Insights & Stories Géraldine Reuteler: "Die gewisse Coolness"

Géraldine Reuteler: "Die gewisse Coolness"

Ehrgeizig, selbstbewusst, torgefährlich: Géraldine Reuteler ist die jüngste Nationalspielerin und gilt als das grösste Talent im Schweizer Frauenfussball. Die EM könnte für die 18-jährige zum Startschuss einer grossen Karriere werden.

Géraldine Reuteler

zvg

Der Sieg beim Zypern-Cup im März war ein historischer Moment. Erstmals in der Geschichte gewannen die Schweizer Frauen ein internationales Turnier. In die Annalen eingehen dürfte dieses Ereignis aber auch noch aus einem anderen Grund: Als die Geburtsstunde einer grossen Karriere. Denn kurz vor ihrem 18. Geburtstag feierte Géraldine Reuteler auf der Mittelmeerinsel einen furiosen Einstand. Nach einem ersten Kurzeinsatz gegen Nordkorea, kam sie beim 6:0-Sieg gegen Italien zu ihrem Debüt in der Startelf. Ganze 21. Minuten benötigte sie für ihr erstes Tor. In der 50. Minuten folgte das zweite.

Einmal mehr hat sich bestätigt, was in der Szene schon seit Jahren kolportiert wird: Die Innerschweizerin ist das grösste Talent im Schweizer Frauenfussball. Eine Ausnahmekönnerin, die dereinst in die grossen Fussstapfen von Lara Dickenmann und Ramona Bachmann treten können. "Sie ist ein Juwel", sagt Martina Voss Tecklenburg, "und sie ist noch lange nicht ausgereift."

Ausbildung in der Credit Suisse Academy

Die Nationaltrainerin muss es wissen. Denn sie leitete die Credit Suisse Academy in Huttwil, als die 12-jährige Géraldine im Sommer 2011 dort aufgenommen wurde. Schon im ersten Training sei ihr klar gewesen: "Dieses Mädchen und das Runde - das ist eine Liebesbeziehung". Jede freie Minute habe sie sich einen Ball geschnappt, eines Tages sei sie nach dem Mittagessen raus auf die Dachterrasse und habe angekündigt: "Jetzt jongliere ich tausendmal". Und so war es dann auch.

Drei Jahre lang besuchte Reuteler das Ausbildungszentrum des Schweizerischen Fussballverbandes, wo sie bei einer Gastfamilie lebte und sich intensives Training ideal mit der Schule vereinbaren liess. "Der Anfang war schwer, auch für meine Eltern", erinnert sie sich, "aber gleichzeitig verspürte ich diesen inneren Drang, möglichst viel Fussball zu spielen". 

Ohne Starallüren

Durchaus selbstbewusst, aber völlig unaufgeregt erzählt sie von ihrem Weg.
Starallüren sind ihr fremd, die einzige Extravaganz sind die Tattoos. Eben hinzugekommen sind die Geburtstage der beiden Jüngeren ihrer vier Brüder, mit denen sie die Fussballleidenschaft teilt.
Wie so viele Hochbegabte, empfindet sie das eigene Talent als Normalität und kaum der Rede wert. Und wann hat sie realisiert, dass es zu einer Profikarriere reichen könnte? "Mit 12. Damals wurde ich bei einem Turnier zum besten Spieler gewählt. Alle anderen waren Jungs."

Behutsam aufgebaut

Die Verantwortlichen des SFV haben Géraldine Reuteler bewusst sehr behutsam aufgebaut. "Sie hätte die U17 überspringen und direkt in der U19 eingesetzt werden können, aber das wollten wir nicht", sagt Martina Voss-Tecklenburg. "Sie sollte nicht überall die Jüngste sein, sondern auch mal eine Führungsrolle übernehmen und als Persönlichkeit reifen".
Eine Aufgabe, die sie mit Bravour erfüllte. 2015 führte sie die U17 bei er EM mit starken Leistungen bis in den Final. Dort verlor die Schweiz zwar gegen Spanien zwar mit 2:5, aber Reuteler untermauerte einmal mehr ihre Fähigkeiten, als sie den Ball à la Shaqiri von der Strafraumgrenze ins Lattenkreuz hämmerte.

Ein Jahr darauf glänzte sie bei der U19-EM, wo die Schweizerinnen den Halbfinal erreichten, abermals mit Vorlagen und Toren. Und sie etablierte sich endgültig als Leaderin einer vielsprechenden Generation mit Spielerinnen wie Jana Brunner, Naomi Mégroz, Cinzia Zehnder oder Julia Stierli, denen inzwischen ebenfalls schon der Schritt in das A-Nationalteam gelungen ist.

Jugendliche Coolness

Reutelers bevorzugtes Revier ist die Platzhälfte des Gegners. Hier sorgt sie - egal, ob im Zentrum oder am Flügel - stets für Gefahr. Nur 1,64 Meter gross, aber kräftig und explosiv im Antritt, erinnert sie auf dem Rasen ein wenig an Ramona Bachmann. Sie verfügt über eine gute Ballkontrolle, auch unter hohem Tempo. Sie liebt das Duell 1 gegen 1 und arbeitet dabei viel mit Fintieren. Sie hat nicht nur ein gutes Spielverständnis, sondern auch einen ausgeprägten Torinstinkt: "Sie verfügt über eine gewisse Coolness, die eindrücklich ist für dieses Alter", sagt die Nationaltrainerin.

Bezahlung: Ein Trainingslager

Wäre sie ein Junge, dann wäre sie jetzt das Objekt der Begierde von ganz Europa. Sie hätte einen Agenten und Millionenangebote von internationalen Top-Klubs auf dem Tisch. Bei den Frauen hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten fussballerisch und strukturell sehr viel getan, doch das Business sieht noch immer so aus: Géraldine Reuteler spielt beim FC Luzern, der die Meisterschaft auf Platz vier abschloss und für den sie mit 19 Treffern fast die Hälfte aller Tore erzielte. Einziger Lohn: Ein Trainingslager an der Wärme.

Auf dem Zettel der Klubs

Von Agenten wurde sie zwar über Facebook kontaktiert, doch darauf hat sie nicht reagiert, "weil wir gelernt haben, dass seriöse Anfragen über den Verein kommen". Und wie steht es mit ausländischen Angeboten? "Wie ich gehört habe, soll es Interessenten geben", antwortet sie knapp, "aber zuerst schliesse ich das Sportler-KV ab."
Auch Martina Voss-Tecklenburg ist sich sicher, dass Géraldine Reuteler "auf dem Zettel von verschiedenen Klubs steht". Und sie ist überzeugt, dass sie sich im Ausland durchsetzen wird: "Sie hat die Fähigkeit, an schwierigen Aufgaben zu wachsen - und sie verfügt über diesen inneren Antrieb, immer noch besser zu werden."

Im grossen EM-Schaufenster

Im Juli bei der EM in den Niederlanden steht das Jahrzehntetalent erstmals im ganz grossen Schaufenster. Dort wird sich zeigen, wie weit die 18-Jährige schon ist. Spürt sie den Erwartungsdruck? Hat sie manchmal Angst, die grossen Hoffnungen zu enttäuschen? "Bei den Juniorinnen gab es dieses Gefühl. Aber im A-Nationalteam bin ich die Jüngste und noch am Lernen. Da ist der Druck für die erfahrenen Spielerinnen wohl höher". Und dann fügt Sie noch an: "Aber klar: Ich will auch hier zeigen, was ich drauf habe."