Unzufriedene Gesellschaften – multipolare Welt

Als wir den Supertrend Unzufriedene Gesellschaften – multipolare Welt lancierten, beschäftigten wir uns mit den Ursachen des politischen und wirtschaftlichen Wandels. Wir gingen davon aus, dass weltweit neue Regierungen ihre Volkswirtschaften stärken würden, indem sie Arbeitsplätze schaffen, für Lohnerhöhungen sorgen und gewisse Branchen stärker regulieren oder besteuern. Eine Steigerung des Wohlstands der Mittelschicht sowie Sicherheit und Verteidigung dürften dabei Priorität haben. Ausserdem rechneten wir damit, dass die Schwellenländer ihrer eigenen Wirtschaftskraft und ihren eigenen Konsumenten einen höheren Stellenwert einräumen würden.

Globale Handelsstreitigkeiten erregen seit Anfang 2018 die Aufmerksamkeit der Märkte und Medien und sind noch längst nicht überstanden. Verhandlungen über das NAFTA-Abkommen sowie zwischen den USA und China laufen, was darauf schliessen lässt, dass aktiv nach einem Konsens gesucht wird. Letztlich könnte sich dies äusserst positiv auf die Märkte auswirken. Gleichzeitig könnten aber die Handelsdrohungen auch in die Realität umgesetzt werden, was Gewinner und Verlierer zur Folge hätte.

1.1    Nationale Champions und Marken

Unternehmen waren von diesen Entwicklungen unmittelbar betroffen. So untersagte das US Bureau of Industry and Security im April US-Unternehmen für sieben Jahre den Verkauf von Produkten an ZTE, einen chinesischen Hersteller von Telekomausrüstung und Mobiltelefonen. Grund war die Verletzung von Sanktionen gegen den Iran und Nordkorea durch ZTE. Die chinesische Regierung kündigte prompt Gegenmassnahmen an, darunter Zölle von 25% auf US-amerikanische Produkte im Wert von USD 50 Mrd. Der Fall ist beispielhaft für die aktuellen Handelsstreitigkeiten.

In einem solchen Umfeld erscheinen nationale Champions – heimische Grossunternehmen mit umfangreicher inländischer Belegschaft und einer starken regionalen Produktnachfrage – weniger anfällig. Oftmals profitieren sie von staatlicher Unterstützung wie Subventionen für inländische Investitionen oder von Lobbyarbeit, was ihre Anfälligkeit für protektionistische Massnahmen wie Zölle verringert. Nationale Champions mit globalen, angesehenen Marken – wir nennen sie nationale Marken – sind dank einer loyalen und diversifizierteren Kundenbasis noch besser geschützt.

1.2    Sicherheit und Verteidigung

Sicherheit bleibt ein zentrales Anliegen der Mittelschicht. In den westlichen Ländern ist die Zahl der Terroranschläge laut den AON Risk Maps 2018 im Jahr 2017 stark gestiegen – von 96 im Vorjahr auf 204. Terrorismus bereitet daher weiterhin grosse Sorgen. Diverse Vorfälle verdeutlichen die Notwendigkeit physischer Sicherheitsmassnahmen wie Ausweis- und Zugangskontrolle, Personenschutz oder Sprengstoffdetektion.

Unterstützung durch intelligente Schlösser und Drohnen

Die Branche nutzt zunehmend Software-Lösungen. Bei privaten Konsumenten beispielsweise geht der Trend hin zu intelligenten Schlössern (Smart Locks) wie Amazon Key. Smart Locks gewähren Zutritt mithilfe eines Schlosses, einer Kamera und einer App. Unternehmen und Institutionen fragen vermehrt Überwachungskameras nach, die mittels Deep Learning die Musteranalyse verbessern und den Nutzer bei atypischen Aktivitäten warnen. Das erlaubt eine proaktive Prävention.

Dank technischer Fortschritte werden Drohnen zunehmend als Perimeterschutz eingesetzt, z.B. bei öffentlichen Veranstaltungen wie Sportereignissen. Gleichzeitig erfordert der häufigere Einsatz von Drohnen eine bessere Drohnenerkennung für den Schutz von gesperrtem Luftraum, hat doch die Zahl von Beinahekollisionen in den letzten Jahren zugenommen. Investitionen in solche Technologien werden oftmals durch strengere Sicherheitsvorschriften ausgelöst. So müssen beispielsweise nach einer EU-Verordnung aus dem Jahr 2011 die Gepäckkontrollsysteme an Flughäfen bis 2020 modernisiert werden, um vor neuen Arten von Bedrohungen zu schützen.

Die Bedeutung von Cybersicherheit

Da immer mehr Geräte mit dem Internet verbunden sind, wird Cybersicherheit zunehmend wichtiger. Equifax, eine führende US-Kreditauskunft, gab im September 2017 bekannt, dass Hacker persönliche Daten von 143 Millionen US-Konsumenten gestohlen hatten. Innerhalb einer Woche brach der Aktienkurs um ein Drittel ein. Ransomware wie NotPetya oder WannaCry verursachte 2017 enorme Schäden. Angriffe sind äusserst kostspielig für Unternehmen. So schmälerte der Angriff von NotPetya den Gewinn der Reederei Maersk nach eigenen Angaben um USD 250 bis 350 Mio. Zwar hat die Verbreitung von Ransomware stark zugenommen. Laut NTT Security sind die Schäden aber dank besserer Erkennung und effektiverer Richtlinien zurückgegangen. Angaben von Accenture zufolge haben sich die Gesamtkosten der Abwehr von Cyberangriffen in den letzten Jahren deutlich erhöht.

Geopolitische Risiken

Das geopolitische Umfeld bleibt fragil und stellt daher einen weiteren Problembereich dar. Auf der koreanischen Halbinsel, wo ein mögliches Treffen zwischen US-Präsident Trump und dem nordkoreanischen Führer Kim Jong-un die Hoffnung auf ein friedliches Ende der nuklearen Spannungen geweckt hat, zeichnet sich eine Verbesserung ab. Allerdings bleibt die Lage im Nahen Osten, in Syrien und auch im Chinesischen Meer angespannt. Darüber hinaus werden die Verteidigungsausgaben angesichts des raschen technologischen Wandels und des zwischenstaatlichen strategischen Wettbewerbs, der den Terrorismus als wichtigstes nationales Sicherheitsanliegen der USA überholt hat, weiter steigen, beispielsweise in Raumfahrt, künstliche Intelligenz, Cyber- oder Hyperschalltechnologie.

1.3    Konsumenten in den Schwellenländern

Als Hauptnutzniesser der Globalisierung werden die Schwellenmärkte oft als stark vom internationalen Handel abhängig angesehen. Dies gilt zwar für einige exportorientierte Länder wie Südkorea und Argentinien, nicht aber für die Mehrheit der Schwellenländer, deren Exporte höchstens ein Drittel des BIP ausmachen. Von noch grösserer Bedeutung ist, dass die Schwellenländer über einen starken inländischen Wachstumstreiber verfügen: ihre eigenen Konsumenten. Eine junge Bevölkerung und der Aufstieg der Mittelschicht bilden eine solide Basis für ein nachhaltiges Konsumwachstum. Die aktuelle Credit Suisse Emerging Consumer Survey zeigt, dass sich die Konsumentenstimmung in asiatischen Ländern wie China, Indien und Indonesien, die über die robustesten Endverbrauchermärkte verfügen, verbessert. Positive Trends sind auch in rohstoffexportierenden Ländern wie Brasilien und Russland erkennbar. Parallel sind jüngst auch in Schwellenländern Strömungen frustrierter Bürger und Übergänge zu populistischen Regierungen zu beobachten. Daher könnten auch dort binnenwirtschaftlich orientierte Sektoren und nationale Champions ein gewisses strategisches Gewicht erhalten.

Die schnell wachsende Verbreitung von Smartphones ermöglicht Konsumenten in den Schwellenländern ein breites Spektrum an Online-Aktivitäten. Smartphones bieten nicht nur Zugang zu E-Commerce-Plattformen, sondern dienen auch als digitale und mobile Geldbörsen. Die grösste Aktivität ist bei jüngeren Konsumenten zu beobachten, aber in China und Indien sehen wir auch einen hohen Anteil an Konsumenten mittleren Alters.

Erkenntnisse für Anleger

Hauptnutzniesser dieses ersten Supertrends sind unseres Erachtens:

  • Nationale Champions sind stärker gegen Handelsspannungen und merkantilistische Massnahmen der Regierungen geschützt. Nationale Marken sind nationale Champions mit starken Marken und dürften besser gegen Handelssorgen gewappnet sein.
  • Sofern die Handelsabkommen weiter bestehen, dürften nationale Marken und traditionelle exportorientierte Unternehmen oder globale Industrieunternehmen gut aufgestellt sein. Auch Newcomer aus Schwellenländern könnten weitere Marktanteile gewinnen.
  • Unternehmen, die physische und Cybersicherheit bieten, sollten von höheren Sicherheitsausgaben profitieren. Unternehmen mit starken Softwarefähigkeiten sind besser positioniert.
  • In den Schwellenländern ist eine wachsende Mittelschicht zunehmend online aktiv, wovon Konsumunternehmen mit einem starken Onlineangebot profitieren sollten.

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Ihren Berater bei der Credit Suisse.

  • Ransomware: Eine Art von Malware, die den Zugang zu einem Computersystem blockiert. Die Angreifer geben den Zugang für gewöhnlich nur gegen Bezahlung wieder frei. Zu den typischen Verbreitungsformen zählen Phishing oder Sicherheitslücken.
  • Hyperschall: Hyperschall bezieht sich auf eine Geschwindigkeit von Mach 5 – 10 (oder 6174 – 12’348 km/h), was der 5 – 10-fachen Schallgeschwindigkeit entspricht.