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COVID-19 als wirkungsvoller Katalysator für EdTech

Im vergangenen Jahr berichteten wir, dass das Bildungswesen einer der Sektoren mit der geringsten Nutzerakzeptanz für digitale Technologien ist. Sie machen lediglich 2–3 % der Gesamtausgaben im Bildungssektor aus, weniger als in praktisch jedem anderen Sektor der modernen Wirtschaft.

Unserer Einschätzung nach wird die Akzeptanz digitaler Lernangebote im Zeitverlauf zunehmen und die EdTech-Ausgaben dürften jährlich im zweistelligen Bereich wachsen. Was wir allerdings nicht vorausahnen konnten, war die COVID-Krise mit ihrer transformativen Auswirkung auf den Bildungssektor. Die Akzeptanz und die Nutzung von EdTech-Lösungen haben deutlich zugelegt und die Nachfrage ist rasant gestiegen, wie wir im weiteren Verlauf dieses Thematic Insights aufzeigen werden, wodurch die Digitalisierung im Bildungswesen um fünf bis zehn Jahre beschleunigt wurde.

Tabelle 1 – Akzeptanzzyklus EdTech

Quellen: Credit Suisse, «COVID-19, The (Great) Disruptor of Education & Work», Nutzung mit freundlicher Genehmigung von EdTechX.

Das Coronavirus zwang Schüler, Studenten und Pädagogen weltweit, von einem Tag auf den anderen auf digitalen Unterricht umzustellen. Laut Beobachtungen der UNESCO ordneten 191 Staaten landesweite Schliessungen von Bildungseinrichtungen an, von denen rund 98 % der Schüler und Studenten in aller Welt betroffen waren.2 Dies führte in den vergangenen Monaten zu einem beispiellosen Experiment, bei dem digitale Lernangebote in rasantem Tempo eingeführt wurden. Während der Coronavirus-Krise hatten weltweit mehr als 90 % der Schulen und ein Grossteil der Universitäten ihre Tore geschlossen und den Unterricht auf digitale Kanäle verlagert. Ende April 2020 erhielten rund 1,7 Milliarden Schüler und Studenten Fernunterricht über eine Kombination aus Arbeitsplatz- und Lerntechnologien wie Zoom, Google Classrooms und Microsoft Teams.

Beispielloser Anstieg der Nutzerzahlen

Dem Anbieter der Sprachlern-App Duolingo zufolge liessen sich in der Regel drei bis fünf Tage nach der Einführung von Ausgangsbeschränkungen Spitzenwerte im Datenverkehr feststellen. Dieser verdoppelte sich zunächst in China, anschliessend in Korea und erhöhte sich schliesslich um 135 % in Spanien, um 100 % in Italien und um 90 % in den USA. Dabei gab es zwei Arten von Hauptnutzern: Schüler und Studenten, denen Online-Lernmaterial von Lehrern und Dozenten zugewiesen wurde, und Erwachsene, die Social Distancing zu Hause praktizierten und sich für Kurse anmeldeten. Coursera meldete einen Anstieg der Neuanmeldungen um das Fünffache, wobei Kurse zur persönlichen Weiterentwicklung am beliebtesten waren. Insgesamt verzehnfachte sich die Zahl der angemeldeten Nutzer.3

Als in China die ersten Fälle des Coronavirus bekannt und Schulen geschlossen wurden, boten digitale Lernplattformen ihre Online-Kurse gratis an, woraufhin die Zahl der neuen Nutzer häufig um das Zehnfache anstieg. Koolearn, GSX und Youdao, drei ausserschulische Nachhilfedienste auf reiner Online-Basis, verzeichneten in dieser Zeit jeweils mehr als zehn Millionen Anmeldungen für ihr kostenloses Kursangebot. Im Vergleich dazu belief sich die Zahl der Nutzer zahlungspflichtiger Kurse vor der Krise auf einige Hunderttausend. Der Download von Lern-Apps schnellte in China auf 127 Millionen, was fast einer Verdopplung des Werts vor der Corona-Krise entspricht.4 Mit der Verlagerung des Unterrichts der Schulen ins Internet ging zudem ein sprunghafter Anstieg der in China verkauften iPads einher und führte zu Verfügbarkeitsengpässen.5

Parallel zu der Verbreitung des Virus in der ganzen Welt beobachteten EdTech-Unternehmen rund um den Globus einen Anstieg ihrer Nutzerzahlen. Als im März 2020 die ersten Schulen schlossen, konnte die Plattform Seesaw, mit der Schüler ein digitales Portfolio ihrer Arbeiten anlegen und mit Eltern oder Lehrern teilen, ihre Reichweite innerhalb eines Monats verzehnfachen.6 Google Classrooms, das es Lehrern ermöglicht, Unterrichtsaufgaben und Materialien an Schüler zu versenden, verdoppelte im März 2020 seine Nutzerzahl auf 100 Millionen7, während die indische Online-Lern-App Byju’s im selben Monat sechs Millionen neue Nutzer registrierte8. In Brasilien verzeichnete Estácio bei den Anmeldungen für reinen Online-Unterricht im ersten Quartal 2020 einen Zuwachs von 55 %. Der US-Anbieter für digitale Lehrbücher Chegg meldete im selben Quartal bei den Abonnements für seine digitalen Lerndienste einen Anstieg von 35 %. Ebenfalls in den USA registrierten sich innerhalb weniger Wochen Tausende von Schulen bei Newsela, einer App für attraktive digitale Inhalte und Lernressourcen.

Verantwortung zahlt sich in zukünftigen Dividenden aus

Die Unterstützung von Schülern, Studenten, Lehrern, Dozenten und Familien durch den kostenlosen Zugang zu Kursen, Studiengängen, Schulungen und Produkten ist in Krisenzeiten eine moralische Verpflichtung. Die Pandemie hat sich in vielerlei Hinsicht als vorteilhaft für die EdTech-Branche erwiesen, da sie den Kunden Dienstleistungen näherbrachte, von denen diese vor dem 24. Januar 2020 nicht einmal ahnten, dass sie benötigen würden.

Es ist noch zu früh, um abzuschätzen, wie viele Nutzer des zurzeit kostenlosen Angebots schlussendlich zu zahlenden Abonnenten werden. Doch selbst wenn die Konversionsrate deutlich geringer wäre als in der Vergangenheit, würde dies immer noch einen deutlichen Anstieg zahlender Nutzer bedeuten und die Umsätze in Zukunft ankurbeln. Ein Blick auf die drei Top-Player in China deutet zudem darauf hin, dass sich durch die Gratiskurse, die Schülern während der Pandemie angeboten wurden, die Kundengewinnungskosten um 95 % reduziert haben könnten.11  Mit anderen Worten: Diese Unternehmen können ein erhebliches Umsatzwachstum bei gleichzeitiger Verbesserung der Margen verzeichnen, was die ausserordentliche Kursentwicklung der Pure-Play-Unternehmen im EdTech-Bereich während des COVID-19-Ausbruchs rechtfertigen könnte.

Die Zukunft des Lernens heisst EdTech

So wie EdTech-Unternehmen im Zuge der Krise von einer «unerwarteten und weitreichenden Unterstützung der Markenbekanntheit» profitiert haben könnten, verbuchte die gesamte Branche aufgrund der Pandemie einen Zuwachs an Aufmerksamkeit und Anerkennung. Obschon dieser Effekt zu diesem frühen Zeitpunkt schwer zu quantifizieren ist, wird die Krise die Entwicklung der Branche voraussichtlich beschleunigen und viele EdTech-Unternehmen dürften Investitionen in neue Funktionalitäten vorziehen. Dank der zusätzlichen Ressourcen und einer enormen Zahl von Lehrenden und Schülern, die dem digitalen Lernen nun offener gegenüberstehen, könnte EdTech zum Katalysator einer Transformation des traditionellen Bildungswesens werden.

Der Ausbruch des Coronavirus hatte einen unerwarteten Nebeneffekt: Er hat Lehrenden, staatlichen Stellen und nicht zuletzt Schülern und Eltern verdeutlicht, dass viele Online-Lösungen ebenso effektiv sind wie traditionelle Ausbildungsmodelle – in einigen Fällen sogar effektiver. Das Coronavirus hat dem Blended-Learning-Modell Aufschwung verschafft, bei dem Pädagogen durch Technologie nicht ersetzt, sondern unterstützt werden. Sowohl in Industrie- als auch in Schwellenländern haben sich Millionen von Schülern und Lehrern für kostenlose Versionen von Lern-Apps aus dem EdTech-Bereich angemeldet und testen unterschiedliche Formate und Technologien. Wenn Schüler und Studenten in aller Welt in die Klassenzimmer und Hörsäle zurückkehren, werden sie die attraktivsten Apps voraussichtlich auch weiterhin nutzen. Da sie nun verstärkt auf die Flexibilität und die Vorteile adaptiver Lernmodelle setzen, die das digitale Lernen bietet, werden diese Technologien ihren Weg wahrscheinlich zunehmend in den konventionellen Schulunterricht und die Lehre an den Universitäten finden.

Tiefgreifende Veränderungen der Arbeitswelt

Die Menschen wagen sich vorsichtig aus dem Lockdown und versuchen, sich angesichts einer Vielzahl «neuer Normalitäten» zurechtzufinden. Dazu gehört auch ein grundlegender Wandel des Arbeitsalltags: Die Welt hat sich verändert. Die Bedeutung des flexiblen Arbeitens wird zunehmen und damit auch der Bedarf an Technologie und Automatisierung. Bedauerlicherweise wird die COVID-19-Krise voraussichtlich einen globalen Abschwung zur Folge haben, der wiederum mit einer höheren Arbeitslosigkeit einhergehen wird. Daher ist es wichtiger denn je, sich weiterzubilden, damit man sich möglichst schnell an die neuen Gegebenheiten anpassen kann. Vor diesem Hintergrund wird es im Bereich der beruflichen Weiterbildung und Zertifizierung einen erheblichen Nachfrageanstieg geben.

Tabelle 2 – Arbeitswelt: die zukünftige Normalität

Quellen: Credit Suisse, Diagramm aus «COVID-19, The (Great) Disruptor of Education & Work», Nutzung mit freundlicher Genehmigung von EdTechX.

Risiken

  • Politische Entwicklungen in Bezug auf das Bildungswesen könnten sich äusserst negativ auf den Edutainment-Sektor auswirken.
  • Ein Engagement in kleineren Unternehmen kann zu verstärkter kurzfristiger Volatilität führen und ein Liquiditätsrisiko verursachen.
  • Eine höhere Konzentration in spezifischen Sektoren kann gelegentlich die Anlegergunst verlieren.
  • Eine Faktororientierung hinauf einen Wachstumsanlagestil mit einer besonderer Übergewichtung in Small- und Mid-Cap-Aktien bedingt Risiken.

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