Piega SA Lautsprecher-Hersteller CS Erfolgsgeschichte

Piega SA: Von lauten und leisen Tönen

Seit bald drei Jahrzehnten stellt Piega am Zürichsee Lautsprecher her, die fast konkurrenzlos gut sind. Wie aus Leidenschaft für gute Musik ein Schweizer Präzisionsunternehmen wurde, dem auch ein starker Franken nichts anhaben kann.

Kleine Wellen schlagen sachte gegen die Mauern des Fabrikgebäudes am Zürichsee in Horgen. Kurt Scheuch sitzt, wie oft am frühen Morgen, auf dem Steg mit Blick auf See und die Glarner Alpen, während er seinen ersten Kaffee trinkt. Ruhig ist es hier, solange direkt hinter dem Haus kein Zug durchbraust, der die idyllische Geräuschkulisse übertönt. Leise Töne sind Kurt Scheuchs Passion, ebenso die lauten, solange sie kristallklar sind; dasselbe gilt für seinen Geschäftspartner Leo Greiner. Es war diese Liebe zu gutem Klang, die sie vor 28 Jahren zusammenbrachte und die Lautsprecher-Manufaktur Piega gründen liess. Beide hatten vorher unabhängig voneinander Lautsprecher gebastelt und diese im erweiterten Freundeskreis verkauft. Leo Greiner erzählt: «Wir kannten einander flüchtig: Kurt Scheuch war bekannt für seine guten Lautsprecher und ich für meine schönen Lautsprecher.» «Warum macht ihr nicht etwas Professionelles daraus?», fragte ein Freund, der Christian Schmid hiess und der dritte im Bunde werden sollte als Gründer und Mitinhaber von Piega. Die Idee sei prima, meinte Greiner damals, doch sie hätten kein Geld. Daran solle es nicht fehlen, antwortete Schmid offenbar zu seiner eigenen Überraschung. Dessen Vater bürgte bei der Schweizerischen Volksbank für die Jungunternehmer und am 1. Mai 1987 begannen sie zu zweit im Keller von Greiners Haus mit der Arbeit. Drei Jahre später zogen sie an den heutigen Firmensitz am See und bald schon hatten sie sich von der Bank emanzipiert, indem sie keine Kredite mehr benötigten. Greiner präzisiert: «Wir haben heute ein Warenlager, das aus 300 Paletten besteht, 20 Meter hoch gestapelt. Da ist jede Schraube bezahlt. Finanzspezialisten raten davon ab, so zu geschäften, aber wir finden: Für uns geht das bestens; so fühlen wir uns wohl.» Scheuch ergänzt: «Wir haben immer schön Reserven gebildet, nie einen Helikopter gekauft und sind auch sonst niemals übermütig geworden, deshalb geht es uns heute so gut.» Auf die «Eurokrise» angesprochen, erklären die Piega-Gründer unisono, das sei zwar auch bei ihnen ein wichtiges Thema, denn vierzig Prozent ihrer Produkte gingen ins Ausland, mit Deutschland als Hauptabnehmer. Existenziell sei die Situation aber nie gewesen. Die Hauptsorge im Zusammenhang mit dem Euro war denn auch nicht so sehr ein Einbruch des Umsatzes, den gab es nicht, sondern die Schweizer Kundschaft, welche sich durch die höheren Preise gegenüber Deutschland vor den Kopf gestossen fühlen musste. Deshalb wurden die Schweizer Preise um 15 Prozent gesenkt.

Der Bändchenhochtöner – das Herz des Unternehmens

Dass Piega vom volkswirtschaftlichen Auf und Ab so wenig tangiert wird, hat einen einfachen Grund: Ihre Lautsprecher gehören weltweit schlicht zu den besten. Was aber unterscheidet einen Piega-Lautsprecher von einem Lautsprecher der Konkurrenz? «Es ist in erster Linie der Bändchenhochtöner, das Herzstück der Piega Lautsprecher», wie Scheuch erläutert. Bei einem gewöhnlichen Lautsprecher hat man in den Einbuchtungen eine Membran, welche durch die Schwingung Schall erzeugt. Beim Bändchensystem von Piega ist die schallerzeugende Komponente eine hauchdünne Aluminiumfolie, die etwa 50-mal leichter ist als eine gewöhnliche Hochtonmembran und so viel schneller in Schwingung gerät. Greiner vergleicht: «Stellen Sie sich einen 40-Tonnen-Sattelschlepper mit 100 PS vor: Es dauert ewig, bis der auf 100 km/h beschleunigt hat. Dieselben 100 PS in einem kleinen Auto lassen dieses in wenigen Sekunden 100 km/h erreichen.» Nur zwei der zwanzig Mitarbeiter besitzen das Fingerspitzengefühl, mit den hauchdünnen Aluminiumfolien umgehen zu können, denen vorher in den Niederlanden eine Flachspule via Sprühnebelprozess aufgeätzt wurde. «Als ich vor zwanzig Jahren diese Idee hatte, fuhren Leo und ich nach Holland zu Philipps und waren sehr überrascht über den Empfang, der uns bereitet wurde. Da standen wir in Turnschuhen vor elf Männern in Nadelstreifenanzügen in der VIP-Loge des firmeneigenen Fussballstadions», erinnert sich Kurt Scheuch. Was wir wollten, gab es nicht. Doch einige Monate später hatte Philipps die Idee umgesetzt und Piegas Bändchenhochtöner der Luxusklasse war schon fast geboren. Eine weitere wichtige Komponente eines Lautsprechers ist der Antrieb, der aus Magneten gebildet wird. Piega verwendet eine Neodym-Legierung, die zu den stärksten gehört. «Es kam schon vor, dass jemand mit dem Schlüsselbund in der Hosentasche an einem unserer Lautsprecher vorbeiging und – schwupp! – klebten die Schlüssel am Lautsprecher», illustriert Greiner die Kraft dieser Magnete.

Stabil dank höchster Qualität

Die Angestellten haben sich an den eigenwilligen Werkstoff gewöhnt und halten Uhren, Handys und Kreditkarten auf Abstand. Gewiss, um die eigenen Habseligkeiten zu schützen, aber auch, weil ihnen die Vorsicht gegenüber den kostbaren Erzeugnissen in Fleisch und Blut übergegangen ist: «Nicht nur der Klang, auch das Äussere unserer Lautsprecher muss absolut makellos sein, weil wir in überaus qualitätssensible Länder liefern», erklärt Greiner. Für diese Kombination von präzisester Schweizer Technik und zeitlosem Design bezahlen die Kunden jedoch gerne einen guten Preis – und zwar weltweit. Denn neben der Schweiz und Deutschland sind die Märkte in Holland, Belgien, Dänemark und Österreich von grosser Bedeutung, aber auch Japan, Russland und China. Vor allem in der Expansion nach Übersee legt Piega aktuell zu. Das ist Manuel Greiner, dem älteren von zwei Söhnen Greiners zu verdanken, die beide seit einigen Jahren mit im Unternehmen tätig sind, und denen das Haus Schritt für Schritt übergeben werden soll. Wichtig ist auch dieser nachfolgenden Generation dasselbe wie vor 30 Jahren Leo Greiner und Kurt Scheuch, nämlich für ihre Kunden und sich selbst das Musikhören stets noch ein bisschen zu verbessern. «Letztes Jahr kam ich in eine Polizeikontrolle», erzählt Scheuch und fährt fort: «ich liess die Scheibe runter, grüsste, und der Polizist sagte zu mir: ‹Sie machen super Lautsprecher, Herr Scheuch – top – fahren Sie weiter.› Und genau das machen wir.»