Unsere Vision bis 2025: 1% der globalen CO2-Emissionen aus der Luft zu filtern. Christoph Gebald und Jan Wurzbacher, Gründerteam, Geschäftsführer der Climeworks AG

Gegen den Klimawandel: CO2 versteinern

18 Metallgebilde, in drei Reihen übereinandergestapelt, stehen auf dem Dach der Kehrrichtverbrennungsanlage Hinwil und schimmern im Sonnenlicht. Was aussieht wie eine Wand aus Lautsprechern oder Klimaanlagen, sind in Wahrheit Geräte, die der Luft CO2 entziehen. Die Technologie des Zürcher Start-ups Climeworks könnte helfen, die Klimaerwärmung abzuschwächen.

Die Geschichte von Climeworks beginnt schon sechs Jahre vor der eigentlichen Unternehmensgründung. An einem sonnigen Oktobertag im Jahr 2003 öffnet die ETH Zürich ihre Pforten für die angehenden Studenten. Jan Wurzbacher und Christoph Gebald begegnen sich hier zum ersten Mal. Beide sind wegen ihrer Sportbegeisterung und ihrer Liebe zu Bergen und Seen aus Deutschland in die Schweiz gekommen. Im Gespräch bei Wurst und Bier stellt sich heraus, dass sie noch mehr Gemeinsamkeiten haben: Sie sehen das Studium als Hebel, um Grösseres bewirken zu können – und ein eigenes Unternehmen als Schlüssel dazu.

CO2 – Hauptverursacher der Klimaerwärmung

Vier Jahre später forscht ETH-Professor Aldo Steinfeld am Institut für erneuerbare Energien an einem Solarreaktor, der Treibstoff aus Sonnenlicht, Wasser und CO2 produziert. «Professor Steinfeld bot ein Forschungsprogramm an, um CO2 aus der Luft zu extrahieren. Wir erkannten sofort: Das passt. CO2 wurde zu unserem Thema», erzählt Christoph Gebald.

CO2 (Kohlenstoffdioxid) trägt zusammen mit anderen Treibhausgasen entscheidend zur globalen Erwärmung bei – in der Schweiz ist die durchschnittliche Temperatur seit Messbeginn im 19. Jahrhundert um zwei Grad gestiegen. Ohne Gegenmassnahmen wird es in den kommenden Jahrzehnten zu einem Anstieg des Meeresspiegels und zu Dürrekatastrophen kommen. Die Lebensgrundlage vieler Menschen ist direkt oder indirekt bedroht.

Das Problem wurde zwar längst erkannt, das UN-Klimaschutzabkommen von 2015 in Paris will die globale Erwärmung auf unter zwei Grad gegenüber den vorindustriellen Werten begrenzen, und die Schweizer Klimaschutzziele sehen eine Reduktion der Treibhausgase um 50 Prozent bis 2030 vor. Aber wie soll das geschehen?

CO2 dauerhaft in Stein einlagern

Die meisten Lösungsansätze basieren auf der Idee, die CO2-Emissionen zu reduzieren. Climeworks verfolgt eine weitere, ergänzende Strategie: «Unsere Anlagen filtern das CO2 aus der Luft. Anschliessend wird es entweder in flüssiger Form zwischengespeichert und verkauft, beispielsweise an Getränkehersteller oder für Gewächshäuser. In diesen Fällen ist die CO2-Bilanz klimaneutral», erklärt Wurzbacher. «Oder», ergänzt Gebald, «das CO2 wird als Gas in einen felsigen Untergrund gepumpt, wo es sich mit dem Gestein verbindet (mineralisiert) und dauerhaft eingelagert wird. Das ist eine CO2-negative Anwendung: In der Luft ist der Kohlendioxidgehalt danach geringer.»

Diese Mineralisierung funktioniert am besten in geothermisch aktiven Regionen mit Basaltgestein im Untergrund wie etwa in Island, wo das Gestein Temperaturen von 400 Grad erreicht. Dazu Gebald: «Es gibt auf der Welt genügend geeignete Gebiete, um CO2 aufzunehmen – das ist nicht der Flaschenhals. Der limitierende Faktor liegt zurzeit vielmehr beim Zugang zu erneuerbarer Energie.» Wurzbacher fährt fort: «Die Energie muss kostengünstig und sauber sein – so wie bei unserem Standort auf der Kehrrichtverbrennungsanlage oder neben einem Geothermiekraftwerk in Island, wo auch schon eine unserer Anlagen steht.» Eine weitere wird derzeit in Süditalien aufgebaut. Sie wird mit Solarenergie betrieben werden.

Start-up Climeworks

Seit der Gründung im Jahr 2009 ist Climeworks auf 60 Mitarbeitende angewachsen. Wurzbacher und Gebald sind Geschäftsführer im Doppelpack, jeder mit einem etwas anderen Aufgabenbereich ausgestattet. «Es gibt aber viele Situationen, in denen wir zu zweit auftreten. Das hat sich bewährt, wir sind da ein eingespieltes Team. Oft reicht ein Blick zum anderen, um zu wissen, was dieser denkt», meint Wurzbacher, und Gebald beendet den Gedanken: «Unsere Freundschaft steht über allem, auch über dem Geschäftsleben.»

In den neun Jahren seines Bestehens durchlief Climeworks bisher vier Finanzierungsrunden. «Es ist eine Art Kaskade: neue Finanzierung sicherstellen, Mitarbeitende einstellen, Anlagen bauen, und dann beginnt es wieder von vorn», erklärt Gebald. Mit der Credit Suisse ist das junge Unternehmen erst seit Kurzem durch ein Geschäftskonto verbunden. Wurzbacher formuliert die Erwartungen des Start-ups an eine Grossbank: «Als Jungunternehmen müssen wir sehr effizient sein und mit unseren Ressourcen klug umgehen. Das erwarten wir auch von einer Bank, die sich als Bank für Unternehmer positioniert.»

Ablasshandel mit Sinn und Wirkung

Zurzeit baut Climeworks ein Angebot auf, mit dem es Privatpersonen und Unternehmen ansprechen möchte: «Stellen wir uns einen Unternehmer vor. Er hat sich einen Traum erfüllt und möchte eine Weltreise antreten», sagt Gebald. Wurzbacher nimmt den Faden auf: «Gleichzeitig ist der Unternehmer klimapolitischen Themen gegenüber nicht verschlossen und möchte demzufolge mit seinem Freizeitverhalten seinen CO2-Fussabdruck nicht vergrössern.» Jetzt übernimmt wieder Gebald: «Für diesen Unternehmer haben wir eine Lösung: Er kann uns den Auftrag geben, seine CO2-Emissionen aus der Luft zu holen. Oder auch gleich die Emissionen seines ganzen Lebens versteinern zulassen. Auch wenn dieser Unternehmer mit diesem Auftrag nicht das Klima retten wird, sind solche Pionierkunden für uns sehr wichtig, um die Technologie weiterzuentwickeln und die Kosten nochmals deutlich zu reduzieren.»

Auch in Unternehmen, die sich Nachhaltigkeit und Klimafreundlichkeit auf die Fahne schreiben, sehen die Climeworks-Gründer potenzielle Kunden. «Sagen zu können, wir wirtschaften klimaneutral, macht diese Unternehmen glaubwürdig. Zu sagen, wir operieren CO2-negativ, macht sie zu Pionieren», ist Gebald überzeugt.

Denken im grösseren Massstab

In Verhandlung stehen die beiden Jungunternehmer auch mit Vertretern von Staaten, denn diese tragen am Ende die Verantwortung für die Massnahmen, die den CO2-Gehalt in der Luft gesamthaft reduzieren sollen. «Es gibt interessante Instrumente wie die CO2-Abgabe in der Schweiz, die man in grossem Massstab einsetzen könnte. Die müsste aber noch steigen», so Wurzbacher. «Aber», meint Gebald, «die Mühlen auf politischer und regulatorischer Ebene mahlen sehr langsam. Die Unternehmen hätten die Möglichkeit, es den Staaten vorzumachen.»

Vision 1 und 25

Warten ist für die beiden Firmenchefs keine Option. «Wir haben eine Vision», sagt Wurzbacher, «die man in zwei Zahlen zusammenfassen kann: 1 und 25.» «Bis 2025 wollen wir 1 Prozent der globalen CO2-Emissionen aus der Erdatmosphäre holen», erklärt Gebald. Das sind hohe Ziele, die nur durch ein immenses Wachstum erreicht werden können. Dass das durchaus so gemeint ist, verdeutlicht Wurzbacher: «Wir sehen uns nicht als kleines KMU, das in zehn Jahren mit 100 Mitarbeitenden drei Anlagen pro Jahr produziert. Unsere Idee macht nur Sinn, wenn man sie in sehr grossem Massstab umsetzt. Das heisst, wenn hunderttausende von Schiffscontainern mit unseren Anlagen weltweit installiert werden.» Und Gebald wird noch deutlicher: «Wir bauen zurzeit nicht eine neue Firma auf. Wir legen den Grundstein für eine neue Industrie.»