Markttrends Eine neue Bildungs- und Beschäftigungslandschaft

Eine neue Bildungs- und Beschäftigungslandschaft

Wir leben in aussergewöhnlichen Zeiten. Rund acht Wochen nach Verhängung des Lockdowns in wichtigen Ländern diskutierten vier führende Experten verschiedener Fachrichtungen, welche Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und den Bildungssektor die beispiellosen sozioökonomischen Einschnitte durch COVID-19 haben werden.

Highlights der Diskussion

Auslöser der Revolution in den Bereichen Arbeit und Bildung: Die Normalisierung der Fernarbeit 

Die verstärkt genutzte Fernarbeit könnte helfen, den Anteil arbeitender Frauen zu erhöhen. Sara Carnazzi Weber, Leiterin Policy & Thematic Economics bei der Credit Suisse, analysiert die Folgen flexiblerer Arbeitsmodelle.

Öffentliche Gesundheit ersetzt Technologien als Treiber des Strukturwandels

Branchen, in denen menschliche Interaktionen im Zentrum stehen, wie Pflege, Gastgewerbe, Tourismus und Kreativwirtschaft, sind bisher eher von digitalen Technologien und KI verschont geblieben. Genau diese Branchen wurden jedoch besonders hart von der Pandemie getroffen, und als Folge werden jetzt auch soziale Interaktionen stärker automatisiert. Ausserdem werden in Branchen mit viel sozialer Interaktion wenn überhaupt, dann erst verzögert neue Stellen entstehen, weil die Unternehmen ihre Arbeitsweisen anpassen. Durch diesen Strukturwandel wird sich der Arbeitsmarkt nur langsam erholen, und der Schock dürfte dauerhaft zu spüren sein.

Werden Trends beschleunigt, oder entsteht ein radikal neuer Ansatz? Vielleicht beides.

In einer Welt, die von Unsicherheit geprägt ist, haben sich einige der bestehenden Megatrends wie flexibles Arbeiten und Digitalisierung beschleunigt. Informations- und Kommunikationstechnologien werden noch stärker boomen, und wenn Heimarbeit zur neuen Normalität wird, könnte sich der Frauenanteil am Arbeitsmarkt erhöhen.

Zudem ist eine gewisse „Entglobalisierung“ zu erwarten, weil Firmen stärker nach lokalen Beschaffungsmodellen streben werden. Die sogenannte Gig Economy, in der Freiberufler und geringfügig Beschäftigte eine tragende Rolle spielen, wird überleben und vermutlich weiter wachsen. Dabei wird der Ruf nach stärkerem gesetzlichem Schutz und sozialer Absicherung deutlich lauter werden.

Auslöser der Revolution in den Bereichen Arbeit und Bildung: Aufstieg der Gig Economy

Angesichts der beginnenden «Dezentralisierung» der Welt wenden die Unternehmen sich zunehmend lokalen Beschaffungsmöglichkeiten zu. Was heisst das für den Arbeitsmarkt? Alain Dehaze, CEO von Adecco, schildert seine Sichtweise.

Qualifikation, Weiterbildung, Umschulung

Das Profil der Arbeitssuchenden wird sich verändern, und zugleich dürften künftig nachhaltigere Beschäftigungslösungen gefragt sein. Es müssen in grossem Umfang neue, andere und höhere Fähigkeiten entwickelt werden, weil Arbeitssuchende in Zukunft andere Karrierepfade anstreben und die Stellenprofile der Stammbelegschaft sich drastisch ändern dürften. Beides zusammen schafft einen beispiellosen Koordinationsbedarf zwischen Bildungs- und Beschäftigungssektor.

Warum der Bildungs- und der Beschäftigungssektor sich stärker abstimmen müssen

Angesichts der immer drängenderen Suche nach nachhaltigen Beschäftigungsmöglichkeiten wird sich auch die Nachfrage nach Qualifikation, Weiterbildung und Umschulung massiv erhöhen. Mona Mourshed, Partnerin bei McKinsey & Company sowie Gründerin und CEO von Generation, erläutert, wie ihr Umschulungsprogramm Pflegekräften in Zeiten von COVID-19 geholfen hat.

Weiterbildung neu definiert

Der Bildungssektor steht vor zwei grossen Herausforderungen:

  • Wissen steht heute jedermann frei zur Verfügung. Gelingt es Universitäten und Hochschulen, sich zu differenzieren?
  • Was soll man junge Menschen lehren, wenn es viele der künftigen Jobs noch gar nicht gibt?

Universitäten und Hochschulen müssen sich neu erfinden. Sie müssen neue Lernmethoden und Ansätze für deren Umsetzung entwickeln. Stellenbewerber müssen ihren künftigen Arbeitgebern vermutlich anstelle von Spezialkenntnissen eher ein „Portfolio an Kompetenzen“ bieten.

Erfahren Sie mehr über dieses Thema im Interview mit Sir Christopher Pissarides, Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften und Regius Professor an der London School of Economics

Wachsende Ungleichheit

Zum Zeitpunkt der Diskussion befanden sich 2,7 Milliarden Menschen im Lockdown. Davon waren 1,6 Milliarden in der Schattenwirtschaft tätig, und der Dienstleistungssektor erlitt die grössten Einbussen. KMU und Freelancer wurden von den Folgen des Corona-Lockdowns stärker getroffen als von den beiden Krisen zuvor. In der aktuellen Situation haben Geringqualifizierte am meisten zu verlieren, weil immer mehr Arbeitskraft durch Technologien ersetzt wird. Kurz- bis mittelfristig dürfte deshalb die Ungleichheit weiter zunehmen. Dies gilt nicht nur innerhalb eines Landes, sondern auch zwischen Nord- und Südeuropa, weil Italien und Spanien besonders hart von der Pandemie getroffen wurden.

Fiskalpolitik schlägt Geldpolitik als Instrument des Wandels

Firmen werden sich bald in einer neuen Realität wiederfinden, die umfangreiche Einsparungen und Restrukturierungen notwendig macht. Während die Geldpolitik die Zinsen nahe Null halten dürfte, ist nun die Fiskalpolitik gefordert. Infrastrukturinvestitionen müssen erhöht oder die Zusammenarbeit zwischen Bildungs- und Unternehmenssektor bzw. zwischen Unternehmen und Arbeitsmarkt gestärkt werden. Zudem müssen Unternehmen finanzielle Anreize erhalten, um Konzepte für „lebenslanges Lernen“ in der gesamten Organisation zu verankern.

Auch dies geht vorüber: Hoffnungsschimmer am Horizont?

Es werden mehr öffentlich-private Partnerschaften entstehen, da viele Privatanleger bereits dem Ruf des Wandels folgen. Zudem dürfte das Innovationstempo weiter anziehen, da vor allem in Schwellenländern neue Chancen erkannt und umgesetzt werden. In einer Welt mit vielen Unbekannten erwartet die Credit Suisse für das dritte Quartal eine globale Wachstumserholung, nachdem China bereits im zweiten Quartal die Wende geschafft hat. Voraussetzung ist jedoch, dass die zweite Infektionswelle milder ausfällt als die erste.

Diese Gruppendiskussion war Teil des ersten virtuellen Salons vom 18. Mai 2020 zum Thema: COVID-19: Auslöser der Revolution in den Bereichen Arbeit und Bildung

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