Dialog Die drängende (Vor-)Sorge

Die drängende (Vor-)Sorge

Das Sorgenbarometer der Credit Suisse zeigt, dass die AHV den Schweizerinnen und Schweizern am meisten Sorge bereitet und ihre Sicherung als das wichtigste politische Ziel gesehen wird. Ansonsten bleibt der Sorgenkatalog relativ konstant – dafür zeichnet sich ein Wandel der nationalen Identität ab.

Seit 1976 gibt das Sorgenbarometer der Credit Suisse Auskunft über die Stimmungslage der Schweiz. Und 2003 kannte es bei den Hauptsorgen einen einsamen Spitzenreiter: die Arbeitslosigkeit. Doch dieses Jahr hat sich die Hierarchie verschoben und die Altersvorsorge liegt erstmals vorne. Allerdings liegt die Arbeitslosigkeit nach wie vor fast gleichauf – gerundet werden beide Themen von 44 Prozent der Befragten zu den fünf wichtigsten Problemen der Schweiz gezählt. Auf den weiteren Rängen folgen die Themen Ausländer und Ausländerinnen (35 Prozent), Gesundheit/Krankenkasse (26 Prozent) sowie EU/Bilaterale (21 Prozent).

Die zehn Top-Sorgen der Schweizer 2017

Die Sorge um die Arbeitslosigkeit korrelierte historisch stets stark mit der realen Arbeitslosenquote. Dass die Sorge gegenüber 2014 um 12 Prozentpunkte abgenommen hat, überrascht angesichts der aktuellen Diskussion, ob die Digitalisierung womöglich viele Stellen wegautomatisieren wird. 37 Prozent der Befragten glauben dieses Jahr, ihr Job sei sehr sicher – so viele wie noch nie.

1976 rangierte die Altersvorsorge auf dem dritten Platz (64 Prozent) der grössten Schweizer Sorgen und nahm seither eine wichtige Stellung im Sorgenbarometer ein. In den letzten 15 Jahren zeichnete sich ab, dass sich immer weniger Befragte darum sorgten – letztes Jahr gar nur noch 28 Prozent. 2017 ist die AHV/Altersvorsorge nun jedoch die meistgenannte Sorge der Schweizerinnen und Schweizer. «Der Trend könnte die Altersvorsorge zu einem klimaprägenden gesellschaftlichen Thema werden lassen», sagte Lukas Golder, Co-Leiter von gfs.bern, welches das Credit Suisse Sorgenbarometer seit 1995 erhebt. «Das Nein zur AHV-Reform 2020 nach der Erhebung hat kaum zu einer Beruhigung beigetragen. In solchen Stimmungslagen kommen Politik und Verwaltung unter starken Druck, für die Gesellschaft tragfähige Kompromisslösungen zu erarbeiten.»

Die Sorgen «Ausländer» (35 Prozent) und «Flüchtlinge/Asyl» (19 Prozent) haben im Dreijahresvergleich an Dringlichkeit verloren (minus 8 und minus 16 Prozentpunkte) und liegen auf den Plätzen 3 und 6 der Sorgenrangliste. Die Befragten befürworten dennoch eine Einschränkung oder zumindest eine Kontrolle der Einwanderung. Drei von vier Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern befürworten Kontingente für Ausländer, in der Romandie sind es gar 91 Prozent. Trotz dieser kritischen Einstellung gegenüber der Personenfreizügigkeit nennen 60 Prozent der Befragten eine Fortsetzung der bilateralen Verträge als ihre erste oder zweite Priorität für die Regelung der Beziehungen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union (EU); 28 Prozent möchten die Verträge in erster oder zweiter Priorität kündigen.

Die drei Top-Sorgen der Schweizer über die letzten fünf Jahre

Wirtschaftliche Lage: verhaltene Einschätzung

Die Schweizer und Schweizerinnen vertrauen ihren Institutionen wie kaum ein anderes Volk. 60 Prozent vertrauen dem Bundesrat, während das Vertrauen in die jeweilige Regierung in OECD-Ländern durchschnittlich bei 42 Prozent liegt. Jedoch muss hinzugefügt werden, dass von den 20 in der Vertrauensrangliste höchstplatzierten Institutionen 18 an Vertrauen eingebüsst haben – nach jahrelanger allgemeiner Zunahme. Zu den (wenigen) Vertrauensgewinnern gehört zum dritten Mal in Folge das Bundesgericht, einer der wenigen Aufsteiger ist der Finanzplatz: Die Banken machten einen Sprung vom 15. auf den zweiten Rang, der Zuspruch stieg von 57 auf 61 Prozent an.

Wirtschaftliche Lage: Gut, aber nicht sehr gut

Die Schweizerinnen und Schweizer schätzen das ökonomische Klima schlechter ein als vor Jahresfrist. 24 Prozent der Befragten glauben, die allgemeine wirtschaftliche Lage habe sich im vergangenen Jahr verschlechtert, demgegenüber finden nur 17 Prozent, sie habe sich verbessert. Der Ausblick ist ebenfalls getrübt: 23 Prozent schätzen, die Lage werde sich weiter verschlechtern – nur 17 Prozent denken, in Zukunft werde es besser. Allerdings gab es schon Jahre, in denen der Pessimismus grösser war – 2011 meinten noch 36 Prozent, es komme schlechter. Allgemein nimmt zudem die Mehrheit der Bevölkerung keine klare Entwicklung in die eine oder andere Richtung wahr, sondern geht davon aus, dass die wirtschaftliche Gesamtsituation sich insgesamt nicht massgeblich verändern wird.

Beurteilung der zukünftigen persönlichen und allgemeinen wirtschaftlichen Lage über die letzten zehn Jahre

Auch die eigene wirtschaftliche Lage wird weniger gut bewertet als noch 2016, und auch hier fällt der Ausblick pessimistischer aus: 14 Prozent der Befragten denken, es komme schlechter – doppelt so viele wie letztes Jahr und so viele wie noch nie seit 1995. Anders als bei der Einschätzung der Allgemeinlage überwiegt der Optimismus hier aber noch leicht: 17 Prozent der Schweizer Stimmbevölkerung glauben, es komme besser – auch hier denkt aber insgesamt die Mehrheit, es bleibe gleich.