Infrastruktur

Infrastruktur-Aktien bieten in der Regel solide Dividendenrenditen. Diese verleihen ihnen in Zeiten von niedrigen oder sogar negativen Zinsen in vielen Regionen der Welt einen gewissen Reiz. Das Niedrigzinsumfeld, das den Genehmigungsprozess bei neuen Projekten beschleunigt, dürfte den Supertrend «Infrastruktur – Lücken schliessen» auch in den kommenden Monaten beflügeln. Ausserdem wirken die Sorgen um den Klimawandel als starke regulatorische und politische Katalysatoren. Darüber hinaus legt unser neues Subthema «Smart City» den Fokus auf die Infrastrukturherausforderungen rasch wachsender urbaner Zentren, einschliesslich der neuen, durch die Coronavirus-Pandemie zutage geförderten Aspekte.

Börsennotierte Infrastrukturwerte: Die «angesagte» Anlageklasse

Börsennotierte Infrastrukturwerte sind eine junge, aber schnell wachsende Anlageklasse. Schätzungen der Global Listed Infrastructure Organisation (GLIO) zufolge dürfte das von Fonds für börsennotierte Infrastrukturwerte verwaltete Vermögen von USD 108 Mrd. im Jahr 2019 in den nächsten zehn Jahren auf über USD 300 Mrd. klettern.

In der Vergangenheit beteiligten sich institutionelle Anleger direkt an Infrastrukturanlagen, um stabile Cashflows zu generieren. In den letzten Jahren hat das Angebot an verfügbaren Anlagen jedoch abgenommen, sodass auf eine geringere Anzahl von Vermögenswerten immer mehr Private-Equity-Fonds kommen. Angesichts der steigenden Transaktionspreise für Infrastrukturanlagen stellen die hohen Bewertungen eine Herausforderung dar. 

neu, aber stark wachsend

Quelle Global Listed Infrastructure Organization

Börsennotierte Infrastrukturunternehmen betreiben Infrastrukturobjekte. Erwerben Investoren die Aktien börsennotierter Infrastrukturunternehmen, so beteiligen sie sich an Infrastrukturanlagen mit laufenden Cashflows. Dementsprechend sind börsennotierte Infrastrukturunternehmen mittlerweile eine attraktive Anlageklasse. 

Da Private-Equity-Fonds über eine Menge «trockenen Pulvers» (d.h. erwirtschaftetes, aber nicht ausgegebenes Kapital) verfügen, das sie in Infrastrukturanlagen investieren wollen, stellen börsennotierte Infrastrukturunternehmen diesbezüglich eine kurzfristige Gelegenheit oder womöglich sogar eine attraktive langfristige Anlagealternative zu physischen Infrastrukturwerten dar.

Transport

Investitionen weiterhin stark

Faktoren wie das rückläufige Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP), veraltete Transportsysteme und die Sorgen hinsichtlich des Klimawandels beflügeln die Investitionen in die Transportinfrastruktur. 

Mexiko kündigte beispielsweise ein Infrastrukturprogramm im Umfang von USD 43 Mrd. an, nachdem die Wirtschaft 2019 in eine technische Rezession abgeglitten war. Ziel ist ein jährliches BIP-Wachstum von über 4% zwischen 2020 und 2024, das durch 147 Infrastrukturprojekte erreicht werden soll. Überdies strebt das Land an, den Anteil der Investitionen am mexikanischen BIP von derzeit 20.5% auf 24% zu steigern. 

Die Philippinen haben ein Infrastrukturprogramm in der Höhe von USD 177 Mrd. lanciert, um die Investitionen bis 2022 auf 7% des BIP zu steigern. Damit reagiert das Land auf sein grosses Verkehrsproblem: Das Weltwirtschaftsforum (WEF) stuft die Philippinen im Hinblick auf die Qualität der Transportinfrastruktur auf Platz 102 ein. Laut TomTom Index verlieren die Pendler in Manila jedes Jahr 10 Tage und 17 Stunden durch Staus während der Hauptverkehrszeit. Die Regierung ist bestrebt, die Zahl der Fahrzeuge auf Manilas Hauptverkehrsader um ein Drittel zu verringern.

Auch Deutschland ist bemüht, der Verlangsamung seiner Wirtschaft mit dem grössten Modernisierungsprogramm (EUR 86 Mrd. über 10 Jahre) in der Geschichte seines Eisenbahnnetzes entgegenzuwirken. Eine Steigerung der Zahl an Bahnfernreisenden auf 260 Millionen bis 2030 dürfte überdies zum Klimaziel der Regierung beitragen.

Energie und Wasser

Grosse Veränderungen zu erwarten

Klimawandel und Bevölkerungswachstum erfordern dringend Veränderungen im Hinblick auf die Stromerzeugung und die Wasserversorgung. Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert in ihrem World Energy Outlook 2019, dass der Brennstoffmix im Rahmen ihres nachhaltigen Entwicklungsszenarios (Sustainable Development Scenario, SDS), das eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1.5 °C bis Ende des Jahrhunderts vorsieht, deutlich angepasst werden muss. Laut SDS müssten bis 2040 über 40% der globalen Stromversorgung auf Solar- und Windkraft entfallen, um die CO2-Emissionen deutlich zu senken. Dafür müssen die Stromerzeugungskapazitäten aus Wind- und Solarkraft unseren Berechnungen zufolge um mehr als das Siebenfache zunehmen. 

Dies macht einen raschen Ausbau der Stromerzeugungsinfrastruktur für Wind- und Solarenergie sowie eine Modernisierung der Übertragungsnetze erforderlich. Versorgungsunternehmen profitieren von dieser Energiewende, da sie einen hohen Anteil erneuerbarer Energien in ihrem Erzeugungsmix aufweisen und ihre Anlagen durch Netzinvestitionen im regulierten Stromversorgungsgeschäft ausbauen.

Erdgas stellt nach wie vor eine wichtige Brückentechnologie dar, da es sauberer ist als andere fossile Brennstoffe wie Öl und Kohle. Dementsprechend dürfte die Nachfrage nach Erdgas im Rahmen des SDS zwischen 2020 und 2030 ein Plateau erreichen, bevor sie bis 2040 allmählich abnimmt. Betreiber von Erdgasinfrastruktur, darunter Gaspipelines und Tankstellen für verflüssigtes Erdgas, dürften künftig auch weiterhin von der stabilen Gasnachfrage profitieren, selbst unter Berücksichtigung des SDS. Gleichwohl müssen Betreiber von Gaspipelines auch in Zukunft ihre CO2-Emissionen verringern, wenn sie den Zugang zu Finanzierungen für neue Pipelineprojekte nicht verlieren wollen.

Hingegen müssten die Kohlenachfrage zwischen 2018 und 2040 um 62% und die Ölnachfrage bis 2040 um 31% sinken, damit die globale Erwärmung im Rahmen des SDS auf 1.5 °C begrenzt werden kann.

Emissionsfreie Kernenergie stellt weiterhin eine Brückentechnologie dar, die allerdings weniger wichtig ist als Erdgas. Die IEA geht davon aus, dass der Anteil der Kernenergie an der globalen Stromerzeugung bis 2040 relativ stabil bei 11% verharren wird.

Der Zugang zu sauberem Wasser ist eine weitere Herausforderung. Angaben des Weltwasserberichts der Vereinten Nationen (UN) aus dem Jahr 2019 zufolge dürfte der Wasserbedarf bis 2050 um weitere 20% – 30% steigen. Die UN rechnen damit, dass bis 2050 bis zu 5.7 Milliarden Menschen mindestens einen Monat pro Jahr in Gebieten mit potenzieller Wasserknappheit leben. Laut Schätzungen der Weltbank könnte Wasserknappheit das BIP in einigen Regionen, darunter der Nahe Osten und Afrika, bis 2050 um 6% schmälern. Ein weiteres Risiko besteht darin, dass der Klimawandel eine verstärkte Migration innerhalb der Länder nach sich ziehen könnte, wobei Schätzungen der Weltbank zufolge bis 2050 140 Millionen Menschen gezwungen werden, ihren Wohnort zu wechseln. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schätzt den zur Behebung der Wasserverknappung erforderlichen Investitionsbedarf in die Wasserinfrastruktur zwischen 2016 und 2030 auf USD 13.6 Bio.

Smart City

Intelligente Städte, steile Lernkurve

Laut Prognosen der UN dürfte der Anteil der in urbanen Gebieten lebenden Weltbevölkerung bis 2050 von derzeit 55% auf 68% ansteigen. Diese rasante Urbanisierung erhöht das Risiko im Zusammenhang mit dem Klimawandel und Verkehrsstaus. Hitzewellen betreffen grosse Städte noch stärker, da Wolkenkratzer, Autos und asphaltierte Strassen die Hitze einfangen. Überdies sehen sich Megastädte wie jüngst weltweit ersichtlich mit einzigartigen Herausforderungen bei der Bewältigung von Pandemien konfrontiert.

Städte müssen daher intelligenter werden, wenn sie das urbane Wachstum und die damit verbundenen Herausforderungen, darunter die öffentliche Gesundheit, effektiv steuern wollen. Rund um den Globus nutzen Städteplaner wie auch Bewohner datengestützte Technologien wie das Internet der Dinge (IdD) und künstliche Intelligenz (KI), um den Verkehrsfluss, die Gebäudeplanung sowie die Abfall- und Wassersysteme in «Smart Cities» zu verbessern. Gleichwohl sehen sich diese intelligenten Städte laut einem Blog-Beitrag von Scientific American weiterhin zahlreichen Hindernissen gegenüber, darunter lückenhafte Daten, Finanzierung, Fragen hinsichtlich der Datenspeicherung und Sorgen in Bezug auf die Privatsphäre. Intelligente Transport- und Mobilitätslösungen können Verkehrsstaus verringern und zu einer besseren Anbindung beitragen. Sie kurbeln zudem das Wirtschaftswachstum an, indem sie verlässlichen Zugang zu Städten bieten. In Frankreich wird das Bahnprojekt «Grand Paris Express» die Anbindung der Vororte an die sich entwickelnden Viertel in Paris, darunter die Geschäftsviertel, Forschungszentren und Flughäfen der Stadt, bis 2035 verbessern.

Die intelligente Wasserinfrastruktur legt den Fokus auf die automatisierte Ermittlung von Verschmutzung und Leckagen, um so den Wasserverlust zu minimieren. In der US-Stadt South Bend in Indiana kommen zum Beispiel IdD-Sensoren im Abwassersystem zum Einsatz, mit denen die Wasserpegel überwacht und die Abwässer umgeleitet statt in den Fluss abgelassen werden. In Europa nutzt die portugiesische Stadt Cascais unterirdische, mit Sensoren ausgestattete Recyclingbehälter, die das Abfallvolumen überwachen. Dadurch werden sowohl die Kosten als auch die CO2-Emissionen gesenkt. 

Intelligente Gebäude nutzen Echtzeitdaten zur Belegungsquote und den Temperaturbedingungen, um den Platz- und Energieverbrauch zu optimieren. MarketsandMarkets schätzt, dass der jährliche Umfang des Marktes für intelligente Gebäudetechnologie zwischen 2019 und 2024 von USD 61 Mrd. auf USD 106 Mrd. anwachsen wird.

Telekom-Infrastruktur

Beim Wachstum hoch hinaus

Funkturmbetreiber stellen eine attraktive Wachstumskomponente innerhalb eines globalen Infrastrukturportfolios dar. Das nachhaltige Wachstum ergibt sich aus dem Erwerb neuer Funkturmanlagen und der zunehmenden Zahl der Mieter pro Turm.

Mobilfunknetzbetreiber (Mobile Network Operator, MNO) verkaufen ihre Turmanlagen an unabhängige Unternehmen, da es für sie wirtschaftlicher ist, den Zugang zum Mast zu mieten, als diesen selbst zu besitzen. Dieser Trend hat in den USA zu einem starken Anstieg der Zahl börsennotierter US-Funkmastbetreiber geführt. Das Wachstumspotenzial für entsprechende europäische Unternehmen ist enorm, da in der Region rund 420’000 und damit dreimal mehr Funktürme stehen als in den USA. Laut GLIO befinden sich rund 80% dieser Türme in Europa nach wie vor im Besitz der Netzbetreiber, verglichen mit 16% in den USA.

Entsprechend könnten europäische börsennotierte Funkmastbetreiber künftig Wachstum aufweisen wie ihre US-Pendants in den vergangenen 15–20 Jahren. Das spanische Unternehmen Cellnex und der italienische Betreiber INWIT führen diesen Wachstumstrend in Europa an. Darüber hinaus scheinen einige Netzbetreiber einen Börsengang ihres Funkturmgeschäfts in Erwägung zu ziehen.