Tiefe Inflationserwartungen und Zurückhaltung begrenzen den Lohnanstieg

Die Löhne dürften in der Schweiz in den nächsten Jahren wieder etwas stärker steigen. Verschiedene Faktoren bremsen Lohnerhöhungen aber aus. Manche davon sind von den Arbeitnehmern hausgemacht, andere strukturell bedingt. Wieso real nicht viel mehr im Portemonnaie der Arbeitnehmer sein wird.

Löhne sind in der Schweiz zuletzt kaum gestiegen

Seit der Finanzkrise sind die Nominallöhne in der Schweiz im Schnitt jährlich um weniger als 1 Prozent gestiegen. 2017 waren es sogar nur 0,4 Prozent. Das ist der zweittiefste Anstieg seit Beginn der Lohnerhebung. Das gleiche Bild zeigt sich auch in der EU und in den USA. Beidseits des Atlantiks hat sich das Lohnwachstum halbiert.

Die Kaufkraft ist in der Schweiz dennoch gewachsen. Finanz- und Eurokrise haben zu einem sinkenden Preisniveau geführt. Bereinigt um die Inflation haben sich die Real-löhne von 2009 bis 2016 so stark erhöht wie zuletzt Ende der 1970er-Jahre. Jedoch steigt seit 2017 das Preisniveau wieder, sodass der durchschnittliche Reallohn letztes Jahr sogar leicht gesunken ist. Für höhere Reallöhne müsste künftig der Nominallohn wieder stärker wachsen.

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Nominallohnwachstum hat weiter an Dynamik verloren

Nominallohnwachstum in %

Quelle: Bundesamt für Statistik, Credit Suisse

Löhne steigen trotz tiefer Arbeitslosenquote nicht

Ein aussagekräftiges Bild liefert die sogenannte Phillips-Kurve. Diese stellt die Lohnveränderung in Bezug zur Arbeitslosenquote dar. Die Phillips-Kurve nähert sich seit Mitte der 1990er-Jahre stetig dem Ursprung und hat sich jüngst sogar deutlich verflacht. Die Nominallöhne scheinen heute weniger stark auf eine sinkende Arbeitslosenquote zu reagieren als früher.
 

Doch weshalb ist das so? Zwei Hypothesen stehen im Vordergrund: Erstens scheinen Arbeitnehmer sich an ein stagnierendes oder gar sinkendes Preisniveau gewöhnt zu haben und gehen von einer tiefen Teuerung aus. Zweitens gelingt es den Arbeit­neh­mern trotz grösserer Knappheit am Arbeitsmarkt nicht, Lohnerhöhungen durchzusetzen. Ihre Verhandlungsmacht ist geschrumpft.

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Phillips-Kurve ist flacher geworden

Veränderung Nominallohn relativ zur Arbeitslosenquote in Prozent.
Phillips-Kurven: 1994 bis 1998 grau, 1999 bis 2004 blau, 2004 bis 2009 türkis, 2010 bis 2017 magenta

Quelle: Bundesamt für Statistik, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Credit Suisse

Einfluss von Digitalisierung und Migration auf die Löhne

Zu den strukturellen Faktoren, welche die Lohnentwicklung beeinflussen, zählen ins­besondere Automatisierung und Digitalisierung sowie Auslagerung. Inwiefern derartige Veränderungen die Löhne allerdings nachhaltig prägen, ist schwer abzuschätzen. So erhöhen Automatisierung und Digitalisierung zwar den Druck auf gewisse Arbeitsplätze und damit auf die Löhne, steigern jedoch gleichzeitig das allgemeine Lohnniveau, indem neue Jobs in Hochlohngebieten geschaffen werden. Auch die Auslagerung betrifft typischerweise Stellen mit eher tiefen Löhnen.

Kontrovers diskutiert wird auch, inwiefern sich die erleichterte Migration auf die Schweizer Löhne auswirkt. Ein Bericht des Bundes zum Freizügigkeitsabkommen mit der EU belegt, dass es keinen generellen und direkten Lohndruck durch die Migration gibt. Im oberen Segment der Lohnskala habe die Migration aber einem steileren Lohnwachstum entgegen gewirkt.

Tiefe Inflation begrenzt die Lohnerhöhung

Als Hauptgrund für die jüngste Verflachung der Phillips-Kurve sehen die Ökonomen der Credit Suisse deshalb nicht strukturelle Veränderungen, sondern die Inflationserwartun­gen. Diese sind seit der Finanzkrise weiter gesunken und haben sich auf tiefem Niveau verankert, was sich sich auch in nächster Zeit kaum ändern dürfte. Darauf deuten sowohl Umfragen als auch die tiefen Zinsen hin. 

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Inflationserwartungen sind gut verankert

Umfragebasierte Einschätzung der Konsumenten, Index
 

Quelle: Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Credit Suisse

Löhne dürften allmählich steigen

Die Phillips-Kurve ist zwar flacher geworden, verläuft aber nicht horizontal. Setzt sich der Wirtschaftsaufschwung wie erwartet fort, dürften die Löhne einhergehend mit einer weiteren Verknappung am Arbeitsmarkt allmählich steigen. Reallohnsteigerungen von knapp über 1 Prozent scheinen realistisch. In Jahren mit einer überraschend tiefen Teuerung könnte die reale Lohnerhöhung auch deutlich stärker ausfallen.

Allerdings könnte die Entwicklung auch gebremst werden. Denn in der Schweiz gibt es eine tief verankerte Lohnzurückhaltung. Der lohnpolitische Verteilungsspielraum bleibt systematisch ungenutzt. Die Schweizer Beschäftigten scheinen generell bereit zu sein, kurzfristig auf maximale Lohnerhöhungen zu verzichten, um das Risiko einer Erwerbs­losigkeit zu reduzieren und so langfristig den Wohlstand zu sichern.

Lohnerhöhung 2019 von 1 Prozent

Angesichts der lohndämpfenden Faktoren ist eine Prognose schwierig. Einfacher vor­herzusagen ist die Entwicklung für das kommende Jahr. Das Nominallohnwachstum sollte etwas stärker ausfallen als 2018. Die erwartete Teuerung von 0,7 Prozent dürfte den realen Zuwachs aber einschränken. Insgesamt rechnen die Ökonomen der Credit Suisse für 2019 mit einer Nominallohnerhöhung um 1 Prozent und einer Reallohn­erhöhung um 0,3 Prozent.