und muss gut gewählt sein. Klar ist, dass nur der Schritt in Top 5-Liga Sinn macht, also nach England, Deutschland, Spanien, Italien oder Frankreich. Dort sollte es aber nicht ein Spitzenklub sein.

Was spricht dagegen?
Trotz aller Erfolge sind wir nach wie vor die "kleinen Schweizer", die mehr leisten müssen, um sich Respekt zu verschaffen. Hinzukommt: Wer aus der Super League kommt, braucht mindestens ein halbes Jahr, um sich zu akklimatisieren: physisch, taktisch, mental, kulturell. Wir empfehlen deshalb kleine Schritte und keine Etappe auszulassen, so wie es die Erfolgreichsten vorgelebt haben. Chapuisat ging zu Uerdingen und nicht direkt Dortmund. Sforzas Weg führte über Kaiserslautern zu Bayern München, Lichtsteiner kam über Lille und Lazio Rom zu Juventus Turin.

Wenn Sie etwas hervorheben müssten: Was ist wichtigste Eigenschaft für eine erfolgreiche Karriere?
Schlussendlich entscheidet die Persönlichkeit. Die Zielstrebigkeit, der Wille. Und die Demut. Wir unternehmen alles, um die Talente auf dem Boden zu halten, damit sie geerdet bleiben. Leider gelingt uns das nicht immer.


Zur Person

Heinz Moser, 49, trainierte verschiedene Auswahlmannschaften des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV), seit 2015 ist er Trainer der U21-Nationalmannschaft. Gleichzeitig ist er Chef Auswahlen beim SFV, wo er unter anderem für das Talentmanagement zuständig ist. Der ausgebildete Primarlehrer spielte von 1986 bis 2003 als Profifussballer in der höchsten Schweizer Liga, beim FC Luzern (Meister 1989, Cupsieg 1992), bei den Berner Young Boys, dem FC Sion (Cupsieg 1995, 1996) und dem FC Thun (Aufstieg 2002). Mit seiner Frau Renate und seinen zwei Kindern (Dominik, 21 und Daphne, 18) lebt er in Ennetbürgen NW.

Interview mit Heinz Moser

Bild: Keystone/Ti-Press/Davide Agosta