Unzufriedene Gesellschaften

Weltweit vollzieht sich ein Wandel vom politischen Establishment hin zu populistischen Führungskräften und Aussenseitern, die eine Priorisierung nationaler Interessen versprechen. Laut der schwedischen Denkfabrik Timbro sind populistische Parteien in jedem dritten europäischen Land an der Regierung beteiligt. In den USA verstärken sich die Anzeichen einer weiteren Polarisierung der Gesellschaft im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2020. Der Wandel zu einer multipolaren Welt zeigt sich auch in den Handelsspannungen der USA mit China. Unseres Erachtens sind Unternehmen aus dem Sicherheitsbereich, nationale Champions und Marken in den Industrieländern und Konsumunternehmen in den Schwellenländern am besten positioniert.

1.1  Nationale Champions und Marken

Nach wie vor gut positioniert

Zwar ist der Populismus bereits seit über zehn Jahren auf dem Vormarsch. Die wirtschaftlichen Folgen kamen weltweit aber erst letztes Jahr allmählich zum Tragen, als sich die Handelskonflikte verschärften. Dabei erachtet die Welthandelsorganisation (WTO) die Handelsspannungen als das grösste Risiko für ihre Wachstumsprognosen für 2019 und 2020. Zwischen Mitte Oktober 2017 und Mitte Oktober 2018 führten WTO-Mitglieder 137 neue handelsbeschränkende Massnahmen ein, darunter Einfuhrzölle, Mengenbeschränkungen oder Ausfuhrzölle, die sich auf Transaktionen im Wert von USD 588.3 Mrd. auswirken – sieben Mal mehr als im Vorjahreszeitraum. 

In seinem Global Risks Report 2019 stellt das Weltwirtschaftsforum (WEF) fest, dass die Risiken weltweit zunehmen, die gemeinsame Bereitschaft, diese anzugehen, jedoch zu wünschen übrig lässt. Stattdessen ist eine immer stärkere Spaltung zu beobachten. Als grösste kurzfristige Risiken gaben die Befragten im Rahmen des WEF-Berichts die Konflikte oder Spannungen zwischen den grössten Wirtschaftsmächten sowie die Erosion multilateraler Handelsregeln und -vereinbarungen an. 

Die Handelsbeziehungen werden wohl auch in diesem Jahr weltweit im Fokus stehen. Die USA und China setzen ihre Handelsgespräche fort, konnten aber bislang keine Einigung erzielen. Auch Europa scheint seinen Handelsansatz zu überdenken. Anfang 2019 stellte der deutsche Wirtschaftsminister Peter Altmaier die «Nationale Industriestrategie 2030» vor, die eine Stärkung nationaler und europäischer Champions vorsieht, um im High-Tech-Sektor florieren zu können.

Dieser Plan kann als Reaktion auf die jüngsten Bemühungen anderer Länder erachtet werden, ihre Binnenwirtschaft und die High-Tech-Branche anzukurbeln, darunter die von US-Präsident Donald Trump verfolgte Doktrin «America First» und Chinas Initiative «Made in China 2025». 

Unseres Erachtens sind nationale Champions (heimische Grossunternehmen mit umfangreicher inländischer Belegschaft und einer starken regionalen Nachfrage) und nationale Marken (nationale Champions mit angesehenen Marken und einem loyalen globalen Kundenstamm) nach wie vor gut positioniert, um von den Veränderungen im Handelsumfeld zu profitieren. Als die Handelsspannungen 2018 zunahmen und die Aktienmärkte unter Druck gerieten, liessen nationale Champions die globalen Aktienmärkte hinter sich. Zudem haben sie in der aktuellen Marktrally attraktive absolute Erträge verbucht, was unserer Ansicht nach ein attraktives Risiko-Ertrags-Profil ergibt.

Reto Hess, Head of Single Security Research,
Equity & Industrials, Credit Suisse

Angry societies - Multipolar world

1.2  Sicherheit und Verteidigung

Bedrohungen an vielen Fronten 

Viele Menschen sorgen sich weiterhin wesentlich um Sicherheit und Schutz. Ganz oben auf der Sorgenliste rangieren laut einer von Ipsos Public Affairs durchgeführten Umfrage dabei Verbrechen und Gewalt. Dagegen haben die Sorgen in Bezug auf Terrorismus laut Ipsos in einigen Industrieländern seit der Lancierung unserer Supertrends im Frühling 2017 nachgelassen. Doch die Terrorgefahr beschäftigt die Menschen weiterhin. Somit kann mit einer anhaltenden Nachfrage nach Sicherheitskräften und Überwachungstechnologien wie intelligente Kameras, Drohnen und Zugangskontrollen gerechnet werden.   

Was die Welt bewegt

Wettlauf um Verteidigungstechnologie

nnerhalb des Verteidigungssektors liegt der Fokus weiterhin auf neuen Technologien. Dem US-Verteidigungsministerium zufolge sind technologische Fortschritte in Bereichen wie fortschrittliche Computersysteme, Big-Data-Analytik, künstliche Intelligenz (KI), Robotik, Energiewaffen, Biotechnologie und Hyperschalltechnologie entscheidend für den Sieg bei künftigen Kriegen. Die USA weisen nach wie vor die mit Abstand höchsten Verteidigungsausgaben auf: Der Haushaltsentwurf von US-Präsident Trump sieht ein Budget von USD 718.3 Mrd. für das Verteidigungsministerium für 2020 vor, um im Wettbewerb mit China und Russland führend zu bleiben. Das US-Verteidigungsbudget umfasst den grössten Forschungs- und Entwicklungsauftrag seit sieben Jahrzehnten, der Investitionen in neue Technologien und Cybersicherheit einschliesst. Wir gehen davon aus, dass dieser globale Technologiewettlauf auf absehbare Zeit  bestehen bleibt. Der langfristige Ausblick für Verteidigungsausgaben ist angesichts des zunehmenden Haushaltsdefizits in den USA jedoch mit grösserer Unsicherheit behaftet.

Dringender Bedarf an Datenschutz 

Bei Sicherheit und Verteidigung erachten wir Datenschutzlösungen als das vielversprechendste Anlagesegment. Social-Media-Anwendungen weisen weiterhin ein rasantes Wachstum auf. Gleichzeitig nimmt auch die Zahl der vernetzten Geräte wie Smartphones, Smart Homes oder intelligente Sprachassistenten stark zu. Dem Forschungsund Beratungsunternehmen Gartner zufolge steigt die Zahl der mit dem Internet der Dinge (IdD) verbundenen Verbrauchergeräte von 4 Milliarden im Jahr 2016 auf 12.9 Milliarden im Jahr 2020. 

In der Folge nimmt auch die Menge an verfügbaren persönlichen Daten enorm zu. Angaben der Europäischen Kommission zufolge könnte der potenzielle Wert persönlicher Daten europäischer Bürger bis 2020 auf beinahe EUR 1 Bio. jährlich ansteigen. Allerdings macht sich angesichts kontinuierlicher Datenpannen und Missbrauchsfälle Empörung unter Konsumenten und Politikern breit. Dabei fiel die Zahl der Datenpannen laut dem Data Breach Industry Forecast 2019 von Experian in der ersten Hälfte 2018 bereits höher aus als im Gesamtjahr 2017. Experian rechnet für 2019 unter anderem mit einer Datenpanne bei einem angesehenen Cloud-Anbieter und gibt zu verstehen, dass es sich hierbei lediglich um eine Frage der Zeit handle. Angreifer könnten sich dem Unternehmen zufolge auch Schwachstellen bei Touch-ID-Sensoren oder der Gesichtserkennung zunutze machen.

Als Reaktion auf diese anhaltenden Datenpannen und Missbrauchsfälle wurde die Regulierung im vergangenen Jahr verstärkt. Dabei etablierte vor allem die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) der Europäischen Union, die im Mai 2018 in Kraft trat, globale Standards in Bezug auf Datenschutz und -sicherheit. Kalifornien hat diesbezüglich ebenfalls Fortschritte erzielt. Der California Consumer Privacy Act wurde 2018 vom Gouverneur unterzeichnet und tritt 2020 in Kraft. Aufgrund der Grösse der kalifornischen Wirtschaft dürfte das neue Gesetz weitreichende Folgen für Unternehmen haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Gesetz in nationales Recht überführt wird, erscheint angesichts der Unterstützung beider Parteien recht hoch.

Interessanterweise gaben trotz des zunehmenden regulatorischen Drucks und der damit verbundenen finanziellen Folgen nur 52% der im Rahmen der Untersuchung des Ponemon Institute mit dem Titel «Is Your Company Ready for a Big Data Breach?» aus dem Jahr 2018 befragten Unternehmen an, dass sie über einen äusserst wirksamen Reaktionsplan für Datenpannen verfügen. Die Umfrage verdeutlichte zudem, dass nur 20% der Unternehmen vollumfänglich für einen IdD-Angriff gewappnet sind. Diese Trends bestätigen unsere Ansicht, dass Unternehmen weiterhin Investitionen in Prozesse und Technologien zum Schutz persönlicher Daten tätigen müssen. 

1.3  Konsumenten in den Schwellenländern

Reisen als Wachstumsbereich

In einer zunehmend multipolaren Welt stellt das Schwellenländerwachstum nach wie vor ein wesentliches Subthema dar. Einem Bericht des Brookings Institute zufolge stellte der September 2018 in diesem Hinblick einen globalen Wendepunkt dar. Die Zahl der Menschen, die in Haushalten der Mittelschicht leben oder als reich gelten, überstieg erstmals die Hälfte der Weltbevölkerung. Und das Wachstum der Mittelschicht wird sich laut dem Bericht von Brookings rasant fortsetzen: von derzeit 3.6 auf 4 Milliarden Menschen bis Ende 2020 und 5.3 bis 2030. Der Grossteil dieses Wachstums entfällt auf Asien, wo beinahe 90% der nächsten Milliarde von Konsumenten aus der Mittelschicht stammen werden. Dies unterstreicht das umfangreiche Potenzial der Region.

Trotz des vielversprechenden Ausblicks entwickelten sich Konsumaktien aus den Schwellenländern 2018 recht enttäuschend. Dies war der allgemeinen Schwäche von Schwellenländeraktien, der erhöhten Unsicherheit infolge der Handelsstreitigkeiten, fiskalpolitischen Straffungsmassnahmen und länderspezifischen Faktoren wie Wahlen geschuldet. In Anbetracht der positiven längerfristigen Fundamentaldaten erachten wir Schwächephasen allerdings als mögliche Kaufgelegenheiten bei Konsumaktien aus den Schwellenländern, so z.B. die Korrektur im 4. Quartal 2018 und die anschliessende Erholungsphase im 1. Quartal 2019. Die Stimmung in den Schwellenländern hat sich jüngst aufgehellt. Die Emerging Consumer Survey 2019 des Credit Suisse Research Institute bestätigte, dass die durchschnittlichen Werte der Stimmungsindikatoren (persönliche Finanzen und Einkommenserwartungen) 2018 gestiegen sind. 

Angesichts des höheren verfügbaren Einkommens werden die Ermessensausgaben unter Konsumenten aus Schwellenländern steigen. So sind etwa Autoverkäufe stark angestiegen. Die Millennials aus den Schwellenländern, die aufgrund ihres überdurchschnittlichen Einkommens eine wichtige Zielgruppe darstellen, könnten diese Entwicklung bremsen. Im Rahmen der Umfrage bekundeten weniger Verbraucher aus Brasilien, China, Indien und Mexiko im Alter von 18 bis 29 Jahren Interesse an einem Autokauf. 

Verteilung des Durchschnittseinkommens nach Altersgruppe, 2018

Reisen sind nach wie vor eine attraktive Freizeitbeschäftigung für Konsumenten aus Schwellenländern. Die Umfrage zeigte auf, dass die Zahl der Konsumenten aus Schwellenländern, die mindestens eine Ferienreise plant, nach wie vor hoch ausfällt. Dementsprechend stellt der Flugverkehr weiterhin einen Lichtblick dar, denn die Zahl der Ferienfluggäste nimmt stetig zu.

Die International Air Transport Association (IATA) rechnet mit einem starken Anstieg des Fluggastaufkommens auf 8.2 Milliarden Passagiere im Jahr 2037. Dies entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 3.5% in den nächsten zwei Jahrzehnten. Den grössten Wachstumstreiber stellt dabei nach Aussage der IATA die Region Asien-Pazifik dar, auf die über die Hälfte der Neupassagiere entfällt. Der Verband rechnet damit, dass China Mitte der 2020er-Jahre die USA als grössten Flugverkehrsmarkt ablösen wird. Indien wird etwa 2024 den dritten Platz einnehmen und dabei Grossbritannien überholen. Und Indonesien wird sich laut IATA bis 2030 auf dem vierten Platz positionieren. Unseres Erachtens werden sowohl Fluggesellschaften, Flughäfen, Duty-Free-Geschäfte und Hotels als auch Reiseveranstalter vom rasanten Wachstum des Flugverkehrs und der Tourismusbranche in den Schwellenländern profitieren.

Erkenntnisse für Anleger

Hauptnutzniesser dieses ersten Supertrends sind unseres Erachtens:

  • Nationale Champions, die besser vor Handelsspannungen und protektionistischen Massnahmen der Regierung geschützt sind. Nationale Marken, die sogar noch besser gegen Handelssorgen gewappnet sein sollten.
  • Unternehmen, die physische und Cybersicherheit bieten und von höheren Sicherheitsausgaben profitieren sollten. Unternehmen, die effektive Lösungen zum Schutz persönlicher Daten anbieten und denen der zunehmende Fokus auf diesen Bereich zugutekommen dürfte.
  • Konsumunternehmen aus Schwellenländern, vor allem solche mit einem starken Onlineangebot, die vom Wachstum der Mittelschicht profitieren sollten.
  • Reisebüros, Hotels oder Restaurantketten in den Schwellenländern oder Flughäfen und Fluggesellschaften, die vor allem im Inland vom erhöhten Reiseaufkommen profitieren sollten.
  • Datenpanne: Eine Datenschutzverletzung liegt vor, wenn private oder vertrauliche Daten wie Patienten-, Finanzoder Kreditkartendaten unrechtmässig veröffentlicht werden.
  • DSGVO: Die Datenschutz-Grundverordnung zielt darauf ab, das Datenschutzrecht europaweit zu harmonisieren.
  • Mittelschicht: Private Haushalte mit täglichen Ausgaben in Höhe von USD 11 bis 110 pro Kopf gemessen in der Kaufkraftparität des Jahres 2011 (Brookings-Bericht).