Weltwirtschaft

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Pandenomics: Nach dem Schock

Pandenomics: Nach dem Schock

So ein Jahr wie 2020 hat es bisher nicht gegeben. Der weltweite Lockdown im Verlauf der ersten Welle der COVID-19-Pandemie löste den stärksten Wirtschaftseinbruch der jüngeren Geschichte aus. Die meisten Volkswirtschaften erholten sich im Anschluss deutlich, doch eine zweite COVID-19-Welle verpasste der Wirtschaft erneut einen Dämpfer. Dennoch dürfte sich das Wachstum 2021 langsam beschleunigen, ohne einen bedrohlichen Anstieg der Inflation oder der Zinsen zu bedingen, trotz der deutlich höheren Staatsverschuldung.

«Furcht und Schrecken»

Aufgrund des Lockdowns der Weltwirtschaft wird 2020 als ein historisches Jahr mit einzigartiger Konjunkturentwicklung in die Geschichtsbücher eingehen. Auf den stärksten Quartalseinbruch des globalen Bruttoinlandprodukts (BIP) im 2. Quartal folgte der kräftigste, jemals in einem Quartal verzeichnete Wiederanstieg. Dem waren eine Lockerung der Corona-Auflagen sowie beispiellose haushalts- und geldpolitische Massnahmen vorausgegangen. Als die COVID-19-Pandemie drohte, ausser Kontrolle zu geraten, griffen die verantwortlichen Politiker rund um den Globus zu drastischen Massnahmen, um die wirtschaftlichen Folgen dieser Gesundheitskrise in den Griff zu bekommen.

Was war dieses Mal anders? In einem «normalen» Abschwung kommt es in den konjunkturempfindlichen Wirtschaftsbereichen wie dem Baugewerbe in der Regel zu einer Kontraktion. Dagegen ergeht es dem Dienstleistungssektor meist besser. Dieses Mal traf der Schock jedoch die zyklischen verarbeitenden Sektoren und die Dienstleistungswirtschaft gleichzeitig und löste damit extreme Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität aus. Dies ist äusserst selten.

In den USA kam es im Dienstleistungssektor in den letzten 70 Jahren nur dreimal zu einem Wachstumseinbruch: 1973, 2008 und 2020. Im Verlauf der aktuellen Rezession schwächte sich die Aktivität in den zyklischen Sektoren ab, denn mit dem Herunterfahren ganzer Volkswirtschaften kam es zu Störungen in den Lieferketten. Im Dienstleistungssektor kam mit den Ausgangsbeschränkungen das Geschäftsleben in diversen Branchen zum Erliegen. Bislang «normale» Geschäftsaktivitäten, wie z.B. der Betrieb eines Coiffeursalons oder eines Restaurants, wurden in der Pandemie zu einem Risiko für Kunden und Mitarbeitende. Das erklärt Wirtschaftstätigkeit nach der Aufhebung der Lockdown-Massnahmen, mit der gestörte Lieferketten wiederhergestellt wurden und zuvor geschlossene Unternehmen unter strengen COVID-19-Sicherheitsauflagen den Betrieb wieder aufnehmen durften. Zusätzlich unterstützt wurde die Erholung durch massive fiskal- und geldpolitische Stimuluspakete.

Eine weitere ungewöhnliche makroökonomische Begleiterscheinung der Rezession 2020 ist der gleichzeitige Anstieg der Sparquoten in den USA, in Europa und Asien. Haushaltsund Sozialhilfeprogramme glichen einen Teil der Einkommensverluste während der Lockdowns aus und kurbelten die Konsumausgaben stärker an, als dies sonst der Fall gewesen wäre. Da die Ausgaben für Dienstleistungen im Gegensatz zu jenen für Waren jedoch durch die Abstandsregeln gebremst wurden, konnten die privaten Haushalte mehr zur Seite legen. Damit verbesserte sich ihre Vermögenslage, was in einer Rezession eher ungewöhnlich ist. Ein weiterer Anstieg der Ausgaben ist wahrscheinlich, wenn die geleisteten Arbeitsstunden weiter steigen und der Rückgang der Arbeitslosigkeit anhält. Sobald die Pandemie überstanden ist, werden die Konsumenten auch wieder mehr für Dienstleistungen ausgeben.

Sparquote der Haushalte (in %)
Globales reales BIP-Wachstum (ggü. Vorjahresquartal, in %)

Belastung für die Löhne

Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) zufolge wurden während des Lockdowns im 2. Quartal weltweit 15% weniger Arbeitsstunden geleistet. Das entspricht annähernd 500 Millionen Arbeitsplätzen. Allein in den USA verloren auf dem Höhepunkt der Krise im März und April über 21 Millionen Menschen ihren Job. Auch am europäischen Arbeitsmarkt ging die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden erheblich zurück, die Zahl der Arbeitsplätze jedoch weniger stark, da die Regierungen mit Kurzarbeitprogrammen gegensteuerten. Im Rahmen solcher Programme können Unternehmen einen Antrag auf Verkürzung der Arbeitszeit stellen. Den Lohnausfall gleicht der Staat meist bis zu einer Höchstgrenze von 80% aus. Auch asiatische und Schwellenländer mit hohem Beschäftigungsanteil im öffentlichen Sektor konnten in der Krise ihre Beschäftigung vergleichsweise stabil halten. In Ländern mit geringem Sozialversicherungsschutz wie in den USA und in einigen Schwellenländern waren dagegen erhebliche Turbulenzen am Arbeitsmarkt zu beobachten. Während des Lockdowns kam es zu einer Entlassungswelle, auf die in der Erholung massenhafte Wiedereinstellungen folgten.

Bei Redaktionsschluss hatte sich die Lage an den weltweiten Arbeitsmärkten im Vergleich zum 2. Quartal wieder spürbar entspannt. Die Arbeitslosenquoten sind jedoch nach wie vor deutlich höher als vor Ausbruch der Pandemie. In den nächsten Monaten wird die Wiedereinstellungsquote vermutlich zurückgehen, denn die anfänglich positive Wirkung der Wiederaufnahme betrieblicher Aktivitäten lässt nach.

Da es einige Zeit dauern wird, bis in der Wirtschaft wieder die vor der Pandemie verzeichneten Aktivitätsniveaus erreicht sind, ist in den nächsten zwei Jahren wohl weiterhin mit erhöhten Arbeitslosenquoten zu rechnen. Dies muss aber nicht von Dauer sein. In Ländern mit relativ flexiblen und unregulierten Arbeitsmärkten wie den USA dürfte sich die Arbeitslosigkeit schnell wieder auf dem alten Gleichgewicht einpendeln, selbst wenn die Produktion unter dem Niveau von vor der Pandemie bleibt. Aber solange Unterbeschäftigung herrscht, dürften die Löhne weiter unter Druck stehen. In Europa und Japan werden Gesetze dem jedoch entgegenwirken.

14.7% 

Im April, als über 20 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verloren, erreichte die Arbeitslosigkeit in den USA ihren Höchststand. 

Kreative Zerstörung und Produktivität

Ein Schock wie die COVID-19-Pandemie bleibt auch für die Produktivität nicht ohne Folgen. Eine Kennzahl hierfür ist das Wachstum der Arbeitsproduktivität, d.h. das reale BIP-Wachstum abzüglich des realen Wachstums der geleisteten Arbeitsstunden. Während der Pandemie stieg die Arbeitsproduktivität sprunghaft an, denn die geleisteten Arbeitsstunden gingen stärker zurück als die Produktion. Wenn die Arbeitnehmer an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, dürfte sich dies jedoch umkehren. Dann könnte sich das Produktivitätswachstum wieder verlang samen. Über kurze Zeiträume betrachtet weist die Produktivität im Allgemeinen sehr starke Schwankungen auf. Auf längere Sicht könnte die Pandemie die Produktivität aber zumindest in einigen Sektoren steigern.

Der Lockdown hat zahlreiche Verwerfungen nach sich gezogen, durch die neue Geschäftsmodelle wie die Telemedizin und neue Arbeitsformen unseres Erachtens deutlichen Auftrieb erfahren. Diese Verwerfungen werden kurzfristig Kosten verursachen. Neue Geschäftsmodelle können auf lange Sicht jedoch zu Effizienzsteigerungen führen, vor allem dann, wenn Unternehmen und Regierungen in die richtigen Bereiche, wie z.B. die digitale Infrastruktur, investieren.

Zentralbanken warten ab

Da die Löhne unter Druck stehen und/oder – je nach Region – die Arbeitslosenzahlen steigen, dürfte sich der verhaltene Preisauftrieb fortsetzen. Wir erwarten für 2021 weltweit eine Inflation von 2.3%. Sie bliebe damit unter dem vor der Pandemie erreichten Niveau von 2.5% im Jahr 2019 zurück. Für die USA prognostizieren wir im Jahr 2021 eine Teuerungsrate von 2.0% gegenüber 1.0% für die Eurozone und 2.5% für China.

Aufgrund dieser niedrigen Inflationsraten dürften es die Zentralbanken nicht eilig haben, die Leitzinsen zu erhöhen. Während des Lockdowns senkte die US-Notenbank (Fed) im Schulterschluss mit anderen wichtigen Zentralbanken die Zinsen auf annähernd null. Zudem reaktivierten oder verlängerten sie umfangreiche Wertpapierkaufprogramme. Ihr Ziel war es, die Realzinsen weiter zu drücken, um die Konjunkturerholung anzukurbeln. Wir gehen nicht davon aus, dass eine der wichtigen Zentralbanken 2021 die Zinsschraube anziehen wird. Auch für lange Zeit danach ist dies wenig wahrscheinlich. Tatsächlich könnte es sogar zu einer Ausweitung der Wertpapierkäufe kommen, wenn das Wachstum ins Stocken gerät oder die Inflation nicht steigt.

Unsicherheit bezüglich fiskalischer Zukunft

Die Pandemie und ihre Folgen dürften dazu beitragen, die Inflation 2021 im Zaum zu halten. Die langfristigen Auswirkungen der Krise auf die Teuerungsrate sind indes weniger absehbar. Mit der Zeit sind aufgeblähte Haushaltsdefizite und eine hohe Staatsverschuldung zu erwarten. Diese Destabilisierung der öffentlichen Finanzen kann die Inflation anheizen, aber nur, wenn die Zentralbanken auf künftigen Inflationsdruck unzureichend oder gar nicht reagieren. Dies könnte z.B. der Fall sein, wenn sie externem Druck nachgeben oder wenn sie sich bei ihren Zinsentscheiden allmählich von Sorgen über den Schuldendienst des Staates leiten lassen. Dies stellt ein Risiko für die Zeit nach COVID-19 dar. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Druck auf die Zentralbanken ausgeübt wird, zur Finanzierung allzu ehrgeiziger Konjunkturprogramme beizutragen.

Auch besteht die Möglichkeit, dass die Zentralbanken zu spät oder zu halbherzig auf eine Inflationsbeschleunigung reagieren. Gleichwohl beschränkt die Umstellung der Fed auf ein durchschnittliches Inflationsziel die Notenbank nicht in ihrer Fähigkeit, schnell zu reagieren, sollte die Teuerung über das Inflationsziel hinausschiessen. In Europa ist dies aufgrund der Satzung der Europäischen Zentralbank (EZB) sehr unwahrscheinlich. In Ländern mit hoher Staatsverschuldung haben die Zentralbanken grössere Schwierigkeiten damit, die Inflation zu bekämpfen, als die Deflation in Schach zu halten. Das liegt daran, dass die Inflation das Schultern einer hohen Schuldenlast erleichtert, während die Deflation den gegenteiligen Effekt hat. Die Zentralbanken sind daher heute sehr viel offener für unorthodoxe geldpolitische Massnahmen wie die quantitative Lockerung, Negativzinsen oder die Renditekurvensteuerung, um einen allgemeinen Preisverfall zu vermeiden, statt wie früher bei schwacher Konjunktur die geldpolitischen Zügel angesichts steigender Inflation zu straffen. Dies bringt die Zentralbanken bei der Erfüllung ihrer Mandate jedoch in eine heikle Lage. Noch ist es zu früh, um die Folgen solcher Extremrisiken abzuschätzen. Anleger sollten die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen jedoch im Auge behalten.

Inflation bedingt Entwicklung bei Finanzanlagen

Für Finanzanlagen und Anleger ist es entscheidend zu wissen, welches Inflationsumfeld in den kommenden Jahren herrschen wird. Für die meisten Industrie- und Schwellenländer bedeutet eine Gesamtinflation von 0% bis 4% ein moderates Inflationsumfeld, in dem sich Aktien tendenziell besser entwickeln als Anleihen. In einem Umfeld mit sehr hohem Preisauftrieb, wie es typischerweise bei Gesamtinflationsraten über 7.5% herrscht, generieren Aktien keine positiven Gesamterträge mehr, während Anleihen tendenziell eine negative Wertentwicklung verzeichnen. Herrscht Deflation, d.h., die Gesamtinflation ist negativ, schneiden Anleihen besser ab als Aktien.

Ertrag/Inflation (in %, 1900–2019)

Das Schuldenerbe

Viele Länder haben während der Krise fiskalische Stimulusmassnahmen in Höhe von 10% ihres BIP oder mehr auf den Weg gebracht. Bis Ende 2020 wird das Verhältnis von Staatsverschuldung zum BIP in den USA nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) auf über 130% steigen, in Italien auf über 160% und in Japan auf über 260%. Zwar bereitet der wachsende Schuldenberg den politisch Verantwortlichen zunehmend Sorgen. Zugleich wird jedoch der Druck zunehmen, zusätzliche Fiskalanreize zu setzen, sollten sich die Volkswirtschaften nicht vollständig erholen. In den USA dürfte sich der Umfang zusätzlicher Stimuli in Grenzen halten, da es den Demokraten nicht gelang, entscheidende Mehrheiten im Kongress zu gewinnen. Mit zusätzlichen Konjunkturmassnahmen in einer Grössenordnung wie im Jahr 2020 ist jedoch angesichts der erwarteten Erholung der Weltwirtschaft und der geringen Wahrscheinlichkeit neuerlicher vollständiger Lockdowns nicht zu rechnen. Unabhängig von der Entwicklung der Weltwirtschaft bleibt die hohe Staatsverschuldung aber auch künftig eine Herausforderung für die politisch Verantwortlichen. Solange die Zinsen auf oder nahe den gegenwärtigen Tiefstständen verharren, ist die Verschuldung tragbar. Sie wird den Regierungen jedoch bei der Bekämpfung einer neuerlichen Rezession und, was noch wichtiger ist, bei der Finanzierung wachstumsfördernder Massnahmen Fesseln anlegen. Hohe Schuldenberge dürften daher eines der auf lange Sicht belastenden Vermächtnisse von COVID-19 sein.

Protektionismus dürfte fortbestehen

In den letzten 20 Jahren ist der Anteil Chinas an der weltweiten Industrieproduktion von etwa 5% auf 30% gestiegen, während jener der USA unseren Schätzungen zufolge von 25% auf 18% gesunken ist. Viele westliche Politiker haben Massnahmen zum Ankurbeln der Export- und Produktionskapazitäten sowie zum Stellenaufbau im Inland versprochen. Dies dürfte jedoch kaum in einem solchen Umfang geschehen, dass der Anteil der USA oder Europas an der globalen Produktion wieder deutlich steigt. Dagegen werden die seit 2016 zunehmenden Handelsbarrieren und -spannungen wohl Bestand haben. Dass die Zölle zwischen westlichen Volkswirtschaften angehoben werden, ist unwahrscheinlich – tatsächlich verhandeln die USA und die EU gerade über ein Handels abkommen. Die Konflikte im Technologiebereich und bei Investitionen werden aber vermutlich anhalten oder sich sogar verschärfen. Als Reaktion darauf steckt China derzeit viel Geld in seine Halbleiterindustrie, um seine Abhängigkeit von anderen, eher unfreundlichen Handelspartnern zu verringern. Dies könnte eine Verdoppelung von Lieferketten zur Folge haben. Auch im Arzneimittelbereich könnten die protektionistischen Tendenzen zunehmen. Lobbyisten wollen den Eindruck erwecken, die COVID-19-Krise habe gezeigt, dass strategisch wichtige medizinische Produkte auf nationaler Ebene produziert werden müssten. Viel besser wäre es, über multi- oder bilaterale Verträge sicherzustellen, dass bei einer künftigen Gesundheitskrise eine diversifizierte globale Versorgung sichergestellt ist.

Wahlen in den USA: Begrenzter Spielraum für den gewählten Präsident Biden

Obschon Joe Biden die Präsidentschaftswahlen für sich entschieden hat, bleibt den Demokraten nur begrenzter Spielraum, da es ihnen nicht gelang, entscheidende Mehrheiten im Kongress zu gewinnen. In den USA ist daher nicht mit erheblichen Änderungen an der Steuerpolitik zu rechnen, während zusätzliche Ausgaben in Bereichen wie der «grünen» Wirtschaft ebenfalls begrenzt ausfallen dürften. Gleiches gilt für Anpassungen an Gesundheitsgesetzen oder der Regulierung. Allerdings dürfte sich die Rhetorik seitens des Weissen Hauses merklich verändern.

Anchor: status-quo

Abschied vom Status quo

Krisen haben oftmals transformativen Charakter. Während sich einige Entwicklungen als vorübergehend erweisen, haben andere noch lange Bestand. Bei der COVID-19-Pandemie machen wir mehrere lang anhaltende Folgen aus.

Die rasante Ausbreitung von COVID-19 Anfang 2020 traf viele überraschend und stellte die Weltwirtschaft auf den Kopf. Die Pandemie führt uns vor Augen, dass Infektionskrankheiten auch heute noch eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen können und dass derartige Ausbrüche Begleiterscheinungen des menschlichen Fortschritts sind. Die Geschichte hat aber gezeigt, dass Gesundheitskrisen zu wissenschaftlichen und sozialen Durchbrüchen beitragen und dadurch die künftige Wirtschaftsentwicklung mitbestimmen. Unseres Erachtens stellt die aktuelle Gesundheitskrise keine Ausnahme dar.

Gleichwohl sorgt COVID-19 nicht für eine komplette Umwälzung, sondern beschleunigt vielmehr bereits bestehende Trends. Die Digitalisierung des Alltags, der Trend hin zu flexibleren Arbeitsregelungen, die Verlangsamung der Globalisierung, die Schwächung des Multilateralismus, die Expansion des Staates oder die Anfälligkeit von Städten – all dies sind Entwicklungen, die bereits vor Ausbruch des Virus im Gange waren. Die Geschwindigkeit, mit der sich diese Trends mittlerweile vollziehen, macht es uns schwer, Schritt zu halten.

Die Gesetzgebung hinkt in verschiedenen Bereichen – von Datenschutz- bis hin zu Arbeitsgesetzen – hinterher, und Regierungen wie auch Unternehmen müssen ihre Widerstandsfähigkeit stärken, indem sie auf nachhaltigere Wirtschaftsmodelle umschwenken.

Heute mit Blick auf die Welt nach COVID-19 zu handeln, kann dazu beitragen, die Wahrscheinlichkeit einer weiteren globalen pandemiebedingten Krise zu minimieren.

Dies stellt überdies eine Gelegenheit dar, jene Probleme anzugehen, die das Wachstum und den Wohlstand in den letzten Jahrzehnten belastet haben.

Anchor: regional-outlook

Regionaler Ausblick

Regionaler Ausblick

Zum Jahreswechsel fällt der Wachstumsausblick im regionalen Vergleich unterschiedlich aus. Im Hinblick auf die Erholung der Weltwirtschaft von der Coronavirus- Pandemie ist dieser Prozess in einigen Ländern weiter vorangeschritten. Neben der COVID-19-Krise sehen sich einige Volkswirtschaften 2021 mit zusätzlichen politischen Herausforderungen konfrontiert.

USA

USA
Schrittweise Erholung von der zweiten Welle

Das Wachstum dürfte über Potenzial liegen (die Wachstumsrate dürfte langfristig aufrechterhalten werden), da die USA zu einer mehrjährigen Erholung von der Pandemie ansetzen. Wir erwarten für 2021 ein mit den Vorjahren vergleichbares Inflationsniveau, wenngleich die Extremrisiken im Hinblick auf Deflation wie auch Inflation zugenommen haben. Die Staats- und die Auslandsverschuldung, die aufgrund von Massnahmen zur Bekämpfung der Folgen der COVID-19-Krise gestiegen sind, könnten im Laufe der Zeit destabilisierend wirken. Das Quartalswachstum dürfte nach neuerlichen Rückschlägen im 4. Quartal 2020 schrittweise wieder anziehen. Selbst mit der neuen Regierung unter Führung der Demokraten ist kaum mit einer Verbesserung der Beziehungen zu China zu rechnen. Veränderungen bei der Besteuerung dürften sich ebenso wie Ausgaben für «grüne» Infrastruktur in Grenzen halten.

Lateinamerika

Lateinamerika
Wachstumsunterschiede

In Mexiko scheint sich der langfristige Wachstumsausblick einzutrüben, da Präsident Andrés Manuel López Obrador auf Konfrontationskurs mit dem Privatsektor bleibt. Die Risikobereitschaft weltweit hat die lokalen Finanzmärkte stabilisiert. Diese Stabilität bleibt angesichts der finanziellen Fragilität des stark verschuldeten und in Staatsbesitz befindlichen Ölkonzerns Pemex jedoch weiterhin gefährdet. Im Gegensatz zu den sich verschlechternden Wachstumsaussichten in Mexiko könnten die rückläufigen Zinsen in Brasilien ein schnelleres Wirtschaftswachstum nach sich ziehen und das Vertrauen in die Tragfähigkeit der Staatsverschuldung erhöhen. Damit dies der Fall ist, muss Präsident Jair Bolsonaro jedoch zunächst seine politische Fähigkeit, fiskalische Reformen durchzuführen, unter Beweis stellen.

Grossbritannien

Grossbritannien
Leben nach der EU

Der Austritt Grossbritanniens aus dem Binnenmarkt und der Zollunion der Europäischen Union (EU) dürfte mit langfristigen Kosten (z.B. für Handelsbarrieren und Bürokratie) verbunden sein und die Erholung des Landes von der COVID-19-Pandemie verlangsamen. Das Auslaufen der Übergangsphase Ende 2020 dürfte somit einen zusätzlichen Schock für die britische Wirtschaft darstellen – und zwar unabhängig davon, ob ein Handelsabkommen zustande kommt. Darüber hinaus könnte es zu lang anhaltenden Schäden kommen, sollte die britische Regierung die fiskalischen Unterstützungsmassnahmen frühzeitig einstellen.

Eurozone

Eurozone
Pandemie stärkt Bündnis

Die europäischen Länder haben ihre Volkswirtschaften früher wieder geöffnet als die USA und hatten die Nase im Hinblick auf die Konjunkturerholung daher leicht vorn. Da Europa jedoch von einer zweiten COVID-19-Welle erfasst wurde, kam es zu neuerlichen Rückschlägen. Gleichwohl dürfte die Eurozone ein Wachstum über Potenzial verzeichnen, sobald die Pandemie überstanden ist, zumal die fiskalischen Massnahmen einen Grossteil der Schäden, den die Lockdowns ansonsten für Unternehmen und die Beschäftigungslage gehabt hätten, erfolgreich abgefedert haben. Allerdings ist die öffentliche Finanzlage in einigen wichtigen Ländern wie Italien angespannt, und die Investitionsnachfrage fällt schwach aus. Herausfordernde demografische Trends (z.B. eine alternde Bevölkerung) belasten das Wachstumspotenzial zusätzlich. Auf lange Sicht hängt eine erfolgreiche Erholung von der COVID-19-Krise daher von einer fortschreitenden effektiven fiskalischen und politischen Integration ab. Unserer Ansicht nach stellt die Lancierung des Wiederaufbaufonds der EU diesbezüglich einen Schritt in die richtige Richtung dar.

China

China
Vorteile durch Vorsprung

Im Hinblick auf die Erholung nach der Pandemie ist China den meisten anderen Ländern voraus. Das Land ergriff als erstes Lockdown-Massnahmen und hob diese auch als erstes wieder auf. Mittlerweile hat die Industrieproduktion in China den verlorenen Boden weitgehend wettgemacht, und China dürfte 2020 als einzige wichtige Volkswirtschaft ein positives Wachstum verzeichnen (wir rechnen mit einem realen Wachstum des Bruttoinlandprodukts [BIP] von 2.2%). Die weitere Erholung hängt künftig stärker von einer Belebung des Arbeitsmarktes ab, der sich nach wie vor Schwierigkeiten gegenübersieht (in den Sektoren Reisen und Unterhaltung werden weiterhin nur zögerlich Arbeitnehmer eingestellt). Mit Blick auf die Zukunft dürfte der Schwerpunkt des nächsten Fünf- Jahres-Plans auf die folgenden drei wesentlichen Bereiche gelegt werden: Technologischer Fortschritt, Arbeitsproduktivität und Landreformen. Die Behörden streben angesichts der zunehmenden Reife der Wirtschaft und des damit verbundenen Rückgangs des Wachstumspotenzials eine reibungslose Verlangsamung des BIP-Wachstums an und wirken etwaigen Entwicklungen, die zu einer Entkopplung Chinas von der Weltwirtschaft beitragen würden, proaktiv entgegen.

Japan

Japan
Innovationen sorgen für Unterstützung

2021 dürfte ein leicht positives reales BIP-Wachstum erreicht werden, da die demografischen Belastungsfaktoren durch solide Produktivitätssteigerungen infolge anhaltender technologischer Innovationen ausgeglichen werden. Dennoch dürfte die hartnäckige, wenn auch leichte Disinflation zusammen mit den niedrigen nominalen Zinssätzen weiterhin eine Gefahr für den Bankensektor darstellen und eine umfassende Konsolidierung zur Folge haben.

Schweiz

Schweiz
Die Schweiz behauptet sich gut

Auch die Schweizer Wirtschaft ist stark vom Coronavirus in Mitleidenschaft gezogen worden, behauptet sich aus drei Gründen aber besser als andere Volkswirtschaften. Zum einen wurden weniger strenge Beschränkungen verhängt als beispielsweise in Italien oder Spanien. So kam es etwa nicht zu einer landesweiten Schliessung von Baustellen und Produktionsstätten. Zum anderen wurden frühzeitig effektive Massnahmen zur Minderung der Auswirkungen der Krise ergriffen: Kurzarbeit und COVID-19-Kredite wirkten sich seit Ausbruch der Krise positiv aus. Drittens gestaltet sich die Branchenverteilung in der Schweiz relativ günstig, wobei ein grosser Teil der Wertschöpfung auf den Pharma-, den Chemie- und andere Sektoren (einschliesslich Rohstoffhandel, Banken und Versicherungen) entfällt, die nicht direkt von den Beschränkungen betroffen waren oder sogar einen Nachfrageanstieg infolge von COVID-19 verzeichnet haben. Mit Blick auf die Zukunft dürfte die Erholung aber ähnlich schnell vonstattengehen wie bei den Haupthandelspartnern der Schweiz.

Investment Outlook 2021