ESG Trends
Stärkere Aufmerksamkeit auf Nachhaltigkeit
Der stärkere Fokus auf die Kriterien Umwelt, Soziales und Governance (ESG) im Jahr 2021 wird sich auch 2022 weiterhin auf Unternehmen und Anlageperspektiven auswirken. Aktienanleger, Beschäftigte, Regulatoren und ESG-Aktivisten ziehen die Unternehmen zur Verantwortung, und das Interesse dürfte in Zukunft nicht nachlassen. Wir fassen im Folgenden zentrale ESG-Trends zusammen, welche die Anleger 2022 genau verfolgen sollten.
1. Klimawandel und sinkende Biodiversität
– «business as usual» nicht länger gefragt
Sicherlich haben viele Anleger vom Klimagipfel der Vereinten Nationen, COP26, der im November 2021 in Glasgow abgehalten wurde, gehört. Weniger dürften mit COP15 vertraut sein, der zweiteiligen UN-Konferenz zur Biodiversität, die im Oktober 2021 begonnen hat und (wenn die Pandemielage es zulässt) im Mai 2022 beendet werden soll. Die Ergebnisse dieser beiden Konferenzen werden die ökologische Agenda der kommenden Jahre bestimmen. Während Kennzahlen wie der CO2-Fussabdruck mittlerweile weit verbreitet sind, suchen die Anleger nach wie vor nach belastbaren Grössen, um Unternehmen in Bezug auf das komplexere Thema der Biodiversität zu vergleichen. Somit ist es an den Unternehmen, zu zeigen, wie sie ihr Geschäft auf die neue Realität abstimmen. Lebensmittel- und Agrarunternehmen, die gleichermassen einen Bezug zum Klimawandel und zur sinkenden Biodiversität aufweisen, dürften am schärfsten unter die Lupe genommen werden.
Selbst für den Fall, dass umfangreiche Regierungsmassnahmen ausbleiben, sollten sich die Anleger darauf einstellen, dass «business as usual» nicht länger gefragt ist. 2022 wird der Anteil der CO2-Emissionen in der Atmosphäre mit einem Anstieg um 50% im Gegensatz zu vorindustriellen Niveaus eine gefährliche Schwelle erreichen. Gleichzeitig verzeichnen die Ökosysteme ein Artensterben, das selbst in früheren Phasen eines Massenaussterbens noch nie erreicht wurde und das Schätzungen zufolge um 100- bis 1000-fach grösser ist als vor dem Erscheinen des Menschen. Diese Veränderungen bilden auf globaler Ebene bedeutende Risiken für Unternehmen und Anleger im Hinblick auf Lieferkettenausfälle, niedrigere Ernteerträge und eine grössere Volatilität der Lebensmittelpreise. Somit sollten Anleger Unternehmen ausfindig machen, die diese Risiken bewältigen können, da sie langfristig eine Outperformance erzielen dürften.
Lösungen, die sich gleichermassen auf den Klimawandel und die sinkende Biodiversität beziehen, könnten bislang beispiellose Anlagechancen bergen. Von einer klimafreundlichen und regenerativen Landwirtschaft bis hin zu alternativen Proteinen und einer geringeren Lebensmittelverschwendung könnten umweltfreundliche Lösungen neue Geschäftsmöglichkeiten im Umfang von USD 10 Bio. schaffen und gleichzeitig einen Rückgang der Treibhausgasemissionen um 37% bis 2030 unterstützen, wie einem Artikel aus dem Jahr 2020 auf der Website des Weltwirtschaftsforums zu entnehmen ist («How investing in nature can help tackle the biodiversity and climate crises»).
2. Arbeitsmärkte – die
Rechte der Gig Workers schützen
Die «Gig Economy» erstreckt sich mittlerweile von Routinearbeiten, die geringe Qualifikationen erfordern, bis hin zu hoch qualifizierten Freiberuflern, darunter auch Beschäftigte in der Kreativ- und Digitalbranche, im Bildungswesen (EdTech) und nun auch im Gesundheitswesen. Am qualifizierten Ende des Spektrums ist der Wettbewerb hart, und die Arbeitgeber müssen wettbewerbsfähige Preise zahlen, um sich die Fähigkeiten zu sichern, die sie für kritische Projekte oder zur Besetzung von Schichten benötigen. Im besten Fall bringt dieser Online-Freelance-Markt Talente und freie Aufträge zusammen, sorgt für Transparenz und bietet die Gewissheit, dass die Qualifikationen von gefragten Arbeitskräften gerecht entlohnt werden. Seit Beginn der COVID-19-Pandemie sind zunehmend Frauen in der Gig-Working-Branche tätig. Gründe dafür sind, dass sie in den stark von der Krise betroffenen Sektoren wie Gastgewerbe und Dienstleistungsbranche überdurchschnittlich hoch vertreten waren oder sich dazu gezwungen sahen, sichere Arbeitsstellen aufzugeben, um für Kinder und andere Angehörige zu sorgen. Gig-Jobs bieten zwar Flexibilität und Chancen für marginalisierte Arbeitnehmende, aber die Löhne für geringer qualifizierte Tätigkeiten sind oft niedrig und das Einkommen ist unregelmässig. Zudem gibt es kaum Beschäftigungsschutz.
Gig-Plattform-Unternehmen sind in der Regel in stark regulierte Märkte eingetreten. Arbeitskräfte werden unter Umgehung des Arbeitsrechts als unabhängige Auftragnehmer eingestuft. Zudem werden gering qualifizierte Gig Workers so unter Mindestlohn bezahlt, und Versicherungs- und Kapitalkosten sowie weitere Kosten können auf sie abgewälzt werden. Ausserdem entfallen beim Gig Working unter Umständen standardmässige Arbeitnehmerschutzbestimmungen wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Ferienentschädigungen und Renten- bzw. Pensionsansprüche. Viele Gesetzgeber führen Vorschriften zum Schutz von Gig-Arbeitern ein, um ein gleichberechtigteres Verhältnis zwischen Gig-Plattformen und ihren Auftragnehmern zu schaffen. Der rechtliche und regulatorische Druck auf das Geschäftsmodell der Plattformen wird 2022 voraussichtlich anhalten, wobei manche Unternehmen besser als andere auf das sich verändernde Sektorumfeld reagieren.
Die Anleger können sich einen Vorsprung verschaffen, indem sie eine proaktive Haltung in Bezug auf den Schutz der Menschenrechte und eine verbesserte Offenlegungspolitik hinsichtlich Arbeitsplatzrichtlinien und -praktiken einnehmen, was unserer Ansicht nach die langfristige Wertschöpfung unterstützt und zur Minderung von Haftungs-, Reputations- und operativen Risiken beiträgt.
Neben aufstrebenden Bereichen wie EdTech gibt es in der Gig Economy weitere Anlagegelegenheiten mit Bezug zu Technologien, die von einem zunehmend flexiblen Arbeitsumfeld profitieren dürften, wie z.B. die Cloud, SaaS (Software as a Service) für Unternehmen und Cybersicherheit. Das Ökosystem der Gig Economy bietet zudem neue Möglichkeiten zur Risikominderung für Anleger, wie z.B. Insurtech-Produkte, die innovative kurzfristige Versicherungslösungen nach einem Pay-as-you-go-Modell für Gig Workers bieten. Angrenzende Technologien, einschliesslich innovativer Zahlungsnetzwerke, können den Zugang zu Finanzdienstleistungen für Auftragnehmer ohne Bankkonto verbessern, sodass sie unmittelbar bezahlt werden und nicht mehr wochenlang auf ihr Gehalt warten müssen, wodurch sich der Lebensstandard der Gig Workers verbessert.
3. Das digitale Paradoxon
– die COVID-19-Krise als Katalysator für Chancen und Herausforderungen
Das aktuelle Tempo des digitalen Wandels dürfte sich im kommenden Jahr fortsetzen, um weiterhin die Geschäftskontinuität, die Heimarbeit und die Automatisierung zu unterstützen. Dabei dürfte der digitalen Sicherheit künftig eine hohe Priorität beigemessen werden, da sich zahlreiche Sektoren wie Bildung, Gesundheitswesen, Handel, Produktion und Unterhaltung zugunsten eines Digital-first-Ansatzes verändern.
Während sich die Welt allmählich von der COVID-19-Krise erholt, sehen sich IT-Experten mit einer anderen Bedrohung konfrontiert. Schätzungen zufolge wird Cyberkriminalität 2021 weltweit Schäden in Höhe von USD 6 Bio. durch Produktionsausfälle, Beschädigung und Zerstörung von persönlichen und Finanzdaten sowie Diebstahl intellektuellen Eigentums verursachen. Da Reputationsschäden und Ransomware-Angriffe immer häufiger auftreten und immer teurer werden, wird für 2025 ein Schaden von USD 10.5 Bio. prognostiziert. Sicherheitsverletzungen und Ransomware-Angriffe in verschiedenen Sektoren verdeutlichten jüngst das Risiko einer unzureichend gesicherten Infrastruktur. Das Bewusstsein wächst, und angesichts der Risiken, die Unternehmen in diesem Bereich bewältigen müssen, werden die Ausgaben für Cyberresilienz 2021 und 2022 weiter steigen.
Obwohl Cybersicherheit üblicherweise als IT-Thema betrachtet wird, da es den Schutz von Systemen, Netzwerken, Software und Daten betrifft, gelten entsprechende Schwachstellen als wesentliches Geschäftsrisiko, das Anleger nicht ignorieren sollten; Cybersicherheit wird innerhalb des ESG-Rahmens der sozialen Dimension zugeordnet.
Darüber hinaus wird Cybersicherheit zunehmend durch die Legislative beachtet. So besteht in den USA parteienübergreifendes Engagement zur Verbesserung der Berichterstattung über Cybervorfälle und zur Finanzierung von Infrastrukturprojekten. In der Europäischen Union werden im Rahmen der neuen Cybersicherheitsstrategie modernste Cyberabwehrkapazitäten zur Bekämpfung von Cyberangriffen in der gesamten Region gefordert.
Die führenden Unternehmen auf dem Gebiet sind sich bewusst, dass Cybersicherheit sowohl eine geschäftliche als auch eine technische Anforderung ist, und integrieren Cybersicherheit in ihre Produkte, Dienstleistungen und Prozesse. Die performancestärksten Unternehmen haben bereits innerhalb ihrer gesamten Organisation, darunter auch entlang der Lieferketten, ihren Fokus auf das Management von Cyberrisiken wie auch auf entsprechende Fähigkeiten und Infrastrukturen verstärkt. Die anderen Marktteilnehmer werden diesem Beispiel folgen. Anleger sollten bei ihren Anlageentscheidungen berücksichtigen, inwieweit ein Unternehmen auf Cybersicherheit vorbereitet ist. Unternehmen, die entsprechende Risiken bewältigen können, werden sich wahrscheinlich langfristig besser entwickeln.
Diese Entwicklungen sollten jenen Anlagegelegenheiten zugutekommen, die durch das neue und wachsende Geschäft am Cybersicherheitsmarkt entstehen. Dazu gehört auch die Einführung eines Zero-Trust-Ansatzes, bei dem alle Nutzer innerhalb und ausserhalb des Unternehmensnetzwerks authentifiziert, autorisiert und kontinuierlich überprüft werden, bevor sie Zugang zu Anwendungen und Daten erhalten (oder behalten), sowie eine integrierte Hardware-Authentifizierung und Verhaltensanalysen. Des Weiteren bildet die wachsende Nachfrage nach cloudbasierten Diensten in zahlreichen Branchen einen bedeutenden Treiber für den Cloud-Security-Markt – das derzeit wachstumsstärkste Segment. Weitere Anlagegelegenheiten bieten führende Anbieter, die sich auf die Gewährleistung der Cybersicherheitshygiene entlang ihrer Hardware- und Software-Lieferketten sowie hinsichtlich ihrer eigenen Abläufe konzentrieren, sowie die nächste Generation von erfahrenen Cyberexperten, die aus Sektoren wie der Finanzdienstleistungsbranche kommen und nun eigene Unternehmen gründen, wie auch innovative Start-ups, die durch die Regierungen gefördert werden.