Neugier und Weitblick schaffen Zukunft für bewährtes Handwerk.  Eva Jaisli, PB Swiss Tools AG, fertigt Präzisionswerkzeug für die ganze Welt.

PB Swiss Tools: Werkzeuge mit Kultcharakter

Auf der ganzen Welt verwendet man Schraubenzieher, Hämmer und andere Werkzeuge von PB Swiss Tools, obwohl vergleichbare Produkte anderer Hersteller günstiger sind. Wie gelingt einem KMU, das zu 100 % im Emmental produziert, seit Jahrzehnten ein solches Kunststück?

In beinahe jeder Schweizer Werkzeugkiste liegt er – der Schraubenzieher mit dem typischen rot-transparenten Griff. In kleinen weissen Buchstaben sind «PB Swiss Tools» und die Seriennummer eingeprägt – oder der frühere Firmenname «Paul Baumann», wenn der Schraubenzieher schon vor 2006 in Gebrauch genommen wurde; und das ist gut möglich, denn das Unternehmen steht für höchste Qualität.

"Wir müssen stets um eine Nasenlänge voraus sein" – Eva Jaisli

Bestseller Schraubenzieher

CEO Eva Jaisli geht durch eine der Produktionshallen in Wasen im Emmental: Blaue Automaten und Roboter, akkurat hintereinander gereiht, geben Klingen in unterschiedlichen Dicken und Längen aus. Es ist warm und der Geruch von Motoröl und Metall liegt in der Luft. Freundlich grüsst die Chefin jeden Mitarbeitenden, der ihr begegnet, mit Namen. «Der Schraubenzieher ist von allen Werkzeugen, die wir produzieren, seit 70 Jahren der unangefochtene Bestseller», sagt sie mit Blick auf die Stifte und fügt hinzu: «Derzeit verkauft er sich nicht nur in Rot, sondern auch in unterschiedlichen Materialien und Farben.»

Lehrbücher aus Amerika

Derzeit beschäftigt das Familienunternehmen 180 Mitarbeitende. 1878 als Schmiede gegründet, erfuhr der Betrieb während des Zweiten Weltkriegs einen ersten grossen Wachstumsschub: Die Grenzen waren dicht, die Nachfrage nach gutem Werkzeug im Inland gross. Paul Baumann, der Vater von Jaislis Ehemann, ergriff die Gelegenheit und nutzte die Chance. «Mein Schwiegervater hatte den Ehrgeiz, mehr aus seinem Know-how zu machen. Die Serienproduktion in Amerika faszinierte ihn. Er bestellte entsprechende Lehrbücher aus den USA, und weil er kein Englisch konnte, liess er sie vom Dorfschullehrer übersetzen», erzählt Jaisli.

Kurz darauf stieg das Familienunternehmen in die industrielle Serienproduktion ein, 1982 war die PB Swiss Tools der erste Betrieb im Kanton Bern, in dem Industrieroboter eingesetzt wurden, und der vierte in der ganzen Schweiz.

Stets eine Nasenlänge voraus

Begegnet man Eva Jaisli, ist die Frage, warum sie und nicht ihr Mann Max Baumann CEO des Unternehmens ist, schon fast beantwortet: Diese Frau teilt ganz offensichtlich den Pioniergeist ihres Schwiegervaters. Trotzdem antwortet sie geduldig auf die oft gestellte Erkundigung: «Mein Mann ist als Ingenieur und Entwickler, eben als CTO im Unternehmen tätig. Ich habe mich unter anderem in Organisationsentwicklung und internationalem Marketing qualifiziert und zusammen mit meiner Erfahrung in Unternehmensführung brachte ich die Voraussetzungen für den CEO-Posten mit.»

Pioniergeist und Innovationskraft sind unumgänglich für ein Unternehmen, das zu 100 % in der Schweiz produziert, aber 72 % exportiert, denn der Werkzeug-Weltmarkt ist ein hartes Pflaster. «Wir werden ständig kopiert. Unsere Ideen und Produkte durch Patente schützen zu lassen, lohnt sich nicht, wir wären ohne Ende in Rechtsstreitigkeiten verwickelt. Diese Energie stecken wir besser in Innovationen und positionieren uns im Markt als Trendsetter», meint Jaisli und zuckt mit den Schultern: «Wir müssen unseren Mitbewerbern stets um eine Nasenlänge voraus sein.»

Neue Ideen für etablierte Produkte

Diese Nasenlänge lässt sich das Unternehmen etwas kosten: Ein Viertel der Belegschaft arbeitet für Innovation & Entwicklung. Hier entsteht Neues und Optimiertes. Es wird auch an bestehenden Anlagen weitergetüftelt. «Unsere Markenprodukte sind nie fertig erfunden», so Jaisli. Das 70-jährige Produkt Schraubenzieher ist das beste Beispiel dafür. «Die Handwerkzeuge und medizinischen Schraubinstrumente müssen gut in der Hand liegen, auch wenn diese nass oder ölig ist. Die Klinge darf weder zu weich noch zu hart sein und muss perfekt auf die Schrauben passen», erklärt Jaisli. Die modernsten Schraubwerkzeuge und –instrumente besitzen gar eingebaute Mechanik- oder Elektronikkomponenten. Auf diese Weise kann mit dem präzis richtigen Drehmoment gearbeitet werden. Die Griffe der Schraubenzieher werden seit 1953 aus Cellulose-Aceto-Butyrat (kurz CAB) gefertigt. «Beim CAB handelt es sich um ein auf der Basis von Cellulose entwickeltes Material. Für uns war das ein wichtiger Schritt in Richtung Nachhaltigkeit», erklärt die CEO.

Einstieg in einen neuen Markt

Einen grossen Schritt in Richtung Innovation und Diversifizierung machte die PB Swiss Tools vor einigen Jahren, als sie in die Medizinaltechnik einstieg. «Wir produzieren medizinische Instrumente für Traumatologen und Orthopädinnen, um Implantatsschrauben aus Knochen zu lösen.» Auf dem langen Weg zum neuen Produkt führten die Entwickler aus dem Emmental unzählige Gespräche mit Ärztinnen und Ärzten sowie den Herstellern von Implantaten. «Die gängigsten Schrauben können effizient gelöst werden, sodass Implantate sicher entfernt werden», erläutert Jaisli.

Die Credit Suisse als Sparringspartner

So präzise wie ihr Werkzeug ist auch Eva Jaisli selbst – so lässt es ihre differenzierte Wortwahl jedenfalls vermuten. Darauf angesprochen, meint sie: «Im Geschäftsalltag kann zu viel Präzision ein Risiko sein. Es gibt manchmal Entscheidungen, bei denen man eine gewisse Unschärfe in Kauf nehmen muss, weil man sonst den Entwicklungen hinterher hinkt.» In solchen Fällen kommt es auch vor, dass Jaisli zum Telefon greift, um sich mit ihrem Bank-Kundenberater auszutauschen: «Es gab in den letzten Jahren immer wieder Situationen, in denen uns die Credit Suisse fehlende Informationen gab. Oft ging es um Währungen und die damit verbundenen Absicherungen, denn wir machen 50 % unseres Umsatzes in Euro. Darum sind diese Fragen für uns virulent wichtig.»

Nächste Nachfolgeregelung im Blickfeld

Die Credit Suisse begleitete auch das Management-Buyout vor gut 20 Jahren, als Jaisli in das Unternehmen einstieg: «Ich bin kürzlich 60 geworden – die Nachfolgregelung ist erneut ein Thema», lächelt sie. Mit vier erwachsenen Kindern, die sich hinter die Inhaberstrategie stellen, stehen die Chancen gut, dass die PB Swiss Tools ein autonomes Familienunternehmen bleibt.

Berufsausbildung und Agilität

Die Zukunft des Unternehmens sieht die Unternehmerin weiterhin an den Standorten im Emmental. «Die notwendigen Rahmenbedingungen für die Weiterentwicklung unserer Wettbewerbsfähigkeit sind in der Schweiz mit Universitäten, Fachhochschulen und einer Berufsausbildung auf hohem Niveau gegeben. Wir investieren seit 140 Jahren in die Qualifikation von Fachkräften. Gleichzeitig müssen wir sehr agil bleiben und aus dem engen Tal der Emme zu unseren Kunden weltweit reisen. Die Kundenpräferenzen wollen wir verstehen, um innovative neue Lösungen anbieten zu können», führt die Unternehmerin aus – die Kernkompetenzen für wettbewerbsstarke Lösungen liegen jedenfalls vor.