Infrastruktur – Lücken schliessen

Das Thema Infrastruktur ist zwar im Vergleich zu 2016 auf Anlegerseite etwas in den Hintergrund gerückt. Der Bedarf an Infrastrukturverbesserungen und
-investitionen ist aber ungebrochen. Wir sind von diesem Thema daher nach wie vor überzeugt und nehmen mit Telekom-Infrastruktur ein weiteres Subthema mit auf. Wir gehen davon aus, dass die 5G-Netze als interessanter Katalysator wirken werden. Zudem richten wir den Fokus nun auch auf einen Kontinent, der bei thematischen Anlagen oftmals ausser Acht gelassen wird: Afrika, einer der Kontinente mit dem höchsten Nachholbedarf bei Investitionen, in dem sich China allerdings stark engagiert.

Infrastruktur hat weltweit nach wie vor Priorität. Beim G20-Gipfel 2018 in Buenos Aires steht Infrastruktur als Thema auf der Agenda, was die Bedeutung unterstreicht. Dem globalen Infrastrukturausblick der G20-Staaten zufolge dürften bis 2040 weltweit schätzungsweise USD 94 Bio. an Infrastrukturinvestitionen erforderlich sein. Die Investitionslücke zwischen den erforderlichen Investitionen und den Projekten, die tatsächlich umgesetzt werden, könnte sich bis dahin auf USD 15 Bio. belaufen. Laut der G20-Gruppe gingen die Infrastrukturausgaben in den Krisenjahren 2011/2012 zurück, haben sich seither allerdings erholt. Sie stiegen 2015 um 4.4% und 8.6% in 2016. Angesichts der Aussicht auf steigende Zinsen und Finanzierungskosten rechnen wir mit neuerlichen Bemühungen zur Verbesserung der Infrastrukturpipelines. Die angespannte Finanzlage im öffentlichen Sektor spricht nach wie vor für öffentlich-private Partnerschaften (Public Private Partnerships, PPPs), die Zugang zu privaten Anlagegelegenheiten bieten.

Infrastrukturanleger sollten gewisse Risiken genau im Auge behalten. Damit PPPs erfolgreich sein können, sind starke Institutionen, kompetente Behörden, staatliche Garantien und eine politische Bereitschaft vonnöten. In Lateinamerika befinden sich Mexiko und Brasilien unseres Erachtens in diesem Hinblick in einer deutlich schlechteren Position als z.B. Chile, Kolumbien und Peru. In Europa zählt Grossbritannien mit Blick auf privat betriebene Infrastruktur allgemein zu den fortschrittlichsten Ländern, in einem aufgeheizten politischen Umfeld könnte die Diskussion über die Qualität dieser Leistungen aber eine neue Dimension erreichen. Spanien verfügt ebenfalls über eine langjährige Tradition von Infrastruktur-PPPs, da das Land bereits Ende der 1960er-Jahre Konzessionen für seine Autobahnen eingeführt hatte. Dagegen mangelt es in Deutschland nach wie vor an öffentlicher Unterstützung für Infrastruktur-PPPs, da die Deutschen der Ansicht sind, dass die öffentliche Infrastruktur ausschliesslich durch Steuergelder finanziert werden sollte. In allen Fällen können Anleger das Risiko senken, indem sie ESG-Kriterien bei ihrer Anlageauswahl berücksichtigen und Unternehmen meiden, die einem Länderrisiko ausgesetzt sind.

2.1    Transport

Laut dem Infrastrukturausblick der G20-Staaten weisen die Infrastrukturinvestitionen im globalen Transportsektor bis 2040 das grösste Potenzial auf. Dies gilt vor allem für den Strassenverkehr. Von dem weltweit für den Zeitraum zwischen 2016 und 2040 prognostizierten Bedarf an Infrastrukturinvestitionen in Höhe von USD 94 Bio. entfallen 53% auf die Transportinfrastruktur. Investitionen in die Strasseninfrastruktur dürften 36% des Gesamtbedarfs ausmachen. Wenig überraschend antizipiert der G20-Infrastrukturausblick die grösste Investitionslücke bis 2040 im Transportsektor. Die Lücke dürfte sich auf insgesamt USD 15 Bio. belaufen. Davon entfallen 69% auf die Transportinfrastruktur.

Zwar wurde der Initiative «One Belt, One Road» und somit Asien viel Aufmerksamkeit zuteil. Unserer Ansicht nach sind aber auch Afrika und Lateinamerika hervorzuheben. Die Afrikanische Entwicklungsbank rechnet bis 2025 mit jährlichen Investitionskosten für den Strassen-, Schiffs-, Schienen- und Luftverkehr von USD 35 bis 47 Mrd. 80% dieser Investitionen werden zum Erhalt der bestehenden Infrastruktur benötigt, und 20% fliessen in neue Projekte. In Lateinamerika sind über 60% der Strassen unbefestigt. Im Gegensatz dazu liegt dieser Wert in den asiatischen Schwellenländern bei 46% und in Europa bei nur 17%. Der Transport von Produkten auf dem Schienenweg innerhalb eines lateinamerikanischen Landes nimmt oftmals mehr Zeit in Anspruch als der Versand nach Europa per Schiff.

In beiden Regionen ist China ein bedeutender Partner und Katalysator. In Lateinamerika beteiligen sich chinesische Banken stärker als die Weltbank und die Interamerikanische Entwicklungsbank zusammen. In Afrika stellte China in den letzten fünf Jahren durchschnittlich 15% aller Infrastrukturinvestitionen bereit, während 40% der Projektfinanzierung von den afrikanischen Regierungen getragen wurde.

2.2    Energie und Wasser

Schätzungen der Internationalen Energiebehörde (IEA) zufolge dürfte der globale Elektrizitätsbedarf um knapp 70% von 23’318 Terawattstunden (TWh) im Jahr 2013 auf beinahe 40’000 TWh 2040 steigen. Der Grossteil dieser Nachfrage dürfte auf die Nicht-OECD-Staaten entfallen.

Angesichts des steigenden Strombedarfs wird mit einem Anstieg der installierten Stromerzeugungskapazitäten um rund 80% von 5884 Gigawatt (GW) im Jahr 2013 auf etwa 10’500 GW im Jahr 2040 gerechnet. In den Nicht-OECD-Staaten wird sich die installierte Kapazität mehr als verdoppeln müssen, vor allem in China und Indien. Die IEA schätzt, dass bis 2040 rund USD 19.7 Bio. an Investitionen in den globalen Stromsektor erforderlich werden. Davon entfallen USD 11.3 Bio. auf neue Stromkraftwerke mit einer Kapazität von 6700 GW und USD 8.4 Bio. auf neue Transport- und Verteilungsinfrastruktur.

Die Regierungen bemühen sich zunehmend um ein Gleichgewicht zwischen politischen Zielsetzungen und der Einhaltung strengerer Umweltstandards. Als Folge dürfte sich der Brennstoffmix  für die Stromerzeugung von Kohlenwasserstoffen in Richtung eines grösseren Anteils erneuerbarer Energiequellen verlagern. Während sich der Anteil von Öl und Gas (24% – 26%), Kernkraft (11% – 12%) und Wasserkraft (16%) zwischen 2013 und 2040 stabil halten dürfte, wird damit gerechnet, dass Kohle am stärksten von erneuerbaren Energien verdrängt wird.

Zwar nimmt die Stromerzeugung aus Kohle nach wie vor mit einer jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 0.8% zu. Der Gesamtanteil am Brennstoffmix dürfte aber von 41% im Jahr 2013 auf 30% im Jahr 2040 zurückgehen. Dagegen könnte die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien bis 2040 das stärkste Wachstum verzeichnen (CAGR von 6.5%), wobei der Anteil am Brennstoffmix von nur 6% (2013) auf 18% (2040) steigen würde. Trotz des prognostizierten deutlichen Rückgangs der Stromerzeugung aus Kohlekraft wird Kohle 2040 weiterhin die grösste Brennstoffquelle darstellen. Schätzungen der IEA zufolge werden 2040 nach wie vor 54% des Stroms in Wärmekraftwerken aus Kohlenwasserstoffen (hauptsächlich Kohle und Gas) produziert werden.

Die Erneuerung der Wasserinfrastruktur ist für die Versorgung der Bevölkerung genauso wichtig wie der Stromnetzausbau. Beispielsweise werden in den USA in Haushalten, Fabriken und Büros täglich 159 Mrd. Liter Wasser verbraucht. Die Trinkwasserversorgung erfolgt über ein Rohrnetz, von dem ein Grossteil Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts verlegt wurde und das eine Gebrauchsdauer von 75 bis 100 Jahren aufweist. Da Versorgungsunternehmen die Rohre mit einer durchschnittlichen Rate von 0.5% pro Jahr ersetzen, würde es schätzungsweise 200 Jahre dauern, um das bestehende Rohrnetz vollständig zu ersetzen.

2.3    Erschwinglicher Wohnraum

Erschwinglicher Wohnraum ist nach wie vor aktuell in vielen teuren westlichen Hauptstädten, aber auch in anderen Städten in den Industrie- und Schwellenländern. Laut dem Bloomberg Global City Housing Affordability Index, der die Erschwinglichkeit als prozentualen Anteil der durchschnittlichen monatlichen Wohnkosten am Einkommen bemisst, finden sich die teuersten Wohnimmobilien in Städten der Schwellenländer.

Regierungen gehen das Problem oftmals auf Ebene der Immobilienpreise an. So führte die deutsche Regierung städtespezifische Mietobergrenzen ein und plant neue Zuschüsse für potenzielle Hauskäufer. Privatunternehmen können wiederum bei den Wohnkosten tätig werden. Im Rahmen von Partnerschaften können Regierungen und private Immobilienentwickler gemeinsam unbebaute Grundstücke in Städten erschliessen, die sich in Staatsbesitz befinden. Zudem können Regierungen durch die Änderung von Flächennutzungsvorschriften die pro Wohneinheit genutzte Fläche erheblich verringern.

Zudem besteht Spielraum für Produktivitätssteigerungen in der Baubranche, die in den vergangenen 20 Jahren keine Produktivitätszuwächse verzeichnet hat. Gleichwohl können ein besseres Ingenieurswesen die Kapitalproduktivität erhöhen und fortschrittliche industrielle Bauverfahren zur Steigerung der Arbeitsproduktivität genutzt werden. Schätzungen von McKinsey zufolge sind durch Produktivitätssteigerungen Einsparungen bei den Produktionskosten von 30% und eine Verkürzung der Lieferzeiten um 40% bis 50% denkbar.

2.4    Telekom-Infrastruktur

Das neue Subthema, das wir im Rahmen dieses Supertrends vorstellen, ist Telekom-Infrastruktur. Das Marktforschungsunternehmen MarketsandMarkets erwartet, dass in diesem Jahr Netzwerkinfrastrukturinvestitionen in die mobile Datenübertragungstechnologie der fünften Generation (5G)  einsetzen und bis 2026 ein Volumen von USD 33 Mrd. erreichen. Dies entspräche einer jährlichen Wachstumsrate von 50.9%. Zudem stehen Investitionsprogramme zur Förderung der Einführung schneller Breitbandverbindungen an. So möchte die Europäische Kommission Europa bis 2025 in eine «Gigabit-Gesellschaft» transformieren und europäischen Haushalten Internetzugang mit mindestens 100 Mbps zu verschaffen.

Der globale Markt für Festnetz-Telekommunikationsausrüstung dürfte Angaben von Research and Markets zufolge zwischen 2017 und 2021 um 4.1% jährlich wachsen. Die politisch Verantwortlichen haben erkannt, dass eine starke Konnektivität die Grundlage für Fortschritte in der Digitalisierung darstellt, die den Volkswirtschaften wiederum einen Wettbewerbsvorteil bietet. Zwar wird die Auffassung vertreten, dass die Investitionen in den 5G-Standard weitgehend erst 2020 zum Tragen kommen. Allerdings scheinen sich die USA und China beim Ausbau des superschnellen Netzwerks bereits jetzt ein Wettrennen zu liefern. Parallel zu diesen Investitionen rechnen wir mit einer anhaltend starken Nachfrage nach Datenzentren, die aus Sicherheitsgründen zunehmend lokal eingerichtet werden dürften.

Erkenntnisse für Anleger

Hauptnutzniesser dieses zweiten Supertrends sind unseres Erachtens:

  • Unternehmen, welche Infrastrukturprojekte bauen und betreiben, und solche, welche die nötigen Konstruktionsmaterialien dazu liefern.
  • Versorgungsbetriebe mit einem wachsenden Anteil erneuerbarer Energien am Erzeugungsmix. Die Energiewende erfordert auch intelligentere Transmissionsleitungen und Energiespeichertechnologien.
  • Unternehmen, welche die Erschwinglichkeit von Wohnraum verbessern, indem sie die Entwicklungskosten mittels standardisierter Bauverfahren senken.
  • Anbieter von 5G-Netzwerk-Ausrüstungen und Datencenter-Kapazität.

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Ihren Berater bei der Credit Suisse.

  • Investitionslücke: Das Defizit zwischen erforderlichen Infrastrukturinvestitionen auf Grundlage wirtschaftlicher und demografischer Wachstumsprognosen und den Projekten, die tatsächlich umgesetzt werden.
  • Brennstoffmix: Der Anteil verschiedener primärer Energiequellen an der Stromerzeugung. Es ist unklar, in welchem Masse erneuerbare Energien Kohlenwasserstoffe im globalen Brennstoffmix verdrängen werden.
  • Fünfte Generation (5G): Die fünfte Generation der Mobilfunktechnologie, die die Geschwindigkeit, Abdeckung und Reaktionsfähigkeit drahtloser Netzwerke deutlich steigern dürfte.