Vojin Kocić: Ein Leben für die Gitarre

Mit dem Serben Vojin Kocić erhält 2015 erstmals ein Gitarrist den Prix Credit Suisse Jeunes Solistes. Im Gespräch erzählt er von seinen Zielen und davon, was die Gitarre für ihn bedeutet.

Vojin Kocić, was bedeutet Ihnen der Gewinn des Prix Credit Suisse Jeunes Solistes 2015?

Vojin Kocić: Der Prix Credit Suisse Jeunes Solistes ist bis jetzt der grösste Preis, den ich in meiner Karriere gewonnen habe. Dementsprechend bedeutet er mir auch sehr viel. Zum einen aufgrund des beeindruckenden Niveaus im Finale in Genf und des spannenden Modus, bei dem unterschiedliche Instrumente und Besetzungen gegeneinander antreten. So war es für mich sehr interessant zu sehen, wo die klassische Gitarre – als eher junges Instrument – im Vergleich zu Instrumenten wie dem Piano oder der Violine steht. Zum anderen ist mit dem Gewinn des Preises die Möglichkeit verbunden, beim prestigeträchtigen Lucerne Festival im Sommer aufzutreten. Es ist fantastisch, meinen Namen neben all den grossen Musikerinnen und Musikern zu sehen, die dort teilnehmen. Das Preisgeld erlaubt es mir ausserdem, mich weiterhin voll auf die Musik und das Üben zu konzentrieren. Vielleicht kaufe ich mir damit sogar eine neue Gitarre.

Wie haben Sie sich auf das Finale in Genf vorbereitet?

Wenn ich an einem Wettbewerb teilnehme, stehen für mich vor allem die Leidenschaft und der Spass im Vordergrund. Musik ist kein Sport. Am Ende entscheidet die Jury. Auf der Bühne versuche ich, mich zu entspannen und mit voller Leidenschaft und viel Herz zu spielen. Wenn ich das schaffe, habe ich mein Ziel erreicht – egal wie die Wertung der Jury am Ende ausfällt. 

Wann haben Sie ihre Liebe zur klassischen Gitarre entdeckt?

Mein Vater ist ein grosser Fan von Rockmusik. Als ich klein war, spielte er mir CD's von Jimmy Hendrix und Gary Moore vor. Ich war begeistert von der Musik und imitierte die Tricks der Rockstars – beispielsweise das Spielen der elektrischen Gitarre mit den Zähnen. Durch meine Mutter, die zuhause oft Klavier spielte, kam ich mit klassischer Musik in Kontakt. Mit acht Jahren erhielt ich meine ersten Lektionen in klassischer Gitarre – und verliebte mich sofort in das Instrument. Meine Eltern hatten also einen grossen Einfluss auf die Entscheidung, mein Leben der klassischen Gitarre zu widmen, und sie haben mich immer mit voller Kraft unterstützt. Ich bin ihnen dafür äusserst dankbar.

Wie viele Stunden am Tag üben Sie und bereiten Sie sich auf Konzerte und Wettbewerbe vor?

Ich spiele jeden Tag – wie viele Stunden das durchschnittlich sind, weiss ich aber nicht. Oft nehme ich die Gitarre und entfliehe dem Alltag, indem ich in die Musik eintauche und mich in ihr verliere. Die Zeit spielt dabei keine Rolle mehr. Wenn ich mich jedoch auf Prüfungen oder Konzerte vorbereiten muss, gehe ich schon etwas strukturierter vor und lege mir einen Plan zurecht. Als professioneller Musiker muss man heutzutage aber auch viele andere Aufgaben wahrnehmen, als nur zu spielen. Man ist sozusagen sein eigener Manager und muss zum Beispiel E-Mails versenden oder Konzertprogramme erstellen. Musik ist 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche mein Leben. Alles was ich mache, steht mit der Musik in Verbindung.

Sie absolvieren zurzeit Ihr Masterstudium an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Wiese haben Sie sich nach Ihrer Grundausbildung in Serbien für eine Weiterbildung in der Schweiz entschieden?

Mit 14 Jahren nahm ich an meinem ersten grösseren Wettbewerb in Serbien teil. In der Jury sassen viele bekannte Persönlichkeiten aus dem Bereich der klassischen Gitarre. Von diesem Zeitpunkt an erhielt ich zahlreiche Einladungen von Schulen aus ganz Europa – etwa aus London, Paris oder Köln. Ich fühlte mich in diesem junge Alter aber noch nicht bereit, mein Umfeld für eine musikalische Ausbildung im Ausland zu verlassen.

Bald stellte ich jedoch eine gewisse Stagnation in meiner Entwicklung fest. Ich wollte mehr, als einfach nur an Prüfungen zu spielen. Mir wurde bewusst, dass ich, wenn ich professioneller Musiker werden wollte, auch regelmässig vor einem breiten Publikum auftreten muss – auch international. Die Möglichkeiten dazu waren in Serbien schlichtweg nicht gegeben. Nach meinem ersten Studienjahr an der Musikakademie in Belgrad kontaktierte ich deshalb Professor Anders Miolin, der an der ZHdK unterrichtet. Ich flog nach Zürich und war sofort begeistert von seiner Persönlichkeit, seiner Philosophie und der Art, wie er unterrichtet. Anschliessend habe ich sämtliche anderen Aufnahmeprüfungen in verschiedenen europäischen Städten abgesagt und mich dafür entschieden, mein Studium in Zürich fortzusetzen – das war 2011, und es war bis heute eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe.

Sehen Sie Unterschiede bezüglich des Status der klassischen Musik in der Schweiz und in Serbien?

Das Publikum für klassische Musik ist in Serbien sehr klein. Es gibt nicht so viele Festivals und Konzerte wie in der Schweiz. Zudem wird in den Medien kaum darüber berichtet. Zwar gibt es viele talentierte serbische Musikerinnen und Musiker im Bereich der klassischen Musik. Die meisten von ihnen gehen jedoch aufgrund der mangelnden Entwicklungsmöglichkeiten ins Ausland, um ihre Ziele zu verfolgen. Ich hoffe, dass ich dazu beitragen kann, das Verständnis und Interesse für klassische Musik in Serbien zu fördern. Mein Gewinn des Prix Credit Suisse Jeunes Solistes wurde beispielsweise auch vom nationalen Fernsehen und von serbischen Zeitungen aufgenommen, was mich sehr stolz macht.

Können Sie sich vorstellen, auch nach dem Abschluss ihres Studiums in der Schweiz zu bleiben?

Auf jeden Fall. Ich lebe nun seit 2011 in Zürich und muss sagen, dass die Stadt meine Heimat geworden ist. Ich habe hier viele neue Freunde gefunden und fühle mich sehr wohl. Ich habe der Schweiz viel zu verdanken. Meine grössten Erfolge hatte ich, seit ich hier wohne.

Stehen Ihre Musikalischen Berufsziele bereits fest?

Im Juni schliesse ich mein Masterstudium an der ZHdK ab. Anschliessend möchte ich im Herbstsemester eine musikpädagogische Ausbildung beginnen – ebenfalls in Zürich. Vielleicht bietet sich danach die Möglichkeit, auch in Zukunft in der Schweiz zu unterrichten. Zudem möchte ich weiterhin regelmässig an grösseren Wettbewerben teilnehmen. Oberstes Ziel bleibt es, mich uneingeschränkt der Musik hinzugeben und die Gitarre in allen ihren Facetten noch besser kennenzulernen und zu entdecken.

Gibt es bis zu Ihrem Auftritt am Lucerne Festival im August noch wichtige schulische oder musikalische Termine?

2015 wird ein aufregendes Jahr für mich. In den kommenden Monaten werde ich in Paris meine erste CD aufnehmen. Die CD-Aufnahme ist Teil eines Preises, den ich vor einiger Zeit an einem Wettbewerb gewonnen habe. Damals fühlte ich mich noch nicht reif genug für diese Herausforderung. Der Gewinn des Prix Credit Suisse Jeunes Solistes gibt mir nun das nötige Selbstvertrauen, um dieses Projekt anzugehen. Anders Miolin wird bei den Aufnahmen dabei sein und mir mit seiner Erfahrung unterstützend zur Seite stehen. Ende Mai folgt ein Wettbewerb in Koblenz und im Juni mein Masterabschluss. Anfang Juli folgen zwei Orchester-Konzerte, wo ich das Concierto de Aranjuez von Joaquín Rodrigo spielen werde – eines der bekanntesten klassischen Musikstücke des 20. Jahrhunderts. Auf diese Konzerte freue ich mich besonders, weil die klassische Gitarre an sich kein Orchesterinstrument ist und ich daher selten die Gelegenheit habe, mit einem Orchester zu spielen. Mein Programm am Lucerne Festival im August wird aus einer Auswahl verschiedener Stücke bestehen, die ich auf der CD und in den besagten Konzerten spielen werde.