Sehnsucht nach dem Guten
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Sehnsucht nach dem Guten

Passen Wunsch und Wirklichkeit nicht zusammen, ist fast immer die Wirklichkeit schuld. Sie will partout nicht so, wie wir es gerne hätten. Die Firma zahlt keinen Bonus aus, das Wetter bleibt grau und nass, der Lieblingsverein spielt weiter in der zweiten Liga.

Manchmal aber liegt es auch am Wunsch. Der Wunsch, den Publizistikwissenschafter immer wieder erfragt haben: Was möchten Menschen in den Medien erfahren? Die Einhelligkeit der Antworten über Jahrzehnte hinweg ist schon fast bizarr. Mehr positive Berichterstattung, mehr erfreuliche Meldungen wünschen sich gleichermassen Zeitungsleser wie Fernsehzuschauer. Was in deutschen TV-Nachrichten zu sehen ist, so ergab eine Forsa-Umfrage, ist für die Hälfte der Befragten zu negativ, 80 Prozent erhoffen sich angeblich, dass der Journalismus mehr Lösungsansätze zeige, anstelle der Düsternis. «Die Sehnsucht nach positiver Berichterstattung scheint gross zu sein», sagt der Hamburger Medienwissenschafter Thomas Hestermann.

Das will keiner hören

Es gibt, als Folge davon, die Debatten um «positiven Journalismus» und um «konstruktiven Journalismus» – beide wollen, dass die Informationswelle, die uns täglich erreicht, endlich erbaulicher klingt. Schliesslich sei die Welt ja nicht so schlecht, wie Medien sie darstellten. Während in den Nachrichten Kriege toben, Stürme wüten und Pole schmelzen, die Überbevölkerung voranschreitet und Finanzkrisen die Märkte erschüttern, entwickeln sich die Dinge weltweit zum Positiven: Die Armut sinkt fast überall, die Lebenserwartung steigt, weniger Kinder sterben, die weltweite Alphabetisierungsrate ist auf Rekordniveau.

Bloss will das keiner hören. Als positive Tatsache mag die geografisch-gesellschaftliche Erfolgsmeldung erwünscht sein, in Umfragen zumindest – als Nachricht aber ist uns das Gegenteil lieber. Es gibt das zynische Journalisten-Bonmot «Bad News ist Good News». An diesen Satz halten sich die Konsumenten genauso. Seit Auflagezahlen errechnet und Quoten ermittelt werden, bestimmen sie als Nachfrager das Angebot mit. Auf Focus Online lässt sich Tag für Tag nachverfolgen, welche Meldungen in den vergangenen 24 Stunden am häufigsten angeklickt wurden: Das Resultat passt nie zu dem von der Publizistik eruierten Leserwunsch nach Positivem. Auch nicht am 3. Juli dieses Jahres: In den Top Ten landen die 18 Toten auf der Autobahn A9, der Konflikt im Südchinesischen Meer, Erdogans rechte Schlägertrupps, die Nordkorea-Krise, ein Auto, das gegen eine Brücke knallte, und die Dogge, die fast eine Frau totbeisst. Fröhlichkeiten aus Wimbledon und eine RTL-Moderatorin, die sich experimentell 75 Kilo anfrass, halten sanft dagegen.

Das Besondere interessiert

Sogar dort, wo der Konsument selber zum Weiterverteiler von Nachrichten wird, überwiegt die Liebe zu Bad News: Facebook, Twitter und Co. haben die Verfügbarkeit von aktuellen Informationshappen massiv erhöht. Von einem Terroranschlag erfahren wir noch schneller – und die Nachricht davon sprudelt aus allen Richtungen auf uns ein. Die Zunahme der Frequenz hat die Hektik erhöht – nicht aber die Verteilung. Das Schlimmste verteilt sich auch über die Neuen Medien am effizientesten.

Journalisten verstehen sich als Seismografen für Fehlentwicklungen. Es liegt in der Natur ihres Berufs, dass sie lieber berichten, wo die Ordnung gestört ist, als dass sie als Chronisten vom Wiederaufbau nach Krieg und Katastrophe erzählen. Eine Meldung, die besagt: «Alles in Ordnung», ist in der Regel keine Nachricht. Dagegen sei Negativismus ein «Aufmerksamkeitsfaktor erster Güte», sagt der Winterthurer Medienprofessor Vinzenz Wyss. Journalisten verhalten sich da aber keineswegs anders als die Menschen im Alltag. Die erzählen sich genauso Geschichten über das Irritierende, über all das, was vom Normalen abweicht: «Das sind nun mal eher negative Irritationen wie Machtmissbrauch, Bedrohung, Schaden und Ähnliches», sagt Wyss. Die Tatsache, dass glücklicherweise jeden Tag die Sonne aufgeht, «gibt in der Öffentlichkeit als Gesprächsstoff wenig her». Sein Hamburger Kollege Hestermann pflichtet ihm bei: «Uns interessiert eben das Besondere, nicht das Alltägliche. Der Pilot, der sein Flugzeug zum Absturz bringt, macht Schlagzeilen, nicht derjenige, der seine Maschine sicher landet.»

Der Begriff des negativity bias verrät, was daraus resultiert. Er erklärt die Neigung eines Rezipienten, negativen Phänomenen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Auch wenn Ereignisse ähnlich intensiv sind und in ähnlichem Mass emotional berühren: Negatives hat deutlich grösseren Einfluss auf unser psychologisches Befinden als Neutrales oder Positives. Daher mag dieser Negativeffekt der Grund sein für jene Ignoranz, die Forscher der schwedischen Stiftung Gapminder gemessen haben. Sie entwickelten vor drei Jahren den «Ignorance Test» und belegten damit eindrucksvoll, dass die allermeisten Menschen im Westen nicht wahrnehmen, wie schnell und tiefgreifend sich die Welt zum Besseren verändert. So glaubte im Test die Hälfte, die extreme Armut habe sich weltweit verdoppelt. In Tat und Wahrheit hat sie sich seit 1990 halbiert – was aber nur 30 Prozent der Deutschen und nur 7 Prozent der Amerikaner wissen. Die Liebe zu Bad News sorgt womöglich dafür, dass wir uns ein schlechteres Bild der Realität aneignen.

Uns interessiert eben das Besondere, nicht das Alltägliche. Der Pilot, der sein Flugzeug zum Absturz bringt, macht Schlagzeilen, nicht derjenige, der seine Maschine sicher landet.

Thomas Hestermann

Wie aber kommt es überhaupt zum negativity bias und zu unserer Leidenschaft für die schlechte Nachricht? Die Antwort liegt in der Evolutionsgeschichte. Auf nichts reagieren wir intensiver als auf Gefahr. Der Anblick von Spinnen und Schlangen löst bei den meisten Menschen den schnellstmöglichen Reflex aus – eine heftige und rasante Reaktion, die sich ereignet, bevor wir überhaupt denken können. Gehirnareale wie die Amygdala sind daran beteiligt, wenn unser Organismus schneller aktiv wird, als unser Intellekt es ihm rational anraten kann. Unüberlegte, instinktive Reaktionen haben Millionen unserer Vorfahren in grauer Urzeit das Leben gerettet. Hätten sie als blitzgescheite Denker die Schlange, den Löwen oder den Skorpion erst analysiert, dann abgewogen und schliesslich ihr Gegenüber in die Kategorie «Gefahr» eingeteilt – sie hätten ihre Gene nicht in die Neuzeit weitergegeben.

Körpereigene Drogen

Dem Signal von der Gefahr einst in der Wildnis entspricht in der Moderne die schlechte Nachricht in der «Tagesschau». Der Krieg im Irgendwo, die Seuchen auf dem Weg zu uns, Schadstoffe in Gurken und Eiern sind die Dinge, die unsere Gemüter in Aufruhr versetzen. Die News als Warnung vor Gefahr erklären aber noch nicht, warum uns die schlechte Nachricht am liebsten ist. Es sind Drogen, die diesen Effekt verursachen – körpereigene Drogen.

In unserem Kopf haben wir ein Belohnungszentrum. Auf hormonellem Weg erzeugt es Wohlgefühl – honoriert uns, wann immer wir etwas zu unseren Gunsten getan haben. Auch wenn einem Tier etwas gelingt, was sein Überleben sichert, belohnt es sich mit angenehmen Empfindungen: der Geier, wenn er reichhaltiges Aas gefunden hat, der Storch, wenn er ein stabiles Nest gebaut hat. Konnte sich das Karnickel vor dem Adler in Sicherheit bringen, bekommt es eine biochemische Prämie.

Am intensivsten sind diese Effekte am Ende der Angst: Der Schrecken ist dazu da, dass wir Gefahren aus dem Weg gehen. Jeder kennt die Euphorie, die ihn erfasst, wenn er eine gefährliche Situation gemeistert oder die Todesangst überstanden hat, die ihm die emotionale Achterbahn bescherte. Diese genussreichen Momente gefallen uns so sehr, dass die Gesellschaften Adrenalinjunkies hervorbringen: Sie setzen sich Gefahren aus, um am Ende lustvoll den hormonellen Belohnungscocktail zu spüren. Die Kardiologin Barbara Natterson-Horowitz, Professorin an der UCLA Medical School, hält den Wunsch, Zugang zum Drogenschrank im eigenen Kopf zu bekommen, für extrem motivierend: Als Mensch oder Tier müsse man nur «ein bestimmtes Verhalten zeigen, um die Substanzen freizusetzen». Das Ausleben von Angstlust ist allerdings kein Phänomen aus der Neuzeit von Achterbahn und Bungee-Jumping. Tatsächlich fasziniert uns das nahende Grauen seit Urzeiten. Die Römer organisierten Nervenkitzel in den Arenen, im Mittelalter sorgten Messerwerfer für hormonelle Aufregung. Nicht das Pflichtgefühl, bei der Mordaufklärung helfen zu können, bringt uns heute dazu, Aktenzeichen XY einzuschalten. Den Reiz der Sendung machen die schlechten Nachrichten über das Wirken menschlicher Monster aus.

Da wir in der Realität mit Sicherheitsvorkehrungen die Gefahr auf ein Minimum zusammengestrichen haben, greifen wir zur Fiktion, um unsere Gier nach Nervenkitzel zu befriedigen. Der amerikanische Literaturwissenschafter Jonathan Gottschall steuert hierzu ein spannendes Gedankenexperiment bei: «Stellen Sie sich ein magisches Gerät vor, mit dem Sie als unsichtbarer Beobachter in ein Paralleluniversum reisen können. Bereits vor Ihrer Ankunft wissen Sie, welch grauenhafte Dinge Sie sehen werden: Frauen und Kinder, die vergewaltigt und umgebracht werden; gefolterte, geschändete, zerstückelte Körper. Scheinbar anständige Menschen werden sich als Nazis und Irre entpuppen. Während Sie zuschauen, bekommen Sie es mit der Angst zu tun: Ihr Herz wird heftig pochen, Ihr Atem sich beschleunigen, Sie werden Schweissausbrüche haben.»

Dann stellt Gottschall natürlich die Frage, die sich aufdrängt: «Werden Sie Ihr magisches Gerät nun benutzen?» Wer darauf mit «Auf keinen Fall!» antworte, der liege falsch. Das fiktive Szenario, erzählt Gottschall, stamme aus Stieg Larssons Krimi «Verblendung». Und: «Das magische Gerät ist der Roman.» Literatur, die das Böse zum Inhalt hat, ist die beliebteste. Jeder vierte Roman dreht sich um Verbrechen. Und wenn deutsche Fernsehkonsumenten sich Filme oder Serien anschauen, entfällt mehr als ein Drittel dieser Zeit auf Krimis. Im Jahr 2012 waren die zehn meistgesehenen Spielfilme allesamt «Tatort»-Folgen.

«Die Angst zahlt sich aus»

Den Grund dafür vermutet der Psychiater Borwin Bandelow im primitiven Angstsystem des Menschen. Es könne schlichtweg nicht zwischen echter Bedrohung und Fernsehen unterscheiden: «Es denkt wirklich, dass da etwas Schlimmes passiert.» Das Herz beschleunigt, mancher Zuschauer beginnt vor dem Fernseher zu zittern. Letztlich aber wirke diese Angst anregend. Bandelow vergleicht das Krimischauen mit der Fahrt auf einer Achterbahn: erst der Schrecken, dann die Euphorie. «Die Angst zahlt sich aus. Spätestens gegen 21.45 Uhr, wenn der Täter gefasst ist.»

Aus diesem Grund müssen wir uns über den aktuellen US-Präsidenten freuen. Obama bescherte uns acht langweilige Nachrichtenjahre. Endlich sind diese Zeiten vorbei. Donald Trump erzielt eine meisterhafte Negativquote. Fast immer, wenn das Erste Deutsche Fernsehen (ARD) über Trump berichtete, kam der Präsident schlecht weg. In 98 Prozent der Fälle, so rechnete das Shorenstein Center der Harvard University aus, sei in den ersten hundert Tagen Präsidentschaft der Ton der Berichte negativ gewesen. Auch bei den US-Medien kam er nicht gut an. Der Nachrichtensender CNN, von Trump via Twitter als Fake-News-Fabrik beschimpft, kommt auch auf einen Wert von 93 Prozent negativer Berichterstattung. Nur knapp dahinter: «New York Times» und «Washington Post» mit 91 Prozent.

Die Zahlen belegen, dass wir bekommen, was wir uns wünschen: Berichterstattung liefert zuverlässig Aufregung, indem sie thematisiert, was negativ vom Gewohnten abweicht. Es ist müssig, diesen negativen Drive zu beschimpfen. Genauso ist die Erwartung naiv, Medien würden oder sollten die Realität abbilden. Statt uns über das verzerrte Abbild aufzuregen, sollten wir uns darüber freuen: Zum Glück ist die Realität nicht so unterhaltend garstig, wie in Medien, Kinos und Kriminalromanen gezeichnet. Sie ist ruhig und freundlich – sodass wir uns in ihr von der ganzen medialen Aufregung erholen können.