Insights & Stories Vladimir Petkovic: "Man muss die Stimmung erfassen"

Vladimir Petkovic: "Man muss die Stimmung erfassen"

Der Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petkovic über positive Energien, schwierige Entscheidungen und die Finalissima in der WM-Qualifikation.

Gratulation, Sie haben Ihren Vertrag Anfang September um 2 Jahre verlängert. Warum haben Sie sich zum Bleiben entschieden?

Weil beide Parteien weitermachen wollten. Es ist wie eine glückliche Ehe, die man weiterführt. Und weil ich in dieser Mannschaft noch sehr viel Potenzial sehe.

Wo sehen Sie Potenzial?

Überall - technisch, taktisch, mental. Mein Ziel ist es, jedes Spiel noch ein bisschen besser zu werden. Es lässt sich viel erreichen, wenn alle mit Freude und auch Spass bei der Arbeit sind.

Welche Entwicklung des Teams freut Sie besonders?

Die Freundschaft und positive Energie in der Gruppe. Und damit meine ich die ganze Gruppe, inklusive Staff sind das rund fünfzig Personen.

Wie kreiert man positive Energie?

Das ist ein langer Prozess, bei dem natürlich auch die Mathematik geholfen hat. Für einen Trainer ist jeder Sieg eminent wichtig. Seine Ideen finden damit noch mehr Bestätigung, und die Bereitschaft der Spieler, an sich zu arbeiten, erhöht sich.

Auffallend ist, dass die Gruppenbildung nicht mehr existiert. Als Sie das Amt antraten, gab es zwei Lager - die albanisch-sprachige Gruppe und den Rest.

Man muss vorausschicken, dass dieser Graben vor allem von gewissen Medien geschürt wurde. Aber Tatsache ist, dass es der Gruppe an Positivität und Kompaktheit gefehlt hat. Mir war wichtig, dass der rechte Teil des Tisches mit dem linken Teil spricht und näher zusammenrückt. Daran haben wir viel gearbeitet. Begonnen hat der Prozess, indem ich einzelne Vertreter der Gruppen zusammengebracht habe, um die Diskussion anzuschieben.

Der deutsche Nationaltrainer Joachim Löw sagte einmal: "Wir haben den Anspruch, dass diese Mannschaft, die ihr Land vertritt, auch nach aussen für etwas steht. Das geht nur mit Spielern, die integer sind." Einverstanden?

Absolut. Das habe ich auch von Anfang an eingefordert. Nur wer nach aussen eine positive Energie vermittelt, der bekommt diese auch zurück. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Und ich denke, im Moment erfüllen wir diesen Anspruch. Wir haben den Status bei den Fans verbessert. Nicht nur durch die Resultate, sondern auch dank dem Kontakt zu unseren Anhängern. Nach den öffentlichen Trainings machen wir jeweils noch 30 bis 45 Minuten Autogramme und Selfies mit den Fans.

Muss sich ein Trainer an sein Team oder das Team an den Trainer anpassen?

Der Trainer muss sich anpassen, und zwar an jeden einzelnen Spieler. Denn jeder Spieler ist anders oder wie ich gern sage: Alle sind gleich, jemand ist gleicher. Darauf muss der Trainer eingehen können. Gleichzeitig darf der Trainer aber nicht zu viel schwimmen, er braucht eine klare Linie.

Beziehen Sie die Spieler ein? Verlangen Sie Widerspruch?

Individuell und in kleinen Gruppen diskutiere ich durchaus mit Spielern. Da können sie mir sagen, was sie denken. Aber im Plenum? Nein, das gibt es wohl in keiner Fussballmannschaft. Es wäre schön, auf dieses Level zu kommen. In Frankreich gibt es Handballmannschaften, wo man auf Mitverantwortung der Spieler setzt. Sie analysieren und diskutieren mit den Trainern und legen gemeinsam die Taktik und Aufstellung fest. Aber das ist ein sehr, sehr langer Prozess. Und im Nationalteam ein noch längerer als im Klub...

Muss ein Trainer seine Entscheidungen begründen?

Ab und zu ist das nötig. Nicht zu oft, aber wenn ich spüre, dass eine Übung oder Aufstellung nicht einleuchtet. Da höre ich auf mein Bauchgefühl. Man muss die Stimmung erfassen, das ist enorm wichtig.

Was war die schwierigste Entscheidung als Nationaltrainer?

Personalentscheidungen, in denen man einen verdienten Spieler nicht mehr berücksichtigt. Das geht nur mit absoluter Offenheit und möglichst unter vier Augen. Dabei ist mir wichtig: Als Trainer entscheide ich nie gegen einen einzelnen Spieler. Ich entscheide immer für die positive Dynamik und den Erfolg der Mannschaft.

Sie zaubern immer wieder neue Junge aus dem Hut wie Freuler, Zakaria oder Akanji. Wann ist ein Spieler reif für das A-Nationalteam?

Wenn er zum Zeitpunkt X besser spielt, als jene, die bisher gespielt haben. Und wenn er Entwicklungsperspektiven hat, unsere Mannschaft künftig besser zu machen.

Auf der Goalie-Position haben Sie ein Luxusproblem. Die Schweiz verfügt mit Sommer, Bürki und Hitz über eine starke Generation. Wann wechselt man den Torhüter?

Wenn die Nummer zwei besser ist, als die Nummer eins. Punkt. Und im Moment sind die Positionen klar. Punkt. Ich sage das so deutlich, weil gerade die Goaliefrage für die Ruhe und Sicherheit im Team absolute Klarheit verlangt.

Die Schweiz tut sich traditionell schwer mit Toreschiessen. Eine Mentalitätsfrage?

Wir haben in den letzten Spielen sehr viele Torchancen vergeben, das ist Fakt. Aber unsere Bilanz ist nicht so schlecht. Wir haben in der WM-Qualifikation mehr Tore erzielt, als Dreiviertel aller Teams. Und was mich besonders freut: 13 verschiedene Spieler haben schon getroffen. Das können nur wenige Teams von sich behaupten und macht uns unberechenbarer als andere.

Bei der WM 2018 wird erstmals der Videobeweis eingesetzt. Gut so?

Absolut. Ich befürworte die Modernisierung des Fussballs und finde den Videobeweis grundsätzlich positiv. Aber man sollte die Abläufe optimieren. In Italien, wo der Videobeweis schon in der Meisterschaft genutzt wird, dauern einige Spiele über 100 Minuten. Vielleicht muss man wie im Eishockey die Nettospielzeit einführen, 60 oder 70 Minuten. Gut fände ich auch, wenn jedes Team pro Spiel zweimal die Möglichkeit hätte, den Videobeweis anzufordern - ähnlich wie im Tennis das Hawk-Eye. Zudem würde ich befürworten, dass der Entscheid des Videoschiedsrichters auf dem Grossbildschirm eingeblendet würde. Das gäbe Klarheit im Stadion und würde die Gemüter beruhigen.

Wie wirkt sich die Explosion auf dem Transfermarkt auf den Schweizer Fussball aus?

Vermutlich erhöhen sich die in den Verträgen festgeschriebenen Ablösesummen. Und ich befürchte, dass die Spieler noch früher den finanziellen Verlockungen erliegen und ins Ausland wechseln, bevor sie sich in der Super League etabliert haben. Vielleicht müsste man sich in Europa Gedanken machen über einen Salary Cap, eine Gehaltsobergrenze, wie sie der US-Sport schon lange kennt.

Im Oktober kommt es in der WM-Qualifikation zur Finalissima gegen die starken Ungarn und Portugal. Wie gefährlich ist diese Aufgabe nach der Siegesserie gegen sechs einfachere Gegner?

Gar nicht. Die Siege geben uns Selbstvertrauen. Ich spüre fast ein wenig Euphorie. Bei den Fans ist das wunderbar. Beim Team muss ich vielleicht etwas bremsen. Wir dürfen nicht zu heiss in diese Spiele gehen. Es braucht jetzt einen kühlen Kopf und viel Cleverness.

Der Schweiz genügen zwei Unentschieden. Kann man ein Team auf Unentschieden spielen lassen?

Wir nicht. Schauen Sie auf die Tabelle! (Lacht) Wir haben gezeigt, dass wir immer gewinnen wollen. Und diesen Spirit werden wir auch weiterhin pflegen.


Zur Person

Vladimir Petkovic (54), trainiert die Schweizer Fussballer seit Sommer 2014 und hat kürzlich seinen Vertrag bis 2019 verlängert. Er hat die Schweiz an die EM 2016 geführt und ist statistisch mit 65 Punkten 32 Spielen der erfolgreichste Nationaltrainer der Geschichte. Zuvor hatte der schweizerisch-kroatische Doppelbürger Lazio Rom (Cup-Sieg), Samsunspor sowie den FC Sion, YB und verschiedene Tessiner Klubs betreut. Petkovic ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Töchter. Er lebt in Locarno.