Stille Reserve des Arbeitsmarkts wird wohl still bleiben

Demografie und rückläufige Einwanderung verstärken den Fachkräftemangel. Wie lässt sich dieser entschärfen? Potenzial schlummert bei Arbeitslosen, Unterbeschäftigten sowie insbesondere bei der «stillen Reserve».

Fachkräftemangel wird zunehmen

Die Erwerbsbevölkerung der Schweiz wächst nicht mehr und altert. Bis 2040 wird der Anteil Erwerbspersonen an der Gesamtbevölkerung von über 54 Prozent auf 49 Prozent abnehmen, sollte sich der derzeitige Trend sich fortsetzen. Zudem wird jede fünfte Erwerbsperson über 55 Jahre alt sein.

Zusätzlich verschärft wird die Situation durch eine rückläufige Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte. Angesichts des bereits heute in einzelnen Branchen bestehenden Fachkräftemangels gilt es deshalb, das bestehende Potenzial im Inland besser auszuschöpfen.

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Mangel an Fachkräften vor allem bei Ingenieur-, Management- und Technikerberufen

Fachkräftemangel-Gesamtindex: Je höher die Zahl, desto stärker deuten Indikatoren gesamthaft auf Mangel hin. Nur Berufsfelder mit höherem Mangel abgebildet.
Quelle: Staatssekretariat für Wirtschaft, Credit Suisse

Über 800’000 Personen an zusätzlicher Arbeit interessiert

Bei der letzten Erhebung schweizerischer Arbeitskräfte des Bundesamts für Statistik gaben 837’000 Personen im Alter von 15 bis 74 an, zusätzliches Potenzial für Arbeit zu haben. Dabei handelt es sich um Arbeitslose, Unterbeschäftigte und die sogenannte stille Reserve.

Die drei Gruppen zusammen entsprechen dabei immerhin 13,2 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung in der Schweiz. Erste Zahlen 2017 deuten auf eine ähnliche Grössenordnung hin. Auch wenn der Anteil von Kanton zu Kanton variiert, so schlummert hier doch grosses Potenzial.

Vier Hauptgruppen mit schlummerndem Potenzial

Ständige Wohnbevölkerung (15–74 Jahre alt) nach detailliertem Arbeitsmarktstatus

Gruppen Definition Anzahl Personen
Erwerbslose Erwerbslos gemäss Kriterien der Internationalen Arbeitsorganisation: aktiv auf Arbeitssuche und könnten neue Stelle innert zweier Wochen antreten 238’000
Stille Reserve: auf Arbeitssuche, nicht verfügbar Auf Arbeitssuche, stehen jedoch kurzfristig (innerhalb von zwei Wochen) für eine Arbeitsaufnahme nicht zur Verfügung 64’000
Stille Reserve: verfügbar, nicht auf Arbeitssuche Suchen zurzeit keine Arbeit, würden aber grundsätzlich gerne arbeiten und wären auch dafür verfügbar 203’000
Unterbeschäftigte Teilzeitarbeitende, die ihr Arbeitspensum gerne erhöhen würden 332’000
Total   837’000

Quelle: Bundesamt für Statistik (Schweizerische Arbeitskräfteerhebung, SAKE), Credit Suisse

Potenzial bei den Arbeitslosen und Unterbeschäftigten begrenzt

Genauer betrachtet, ist das Potenzial bei den Erwerbslosen wohl beschränkt. Die Arbeitslosenquote in der Schweiz ist derzeit auf einem sehr tiefen Stand. Ein Grossteil der Arbeitslosigkeit ist zudem entweder strukturell bedingt, weil die Profile der Stellensuchenden nicht zu den offenen Stellen passen, oder bedingt durch die Zeit, die die Suche nach einer passenden neuen Stelle dauert.

Auch das Potenzial der unterbeschäftigten Personen lässt sich nicht ohne Weiteres einsetzen. Naheliegend wäre zwar, dass die betreffenden Teilzeitangestellten ihr Arbeitspensum im Unternehmen erhöhen. Anscheinend besteht dafür aber kein Bedarf, weil Arbeitsangebot und -nachfrage nicht übereinstimmen.

Fachkräftemangel: Potenzial in der stillen Reserve

Vielversprechender ist die stille Reserve: Personen, die derzeit nicht arbeiten, aber Interesse daran hätten. Diese besteht aus zwei Gruppen: einerseits Personen, die zwar auf Arbeitssuche, aber kurzfristig noch nicht verfügbar sind; andererseits Personen, die verfügbar wären, aber zurzeit keine Arbeit suchen. In der ersten Gruppe sind mehrheitlich junge Personen, die sich oft noch in einer Aus- oder Weiterbildung befinden und erst danach arbeiten können.

Die zweite Gruppe besteht dagegen vor allem aus älteren Arbeitskräften – kurz vor dem Rentenalter oder darüber – und aus Frauen. Interessant ist vor allem diese zweite Gruppe, zumal sich zeigt: Auch in den Branchen, in denen der Fachkräftemangel besonders ausgeprägt ist, gibt es diese stille Reserve. Beispielsweise stünden bei den technischen sowie den Informatikberufen insgesamt 14’000 Personen der stillen Reserve zur Verfügung – nur leicht weniger als Arbeitslose.

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Brachliegendes Potenzial auch in Branchen mit erhöhtem Fachkräftemangel

Potenzial unausgeschöpfter Arbeitskraft (15–74 Jahre alt) nach Berufskategorien, Anzahl Personen, 2016
Quelle: Bundesamt für Statistik (Schweizerische Arbeitskräfteerhebung, SAKE), Credit Suisse
* Diese Resultate sind aufgrund der geringen Stichprobengrösse mit Vorsicht zu interpretieren.

Vereinbarkeit von Arbeit und Familie als Herausforderung

Die Statistik offenbart aber auch, dass die stille Reserve trotz Fachkräftemangel in den letzten Jahren relativ stabil geblieben ist. Es gelingt nicht, diese Personen in den Arbeitsmarkt einzubinden. Bei den Frauen sind vor allem familiäre Verpflichtungen ausschlaggebend dafür, dass nicht aktiv nach einer Arbeit gesucht wird. Hier könnten Massnahmen, die Familie und Arbeit besser unter einen Hut bringen, dazu beitragen, dieses brachliegende Potenzial aus der stillen Reserve zu locken: steuerliche Anreize für Doppelverdiener und zusätzliche sowie günstigere Krippenplätze und Tagesschulen.

Mit solchen Massnahmen könnten vielleicht auch nichterwerbstätige Personen, die derzeit kein Interesse an Arbeit äussern, in den Arbeitsmarkt eingebunden werden. Denn bei fast der Hälfte der 26- bis 58-Jährigen dieser Gruppe sind ebenfalls familiäre Verpflichtungen ausschlaggebend dafür, auf Arbeit zu verzichten.

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Familie und Gesundheit ausschlaggebend für Verzicht auf Arbeitssuche bei 26- bis 58-Jährigen

Grund, weshalb Person (15–74 Jahre alt) keine Arbeit sucht, «Verfügbare Personen, nicht auf Arbeitssuche» (VP-NAS) sowie «übrige Nichterwerbspersonen», 2016
Quelle: Bundesamt für Statistik (Schweizerische Arbeitskräfteerhebung, SAKE), Credit Suisse

Stille Reserve wird wohl «still» bleiben

Bei den älteren Arbeitskräften hingegen zeigt sich, dass neben einer begrenzten Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt durch hohe Löhne und Sozialversicherungskosten auch das Angebot fraglich ist. Von allen 66- bis 74-Jährigen äusserten nur knapp 7 Prozent ein Interesse an einer Arbeit über das Rentenalter hinaus. Die Mehrheit geniesst den wohlverdienten Ruhestand oder würde nur arbeiten, sollte die Arbeit attraktiv und gut entlohnt sein.

Hier wäre eine naheliegende Option, dieses Potenzial besser zu nutzen, das gesetzliche Rentenalter heraufzusetzen. Dies scheint aber ein Tabu zu sein, wie die Diskussionen um die Altersvorsorge 2020 gezeigt haben. Gleichzeitig finden über 50-Jährige nur mit Mühe eine neue Stelle, sind sie einmal arbeitslos geworden. Beides zeigt: Wenn wirtschaftspolitische Massnahmen weiterhin nur zögerlich umgesetzt werden, wird die stille Reserve wohl bis auf weiteres weitgehend «still» bleiben.

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