«Hohe Bereitschaft, den Wandel zuzulassen»
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«Hohe Bereitschaft, den Wandel zuzulassen»

Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit beim Seco, erwartet rosige Zeiten für die Schweizer: Die Institutionen sind bereit für den Strukturwandel und die junge Generation ist positiv eingestellt.

Herr Zürcher, ein überwältigender Teil der Jugendlichen ausserhalb der Schweiz befürchtet, «dass es meinen Job in Zukunft nicht mehr braucht». Haben sie recht?

Boris Zürcher: Nein, ich gehe nicht davon aus, dass uns die Arbeit in Zukunft ausgehen wird. Die Befürchtung, dass Roboter uns die Arbeit wegnehmen könnten, gab es bereits in der Vergangenheit. Bewahrheitet hat sie sich bisher jedoch nie.

In der Schweiz sorgt man sich weniger – warum?

Gerade bei uns hat der technologische Fortschritt in den letzten zwei Jahrzehnten stets zu einem anhaltenden Beschäftigungswachstum und steigendem Wohlstand beigetragen. Dies war vor allem darum möglich, weil wir den Strukturwandel immer wieder zugelassen haben und unsere Institutionen ihn begünstigen. Hinzu kommt, dass wir eine hohe gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Bereitschaft haben, den Wandel zuzulassen. Resultat: Die Arbeitslosigkeit ist tief, das Beschäftigungswachstum stabil, die Erwerbsbeteiligung hoch und die Lohnentwicklung recht ausgeglichen und breit abgestützt.

Ich gehe nicht davon aus, dass uns die Arbeit in Zukunft ausgehen wird.

Sie selbst schätzen die Zukunft des Schweizer Arbeitsmarkts als «rosig» ein. Worauf gründet Ihr Optimismus?

Die Schweiz profitiert aktuell von einer sehr günstigen europäischen und weltweiten Wirtschaftsentwicklung. Die konjunkturelle Erholung setzte sich auch zu Jahresbeginn fort, was sich in einer positiven Wachstumsdynamik bei der Beschäftigung und einer deutlichen Abnahme der Arbeitslosigkeit niederschlägt. Und die Erholung dürfte sich weiter fortsetzen: Die Indikatoren zu den Beschäftigungsaussichten und zur Stellensituation befinden sich auf einem anhaltend hohen Niveau. Das sind alles gute Gründe, um die Zukunft rosig zu sehen.

Während in den USA, Brasilien und Singapur die Mehrheit der Befragten den Tech-Sektor attraktiv finden, zieht es in der Schweiz weniger als die Hälfte der Jugendlichen in diesen Bereich. Ist das ein Problem für unsere Zukunftsfähigkeit?

Ich sehe das nicht als Problem. Nicht jeder kann und möchte ein Tech-Spezialist werden. Zwar stellen wir bereits seit einiger Zeit eine gestiegene Nachfrage nach technisch versierten Fachkräften beispielsweise im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien fest. Das bedeutet aber nicht, dass nur noch im Tech-Sektor hochgebildete Fachkräfte nachgefragt werden. Auch Leute mit handwerklichen oder sozialen Fertigkeiten sind gefragt. Gerade im Gesundheitsbereich oder im Bildungsbereich besteht nach wie vor ein hoher Bedarf an qualifizierten Fachkräften. 

Die Indikatoren zu den Beschäftigungsaussichten und zur Stellensituation befinden sich auf einem anhaltend hohen Niveau.

In der Schweiz möchten nur 39 % eine eigene Firma gründen, in den anderen drei Ländern sind es deutlich mehr – dabei ist die Schweiz doch das Land der KMU! Warum ist das Unternehmertum anderswo beliebter?

Man weiss in der Tat von internationalen Vergleichen, dass die Gründungsaktivität der jungen Erwachsenen in der Schweiz unterdurchschnittlich ist. Im mittleren Erwerbsalter werden dann aber mehr Firmen gegründet. Man kann dies positiv auslegen: In den jungen Jahren steht offensichtlich die Ausbildung im Vordergrund. Die Gründung eines Unternehmens wird dann zum Thema, wenn die Erfahrungen und Fähigkeiten vorhanden sind, um im Markt erfolgreich zu bestehen.

Erstmals bezeichnen die Jugendlichen die AHV als grösstes Problem der Schweiz. Ist das der hohen Medienpräsenz des Themas geschuldet oder kümmert sich die Jugend tatsächlich um die Rente?

Die öffentliche Diskussion im Vorfeld der Abstimmung über die Vorsorge 2020 hat sicher dazu beigetragen, dass das Thema Altersvorsorge auch bei den Jungen stärker in den Fokus rückte. Allerdings handelt es sich nicht um einen temporären Hype, denn der Reformbedarf in der AHV – wie übrigens auch in der beruflichen Vorsorge – ist tatsächlich gross. Klammert man die Anlagenerträge aus, übersteigen die Ausgaben die Einnahmen in der AHV bereits seit mehreren Jahren. Vor diesem Hintergrund ist es sicher zu begrüssen, wenn das Problembewusstsein in der Bevölkerung und vor allem auch bei den Jugendlichen zunimmt.

Reformbedarf in der AHV – wie übrigens auch in der beruflichen Vorsorge – ist tatsächlich gross.

Und wie bringt man sie dazu, dass sie bereits jetzt mit Sparen beginnen?

Mit dem 3-Säulen-System der Altersvorsorge bestehend aus AHV, beruflicher Vorsorge und individuellem Sparen sind wir gut aufgestellt. Wer einer Pensionskasse angeschlossen ist, baut ab dem Alter von 25 Jahren automatisch ein Alterskapital auf, das später die AHV-Rente ergänzt. So gesehen ist vor allem die erfolgreiche Integration der Jungen in den Arbeitsmarkt von grosser Bedeutung. Diese hat natürlich auch aus anderen Gründen hohe Priorität. Das individuelle Vorsorgesparen in der dritten Säule steht – trotz der steuerlichen Anreize – bei vielen Jungen vielleicht noch nicht so im Mittelpunkt. Wichtig ist, dass sie sich insgesamt verantwortlich verhalten. Je nach Situation ist ein Franken, der in die eigene Aus- und Weiterbildung gesteckt wird, langfristig sogar besser angelegt, als wenn er auf dem Bankkonto liegt.

Jahrelang dominierten Fragen rund um Ausländerinnen und Ausländer die Sorgenrangliste, jetzt haben sie an Bedeutung eingebüsst, ebenso die Flüchtlingsthematik. Hat sich die Lage wirklich entspannt?

Ich interpretiere die Zustimmung zur Masseneinwanderungsinitiative dahingehend, dass breite Bevölkerungsteile sich nun erhört fühlen. Das Parlament hat denn auch Massnahmen beschlossen, die eine Dämpfung der Zuwanderung bezwecken. In jüngster Zeit haben sich zudem der Wanderungssaldo und die Zahl der Asylgesuche rückläufig entwickelt. Damit hat die Virulenz des Themas etwas abgenommen. Ich gehe indes davon aus, dass das Thema erneut an Bedeutung gewinnen wird, wenn die Zuwanderung wieder anziehen würde.

Integration ist aber auch ein gegenseitiger Prozess.

Laut den Befragten hat sich das Verhältnis zwischen jungen Ausländern und jungen Schweizern stark verbessert seit 2010. Was ist Ihre Erklärung?

Junge Ausländerinnen und Ausländer treffen in der Schweiz nicht selten auf ein für sie völlig neues soziales, kulturelles und gesellschaftliches Umfeld. Die Anpassung an diese neue Umwelt passiert nicht von heute auf morgen, sondern benötigt Zeit. Gemäss dem Prinzip «Fördern und fordern» unterstützt der Staat die Integration – beispielsweise bei der Berufsausbildung –, stellt jedoch die Selbstverantwortung der Ausländerinnen und Ausländer in den Vordergrund. Integration ist aber auch ein gegenseitiger Prozess. Die Umfrageergebnisse deuten darauf hin, dass die gemeinsame Aufgabe von allen Akteuren erfolgreich wahrgenommen wird.

Sie selbst machten eine Lehre als Maschinenzeichner. Wie erklären Sie einem ausländischen Arbeitsminister, dass es für ein Land nicht unbedingt vorteilhaft ist, wenn möglichst viele Jugendliche eine Uni besuchen?

Zwei Drittel der Jugendlichen in der Schweiz entscheiden sich für eine berufliche Grundbildung. Das duale Berufsbildungssystem hat einen direkten Bezug zur Arbeitswelt: Es orientiert sich an den beruflichen Qualifikationen, für die es auf dem Arbeitsmarkt auch tatsächlich eine Nachfrage gibt. Darum weist die Schweiz im Vergleich zu anderen europäischen Staaten eine der tiefsten Jugendarbeitslosigkeitsquoten auf.

Ist die Schweiz ein Vorbild für die Welt?

Ich bin nicht sicher, ob man unser System tel quel kopieren und in ein anderes Land übertragen kann. Andere Länder können aber sicher vom erfolgreichen Modell Schweiz lernen und einzelne Elemente nachbilden.