Weltwirtschaft Regionen

Regionen

USA

Rezession wird vermieden

Wachstum: Wir gehen davon aus, dass die USA im Jahr 2020 ein geringeres Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP von 1.8%) verzeichnen werden. Zudem dürften die Rezessionsrisiken zunehmen (Wahrscheinlichkeit von 20 – 30% in den nächsten zwölf Monaten). Gleichzeitig wird die Kerninflation voraussichtlich steigen – zumindest zu Jahresbeginn. Das Beschäftigungswachstum wird nachlassen, und steigende Arbeitskosten werden sich auch weiterhin negativ auf die Unternehmensgewinne auswirken. Wenn die USA und China ihre Zölle senken, sollte es jedoch zu einer Erholung im verarbeitenden Gewerbe kommen. Eine vollständige Streichung der Zölle ist jedoch unwahrscheinlich, und der Handelskrieg könnte in anderen Bereichen sogar noch eskalieren. Sollten die USA beispielsweise Zölle auf Autoimporte aus Europa verhängen und sollte Europa entsprechende Vergeltungsmassnahmen ergreifen, wären europäische Produzenten und amerikanische Konsumenten die Leidtragenden. 

Im Auge behalten: Nach der dreimaligen Zinssenkung 2019 gehen wir davon aus, dass die US-Notenbank (Fed) eine abwartende Haltung einnehmen wird. Für 2020 ist jedoch weiterhin eher mit einer weiteren Zinssenkung als mit einer Anhebung zu rechnen. Ausserdem könnte die Fed verstärkt Anleihen kaufen. Eine mögliche Erholung im verarbeitenden Gewerbe und ein Mangel an Arbeitskräften, der für einen Inflationsschub sorgt, würden zwar für Zinserhöhungen sprechen. Vor den Wahlen scheint ein Zinsschritt jedoch unwahrscheinlich.

China

Vorsichtige Konsumenten

Wachstum: Die chinesische Regierung dürfte ihr Wachstumsziel auf 5.9% nach unten korrigieren. Die tatsächlichen Zahlen könnten sogar noch etwas hinter dieser Zielvorgabe zurückbleiben. Der Binnenkonsum wird voraussichtlich nicht so sehr durch die US-Zölle, sondern eher durch die hohen Hypothekenschulden, Arbeitsplatzunsicherheit und die Schwäche der lokalen Finanzmärkte gedämpft. Hauptgrund zur Sorge ist und bleibt die begrenzte Effizienz der Kreditvergabe. Zudem werden die fortgesetzte Überkapazität und die Wettbewerbsnachteile einiger Sektoren das verarbeitende Gewerbe auch in Zukunft unter Druck setzen. Sollte es jedoch zu einer Deeskalation im Handelsstreit mit den USA kommen und sollten moderate Konjunkturanreize gesetzt werden, bleibt der Rückgang des Wirtschaftswachstums begrenzt. 

Im Auge behalten: Die chinesische Regierung könnte zum Ende des 1. Quartals höhere Fiskalausgaben für das Jahr 2020 ankündigen. Dank grösserem finanzpolitischem Spielraum werden die Behörden das Wachstum wahrscheinlich eher durch Direktausgaben ankurbeln und sich weniger auf eigens für Infrastrukturausgaben emittierte «Special Purpose Bonds» verlassen, zumindest so lange, bis mehr Klarheit hinsichtlich des Ausgangs der US-Präsidentschaftswahlen 2020 und der zukünftigen US-Handelspolitik herrscht. Sofern der Handelskrieg nicht eskaliert, ist zu erwarten, dass die chinesischen Behörden nur eine begrenzte Abwertung des CNY zulassen.

Eurozone

Fiskalpolitik stützt weiter

Wachstum: Wir prognostizieren ein BIP-Wachstum von 1%. Eine Deeskalation im Handelsstreit zwischen den USA und China würde die Belastung der Eurozone – insbesondere Deutschlands – verringern. Sie würde zu einem Ende der Schrumpfung der Exporte und der Industrieproduktion beitragen. Angesichts der robusten Binnennachfrage und des kräftigen Arbeitsmarkts in der Eurozone im gesamten Jahr 2019 kann man davon ausgehen, dass der Wegfall dieses Negativfaktors das BIP-Wachstum in der Eurozone beflügeln würde. Ein robustes Kreditwachstum dürfte die anhaltende wirtschaftliche Expansion ebenfalls unterstützen. Eine weitere Lockerung der geldpolitischen Zügel in der Eurozone ist unwahrscheinlich. Die Entscheidungen der Europäischen Zentralbank (EZB) vom September 2019 (Zinssenkung und erneute Anleihenkäufe) haben jedoch bereits für etwas Rückenwind gesorgt. 

Im Auge behalten: Aus der Neubesetzung der Spitzenämter der Europäischen Union (EU) und der EZB könnten sich neue politische Impulse ergeben. Genauer gesagt könnte die Eurozone im Jahr 2020 zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt wieder eine fiskalische Expansion verzeichnen. Zudem ist es auch durchaus möglich, dass die Europäische Kommission den Stabilitäts- und Wachstumspakt dann grosszügiger auslegt. Dies würde Italien und anderen Ländern eine weitere Lockerung ihrer Haushaltspolitik gestatten.

Eine Fortsetzung des Handelskriegs und die mögliche Ausbreitung auf Europa stellen – nebst einem ungeordneten Brexit – die grössten Risiken dar.

Japan

Auftrieb durch Olympiade

Wachstum: Die japanische Wirtschaft wird sich 2020 voraussichtlich etwas abkühlen (BIP auf 0.4%). Die für das globale verarbeitende Gewerbe erwartete Trendwende sollte den Rückgang jedoch begrenzen. Die Erhöhung der Konsumsteuer im Oktober 2019 könnte sich ebenfalls weiterhin negativ auswirken. Sofern es aber nicht zu einer globalen Rezession kommt, wird die japanische Wirtschaft die Belastungen im Inland bewältigen können. Unterdessen werden die Olympischen Sommerspiele 2020 für positive Dynamik sorgen, da vermehrt Touristen nach Japan kommen. Ausserdem ist davon auszugehen, dass auch die Investitionen der öffentlichen Hand im 1. Halbjahr hoch bleiben. 

Im Auge behalten: Die Geldpolitik wird 2020 und darüber hinaus locker bleiben. Die Bank of Japan könnte sogar ihr Inflationsziel heraufsetzen. Die Erhöhung der Konsumsteuer wird teilweise durch verstärkte staatliche Ausgaben kompensiert. Das Land ist stark vom globalen Handel und von der chinesischen Wirtschaft abhängig. Der Ausgang des Handelsstreits und die Entwicklung der Nachfrage in China sind daher ebenfalls wichtige Faktoren.

Neue Handelsabkommen mit der EU und den USA sorgen für langfristiges Aufwärtspotenzial.

Grossbritannien

Alles dreht sich weiter um den Brexit

Wachstum: Sofern der Brexit reibungslos verläuft, lautet unsere zentrale Prognose für 2020, dass Grossbritannien etwas stärker wachsen wird als 2019. Eine konservative Mehrheit würde es Grossbritannien erlauben, die EU mit einem Abkommen zu verlassen, während eine Labour-Regierung (als Mehrheit oder mit Koalitionspartnern) die Möglichkeit eines zweiten Referendums eröffnen würde. Falls keine klare Parlamentsmehrheit zustande kommt, sind Blockierung und weitere Unsicherheit zu erwarten. Ein No-Deal-Brexit ist unseres Erachtens unwahrscheinlich. Sollte es aber doch dazu kommen, würde dies eine markante Rezession auslösen, mit einer Verringerung des realen BIP um 1% bis 2%, selbst wenn die Bank of England (BoE) ihre Geldpolitik lockert und die Regierung akkommodierende fiskalpolitische Massnahmen ergreift. 

Im Auge behalten: Die BoE wird voraussichtlich weiterhin abwarten, während die Brexit-Unsicherheit hoch bleibt. Tritt Grossbritannien geregelt aus der EU aus oder wird der Brexit abgesagt, so ergibt sich beträchtliches Aufwärtspotenzial für Unternehmensinvestitionen und das Gesamtwachstum. Die BoE könnte in diesem Fall die Zinsen im Laufe des Jahres 2020 wieder anheben.

Schweiz

Aussenhandel fragil, Binnenwirtschaft robust

Wachstum: Aufgrund der nach wie vor verhaltenen globalen Rahmenbedingungen erwarten wir für 2020 ein moderates BIPWachstum (1.4%). Die Binnennachfrage dürfte durch fortgesetzte Einwanderung, die robuste Beschäftigung und die etwas höheren Löhne weiter unterstützt werden. Exporte pharmazeutischer Produkte werden wahrscheinlich auch in Zukunft klar nach oben tendieren. Die Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie wird aber aufgrund der unverändert schwachen Nachfrage aus wichtigen Exportländern wie Deutschland und China voraussichtlich weiter unter Druck stehen. 

Im Auge behalten: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) wird alles in ihrer Macht Stehende tun, um eine markante Aufwertung des CHF zu verhindern. In unserem Basisszenario gehen wir nicht von einer Zinssenkung aus. Die SNB könnte den Leitzins jedoch senken, falls die Weltwirtschaft weiterhin unerwartet schwach ist und andere Zentralbanken die Zinsen herabsetzen. US-Zölle auf pharmazeutische Exporte oder die Einstufung der Schweiz als Währungsmanipulator stellen ein gewisses Risiko dar.

Eine Zunahme der geopolitischen Spannungen würde das Risiko erneuter Kapitalflüsse in den als Fluchtwährung geltenden CHF erhöhen.

Asiatische Schwellenländer (ohne China)

Norden versus Süden

Wachstum: Die Schwäche des chinesischen Handels dämpft die Aussichten für die weiter entwickelten Länder im Norden Asiens (Südkorea und Taiwan). Es wird ein Wachstum von nur wenig mehr als 2% erwartet. Hongkongs Aussichten hängen stark von den lokalen politischen Entwicklungen ab. In weiten Teilen Südostasiens wächst die Wirtschaft dagegen deutlich stärker. Hier besteht grösseres Aufholpotenzial, und die Länder sind weniger stark in chinesische Lieferketten eingebunden. Einige Länder, allen voran Vietnam, werden profitieren, wenn sich die Produktion mehr in ihre Richtung verlagert. Singapur musste 2019 einen deutlichen Rückschlag verkraften, teilweise wegen der Abschwächung des Welthandels und des Handels mit China. Eine leichte Erholung auf rund 1.7% ist wahrscheinlich, falls die Handelsspannungen 2020 nachlassen. Indien wird auf absoluter Basis voraussichtlich stark um rund 6% wachsen, bleibt damit aber deutlich hinter seinem Potenzial zurück. Ursache ist die anhaltende Schwäche im Bankenund im Immobiliensektor. 

Im Auge behalten: Eine Deeskalation im Handelskrieg zwischen den USA und China wäre für die eng in die chinesischen Lieferketten eingebundenen Länder klar von Vorteil. Noch wichtiger sind die Entwicklung der Binnennachfrage in China und deren Auswirkungen auf die Importe aus der Region. Indien hängt viel weniger vom globalen Handel ab. Hier ist eine Erholung auf die finanzielle und monetäre Stabilität im Inland angewiesen.

Australien

Fokus auf Verschuldung der Privathaushalte

Wachstum: Ein geringes Wachstum der Haushaltseinkommen, immer noch teure Immobilien und eine hohe Schuldenlast der Privathaushalte wirkten sich 2019 negativ auf den Konsum aus. Die Aufstockung der öffentlichen Ausgaben unterstützte dagegen das Wirtschaftswachstum. Infrastrukturinvestitionen dürften 2020 für fortgesetzte Unterstützung sorgen. Wir gehen davon aus, dass sich die australische Wirtschaft nach einem relativ verhaltenen Jahr 2019 erholt. Unsere Prognose lautet auf ein Wachstum von 2.8%. 

Im Auge behalten: Bei den Hauspreisen ist es zwar bereits zu einer gewissen Korrektur gekommen, aber Wohneigentum ist nach wie vor keineswegs erschwinglich. Der Immobiliensektor steht daher weiterhin auf der politischen Agenda ganz weit oben, und weitere Reformen zur Verbesserung des Wohnraumangebots sind sehr wahrscheinlich. Die Reserve Bank of Australia hat ihren Leitzins 2019 mehrmals gesenkt, um die Wirtschaft zu stützen, und könnte auch 2020 weitere Zinsschritte vornehmen. Gleichzeitig wird die Finanzaufsicht weiterhin im Mittelpunkt stehen, da der Immobiliensektor Stabilitätsrisiken in sich birgt.

EMEA

Bewältigung der Rückschläge

Wachstum: Die Türkei scheint die Rezession im zweiten Quartal 2019 überwunden zu haben und dürfte im kommenden Jahr 2 – 3% Wachstum verzeichnen. Die Gesamtinflation, die per Ende 2019 bei 12% erwartet wird, könnte nach dem 1. Quartal 2020 weiter zurückgehen. Die Demografie, bürokratische Hürden und fehlende Effizienz öffentlicher Investitionen beschränken das Wachstum in Russland auf 1 – 2%. Südafrika wird durch tiefe Metallpreise und strukturelle Probleme wie den unflexiblen Arbeitsmarkt und fehlende staatliche Investitionen gebremst. Einige Volkswirtschaften in Osteuropa wurden durch ihre Verflechtung mit der deutschen Autoindustrie beeinträchtigt, doch dank robuster Binnennachfrage und guter Wettbewerbsfähigkeit in anderen Wirtschaftszweigen sollte das Wachstum in diesen Ländern verhältnismässig stark bleiben. 

Im Auge behalten: In der Türkei stellt die politisierte Geldpolitik Präsident Erdogans Ziele infrage (einstellige Inflation, 5% BIPWachstum). Änderungen in der innenpolitischen Landschaft und gewisse geopolitische Risiken erschweren Prognosen. In Russland sollte die geringe Inflation zu tieferen Zinsen führen. Ost- europa würde von einer Erholung in Deutschland profitieren. Sollten sich deflationäre Anzeichen in Südafrika bewahrheiten, wäre das Land eines der wenigen, das 2020 auf geldpolitische Lockerung in grossem Umfang setzen könnte. Für Anleger ist zentral, ob Moody‘s das Rating für Südafrika beibehält.

Lateinamerika

Erreichen der Talsohle

Wachstum: Brasilien und Mexiko, die beiden grössten Volkswirtschaften der Region, konnten 2019 nur ein leicht positives Wachstum verzeichnen. Teilweise war dies auf die Abschwächung im globalen verarbeitenden Gewerbe zurückzuführen; eine noch grössere Rolle spielte jedoch die unsichere politische Lage im Inland. Die Aussichten für Brasilien haben sich jedoch verbessert, nachdem die Rentenreform verabschiedet wurde, welche die langfristige haushaltspolitische Stabilität stärken und Privatisierungen fördern wird. Für 2020 erwarten wir ein BIP-Wachstum von 2.7%. Mexiko dürfte teils aufgrund der geldpolitischen Lockerung ebenfalls wieder etwas stärker wachsen (1.6% im Jahr 2020). Unterdessen haben einige inländische Risiken nachgelassen, darunter die Unsicherheit über den Haushalt für 2020 und der Finanzierungsdruck beim staatlichen Ölunternehmen Pemex. Allerdings ist es angesichts rückläufiger weltweiter Ölpreise fraglich, ob verstärkte staatliche Investitionen in den Ölsektor adäquate Renditen generieren. 

Im Auge behalten: Trotz der politischen Spannungen sind in Mexiko weitere Reformen wahrscheinlich, beispielsweise eine Steuerreform. Zudem würde die Ratifizierung des neuen Freihandelsabkommens «United States-Mexico-Canada Agreement» durch den US-Kongress das Vertrauen erheblich stärken. Diese Ratifizierung ist jedoch keineswegs garantiert. Die Inflation in Mexiko ist auf den Zielwert der Zentralbank von 3% gesunken. In Brasilien sollte sie relativ stabil bei weniger als 4% verharren.

Das Wichtigste im Überblick

Unsere regionalen Einschätzungen ergeben ein uneinheitliches Bild des weltweiten Wachstums. In den USA und in China wird das Wachstum voraussichtlich etwas schwächer ausfallen als im Jahr 2019. Gleichzeitig dürfte die für die Eurozone und ausgewählte Schwellenländer erwartete Erholung die Schwäche etwas abfedern. Ein deutlicher Rücksetzer des globalen Wachstums ist unseres Erachtens unwahrscheinlich, denn die Geldpolitik ist nach wie vor akkommodierend, in den meisten Regionen vergeben die Banken grosszügig Kredite, und die Ölpreise sind moderat. Abgesehen von den weltweiten Handelsspannungen sehen wir keine offensichtlichen Schocks, die eine Rezession auslösen würden. Allerdings stand die Weltwirtschaft 2019 knapp vor einer Rezession. Begrenzte Schocks, ob nun geopolitischer oder wirtschaftlicher Art, könnten auch 2020 einen verstärkten Abschwung auslösen.