Katharina Lehmann Chairman Verwaltungsratspräsidentin Blumer-Lehmann AG CS Unternehmer Erfolgsgeschichte

Blumer-Lehmann AG: Auf dem Holzweg zum Erfolg

Mit Holzkonstruktionen, die man bis vor wenigen Jahren technisch nicht für möglich gehalten hätte, mit viel Mut und klarem Verstand beförderte sich das Ostschweizer Unternehmen Blumer-Lehmann AG auf den Olymp der Holzarchitektur. Die Präsidentin des Verwaltungsrats, Katharina Lehmann, ruht sich indessen nicht auf den Lorbeeren aus.

Reihenweise aufgetürmt liegen sie da, säuberlich gesägte, lange Holzbretter, überall zwischen den zahlreichen Gebäuden und Hallen auf dem Gelände der Lehmann-Gruppe in Gossau SG. Auf einer kleinen Wiese schnattern Gänse, der Geruch von Sägemehl liegt in der Luft. Katharina Lehmann überquert zielstrebig das Areal, die Mitarbeitenden auf dem Weg freundlich grüssend. Man kennt sich auf dem Erlenhof, wo 260 Personen arbeiten. An ihrem ehemaligen Elternhaus vorbei, das heute als Kantine dient, tritt die Unternehmerin in eine Halle, die fast komplett von einer riesigen CNC-Maschine ausgefüllt wird. Sägemehl sammelt sich sogleich auf den Ärmeln ihres eleganten schwarzen Trenchcoats, und ohne hinzuschauen klopft sie es wieder weg.

Nach den Plänen des Star-Architekten Norman Foster: Die eindrückliche Holztribüne des Hotels Kulm in St. Moritz entstand im Zusammenhang mit der Renovation des Eispavillons.

Die Wertschöpfungskette ausgenutzt

«Aus dem Sägemehl und den Hobel­spänen entstehen später Holzpellets, das ist Teil unseres nachhaltigen Konzepts», erklärt Katharina Lehmann. Ihr Unternehmen ist aber weniger wegen der Holzpellets, -brickets oder -schnitzel international berühmt, sondern vielmehr für imposante, organisch geformte Konstruktionen aus Holz von namhaften Architekten wie Herzog&de Meuron oder Shigeru Ban. Dennoch erwähnt die Unternehmerin zuerst jene Produkte, die aus dem Restholz entstehen: «Holz wächst nach und verkörpert damit an sich den Nachhaltigkeitsgedanken. Wir führen diesen bei uns weiter, indem wir in einem kompletten Kreislauf alle Teile weiterverwerten. Unser Holzschnitzel-Kraftwerk am Ende der Wertschöpfungskette speist genügend Strom ins lokale Elektrizitätsnetz ein, sodass unsere Energiebilanz ausgeglichen ist.» Der ökologische Umgang mit der Ressource Holz ist für das Unternehmen ein Treiber; ebenso wichtig ist indessen, einen möglichst hohen Wertschöpfungsgrad zu erreichen. «Der Wettbewerb ist gerade bei den Massenartikeln gnadenlos. Indem wir möglichst alle Produkte bei uns auf dem Areal produzieren und verwerten, fallen die Transportkosten weg, und genau das hält uns in diesen Bereichen konkurrenzfähig», stellt die Unternehmerin fest.

Es gibt immer wieder diese Momente, in denen wir ans Limit gehen, in denen ich mich frage: Wird das aufgehen?

Free Forms – Pionierarbeit in Korea

Der Bau eines noblen Golfclubhauses in Südkorea, geplant vom japanischen Star-Architekten Shigeru Ban, katapultierte das Ostschweizer KMU 2010 aufs internationale Parkett. Das Hauptgebäude des exklusiven Golfclubs besteht aus einem hohen Raum, dessen Dach von einer Holzkonstruktion getragen wird, die gleichzeitig an eine gotische Säulenhalle und einen lichten Wald erinnert: Die Holzpfeiler streben in die Höhe, wo sich die filigranen Stäbe, gleichsam Blattadern, verweben und in der Höhe ein Netz bilden, in dem, je nach Betrachtungswinkel, Sterne auszumachen sind. Der Architekt Shigeru Ban suchte einen Holzproduzenten, der seine Idee umsetzen konnte.

Moskau, Seoul oder Oslo: Die Mitarbeitenden schätzen die Arbeit auf inter­nationalen Baustellen. Hier beim Bau eines Pavillons in Cleveland, Ohio.

Ihm wurde die Schweizer Firma Blumer-Lehmann AG empfohlen: «Nicht, dass wir bis dahin schon einmal etwas Vergleichbares produziert hätten. Ich weiss auch von keinem Konkurrenten, der damals schon Erfahrung damit hatte, aber wir waren bekannt dafür, dass wir zusammen mit unserem Netzwerk komplexe Aufgaben meistern können», erinnert sich Katharina Lehmann. Im Juni nahm die Blumer-Lehmann AG den Auftrag an, und die Unternehmerin wusste: Ende Februar musste der Bau stehen. Dazwischen lagen der Kauf einer neuen CNC-Maschine, der Bau eines Gebäudes für diese Maschine, die Produktion von Teilen, wie die Firma sie noch nie produziert hatte, zwei Monate Seeweg und der Aufbau in Korea. «Es war nicht das einzige Mal, dass ich vor einer grossen Entscheidung schlaflose Nächte hatte. Ist eine Entscheidung aber einmal gefällt, dann schaue ich nur noch nach vorn», sagt Katharina Lehmann und fügt hinzu: «Wir kauften die Anlage, aber nicht eigens für dieses Projekt, sondern weil wir damit rechneten, dass sie uns weiterbringen würde.»

Mit Verantwortung immer wieder ans Limit

Inzwischen ist aus dem Pionierunternehmen für die sogenannten Free Forms, wie die asymmetrischen organischen Holzformen genannt werden, ein Spezialist auf diesem Gebiet geworden. Die Blumer-Lehmann AG baute in den vergangenen Jahren unter anderem das Tamedia-Gebäude in Zürich, wiederum unter Shigeru Ban, das neue Opernhaus von Kristiansand in Norwegen und kürzlich die in dieser Ausgabe ebenfalls thematisierte Bergstation auf dem Chäserrugg für die Toggenburg Bergbahnen AG unter Herzog&de Meuron. Aktuelle Projekte der Blumer-Lehmann AG sind die Tribüne für das Hotel Kulm in St.Moritz, eine Moschee in Cambridge, die Schweizer Botschaft in Moskau und das neue Swatch-Gebäude in Biel – allesamt hochkomplexe Bauten. Das Risiko ist in den vergangenen Jahren zum ständigen Begleiter von Katharina Lehmann geworden. «Es gibt immer wieder diese Momente, in denen wir ans Limit gehen und ich mich frage: Wird das aufgehen? Und wenn es Verzögerungen gibt – hat unser Bankpartner dann einige Monate länger Geduld?», erzählt Katharina Lehmann. Für einen der aktuellen Aufträge benötigte die Blumer-Lehmann AG eine neue CNC-Maschine sowie eine neue Halle. Die Unternehmerin schwankte einige Zeit, auf welche Weise diese umfangreiche Investition finanziert werden sollte, und entschied sich schliesslich für ein Leasing der Credit Suisse, nachdem die Bank ihr ein sehr attraktives Angebot unterbreitet hatte. Sie erklärt: «Als unser Kundenberater mir diesen Vorschlag machte, war ich noch nicht mal sicher, ob wir den Auftrag erhalten würden, für den wir die Anlage brauchten. Aber die Credit Suisse hatte an diesem Punkt wirklich verstanden, worum es uns ging und dass wir die Maschine, wenn nicht jetzt, beim nächsten Auftrag einsetzen würden – und dass sie uns wieder einen Schritt weiterbringen würde.»

Die erstaunlichsten Problemlöser seien ihre Geschäftsführer, das Verkaufsteam und die Projektleiter, sagt Katharina Lehmann. Die meisten haben ursprünglich eine Lehre als Zimmermann absolviert und sich anschliessend in der Technik, Architektur oder IT weitergebildet.

Zeitgeist und neue Berufsbilder

Mit der Anschaffung einer komplexen Maschine ist die Arbeit allerdings noch nicht getan. Zur Free-Form-Architektur, die organisch geformte Symmetrien aufweist, wie das Golfclubhaus in Südkorea, kommen seit Kurzem asymmetrische Formen, wie die neue Shoppingmeile im Flughafen Oslo. Diese besteht aus fünf Pavillons, die von oben betrachtet einer sanften Hügellandschaft gleichen. Hier ist jedes Bauteil individuell in seinen Massen. «Planung, Produktion, Logistik und Montage hängen bei uns sehr eng zusammen – das ist im Holzbau allerdings nichts Neues», erklärt Katharina Lehmann und fügt hinzu: «Auch ist die Digitalisierung in unserem Beruf schon weit fortgeschritten, wir arbeiten ja bereits seit Jahrzehnten mit CAD-CAM.» Neu sind indes die Berufsbilder, welche die Arbeit mit den Free Forms hervorbringen. «Die Profile, die wir brauchen, werden noch nirgends ausgebildet – das ist eine Mischung aus Architektur, IT und praktischer Zimmermannsarbeit. Wir haben hierfür die absoluten Cracks, die sich dieses Wissen selber angeeignet haben», stellt die Unternehmerin nicht ohne Stolz fest. Sie ergänzt: «Für gewisse Projekte ziehen wir Experten mit Spezialwissen hinzu, über das wir selber nicht verfügen. Das entspricht dem Zeitgeist; so arbeitet man heute.»

Echte Verantwortung übergeben

Sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen, ist auch in Katharina Lehmanns persönlicher Karriere eine Konstante. Die heute 45-Jährige war gerade mal 24 Jahre alt, als ihr Vater von einem Tag auf den anderen aus gesundheitlichen Gründen im Unternehmen ausfiel. Die HSG-Studentin sprang als Vertreterin der fünften Generation im Familienbetrieb ein, und neben der Führung des Unternehmens schloss sie ihr Studium ab. Eigentlich mag sie diese alten Geschichten gar nicht mehr erzählen, und auch Fragen zu ihr als Frau in einer Männerdomäne findet sie vollkommen überflüssig. Was sie indes gerne betont: «Zu einem frühen Zeitpunkt im Leben richtig Verantwortung übernehmen zu dürfen, ist enorm wertvoll. Man verfügt über viel Energie und ist offen. Wenn ich heute 40-jährige Juniors sehe, die im Betrieb noch keine Verantwortung übernehmen durften, beschleicht mich ein ungutes Gefühl.» Im eigenen Unternehmen versucht sie, wenn immer möglich, ihre Mitarbeitenden einzubinden, und sie unterstreicht: «Es geht um echte Eigenverantwortung. Das bedeutet, dass ich am Schluss nicht nochmals nachschaue, wie eine Aufgabe gelöst wurde. Nur so kann das Team wachsen.» Ihre persönliche Verantwortung sieht sie am stärksten gegenüber den Mitarbeitenden, das ist im Gespräch deutlich zu spüren: «Ich mag Menschen, und ich vertraue ihnen. Die Erhaltung der Arbeitsplätze steht für mich bei jeder Entscheidung im Fokus», erklärt sie. Für strategische Entscheidungen wendet sie sich an den Verwaltungsrat, dessen Mitglieder sie als kritisch, unternehmerisch und unabhängig beschreibt: «Ich brauche diesen Widerstand. Das soll kein angenehmes Kaffeekränzchen sein, auch wenn es manchmal wehtut.»

Erfolg als Momentaufnahme

Die Blumer-Lehmann AG besitzt durch ihre innovative Arbeit der vergangenen Jahre einen Erfahrungsvorsprung gegenüber der Konkurrenz, doch – dessen ist sich Katharina Lehmann bewusst – die Branche schläft nicht. «Als Schweizer Unternehmen befinden wir uns ja ständig im Kontext, dass wir zu teuer sind. Und wenn wir dann einmal das Gefühl haben, preislich international attraktiv zu sein, kommt eine Währungskrise und wirft uns zurück auf Feld eins», sagt Katharina Lehmann. Im Silobau, einem weiteren Geschäftsbereich der Familiengruppe, hat es das Unternehmen über die Serienproduktion geschafft, die Kosten so niedrig zu halten, dass es über die Landesgrenzen hinaus konkurrenzfähig ist. Selbst bei den Free Forms, wo die Blumer-Lehmann AG durch ihr Know-how eine Spitzenposition einnimmt, ist der Preisdruck derart gross, dass sie öfters mit ausländischen Lieferanten zusammenarbeitet, statt Schweizer Firmen zu berücksichtigen, beispielsweise für Verbindungsteile aus Stahl. Etwas langsamer als zu Beginn spaziert Katharina Lehmann zum Kantinengebäude zurück. Bei der Wiese mit den Gänsen bleibt sie kurz stehen und erzählt: «Wir hatten hier schon immer Gänse, und mein Vater kommt noch immer jeden Tag hierher, um sie zu füttern und abends in den Stall zu lassen, bevor der Fuchs kommt. Die Tiere vermitteln vermutlich nicht nur mir, sondern den meisten hier ein Gefühl von Kontinuität – gerade wenn man von einer internationalen Baustelle zurückkehrt, fällt das auf. Gleichzeitig ist es natürlich ein unbeschreiblich gutes Gefühl, zu erleben, wie aus unserem Ostschweizer Holz in Moskau, Korea oder Oslo einmalige Bauwerke entstehen. Aber Erfolg ist etwas sehr Flüchtiges – es ist eine Momentaufnahme – dessen bin ich mir als Unternehmerin immer bewusst.

Erfolg ist etwas sehr Flüchtiges – es ist eine Momentaufnahme – dessen bin ich mir als Unternehmerin immer bewusst.