Innovationsgeist aus den Schweizer Bergen macht vor keinem Ozean halt.  Christian Wyssen, Wyssen Avalanche Control AG, schützt mit Sprengmasten auch Übersee vor Lawinen.

Wyssen Avalanche Control AG: Die Lawinen-Experten

Das Familienunternehmen Wyssen Avalanche Control AG zähmt Lawinen. Die Firma entwickelt und produziert Lawinensprengmasten, mit denen die gefährlichen weissen Schneemassen per App ausgelöst werden können. Und dies zu allen Tageszeiten, bei jedem Wetter und von einem sicheren Ort aus.

Als dieser Text Mitte Januar 2019 entsteht, schneit es, und das nicht zu knapp. 2,5 Meter Neuschnee an einem Tag verzeichnet die Messstation auf dem Weissfluhjoch; ein Rekord für diese Jahreszeit. Die Lawinengefahr ist gross – Stufe 5 auf einer Skala von 1 bis 5. Eine vergleichbare Situation gab es zuletzt im Winter 1999, meldet das Institut für Lawinenforschung.

"Unsere Produkte schützen Menschen" – Christian Wyssen

Von der Forstseilbahn zur Lawinensprengseilbahn

«Der Lawinenwinter 1999 führte damals zu unserer Geschäftsidee mit den Lawinensprengmasten», erzählt Christian Wyssen, Geschäftsleitungsmitglied der Wyssen Avalanche Control AG. Das Unternehmen befindet sich in Reichenbach am Eingang des Kandertals. Links und rechts geht es steil den Hang hinauf; klar, dass man hier an Lawinen denkt. Doch war es nicht die Topografie, die zu dem Produkt führte.

Eine unerschrockener und kreativer Vorfahre

«Die Wyssen Seilbahnen gibt es schon seit 1926», erzählt Wyssen. «Mein Grossvater Jakob Wyssen entwickelte Bahnen für die Forstarbeit, damit die Baumstämme leichter und sicherer aus dem Wald transportiert werden konnten. Daraus entstand eine Firma für Materialseilbahnen», erzählt der Enkel. Jakob Wyssen sah bereits in den 50er-Jahren grosses Potenzial im Export und griff deshalb zu ungewöhnlichen Massnahmen: «In einer Zeit, als für die meisten Leute im Kandertal eine Reise nach Bern schon fast als Weltreise galt, bestieg er mit seiner ganzen Familie einen Dampfer und fuhr über den Ozean in die USA. In den nordamerikanischen Wäldern wollte er Bäume fällen. Mit im Gepäck hatte er seine Seilbahn-Technologie, für die er im US-Forstdienst interessierte Käufer fand», erzählt Christian Wyssen.
Das Unternehmen wuchs und spezialisierte sich auf unterschiedliche Materialseilbahnen. 1974 baute das Familienunternehmen Wyssen erstmals eine kleine Seilbahn über einen Lawinenhang. Von Hand, und später mit einem kleinen Motor, konnte man die Sprengladungen dorthin kurbeln, wo man sie brauchte, um sie dann detonieren zu lassen.

Vom warmen Büro aus Lawinen sprengen

Die Seilbahn-Lösung birgt aber auch Nachteile: «Um eine Lawinensprengseilbahn zu bedienen, muss man sich in den Berg begeben und das dauert», erklärt Wyssen. Bei Sprengungen per Hubschrauber oder von Hand ist das Problem «Zeit» noch bedeutender, weil hier oftmals abgewartet werden muss, bis sich das Wetter beruhigt hat; hinzu kommt das grössere Risiko. Für Wintersportorte wirken sich gesperrte Pisten und abgeschnittene Strassen direkt auf die Umsätze aus – das Interesse an möglichst raschen und sicheren Lawinensprengmethoden ist deshalb gross.

So hatten die Wyssens im Schneewinter 1999 die Vision von Lawinensprengmasten, die in den gefährdeten Hängen fest installiert und deren Sprengladungen aus sicherem Abstand oder gar vom Büro aus gezündet werden können ­– zu jeder Zeit und bei jedem Wetter. Zwei Jahre später stand der erste Prototyp. 2009 wurde die Firma Wyssen Avalanche Control gegründet und vom ursprünglichen Unternehmen Wyssen Seilbahnen getrennt. Bis heute befinden sich beide Firmen aber am selben Ort, nutzen dieselben Büros und Produktionshallen.

Ein Mast mit explosivem Kopf

Ein Lawinensprengmast besteht aus einem Stahlpfeiler, an dessen Spitze sich eine Art Dorn befindet. Das Gegenstück dazu, ein zylinderförmiger Magazinkasten, besitzt in der Mitte eine trichterartige Aussparung. Per Hubschrauber werden die Magazinkästen auf die Masten gesetzt. Sobald der mit einem Sensor versehene Zylinder mit seinen zwölf Sprengladungen korrekt eingeklinkt ist, wird dies dem Helikopterpiloten über eine blinkende Lampe angezeigt. Je nach Schneeverhältnissen reichen die zwölf Sprengpakete für einen ganzen Winter. Wenn nicht, wird der Magazinkasten bei idealem Flugwetter nachgeladen.

Eine App für grosse Hände

Bei der Web-App WAC.3 sieht Christian Wyssen noch viel Innovationspotenzial, ebenso in der Detektion. «Mit Detektion ist die Überwachung an den Masten oder vom Tal aus gemeint. Per Laser messen wir alle sechs Stunden die Schneehöhe, um mit Sicherheit sagen zu können, ob eine Lawine wirklich ausgelöst wurde oder wie viel Schnee sich angesammelt hat», so Wyssen. Die Web-App soll künftig noch ausgeklügelter werden und dem Bediener zusätzliche Informationen liefern: «Aktuell haben wir zu wenig Leute für die vielen Ideen, die wir entwickeln. Ein wichtiger Aspekt ist die Benutzerfreundlichkeit. Unsere Software soll die Leute draussen im Schnee und Sturm umfassend unterstützen, gleichzeitig soll sie auch mit grossen Händen leicht bedienbar sein», so Wyssen.  

Das Team steht im Mittelpunkt

«Innovationsworkshops und dergleichen sind nicht so unser Ding», lacht Wyssen. Innovation entsteht bei Wyssen Avalanche Control eher beiläufig und ohne Intention – beim Gespräch im Korridor oder in der Pause oder auch mal am Skitag im Schnee. Und Wyssen, dessen Team insgesamt 65 Personen umfasst, ist überzeugt: «Wir geben unseren Mitarbeitern anspruchsvolle Aufgaben und zugleich sehr viel Eigenverantwortung und Freiheiten. So entsteht eine Kultur, in der sich Kreativität natürlich entfaltet.» Das Team ist Wyssen enorm wichtig. Er erwähnt es immer wieder und betont, dass auch Innovation oftmals durch informelle Gespräche in der Gruppe entstehe.

Boomende Exporte

Zum Team zählen auch die im Unternehmen tätigen Familienmitglieder, die dritte Wyssen-Generation. Als Geschäftsführer der Wyssen Avalanche Control zeichnet Sam Wyssen, ein Cousin von Christian Wyssen. Seine beiden Brüder Jakob Martin und Jürg Wyssen sitzen in der Leitung von Wyssen Seilbahnen. Die beiden Unternehmen sind nicht nur räumlich nah beieinander, sie profitieren auch von der Expertise der jeweils anderen Firma.
Wyssen Seilbahnen gibt es schon in 65 Ländern. Die jüngere Avalanche Control dagegen exportiert erst seit einigen Jahren. «In der Schweiz haben wir heute etwa 250 Anlagen installiert, im Ausland sind es etwa 200. Derzeit exportieren wir etwa 50 %», so Wyssen. Abnehmerländer sind Österreich, Norwegen, Chile, Kanada und die USA.

Mit der Credit Suisse an der Seite nach Chile

«Für unsere Exporte sind wir auf eine internationale Bank angewiesen», fährt Wyssen fort. «Die Credit Suisse hilft uns mit den nötigen Bankgarantien, und wenn wir Fragen haben, ist unser Berater immer bestrebt, möglichst schnell die für uns beste Lösung zu finden. Es klingt banal, aber so ist es: Wir vertrauen der Credit Suisse und sie vertraut uns.» In Chile ist Wyssen Avalanche Control derzeit damit beschäftigt, mit ihren Lawinensprenganlagen Gebirgsstrassen für die dort tätigen Minenarbeiter zu sichern. «Gerade bei solchen Aufträgen ist die Erfahrung unserer Bank ein grosses Plus», sagt Wyssen.

Potenzial für die vierte Generation

Doch wo liegen die Wachstumsgrenzen von Wyssen Avalance Control? Etwa bei ausbleibenden Schneemassen durch den Klimawandel? «Der macht uns keine Sorgen», so Wyssen. «Zwar steigt die Schneefallgrenze, aber die Ereignisse werden extremer und es fällt jeweils in kürzester Zeit sehr viel Schnee – so wie jetzt im Januar 2019. Lawinensprenganlagen braucht es dann trotzdem – oder erst recht.»

In der Schweiz könne er sich vorstellen, dass der Markt für neue Lawinensprengmasten irgendwann ausgeschöpft sein werde, meint Wyssen. Im Ausland jedoch sieht er noch sehr viel Potenzial. Die vierte Generation Wyssen steckt heute noch sprichwörtlich in den Kinderschuhen. «Wenn unsere Kinder das dereinst möchten, kann ich mir gut vorstellen, dass auch sie sich mit Schnee und Lawinen auseinandersetzen», sagt Wyssen und schaut in die grauen Wolken über dem Kandertal. Und es schneit weiter.