Infrastruktur

Infrastrukturinvestitionen sind im vergangenen Jahr etwas in den Hintergrund gerückt, denn die schwelenden globalen Handelsspannungen und die steigenden Zinsen belasteten den Sektor. An der fundamental guten Verfassung hat sich jedoch nichts geändert. Das Thema wird daher unseres Erachtens in diesem Jahr wieder Aufmerksamkeit auf sich ziehen, da die Belastungsfaktoren nachlassen und sich neue Katalysatoren abzeichnen. Hier ist vor allem Chinas Initiative für eine neue Seidenstrasse zu nennen, mit der das Land nach Europa drängt und in der Region die Infrastrukturinvestitionen ankurbeln dürfte. Auch die Bemühungen der G20-Staaten, den Privatsektor dabei zu unterstützen, mehr in die öffentliche Infrastruktur zu investieren, sollten sich in höheren Investitionen niederschlagen. 

Auslöser für neue Investitionen

Der Einsturz der Morandi-Brücke in Genua im Sommer 2018 hat einmal mehr auf tragische Weise deutlich gemacht, welchen Herausforderungen sich viele Industrieländer im Zusammenhang mit veralteter Infrastruktur gegenübersehen. Mit ganz eigenen Schwierigkeiten haben die Entwicklungsländer zu kämpfen, die Infrastrukturen für sauberes Wasser, Energie und Transport erst noch bauen müssen. Nach Prognosen des Global Infrastructure Hub, einer Initiative der G20-Staaten, wird sich die globale Infrastrukturlücke bei den derzeitigen Investitionsniveaus bis 2040 auf USD 15 Bio. vergrössern. 

Diverse Katalysatoren rücken das Thema Infrastruktur wieder in den Anlegerfokus. Ende 2018 unterstützten die Staats- und Regierungschefs der G20-Staaten die Klassifizierung von Infrastruktur als eigenständige Anlageklasse. Der Strategieplan der G20 zielt unter anderem auf eine verbesserte Standardisierung der Beschaffungs- und Finanzierungsunterlagen ab, um privaten Kapitalgebern weltweit Investitionen in öffentliche Infrastrukturprojekte zu erleichtern. 

Jens Zimmermann, Senior Equity Analyst, Energy & Utilities, Credit Suisse

Infrastructure – Closing the gap

China steht derweil mit seiner Initiative für eine neue Seidenstrasse – ein Treiber der globalen Infrastrukturentwicklung – an den Toren Europas. Im Dezember unterzeichnete das Reich der Mitte mit Portugal und im März mit Italien eine Absichtserklärung über chinesische Infrastrukturinvestitionen in diesen beiden Ländern. 

Zudem nimmt die Klimaschutzbewegung weltweit Fahrt auf. Damit wächst der Druck auf die Regierungen, Zielwerte für den Einsatz erneuerbarer Energien zu verabschieden. Um diese zu erreichen, müssen erhebliche Investitionen in die Infrastruktur getätigt werden, damit ein reibungsloser Übergang von der Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien gewährleistet ist.  

Dovish Fed: Solid base for infrastructure spending

Zu guter Letzt haben die grossen Zentralbanken einschliesslich der US-Notenbank unlängst ihre geldpolitischen Zügel wieder gelockert. Somit ist der Gegenwind für Infrastrukturinvestitionen von dieser Seite in einen Positivfaktor umgeschlagen. Die jüngste Rally des MSCI World Infrastructure Index scheint diese Einschätzung zu untermauern.

2.1  Transport

Stabile Umsätze erwartet

Bei unserem Subthema «Transport» haben wir unser Engagement bei Betreibern von Transportinfrastruktur wie Flughäfen, Mautstrassen und Eisenbahnen erhöht und es im Gegenzug bei Anbietern von Grundstoffen und Bauleistungen für Transportprojekte reduziert. 

Im letzten Jahr hatten steigende Zinsen die Infrastrukturinvestitionen gebremst. Positiv an höheren Zinsen ist jedoch, dass sie mit steigenden Inflationserwartungen einhergehen. Sollte sich der Preisauftrieb in den USA und Europa beschleunigen, könnten davon Infrastrukturbetreiber mit regulierten Geschäfts- und inflationsgeschützten Cost-plus-Pricing-Modellen profitieren.

Das Subthema «Transport» ist zudem tendenziell weniger konjunkturanfällig. So sind beispielsweise Transportinfrastrukturbetreiber quasi Monopolisten, betreiben bzw. besitzen sie doch nahezu einzigartige Vermögenswerte. Aus diesen umfangreichen Infrastrukturanlagen generieren sie in der Regel über mehrere Jahrzehnte hinweg stabile Umsätze und sind daher weniger den Schwankungen in der Gesamtwirtschaft ausgesetzt.

2.2  Energie und Wasser

Klimainitiativen nehmen Fahrt auf

Eine weitere Investitionslücke, die es zu schliessen gilt, sind die verfehlten Ziele bei den Treibhausemissionen. Die Reduktion der CO2-Emissionen aus der Energieerzeugung steht im Zentrum der Debatte über die Umstellung auf erneuerbare Energiequellen. Immer noch reichen die Zielvorgaben der Regierungen nicht aus, um die Emissionen so weit zu senken, dass die globale Erwärmung in den kommenden Jahrzehnten auf die im Pariser Klimaabkommen von 2015 festgeschriebenen 1.5 °C verglichen mit dem vorindustriellen Niveau begrenzt werden kann. Der Weltklimarat IPCC beschreibt verschiedene Wege, wie die Politik bis 2050 CO2-Neutralität erreichen und damit verhindern kann, dass die kritische Grenze von 1.5 °C überschritten wird. Erforderlich hierzu ist insbesondere ein signifikanter Ausbau der erneuerbaren Energien.

Der öffentliche Druck auf die Politik nimmt angesichts des zunehmenden Einflusses der Klimaaktivisten immer mehr zu. Die Regierungen werden daher wohl ehrgeizigere kurz- bis mittelfristige Zielwerte für den Einsatz erneuerbarer Energien formulieren. 

Projekte müssen folglich schneller umgesetzt werden als bisher geplant. Laut Prognosen der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien (IRENA) wird der Anteil der erneuerbaren Energiequellen an der weltweiten Stromerzeugung bis 2030 stark ansteigen. 

Bei der Umstellung auf erneuerbare Energiequellen bleibt die Kernenergie eine wichtige Brückentechnologie. Allerdings leidet diese seit der Atomkatastrophe in Fukushima im Jahr 2011 immer noch unter dem negativen Image in der Öffentlichkeit. In den nächsten Jahren wird es daher wohl mehr Stilllegungen von Kernkraftwerken als Neubauten geben: Schätzungen von IRENA zufolge wird die Kernenergie im Jahr 2050 nur noch etwa 4% zur weltweiten Stromerzeugung beitragen. 2015 lag dieser Wert noch bei 10%.

Die politischen Veränderungen werden weitreichende Folgen für Versorgungsbetriebe haben. Immer mehr grosse Stromerzeuger nehmen Wind- und Sonnenenergie in ihren Erzeugungsmix auf. In unserem Subthema «Energie und Wasser» bevorzugen wir daher Stromerzeuger, die ihre Geschäftsmodelle bereits anpassen, um zu führenden globalen Anbietern im Bereich erneuerbare Energien zu werden. 

Eine weitere Infrastrukturlücke tut sich mit der akuten Wasserknappheit in der Region Naher Osten und Nordafrika (MENA) auf. Dort leben laut Weltbank 6% der Weltbevölkerung, die jedoch nur über 1% der weltweiten Trinkwasserressourcen verfügen. Infolgedessen leiden 13 MENA-Länder unter bedrohlichem Wassermangel. 

Anteil erneuerbarer Energien an der gesamten Stromerzeugungskapazität

Um diese Versorgungslücke zu schliessen, hat sich die Region zum grössten Wasserentsalzungsmarkt der Welt entwickelt. Berechnungen der Weltbank zufolge entfällt heute beinahe die Hälfte der weltweiten Entsalzungskapazitäten auf diesen Teil der Welt.

Die Entsalzungsprojekte weisen jedoch hohe CO2-Emissionen auf. Zur Senkung dieser experimentieren die Länder im Nahen Osten und Nordafrika daher mit weniger energieintensiven Prozessen.

Die Weltbank schätzt, dass die unzureichende Wasserversorgung und Abwasserentsorgung die MENA-Staaten jährlich rund USD 21 Mrd. kostet. Gelingt es der Region nicht, ihre Wasserlücke zu schliessen oder zumindest zu verkleinern, wird der klimabedingte Wassermangel Prognosen der Weltbank zufolge bis 2050 Kosten für die Region in Höhe von 6 bis 14% ihres Bruttoinlandprodukts verursachen. 

2.3  Erschwinglicher Wohnraum 

Eine globale Herausforderung

Die Suche nach erschwinglichem Wohnraum bleibt ein Thema, das viele Haushalte in den Städten der Industrieund Schwellenländer gleichermassen betrifft. Ein gutes Beispiel ist Deutschland. Dort sind die Mieten für eine 80 Quadratmeter grosse Wohnung in Grossstädten in den letzten zehn Jahren sprunghaft gestiegen: in Berlin um 80%, in München um 65%, in Stuttgart um 60% und in Frankfurt um 50%. Zu diesem Ergebnis kommt das Frühjahrsgutachten Immobilienwirtschaft 2019 des Zentralen Immobilien Ausschuss (ZIA). Mietwohnungen in diesen Städten werden somit immer teurer. 

Eine weitere Erklärung für die explodierenden Mieten sind nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung die steigenden Baukosten infolge strengerer Bauvorschriften sowie Standards für erneuerbare Energien. 

In London plant Bürgermeister Sadiq Khan im Kampf gegen die aktuelle Wohnungsnot, private Bauherren von der Pflicht zur Offenlegung der Rentabilität ihres Projekts zu befreien. Dazu müssen Letztere mindestens 35% der Wohnungen für erschwinglichen Wohnraum vorsehen. 

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen legen wir bevorzugt in Wohnungs- sowie Baugesellschaften an, die Wohnungen für Menschen mit niedrigerem Einkommen in Schwellenländern und erschwinglichen Wohnraum in Industrieländern bauen. 

2.4  Telekom-Infrastruktur

Versprechen der nächsten Generation

Für die Einführung der mobilen Datenübertragungstechnologie der fünften Generation (5G) ist neue TelekomInfrastruktur erforderlich. Gleichzeitig stellt 5G den nächsten grossen Investitionszyklus für die Mobilfunkindustrie dar. Laut Schätzungen der GSM Association steigt der mobile Datenverkehr pro Nutzer und Monat bis 2024 um beinahe das Fünffache auf 24 Gigabyte an.

Mobilfunkbetreiber in den USA und Südkorea haben 2018 als erste 5G eingeführt. Die nächste Einführungswelle kommerzieller 5G-Dienste wird Erwartungen zufolge in Japan, China und Europa stattfinden. Strategy Analytics prognostiziert, dass China mit einem Anteil am globalen Markt von 46% (gegenüber 16% für die USA) im laufenden Jahr zum 5G-Marktführer avanciert. Weltweit wird der Infrastrukturmarkt für das 5G-Funkzugangsnetz zwischen 2018 und 2022 Schätzungen zufolge mit einer durchschnittlichen Rate von 67% wachsen und ein Volumen von mehr als USD 7 Mrd. erreichen. 

Bei der Auswahl der Unternehmen im Rahmen unseres Subthemas «Telekom-Infrastruktur» richten wir den Fokus auf Infrastrukturanbieter mit Bezug zum 5G-Standard wie Rechenzentren, Funkturmbetreiber und Ausrüstungshersteller. Funkturmbetreiber sollten dank der bevorstehenden 5G-Implementierung ein starkes Wachstum verzeichnen, da die Nachfrage nach grösseren Bandbreiten wächst. Zudem muss die Übertragungsdistanz zwischen den Türmen geringer werden, um eine nahtlose 5G-Abdeckung zu ermöglichen. Folglich werden mehr Funktürme benötigt bzw. werden Mobilfunkanbieter diese gemeinsam nutzen, indem sie sie in neue Unternehmen einbringen, um ihre jeweilige Abdeckung zu erhöhen. Telecom Italia und Vodafone Italia haben eine Vereinbarung zur gemeinsamen Nutzung ihres 5G-Netzes unterzeichnet und werden möglicherweise ihre Telekommunikationsmasten in Italien in einem Unternehmen bündeln. Dies scheint unsere Einschätzung zu bestätigen.

Erkenntnisse für Anleger

Hauptnutzniesser dieses zweiten Supertrends sind unseres Erachtens:

  • Betreiber von Transportinfrastruktur wie Flughäfen, Mautstrassen und Eisenbahnen mit regulierten Geschäfts- und inflationsgeschützten Cost-plus-Pricing-Modellen, mit denen sie Kostensteigerungen über höhere Preise an ihre Kunden weitergeben können. 
  • Versorgungsbetriebe mit einem wachsenden Anteil erneuerbarer Energien am Erzeugungsmix. Die Energiewende erfordert intelligentere Übertragungsnetze (Smart Grids) und Energiespeichertechnologien, um die Stromversorgung zu gewährleisten, da mehr Energie aus erneuerbaren Quellen gewonnen wird.
  • Wohnungs- und Baugesellschaften, die Wohnungen für Menschen mit niedrigerem Einkommen in Schwellenländern und erschwinglichen Wohnraum in Industrieländern anbieten.
  • Unternehmen, die Infrastrukturausrüstung für die Einführung der mobilen Datenübertragungstechnologie der fünften Generation bereitstellen (Rechenzentren, Funkturmbetreiber, Ausrüster).
  • Infrastrukturlücke: Das Defizit zwischen erforderlichen Infrastrukturinvestitionen und den Projekten, die tatsächlich umgesetzt werden. 
  • CO2-Neutralität: Alle Treibhausgasemissionen würden durch negative Emissionen eliminiert oder kompensiert, da ansonsten die Erderwärmung bis 2050 nicht auf 1.5 °C über dem vorindustriellen Niveau begrenzt werden kann.