Weibliche Karrieren zwischen Planung und Zufall

Bis 2020 will die Credit Suisse den Frauenanteil im Senior Management auf 20 Prozent erhöhen. Drei Mitarbeiterinnen der Bank sowie eine Expertin für Diversity and Inclusion über Realität und Potenzial, Perspektiven, Rollenerwartungen und das Abweichen von der Norm.

Es könnte das Hollywoodplakat für einen Agentenfilm sein – nur, dass die drei Protagonistinnen auf dem Plakat keine harten Kerle sind und keine Kanonen im Gurt tragen: Die drei Mitarbeiterinnen der Credit Suisse, schwarz-weiss-grau gekleidet, zwei im Hosenanzug, eine im Deux Pieces, dazu schwarze High Heels, stehen selbstbewusst da und blicken bestimmt und fordernd in die Kamera. Eine moderne Fensterfront im Hintergrund vermittelt urbanes Hochhausflair. Entstanden ist das Plakat als Analogie zu einem anderen Plakat: Zu sehen sind dort, in fast identischer Pose, drei Fussballerinnen des Schweizerischen Nationalteams, welches derzeit in Kanada bei der Weltmeisterschaft im Einsatz ist.

Frauen in Führung

Es ist gewiss kein Zufall, dass die Marketingexperten der Credit Suisse eine Bildsprache wählten, mit der normalerweise männliche Protagonisten dargestellt werden, und die Botschaft ist deutlich: Frauen, ihr könnt das auch! Denn während mehr als ein Drittel der Belegschaft weiblich ist, sind es in der Credit Suisse Geschäftsleitung nur 10 Prozent. Bis 2020 soll der Frauenanteil in Führungspositionen bei der Credit Suisse auf 20 Prozent erhöht werden. Christine Jordi, Head Diversity and Inclusion Switzerland: «Dafür unternimmt die Bank eine Reihe von Anstrengungen: Workshops und Mentoringprogramme für Frauen sowie der Ausbau von Möglichkeiten, die unterstützend wirken bei der Vereinbarung von Beruf und Familie, wie Teilzeitarbeit, Jobsharing oder Home Office». Von den drei Frauen auf dem Plakat, Vinciane Richard (links), Sandra Hayoz (Mitte) und Carine Delaloye, besetzen die beiden letzteren eine Führungsposition, doch in Bezug auf Teilzeitarbeit und Jobsharing auf Führungsebene äussern sich alle drei skeptisch. In ihrer Position würden 80 Prozent gerade noch gehen, meinen Carine Delaloye und Sandra Hayoz unisono, während Vinciane Richard in ihrem Alltag kaum auf solche Teilzeit-Chefs trifft: « Ich fände es sehr begrüsssenswert, auch in einer Führungsfunktion 80 Prozent arbeiten zu können. Doch in meinem Umfeld reduzieren die Chefs maximal auf 95 oder 90 Prozent» . Und Carine Delaloye ergänzt: «Ideal wäre es, wenn auch der Lebenspartner Teilzeit arbeiten könnte». Die Zahlen, wenngleich steigend, sprechen hier allerdings eine deutliche Sprache: Bei der Credit Suisse waren Ende 2014 nur 8 Prozent aller Männer teilzeitbeschäftigt, während es bei der weiblichen Belegschaft immerhin 24 Prozent waren. Im Vergleich dazu betrugen die Zahlen für die Schweiz im Jahr 2013 14.5 Prozent bei den Männern und 58,5 Prozent bei den Frauen.

Die Logik umdrehen

Gudrun Sander, Expertin für Diversity and Inclusion und Wirtschaftsprofessorin an der Universität St. Gallen, gibt den drei Frauen recht: Eine Führungsposition mit weniger als 80 Stellenprozenten – das ist heute fast unmöglich. Etwas zögernd meint sie sogar: «So wie die Situation aktuell ist, kann ich Frauen in Führungspositionen eigentlich gar nicht empfehlen, auf 80 Prozent zu reduzieren.» Denn faktisch würden die Frauen ja meist doch 100 Prozent und mehr arbeiten, oftmals abends, wenn die Kinder schliefen. Die Reduktion beruhige einzig das Gewissen, das Büro etwas früher verlassen zu dürfen. Um wirklich mehr Frauen in die Führungsetagen zu bringen, fordert sie die Unternehmen zu radikalem Umdenken auf: «Die Firmen haben das Potenzial der Frauen erkannt und wollen sie. Gleichzeitig sind sie nicht bereit, die Unternehmenskultur grundsätzlich in Frage zu stellen, doch genau das wäre nötig, zum Beispiel indem man beschliesst: Es gibt für Männer und Frauen keine Vollzeitjobs mehr; jeder Vollzeitjob muss neu begründet werden. Manchmal muss man die Logik komplett umdrehen.» 

Karriere: Planung oder Zufall?

Eine aktuelle Studie des Nationalen Forschungsprogrammes «Gleichstellung der Geschlechter» zeigt auf, dass junge Frauen von heute ihre Berufs- und Studienentscheidungen noch immer sehr stark von der Vereinbarkeit der Arbeit mit einer Familie abhängig machen, während sich junge Männer von der traditionellen Frage leiten lassen, mit welchem Beruf sie eine Familie ernähren können. «Solche Rollenerwartungen behindern die Nutzung des vorhandenen Potenzials», erklärt Sander. Ist ein Berufsfeld einmal gewählt, verhalten sich Frauen und Männer tendenziell auch in der weiteren Karriereplanung geschlechtertypisch: Vinciane Richard, eine der drei Frauen auf dem Plakat meint: «Meine Arbeit macht mir Freude und mit dem täglichen Kundenkontakt und dem sehr angenehmen Team sind meine grössten Wünsche erfüllt. Diese Zufriedenheit ist mir wichtiger als ein Aufsteigen in der Hierarchie um jeden Preis.» Sander dazu: «Aktive Karriereplanung wird viel häufiger von Männern betrieben als von Frauen – auch das hat mit den tief verankerten Rollenmodellen zu tun.» Die Frauen hingegen, liessen sich oftmals gerne vom Zufall leiten. Doch – ist es überhaupt erstrebenswert für Frauen, sich den männlichen Karrierehabitus anzueignen? «Darum geht es nicht», findet Sander. Vielmehr seien die Unternehmen gefordert, flexiblere Karrierewege aufzumachen und lebensphasengerechtes Arbeiten anzubieten. Dazu gehören z. B. Fachkarrieren in einer Expertenfunktion ohne Führungsverantwortung, Wiedereinstiege und «späte» Karrieren. Ein Bereich, in dem sich die Frauen allerdings sehr wohl an den Männern orientieren sollten, ist die Art, sich und seine Verdienste sichtbar zu machen, und Sander ermuntert: «Frauen, beendet eine Arbeit lieber einmal nicht und geht dafür an einen Apéro!» Solche Networking-Gelegenheiten würden von Frauen oftmals unterschätzt. Zudem sollten sich die Frauen angewöhnen, Dinge, die sie erarbeitet hätten, auch selber zu präsentieren, statt den männlichen Kollegen den Vortritt zu lassen.

Sichtbar werden

Eine, die gelernt hat, wie man sich sichtbar macht, ist Sandra Hayoz. Neben ihren Leistungen verdankt sie ihre Führungsposition ihrem Mut und ihrer Hartnäckigkeit: Vor einem Jahr war sie zu einem Lunch eingeladen, zusammen mit 15 weiteren Personen und dem Verantwortlichen von Private Banking Schweiz, Christoph Brunner. In ihrer Handtasche hatte sie einen Zeitungsartikel Brunners dabei, in dem er äusserte, er fände keine Frauen für die Führungsetagen. Das Essen begann mit einer Vorstellungsrunde, in der sich die Herren alle sehr gut verkauften. Als die Reihe an Sandra Hayoz war, sagte sie: «Mein Name ist Sandra Hayoz. Ich möchte in die Führung und in die Direktion, ist doch eigentlich egal, was ich mache.» Brunner und alle Anwesenden lachten, Hayoz nahm den Zeitungsartikel aus ihrer Handtasche. Sie hielt ihn hoch und meinte, sie fände es bedenklich, dass die Vorgesetzten offenbar ihre Angestellten nicht kannten. Einige Monate später hatte sie ihren ersten Führungsposten. Und dort hat sie sich offensichtlich gut eingelebt: Das Plakat mit den drei Frauen und Hayoz im Zentrum schmückt nun das Büro ihres Teams. Einer ihrer Mitarbeiter «perfektionierte» es, indem er ihr Polizeimütze und Sonnenbrille aufsetzte: «Ein cooler Boss!»