Mehr über Markttrends erfahren Europa hat den Anschluss verloren

Europa hat den Anschluss verloren

Michael Strobaek, Global Chief Investment Officer, Credit Suisse, über die Dominanz amerikanischer Tech-Konzerne, die größten Risiken an der Börse und die deutsche Sparsamkeit. Das Gespräch führte Thomas Klemm, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.

Herr Strobaek, die Börsen zeigen sich immun gegen das Coronavirus. Unterschätzen Anleger die Gefahr?

Ich glaube nicht. Die Konsequenzen in die Preise einzuarbeiten ist nicht einfach. Aber Aktienmärkte führen oft auch ihr eigenes Leben, bis sie realisieren, dass es gefährlich wird.

Wann könnte es gefährlich werden?

Die Frage ist, wie weit das Virus in China verbreitet ist. Wenn die Zahl der Erkrankten viel größer ausfallen sollte als offiziell angegeben, könnte die Nervosität an den Börsen erneut steigen.

Wie stark wird Chinas Wirtschaft unter dem Coronavirus leiden?

Wir erwarten derzeit knapp ein halbes Prozent weniger Wachstum in diesem Jahr. Für China ist das keine leichte Situation. Sollten Konsumenten und Industrie stark verunsichert werden, wird die Regierung die Wirtschaft wohl weiter finanzpolitisch stimulieren müssen.

Ungemütlich wird es auch für deutsche Unternehmen, die mit China Handel betreiben oder ihre dortige Produktion aussetzen müssen.

Es wird ja bereits darüber diskutiert, ob es sicher ist, in China Produktionsstandorte zu haben. Solche Diskussionen halte ich für völlig verfrüht. Aber dass die Reisetätigkeit zum Erliegen kommt, ist natürlich für alle schlimm. Ich musste selbst eine Geschäftsreise nach Asien absagen.

Die Börsen erreichen dennoch ständig Rekordhöhen. Sind amerikanische Aktien nicht längst viel zu teuer?

Das denke ich nicht. Wir halten Unternehmen aus dem amerikanischen Technologiesektor nach wie vor für attraktiv. Wir sehen derzeit keine Anzeichen einer bevorstehenden Rezession. Die Gewinne kehren zurück, und die Bewertungen sind nach wie vor nicht problematisch. Viele denken ja, die Bewertungen seien in den vergangenen zehn Jahren zu hoch geworden. In Tat und Wahrheit sind die Erträge aber hauptsächlich durch Tech-Aktien und Aktienrückkäufe zustande gekommen.

Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 19 im S&P 500 ist für Sie hinnehmbar?

Wir sind der Überzeugung, dass man zum Teil falsche Anlageentscheidungen trifft, wenn man nur auf die Bewertungen achtet. Die Bewertung wird nur dann problematisch, wenn sie extrem ist – wir sehen aber momentan keine Anzeichen extremer Niveaus.

Aber sind auf dem Niveau nicht baldige Rücksetzer absehbar?

Wenn es so käme, weil beispielsweise das Coronavirus die Märkte fünf oder sechs Prozent fallen lässt, könnten daraus Einstiegschancen entstehen.

Was erwarten Sie insgesamt für 2020?

Wir erwarten derzeit, dass die Aktienmärkte weiter steigen. Zwischen fünf und zehn Prozent Rendite halten wir für möglich.

Ist der Handelsstreit zwischen Amerika und China an den Börsen schon abgehakt?

Der Handelskonflikt ist meines Erachtens längst nicht abgehakt. Für mich handelt es sich um einen geopolitischen Streit zweier ökonomischer Großmächte. Dieser Wettstreit wird nicht so schnell beendet sein, sondern könnte sich noch weiter zuspitzen. Dies ist das mit Abstand größte Risiko für die Märkte. China will mit Hilfe von Technologie, Künstlicher Intelligenz und einigem mehr so schnell wie möglich zu einer führenden Wirtschaftsmacht aufsteigen.

Das wollen die Amerikaner mit aller Macht verhindern.

Das sehen wir in der Diskussion um diverse chinesische Unternehmen. Plakativ gesagt, wollen die Amerikaner nicht, dass die westliche Welt zu stark auf China angewiesen ist. Wenn aber die globalen Handelsströme infolge des Handelskonflikts empfindlich getroffen werden, leiden alle Industriestaaten – so auch Deutschland.

Und wenn Donald Trump nicht als Präsident wiedergewählt wird?

Je nachdem, wen die Demokraten als Kandidaten ins Rennen schicken, könnte er eine noch härtere Linie fahren. Ein demokratischer Präsident hat seine Wählerklientel im Blick, vor allem Menschen, deren Arbeitsplatz direkt oder indirekt von chinesischen Wettbewerbern betroffen ist.

Der Umgang mit China bleibt demnach auf jeden Fall ein Problem?

Das ist durchaus möglich. Als die westliche Welt vor 25 Jahren ihre Türen für China geöffnet hat, hat sie meines Erachtens die Vielschichtigkeit dieses Themas unterschätzt.

Wie groß ist die Gefahr, dass Trump jetzt stärker Europa und insbesondere Deutschland ins Visier nimmt?

Wir haben in den vergangenen dreieinhalb Jahren unter Trump gelernt: Wenn er an etwas glaubt, dann scheut er sich nicht davor, es konsequent durchzusetzen. Und wenn er angesichts des großen deutschen Handelsüberschusses meint, deutsche Unternehmen müssten mehr in den Vereinigten Staaten investieren und dort Arbeitsplätze schaffen, dann wird er sich nicht zurückhalten.

Böse Aussichten also für die deutsche Industrie?

Nicht unbedingt. Wir glauben, dass sich die Industrieproduktion im zweiten Halbjahr deutlich erholen wird, wenn die Auswirkungen des Coronavirus ausgestanden sind. Die deutschen Zahlen sind zwar nicht gut. Aber eine Erholung der Produktion dürfte Deutschlands Unternehmen und Exportindustrie unterstützen.

Was sagt es über den Dax aus, wenn die dreißig Unternehmen weniger wert sind als der amerikanische Technologiekonzern Apple allein?

Ich glaube, Europa hat den strategischen Anschluss an die wirklich großen Technologiekonzerne verloren. Diese haben es in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren geschafft, technologische Trends nicht nur in der Gesellschaft zu etablieren, sondern sie zu definieren. Außerdem haben amerikanische Firmen viel leichteren Zugang zu Kapital.

Vor allem deutsche Autokonzerne im Dax sind günstig bewertet.

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Deutschland die besten Autos der Welt baut.

Auch in Zukunft noch?

Wenn sich elektrische Autos eines Tages durchsetzen, werden die Deutschen weiter ganz vorne dabei sein, dank ihres technologischen Fachwissens und ihres Verständnisses für Autobau. In dieser Hinsicht hat Deutschland einen Wettbewerbsvorteil, der kaum aufzuholen ist. Die viel wichtigere Frage ist, wie die Zukunft der Automobilindustrie aussieht.

E-Autos, weil es politisch gewollt ist!

Irgendeine Form von Elektrifizierung wird es geben. Aber ist das die Zukunft? Es gibt ungefähr sieben Millionen registrierte Elektrofahrzeuge, und es gibt 1,4 Milliarden Autos mit Verbrennungsmotor. Wie wollen Sie diese enorme Lücke mit Batterien schließen? Wenn alle Autos gleichzeitig am Stromnetz hängen, bricht es zusammen. Die Elektrifizierung des Autos wird kaum die einzige Dauerlösung sein können.

Was dann?

Das kann heute keiner sagen. Vielleicht Wasserstoffautos? Wie auch immer die Lösung am Ende aussehen wird, ich bin davon überzeugt, dass die deutschen Autohersteller führend bleiben werden.

Mit welchen Unternehmensergebnissen rechnen Sie in diesem Jahr?

Sie werden positiv sein. Wir rechnen mit fünf bis acht Prozent Gewinnwachstum in diesem Jahr. Das ist deutlich mehr als im vergangenen Jahr. Die Weltwirtschaft dürfte sich – verzögert durch das Coronavirus – im zweiten Halbjahr erholen. 2019 war ökonomisch ein schwieriges Jahr, aber auf den Finanzmärkten hervorragend.

Wie passt das zusammen?

Das hat mit den Zentralbanken zu tun. Die amerikanische Notenbank Fed hat die Zinsen gesenkt. Da in den Vereinigten Staaten in diesem Jahr Präsidentenwahlen anstehen, wird die Fed die Zinsen nicht anheben.

Wird sie die Zinsen senken, unter dem Druck des Präsidenten?

Das wäre höchst ungewöhnlich. Der Präsident kann hundertmal sagen, dass die Zinsen zwei Stufen zu hoch sind, die Fed hat jedoch bewiesen, dass sie in ihren Entscheidungen unabhängig ist.

Wie lange wird die Geldpolitik noch locker bleiben?

Das kann Jahre dauern. Wenn die Fed ihr Zinsniveau beibehält, kann die Europäische Zentralbank die Zinsen nicht erhöhen, ohne einen deutlich stärkeren Euro zu akzeptieren. Das würde Europa aber nicht verkraften. Als Däne kann ich sagen: Wir haben durch die Einführung des Euros eine nicht ganz einfache Situation geschaffen. Die Währung ist zu stark für die schwächeren Länder und zu schwach für die stärkeren Länder wie Deutschland. Dieses Ungleichgewicht wird ausgeglichen, indem wir eine hohe Arbeitslosigkeit in den schwachen Ländern hinnehmen und in Ländern wie Deutschland mit null Zinsen leben müssen. Das kann die Wirtschaft vor Herausforderungen stellen, die nicht zu unterschätzen sind.

Was können wir dagegen tun?

Deutschland sollte die Wirtschaft ankurbeln. Ihr Land geht in der Fiskalpolitik meines Erachtens zu strikt vor, aus Sorge, dass die anderen europäischen Länder auch mit einem Stimulus anfangen.

Was ist falsch an solider Haushaltspolitik?

Im Prinzip gar nichts. Man muss aber Strukturreformen angehen, mehr investieren, die Schatulle öffnen und den Leuten mehr Geld zur Verfügung stellen. Das betrifft auch die anderen Länder, sonst wird Europa wirtschaftlich kaum wachsen. Das hören die konservativen Kräfte in Deutschland nicht gerne, das weiß ich. Aber man muss sich öffnen. Ich befürchte jedoch, das wird erst in der nächsten Krise passieren. Hoffentlich, bevor es zu spät ist.

Ist nach den Affären und dem Weggang von Chef Tidjane Thiam wieder Ruhe eingekehrt bei Ihrer Bank?

Ich arbeite seit vielen Jahren mit unserem neuen CEO Thomas Gottstein – er verfügt über einen ausgezeichneten Leistungsausweis, und ich bin überzeugt, dass die Credit Suisse unter seiner Führung erfolgreich sein wird.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Erfahren Sie mehr. Sprechen Sie mit unseren Experten.

Kontaktieren Sie uns This link target opens in a new window