Markttrends „Wir erkennen Potenzial bei Value“

„Wir erkennen Potenzial bei Value“

CIO: Aktien bieten attraktive Ertragschancen – Ausgewählte Unternehmensanleihen mit gutem Risikoprofil

Angesichts tief bleibender Zinsen führt nach Meinung von Nannette Hechler-Fayd’herbe im nächsten Jahr kein Weg an Risiko-Assets vorbei. Aktien bieten laut der CIO International Wealth Management der Credit Suisse gute Chancen, außerdem Unternehmens- und Schwellenländeranleihen. Bei Value-Aktien rät sie von undifferenzierten Käufen ab. 

Börsen-Zeitung vom 8. Dezember 2020 - im Interview: Nannette Hechler-Fayd’herbe

Frau Hechler-Fayd’herbe, trotz der Coronakrise haben sich die Aktienmärkte in diesem Jahr gut gehalten, in einigen Ländern, wie insbesondere den USA, sogar Rekordhöhen erreicht. Sind Dividendentitel für das Jahr 2021 eine gute Wahl?

Mit Blick auf das Jahr 2021 bieten Aktien allgemein attraktive Ertragsaussichten. Dank der weltweit sehr lockeren Geldpolitik und der anhaltenden fiskalischen Unterstützung dürfte das politische Umfeld insgesamt günstig bleiben. Der pandemiebedingte Einbruch der Unternehmensgewinne im Jahr 2020 sollte sich als vorübergehend erweisen. Innerhalb des positiven Aktientrends sind Dividendentitel unserer Ansicht nach eine sichere Anlagestrategie. Verschiedene regulatorische Maßnahmen in Bezug auf Dividendenausschüttungen, die während der Krise eingeführt wurden, um im Versicherungs- und Finanzsektor für ausreichende Kapitalpuffer zu sorgen, dürften in Europa aufgehoben werden. Das kommt Dividendentiteln zugute. 

"Diese Prognosen sind keine verlässlichen Indikatoren für die künftige Wertentwicklung."

Was erwarten Sie von der Geldpolitik? Wie werden sich die Staatsanleiherenditen entwickeln? 

Da die Löhne unter Druck stehen und/oder – je nach Region – die Arbeitslosenzahlen steigen, dürfte sich der verhaltene Preisauftrieb fortsetzen. Wir erwarten für 2021 weltweit eine Inflation von 2,3 %. Sie bliebe damit unter dem vor der Pandemie erreichten Niveau von 2,5 % im Jahr 2019 zurück. Aufgrund dieser niedrigen Inflationsraten dürften es die Zentralbanken nicht eilig haben, die Leitzinsen zu erhöhen. Wir gehen nicht davon aus, dass eine der wichtigen Zentralbanken 2021 die Zinsschraube anziehen wird. Tatsächlich könnte es sogar zu weiteren geldpolitischen Stimulusmaßnahmen kommen, wenn das Wachstum ins Stocken gerät oder die Inflation nicht steigt. Während die kurzfristigen Renditen durch die Zentralbankenpolitik auf niedrigen Niveaus verankert bleiben dürften, rechnen wir 2021 mit einem leichten Anstieg der langfristigen Renditen. Das Umfeld bleibt gesamthaft ein Tiefzinsumfeld, bei leicht steileren Zinskurven. 

Dank der weltweit sehr lockeren Geldpolitik und der anhaltenden fiskalischen Unterstützung dürfte das politische Umfeld insgesamt günstig bleiben. Der pandemiebedingte Einbruch der Unternehmensgewinne im Jahr 2020 sollte sich als vorübergehend erweisen.

Wann wird Ihrer Einschätzung nach mit Hilfe wirksamer Impfstoffe eine Normalisierung gelingen und ökonomisch der Stand von vor der Coronakrise wieder erreicht?

Die Pandemie wird uns auch 2021 noch beschäftigen. Die Regierungen werden neuerlichen Covid-19-Ausbrüchen begegnen und ihrer Bevölkerung einen Impfstoff zur Verfügung stellen, sobald dieser erhältlich ist. Eine breite Verteilung dürfte jedoch mehrere Monate dauern. Das Wirtschaftswachstum dürfte sich nach dem pandemiebedingten Schock 2020 zwar stabilisieren, es bleiben aber Risiken bestehen. Unserer Ansicht nach wird es ein bis zwei Jahre dauern, bis wir die Aktivitätsniveaus von vor der Krise wieder erreichen können. 

Welche potenziellen langfristigen Wirkungen ergeben sich aus den umfangreichen geldpolitischen und fiskalischen Unterstützungsmaßnahmen?

Viele Länder haben während der Krise fiskalische Stimulusmaßnahmen in Höhe von 10 % ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) oder mehr auf den Weg gebracht. Bis Ende 2020 wird das Verhältnis von Staatsverschuldung zum BIP in den USA nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) auf über 130 % steigen, in Italien auf über 160 % und in Japan auf über 260 %. Zwar bereitet der wachsende Schuldenberg den politisch Verantwortlichen zunehmend Sorgen. Zugleich wird jedoch der Druck zunehmen, zusätzliche Fiskalanreize zu setzen, sollten sich die Volkswirtschaften nicht vollständig erholen. Solange die Zinsen auf den gegenwärtigen Tiefstständen verharren, ist die Verschuldung tragbar. Sie wird Regierungen jedoch bei der Bekämpfung einer neuerlichen Rezession hemmen. Hohe Schuldenberge dürften daher eines der auf lange Sicht belastenden Vermächtnisse von Covid-19 sein.

Wie wirkt sich die Pandemie auf langfristige strukturelle Trends aus?

Wir gehen davon aus, dass die Entwicklungen des Jahres 2020 kein vorübergehendes Phänomen darstellen, sondern viele unserer langfristigen Investment-Supertrend-Themen beflügeln werden. Mit Blick auf „besorgte Gesellschaften – integrativer Kapitalismus“ ist beispielsweise festzustellen, dass die Frustration der Bevölkerung inzwischen überwiegend Belange im Inland, allen voran Ungleichheiten, betrifft. Dieses Thema dürfte uns noch länger begleiten. Angesichts der drohenden globalen Infrastrukturlücke, die sich Schätzungen zufolge bis 2040 auf insgesamt 15 Bill. Dollar belaufen wird, lancierten wir 2017 unseren Supertrend „Infrastruktur – Lücken schließen“. Verschiedene Konjunkturpakete, die während des wirtschaftlichen Lockdowns angekündigt wurden, zielen auf Infrastrukturinvestitionen ab. Dieser Trend dürfte sich also eher beschleunigen. Unser Supertrend „Technologie im Dienste der Menschheit“ ist besonders gut aufgestellt, da er die rasche Anpassungsfähigkeit in Bezug auf unsere Lebens- und Arbeitsweise ermöglicht, die in der Covid-19-Ära gefordert wird. 

Für 2021 erwartete Anlageerträge
Angaben in Prozent

Quelle: Börsen-Zeitung

Setzen Sie auch auf große demografische Trends?

Die Coronavirus-Pandemie hat auch ältere Menschen in den Vordergrund gerückt, da diese Bevölkerungsgruppe durch Covid-19 besonders gefährdet ist. Durch den Wettlauf um einen wirksamen Impfstoff steht der Pharmasektor im Fokus, was die Relevanz unseres Supertrends „Silver Economy – in den demografischen Wandel investieren“ zusätzlich untermauert. Am anderen Ende des demografischen Spektrums geht es den Millennials vor allem um Technologie und Nachhaltigkeit. Neue Lernmethoden in Form von Heimunterricht und der weiter wachsende Konsum von Abonnementdiensten wie Netflix, Spotify und anderen Anbietern gehörten während der Pandemie zu den zentralen Trends.

Wie gehen Sie mit dem Thema Klimaschutz um?

Im Jahr 2020 haben wir einen neuen, sechsten Supertrend lanciert: „Klimawandel – hin zu einer treibhausgasfreien Wirtschaft“. Viele Konjunkturmaßnahmen während der Pandemie haben eine Klimakomponente. Wir denken, dass dieser Supertrend zunehmend in den Fokus der politischen Entscheidungsträger rücken wird. 

Neben Aktien, die etwa von der Verlagerung zum Online-Handel und Distanzarbeit profitieren, haben eben Aktien des Bereiches erneuerbare Energien stark zugelegt. Sehen Sie hier noch weiteres Potenzial?

Dies ist ebenfalls Teil unseres Supertrends Klimawandel. Unseres Erachtens spricht vieles für eine Anlage in Unternehmen, die am effektivsten zum Übergang zu einer weniger CO2- intensiven Weltwirtschaft beitragen. Dementsprechend halten wir erneuerbare Energien langfristig für einen spannenden Sektor. 

Kommt jetzt die Zeit von zyklischen beziehungsweise Value-Aktien?

Im Jahr 2020 haben Wachstumstitel eine deutlich bessere Performance gezeigt als Value-Titel. Mit Blick auf das Jahr 2021 erkennen wir bei Value-Titeln Aufholpotenzial. In einer typischen Expansionsphase, in der das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts das Potenzialwachstum übertrifft und die Geldpolitik expansiv ist, dürfte eine Übergewichtung von Value-Titeln eine bessere Performance erzielen als Anlagen in Wachstumsaktien und Large Caps. Aber wir würden nach Value-Titeln mit klaren Treibern suchen und nicht undifferenziert in Value-Titel investieren.

Welche Anleihesegmente favorisieren Sie?

2021 dürften die Gewinne bei Kernstaatsanleihen gering ausfallen, während Hartwährungsanleihen aus den Schwellenländern weiterhin attraktiv sind. Bei Unternehmensanleihen bietet Investment Grade (IG) ein gutes Risiko-Ertrags-Profil. Bei High-Yield-Anleihen engagieren wir uns auf selektiver Basis in den bonitätsschwächeren Kreditsegmenten, um die Erträge zu steigern. 

Erwarten Sie eine Outperformance von Schwellenländeraktien?

Wir halten Schwellenländeraktien in der Tat für attraktiv – vor allem asiatische Unternehmen, auf die rund 80 % der Marktkapitalisierung der globalen Schwellenmärkte entfallen. Asien weist ein erhebliches Exposure gegenüber der sogenannten „New Economy“ auf. Daher erkennen wir eine Reihe struktureller Trends, die asiatische Aktien unterstützen, darunter Digitalisierung, Cloud-Computing und künstliche Intelligenz. Da Covid-19 in großen Teilen dieser Region bereits unter Kontrolle gebracht worden ist und die chinesische Wirtschaft eine robuste Erholung verzeichnet, erwarten wir, dass asiatische Aktien 2021 attraktive Erträge erzielen. 

Wir halten Schwellenländeraktien in der Tat für attraktiv - vor allem asiatische Unternehmen auf die rund 80% der Marktkapitalisierung der globalen Schwellenmärkte entfallen. Asien weist ein erhebliches Exposure gegenüber der sogenannten 'New Economy' auf.

Gibt es interessante Chancen im Bereich alternative Anlagen?

Wir erwarten bei Hedgefonds Erträge im niedrigen einstelligen Prozentbereich mit einer ähnlichen Volatilität wie bei Investment-Grade-Anleihen aus den USA und aus Großbritannien. Daher halten wir Hedgefonds für eine geeignete Alternative zur Stabilisierung von Portfolios. Anleger, die auf der Suche nach erhöhtem Renditepotenzial sind, sollten auch Private-Markets- und Private-Equity-Anlagen anschauen. Der Covid-19-Schock ließ die Private-Equity-Anlagetätigkeit zunächst einbrechen. Da in traditionellen Sektoren starke Verwerfungen und Anreize für Innovation entstanden, nahm das Aufwärtspotenzial für Venture Capital und Anlagen bei Wachstumsunternehmen jedoch zu. Insgesamt sollte dies die erwarteten langfristigen Überschusserträge von Private Equity gegenüber den öffentlichen Märkten stützen, so dass sich die langfristige Bindung der Anlagegelder auszahlt.

Das Interview führte Christopher Kalbhenn.