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Branchenhandbuch 2017: Wohin bewegen sich die Schweizer Branchen?

Das Branchenhandbuch 2017 der Credit Suisse fühlt den Puls der 27 grössten Schweizer Branchen und bietet einen Ausblick auf die wichtigsten Entwicklungen in den kommenden Jahren. Wo liegen die Risiken, wo die Chancen?

Sie sind Mitverfasser der Studie «Branchenhandbuch 2017». Wem würden Sie empfehlen, sie zu lesen und weshalb?

Sascha Jucker: Ich würde sie jedem Unternehmer ans Herz legen, der für sich einen kleinen Wissensvorsprung beanspruchen möchte. Grundsätzlich ist das Branchenhandbuch aber für alle Interessierten spannend. Die Studie analysiert die 27 bedeutendsten Schweizer Branchen auf je einer Seite und zeigt die Struktur sowie die Entwicklungen des jeweils vergangenen und laufenden Jahres auf. Des Weiteren beinhaltet die Studie auch ein Kapitel zur mittelfristigen Branchenbewertung. Mit Blick auf die strukturelle Entwicklung geben wir hier unsere Einschätzung für die kommenden drei bis fünf Jahren ab. Ebenso vertiefen wir die dafür wichtigsten Faktoren, wie beispielsweise Frankenstärke, Digitalisierung und Demografie, weil sie fast alle Unternehmen betreffen.

Der starke Franken gegenüber dem Euro wird uns also auch die kommenden Jahre beschäftigen?

Normalerweise gehören Wechselkursschwankungen zu den kurzfristigen konjunkturellen Faktoren. Die Frankenstärke zum Euro ist hingegen struktureller Natur; das heisst, der Franken dürfte auf lange Sicht eine fundamental starke Währung bleiben, sollten sich die Umstände nicht deutlich ändern. Die Frankenstärke betrifft viele Branchen der Schweiz: die exportorientierte Industrie, den Detailhandel, der unter dem Einkaufstourismus leidet, oder das Gastgewerbe, das auf einen grossen Teil der wichtigen deutschen Gäste verzichten muss. Weniger dramatisch ist die Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro für binnenorientierte Branchen wie das Gesundheits- und Bauwesen aber auch einige exportorientierte Branchen wie die Pharmaindustrie. Erstens sind in der Pharmaindustrie die Margen höher als in anderen Exportbranchen und zweitens ist die Branche weniger vom europäischen Markt abhängig als beispielsweise die Metallindustrie.

Für gewisse Unternehmer bleibt das Umfeld trotz aufhellender Konjunktur herausfordernd. Kann die Digitalisierung dieser Tendenz etwas entgegenhalten?

Die Digitalisierung wird in vielen Branchen die Strukturen weiter verändern. Das beinhaltet grosse Chancen, bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Ein Industrie-Trend sind selbstlernende Systeme, bei denen Fehler nicht mehr durch Menschen ausgebessert werden müssen, sondern die sich selbstadaptiv verbessern und lernen. Ebenfalls eine grosse Nachfrage sehen wir bei IT- und Beratungsdienstleistungen, welche sich um die wachsenden Datenberge und die damit wachsenden Relevanz von Datensicherheit kümmern. Innovative Ideen sind beim unter Druck stehenden Detailhandel gefragt: Dieser muss mit der wachsenden Konkurrenz des e-Commerce umgehen.

Als dritten wichtigen Faktor nennen Sie die demografischen Veränderungen. Was ist hier zu erwarten?

Die Alterung unserer Gesellschaft ist einer der am sichersten prognostizierbaren mittel- bis langfristigen Trends. Wir erwarten, dass sich der Anteil der über 80-Jährigen in der Schweiz bis 2040 im Vergleich zu heute fast verdoppeln wird. Am meisten davon profitieren werden Pharmaindustrie und Medizinaltechnik, die schon heute stark da stehen. Ebenso der gesamte Pflegebereich – hier sind aufgrund des künftigen Nachfragewachstums neue Konzepte der Alterspflege gefragt.

Mittelfristige Chancen-Risiken-Bewertung der Branchen

Quelle: Credit Suisse

Wie entsteht eine Studie wie das Branchenhandbuch 2017?

Wir evaluieren eine grosse Fülle an makroökonomischen Daten, so die Entwicklung der Beschäftigungszahlen in den Branchen, die Bruttowertschöpfung aber auch Konkurs- und Neugründungsraten. Diese Daten beziehen sich natürlich auf die Vergangenheit, sonst wären es ja keine Daten. Für die mittelfristigen Prognosen kombinieren wir diese Zahlen mit unseren Einschätzungen. Hierzu bewerten wir für jede Branche die Chancen und Risiken, die von Trends wie der Demografie aber auch sehr branchenspezifischen Entwicklungen ausgehen. Für den Tourismus ist das Aufkommen von Anbietern wie Airbnb ein solcher Trend. In diesem Fall ziehe ich externe Studien zu Shared Economy bei und betrachte die Auswirkung von Airbnb auf die Hotellerie in Ländern, welche der Schweiz diesbezüglich einen Schritt voraus sind. Dann gebe ich eine Einschätzung und eine Eintrittswahrscheinlichkeit ab. Anschliessend legt jeder im Team für seine Zahlen und Branchenbewertungen Rechenschaft ab; das ist ein sehr strukturierter und ziemlich aufwändiger Prozess.

Evaluieren Sie im Nachhinein auch, wie richtig oder falsch Sie mit Ihren Einschätzungen lagen?

Selbstverständlich, das machen wir laufend. Die Analyse von möglichen Fehleinschätzungen aus der Vergangenheit hilft, künftige Prognosen zu verbessern.

Die Credit Suisse betreibt einen beträchtlichen Aufwand für die Erarbeitung der Studie. Weshalb tut sie das?

Zunächst ist die Bank daran interessiert, Schweizer Unternehmen wertvolle Informationsquellen zur Verfügung zu stellen. Wohlgemerkt ist das Branchenhandbuch für alle Interessierten online zugänglich – ungeachtet dessen, ob jemand Credit Suisse Kunde ist oder nicht. Auch intern arbeiten die Kundenberater natürlich mit dem Branchenhandbuch. In Bezug auf das Kreditrisikomanagement bietet die Studie eine erstklassige Informationsgrundlage, damit sich die Kreditspezialisten eine Meinung zu einer Branche bilden können.

Was raten Sie einem Unternehmen, das gemäss der Studie keine rosigen Aussichten hat?

Zum einen gibt es auch in herausgeforderten Branchen immer viele exzellente und erfolgreiche Unternehmen, welche die Schwierigkeiten gut meistern. Eine negative Prognose heisst nicht, dass jedes Unternehmen in der Branche schlechte Perspektiven hat. Zum andern sind die Betroffenen über das Resultat meist kaum überrascht, sie kennen ihr Umfeld ja am besten. Letztlich muss jedes Unternehmen individuelle Rezepte finden. Gewisse sehr allgemeine Ratschläge sind aber schon möglich. Dem Tourismus – einer Branche mit verschiedenen aktuellen Herausforderungen – würde ich zum Beispiel raten, sich auf mehrere, unterschiedliche Nationalitäten auszurichten, damit Währungsschwankungen oder politische Gegebenheiten keine existenziellen Krisen verursachen. Für kleinere Betriebe ist die Spezialisierung oft ein wertvoller Rat, denn die Alternative ist der Preiswettbewerb, was für die Schweiz mit dem hohen Lohnniveau keine Option ist. Schweizer Unternehmen bieten nach wie vor exzellente Qualität und sind sehr innovativ – hier liegt ihr Potenzial.