Silver economy

Im Mittelpunkt des Supertrends «Silver Economy – in den demografischen Wandel investieren» steht die Prognose, dass sich die Zahl der Senioren weltweit von derzeit knapp unter einer Milliarde bis 2050 auf über zwei Milliarden verdoppelt. Der demografische Wandel hat sich in den letzten Jahren auf globaler Ebene beschleunigt und setzt seine starke Dynamik fort. Interessant an diesem Supertrend ist, dass sich die Alterung der Bevölkerung ungeachtet der Lage der Weltwirtschaft, der Politik und anderer eher mittelfristiger Treiber fortsetzen und dabei neue Erfordernisse in Bereichen wie Gesundheits-, Versicherungsund Finanzierungslösungen sowie Konsum und Wohnsituation mit sich bringen wird. 

4.1  Therapeutik und Geräte 

Die Kostenlast mindern

Unseres Erachtens ist das Gesundheitswesen nach wie vor der am stärksten von der Alterung der Bevölkerung betroffene Sektor. Mit dem Alter steigt die Häufigkeit chronischer Erkrankungen, weshalb eine Zunahme der älteren Bevölkerung mit einem überproportionalen Anstieg der Gesundheitsausgaben einhergeht. Die Gesundheitskosten dürften weiter wachsen, und das wesentlich schneller als das Bruttoinlandprodukt mancher Länder. Dies löst eine wichtige Debatte über Gesundheitskosten aus und erfordert Lösungen zu deren Eindämmung. Technologie spielt dabei eine wesentliche Rolle. An dieser Stelle verweisen wir auf unseren Supertrend «Technologie im Dienste der Menschheit», der auch das Subthema «Gesundheitstechnologie» umfasst und unseres Erachtens in Verbindung mit Anlagen in die Silver Economy betrachtet werden sollte.  

Anteil der über 65-Jährigen an der Weltbevölkerung

Auch der medizinische Fortschritt bringt effektivere und kostengünstigere Heilmittel und -verfahren für altersbedingte Erkrankungen und Beschwerden hervor. Herzleiden sind beispielsweise eine der Haupttodesursachen unter älteren Menschen und verursachen laut der American Heart Association weltweit Kosten von USD 500 Mrd. Gleichwohl sind Herzerkrankungen gut in den Griff zu bekommen und in manchen Fällen sogar vermeidbar, wenn die Ursachen behandelt werden. Anlagemöglichkeiten erkennen wir bei medizinischen Geräten für kardiovaskuläre Erkrankungen, wo beispielsweise ein minimalinvasiver Herzklappenersatz mit einer geringeren Belastung durch Eingriffe und besseren Behandlungsergebnissen in Verbindung gebracht wird. Krebs ist auch zu einem grossen Teil durch das Altern bedingt und stellt heute bereits eine kumulierte Belastung von über USD 1.1 Bio. für die Gesundheitsversorgung dar. Aktuell werden erhebliche Anstrengungen unternommen, um diese Belastung zu verringern: Biopharma-Unternehmen wenden einen überdurchschnittlich hohen Anteil ihres Forschungs- und Entwicklungsbudgets für die Onkologie auf. Ausserdem sind verstärkte Fusions- und Übernahmeaktivitäten in diesem Segment zu beobachten. 

Ungeachtet der medizinischen Indikation, des Therapiegebietes oder der Art der Gegenmassnahmen (ob medikamentös oder durch anderweitige Behandlung) sind wir der Ansicht, dass der Fokus auf wertsteigernde Innovationen entscheidend ist, da allein dadurch die Verhandlungsposition von Pharma-, Biotechnologie- und Medizintechnologieunternehmen in einer von steigenden Gesundheitskosten geprägten Welt gestärkt werden kann. Unsere Umsetzungsvorschläge haben ihren Schwerpunkt daher auf innovationsstarken Unternehmen. 

Lorenzo Biasio, Senior Equity Analyst, Healthcare,
Credit Suisse

Silver economy – Investing for population aging

4.2  Pflege und Einrichtungen

Die Versorgung gesünderer Senioren

Eine alternde Bevölkerung in Verbindung mit altersbedingten Beschwerden und Erkrankungen ist auf ein gezielt ausgerichtetes Angebot an Pflegeleistungen und auf Einrichtungen, die solche Leistungen zur Verfügung stellen, angewiesen. Ältere Menschen leben heutzutage meist gesünder und sind deutlich aktiver als vorherige Generationen. Dadurch können sie länger selbstständig leben – was viele Senioren so lange wie möglich erhalten wollen. Daraus folgt, dass das klassische Konzept des Seniorenheims als Einheitslösung den unterschiedlichen Ansprüchen der älteren Generation nicht mehr genügt. Daher kommt Bauträgern und Betreibern altersgerechter Wohnkonzepte, die das gesamte Spektrum des Pflegeuniversums umfassen (vom betreuten Wohnen bis hin zur Intensivpflege), eine entscheidende Rolle zu. Allein in Deutschland werden laut Schätzungen des Immobilienberaters CBRE bis 2030 Investitionen in Höhe von EUR 55 Mrd. erforderlich sein, um der Nachfrage nach Seniorenwohnen nachzukommen; Daten aus anderen Industrie- und Schwellenländern deuten auch dort auf eine vergleichbare Entwicklung hin.

Bei der Bereitstellung von Pflegedienstleistungen kommt auch Managed-Care-Unternehmen eine wesentliche Bedeutung zu. Sie kombinieren ihr tief greifendes Verständnis der Risikofaktoren und der Pflegelandschaft mit umfangreichen Datenbeständen historischer Pflegeverläufe und -anforderungen, um Patienten die effektivsten Pflegevorkehrungen vorzuschlagen, im Idealfall bevor katastrophale (und insbesondere kostspielige) Konsequenzen und Komplikationen eintreten. So kann zum Beispiel der Dialysebedarf eines Kandidaten frühzeitig diagnostiziert und eine entsprechende Behandlung und Pflegelösung eingeleitet und geplant werden, ohne dass der Patient unvermittelt im Rahmen eines kostspieligen medizinischen Notfalls mit der Dialyse beginnen muss. 

4.3  Kranken- und Lebensversicherung

Finanzierungslösungen finden

Mit der Zunahme der älteren Bevölkerung wächst auch der Bedarf an Finanzierungslösungen – sowohl für Lebenshaltungs- als auch für Gesundheitskosten. Gerade Letztere können trotz aller Bemühungen um Kostensenkungen erheblich sein. Darum ist der Ausbau der Kranken- und Lebensversicherungen insbesondere in Regionen wichtig, die nicht auf ein über Jahrzehnte hinweg gewachsenes Sozialversicherungsnetz zurückgreifen können und in denen das bisherige Versicherungsangebot unzureichend ausfällt. Die Daten deuten jedoch zunehmend darauf hin, dass auch in den Industrienationen der Fokus vermehrt auf Finanzierungslösungen gerichtet werden muss. So ermittelte die Federal Reserve Bank of St. Louis beispielsweise, dass 35% der US-Haushalte nicht an einem Pensionsplan beteiligt sind, und warnte davor, dass viele möglicherweise nicht über ausreichende Mittel verfügen, um ein gesichertes Rentnerdasein zu führen. Vergleichbares veröffentlichte auch der Finanzdienstleister Vanguard: Das Median-Vermögen auf einem 401(k)-Konto (ein Rentenzusatzprogramm in den USA) für Anleger ab 65 Jahren beläuft sich auf knapp unter USD 60’000, während laut Angaben des gemeinnützigen Pension Rights Center das Median-Jahreseinkommen aus privaten Rentenversicherungen und Annuitäten 2016 bei knapp über USD 9’000 lag.

Gleichzeitig geraten traditionelle Pensionspläne aufgrund der niedrigen Renditen am Anleihenmarkt und der steigenden Lebensdauer unter Druck. Daraus entwickelt sich in den Industrieländern ein wachsender Markt für die Übernahme der Vermögenswerte und Verwaltung der Pensionspläne grosser Unternehmen durch spezialisierte Versicherungsunternehmen. Private Ersparnisse stellen heute und künftig eine weitere Säule der Altersvorsorge dar. Daher erkennen wir attraktive Chancen für Vermögensverwalter und Anbieter von Beratungsdienstleistungen. Angesichts einer vergleich - baren Situation bei Krankenversicherungen – insbesondere das zu geringe Angebot in den Schwellenländern und die Notwendigkeit, die Kosten für nicht erstattungsfähige Gesundheitsleistungen in Industrienationen abzudecken – gehen wir davon aus, dass sich Krankenversicherungslösungen in eine ähnliche Richtung entwickeln.

4.4  Konsum der Senioren

Eine Konsumentengruppe mit Kaufkraft

Trotz der oben genannten Herausforderungen stellen die Senioren von heute insgesamt eine starke Konsumentengruppe dar. Laut Euromonitor werden die Privatausgaben von Senioren bis 2020 auf USD 15 Mrd. ansteigen. Damit sind sie in vielen Regionen der Welt in diesem Bereich die am schnellsten wachsende Altersgruppe. Die erhebliche Kaufkraft der Senioren kommt zusammen mit der ihnen zur Verfügung stehenden freien Zeit insbesondere dem Freizeit- und Tourismussektor zugute. So verzeichnete die Nachfrage nach Kreuzfahrten in den letzten Jahren einen entsprechend starken Anstieg. Auch Hersteller von Körperpflege- und Schönheitsprodukten oder Heimautomatisierung gehören unseres Erachtens zu den Nutzniessern. Die Kosten für bestimmte medizinische Hilfsmittel und Geräte (z.B. Sehhilfen oder Hörgeräte) werden in vielen Ländern nur bedingt von den Krankenkassen übernommen und machen daher einen beträchtlichen Teil der Privatausgaben aus. Daher liegt die Entscheidung für die Anschaffung solcher Produkte in erster Linie beim Kunden. 

Einen weiteren interessanten Bereich stellt die Haustierhaltung dar. In den USA machen die Babyboomer mit 32% einen beträchtlichen Teil der Haustierhalter im Vergleich zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung (23%) aus. Zudem gibt es mittlerweile mehr Haushalte mit Haustier als mit Kindern. Dies erklärt nicht zuletzt den hohen Prozentsatz an Menschen, die in einem Haushalt mit Haustier leben, der gemäss einer durch das Marktforschungsinstitut GfK in 22 Ländern durchgeführten Studie bei fast 60% liegt. Haustiere stellen in Bezug auf Nahrung, tierärztliche Versorgung und andere Bedarfsmittel ein attraktives Segment am Konsummarkt dar. Die jährlichen Ausgaben für einen Hund belaufen sich beispielsweise in der Regel auf etwa USD 1500, die Kosten für eine Katze liegen bei knapp unter USD 1000. Euromonitor hat die grosse Fürsorge, mit der einige Halter ihre Haustiere umsorgen, als «Pet Parenting» bezeichnet (das Tier wird den menschlichen Familienmitgliedern gleichgestellt). Diese Entwicklung kommt in einem rasanten Anstieg des Anteils von Premium-Hunde- und -Katzenfutter an einem Markt zum Ausdruck, der laut Schätzungen der American Pet Product Association und ihrem europäischen Pendant, der European Pet Food Industry Federation (FEDIAF), in diesen Regionen heute bereits einen Umfang von über USD 50 Mrd. aufweist. Berücksichtigt man die historische Entwicklung dieses Konsummarktes und die rasanten Innovationen z.B. bei automatischen Futterspendern, selbstreinigenden Katzentoiletten und Krankenversicherungen für Haustiere, erkennen wir attraktive Anlagechancen in diesem Marktsegment, das ebenfalls zum Teil durch den Konsum der Senioren beflügelt wird.

Haustierbranche in den USA

Erkenntnisse für Anleger

Hauptnutzniesser dieses vierten Supertrends sind unseres Erachtens:

  • Biopharma-, Medizintechnologie- und Life-Science-Unternehmen, die innovative Produkte für altersbedingte Erkrankungen anbieten. 
  • Anbieter und Betreiber von Seniorenwohnungen, Dialysekliniken und anderen Pflegeeinrichtungen sowie Managed-Care-Organisationen, die Patienten die effizienteste Gesundheitsversorgung vermitteln. 
  • Kranken- und Lebensversicherer, private Vermögensberater und Vermögensverwalter mit starker Preissetzungsmacht.
  • Konsumunternehmen, die den Fokus auf die grundlegenden Bedürfnisse sowie die individuelleren Wünsche der älteren Konsumenten legen, z.B. Tourismusunternehmen, Hersteller von Schönheitsprodukten oder Anbieter von Sehhilfen und Hörgeräten.
  • Minimalinvasiver Herzklappenersatz: Verfahren wie die kathetergestützte Aortenklappenimplantation, die einen Eingriff am offenen Herzen vermeiden.
  • Betreutes Wohnen: Konzept für Senioren, welches das tägliche Leben durch den Einsatz einfacher und unauffälliger Technologien und Dienstleistungen, die sich nahtlos in den Alltag einfügen, erleichtert.
  • Dialyse: Verfahren zur Reinigung des Blutes von Giftstoffen, Wasser und anderen Stoffen bei Patienten mit Niereninsuffizienz.