Frauen am Ball

Am 6. Juni 2015 beginnt in Kanada die WM-Endrunde der Frauen – erstmals mit Schweizer Beteiligung. Höchste Zeit, einen Blick auf die Weltkarte des Frauenfussballs zu werfen. Denn kein Teamsport ist bei den Frauen heute beliebter.

90'000 Zuschauer, 11 Meter, ein Schuss und – Tor! Brandi Chastain reisst sich das Trikot vom Leib, dreht eine Pirouette, geht in die Knie, streckt die Arme in die Höhe und zeigt den Zuschauern im Rose-Bowl-Stadion sowie 40 Millionen TV-Zuschauern ihren athletischen Oberkörper und ihren schwarzen Sport-BH. Eben hat sie die USA zum Weltmeistertitel im Frauenfussball geschossen.

Dieser 6. Juli 1999 ist die Geburtsstunde des Booms, den der Frauenfussball seither erlebt. Das Bild der jubelnden Fussballerin schmückte an den folgenden Tagen nicht nur die Titelseiten von Sports Illustrated, Time Magazin und Newsweek, sondern auch vieler internationaler Zeitungen. Die authentische Aufnahme brannte sich ins kollektive Gedächtnis ein, auch in jenen Ländern, wo Frauenfussball noch wenig populär war. Denn sie zeigte aller Welt: So emotionsgeladen, so kraftvoll und auch sexy kann Frauenfussball sein.

Beliebtester Frauen-Mannschaftssport der Welt

Vor allem jungen Mädchen habe sie zeigen wollen, wie grossartig Fussball sei, erklärte Brandi Chastain später in einem Interview mit der LA Times. Drei Jahre später entwickelte sich der Kinofilm Bend it like Beckham zum Kassenschlager und spielte über 76 Millionen Dollar ein. Im Film setzte sich ein indisch-stämmiges Mädchen in England über alle kulturellen und sexistischen Vorurteile hinweg, um ihrer Leidenschaft zu folgen: Fussball.

Heute ist der Frauenfussball so beliebt wie nie zuvor. Über 30 Millionen Mädchen und Frauen spielen weltweit aktiv Fussball – kein Mannschaftssport ist beim weiblichen Geschlecht populärer. 177 aktive Nationalmannschaften zählt die FIFA heute, 1997 waren es noch 50. 24 von ihnen spielen in diesem Jahr zwischen dem 6. Juni und dem 5. Juli um den Weltmeistertitel, acht mehr als bei der letzten WM und doppelt so viele wie an der ersten WM 1991 in China.

USA – Grossmacht im Frauenfussball

Was sich seit 1999 nicht verändert hat: Die USA sind wieder einmal die Favoritinnen auf einen Turniersieg. Das mag diejenigen erstaunen, die den Fussball als Männersport kennen – da spielt die USA nur eine Nebenrolle. Wie also ist die historische Vormachtstellung im Frauenfussball zu erklären? Ein Grund ist die im internationalen Vergleich einzigartige Popularität 53 Prozent der weltweit kickenden Frauen kommen aus den USA oder Kanada. Hier spielen auf 10'000 Einwohner 450 Frauen Fussball – in Europa sind es 71, in Asien 17 und in Afrika 14. Das könnte daran liegen, dass die Frauen in den USA keine «Männerbastion» erobern mussten, denn US-Männer frönen traditionell lieber dem Basketball, American Football, Baseball oder Eishockey als dem Fussball. Zudem existiert in den USA seit 1972 ein Gesetz («Title IX»), das Schulen und Universitäten eine Gleichberechtigung in allen Fächern – auch Sportfächern – vorschreibt. Dagegen verwehrten viele traditionsreiche europäische Fussballverbände – wie zum Beispiel der deutsche Deutsche Fussball-Bund und die englische Football Association – den Frauen lange Zeit das Fussballspiel. Dass Argwohn und Vorurteile gegenüber dem Frauenfussball auch heute noch in einigen Regionen der Welt grassieren, zeigt eine FIFA-Umfrage von 2014: Ein Drittel der befragten Mitgliederländer gab an, Fussball würde in ihrem Land als Sport betrachtet, der nichts für Frauen sei.

Geheimfavorit Frankreich

Doch zurück in die USA, wo sich die Popularität des Frauenfussballs auch in den Zuschauerzahlen ausdrückt. Als es im August 2014 zum Spitzenspiel in der Frauen-Profiliga NWSL kam, strömten 19'123 Zuschauer ins Providence Stadion in Portland, um den Sieg des Heimteams gegen die Houston Dash zu bejubeln. Zum Vergleich: In der deutschen Frauen-Bundesliga sorgten in der letztjährigen Saison ganze 3'440 Zuschauern beim Spiel zwischen 1. FFC Turbine Potsdam und dem FC Bayern München für die bisherige Rekordkulisse.

Dabei ist der Frauenfussball in Deutschland nach den USA am weitesten entwickelt und seine Qualität hoch. 2003 und 2007 wurden die deutschen Kickerinnen Weltmeister, und seit Einführung der Champions League der Frauen im Jahr 2001 gingen acht der dreizehn Titel an eine deutsche Mannschaft. Dieses Jahr scheiterten die Seriengewinnerinnen aus Wolfsburg jedoch im Halbfinal an den starken Französinnen von Paris St. Germain. Ein weiteres Indiz für die starke Verfassung der französischen Kickerinnen, die nicht nur für die Schweizer Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg der Geheimfavorit der WM sind.

Gute Ausgangslage für Schweizerinnen

Und die Schweizerinnen? Die haben sich erstmals überhaupt für eine WM-Endrunde qualifiziert. Endlich, darf man sagen, denn in der Schweiz hat sich der Fussball unter Mädchen und Frauen stark entwickelt und die Nachwuchsförderung wurde professionalisiert. 26'000 Mädchen und Frauen spielen heute im Vereinsfussball, der Spitzenklub FC Zürich verpasste diese Saison nur knapp den Einzug in den Champions League-Viertelfinal. Die meisten eidgenössischen Spitzenspielerinnen verdienen allerdings wie ihre männlichen Kollegen ihr Geld in ausländischen Ligen – Ramona Bachmann beim schwedischen Spitzenklub FC Rosengård, Lara Dickenmann neuerdings in Wolfsburg, und Ana Maria Crnogorcevic steht drei Wochen vor dem WM-Start mit Frankfurt im Champions League-Finale gegen Paris.

An der WM in Kanada könnte den technisch starken Schweizerinnen der viel gescholtene Kunstrasen zu Gute kommen. Zudem hatten die Schweizerinnen etwas Losglück. Der zweite Gruppenplatz liegt hinter dem Titelverteidiger Japan in Reichweite, wenn die Schweizerinnen gegen Ecuador und Kamerun konzentriert zu Werke gehen. Doch egal wie das Resultat ausfällt – die WM wird dem Schweizer Frauenfussball viel Aufmerksamkeit bescheren. «Die breite Öffentlichkeit weiss jetzt immer mehr, dass es eine erfolgreiche Frauen-Nati in der Schweiz gibt», sagt Martina Voss-Tecklenburg.

Kampf um Aufmerksamkeit

Womit wir wieder beim Torjubel von Brandi Chastain und dem Thema Aufmerksamkeit wären. Denn damit kämpft der Frauenfussball trotz aller Erfolge bis heute. Und wie bei den Männern gilt auch hier: Je grösser die Aufmerksamkeit, desto mehr Einnahmen für die Vereine und Verbände, direkt durch Ticket- und TV-Einnahmen, indirekt durch Sponsoren und Investoren. Und mehr Geld wiederum bedeutet: professionellere Strukturen, bessere Spielerinnen und die Möglichkeit für die Talentiertesten, als Profis über die Runden zu kommen oder gar reich zu werden. Dies gelingt Fussballerinnen bislang nur dann, wenn sie wie die US-Amerikanerin Hope Solo nicht nur sportlich, sondern auch ästhetisch glänzen und lukrative Sponsorenverträge unterschreiben können. Die besten Schweizer Spielerinnen verdienen hingegen kaum mehr als rund 6'000 Franken im Monat - und damit einen Bruchteil der Saläre im Männerfussball.

FIFA verspricht spektakuläre Bilder

Auch die FIFA weiss, wie wichtig Aufmerksamkeit ist, um den Frauenfussball zu fördern. Deshalb nimmt sie die mediale Berichterstattung äusserst ernst und organisiert die Weltmeisterschaften als glamouröse «Events». In Kanada werden die weltweit besten Fussball-Regisseure bereitstehen, um mit 20 bis 22 hochauflösenden Kameras die spektakulärsten, dramatischsten und dynamischsten Bewegtbilder der WM einzufangen und in die Welt zu senden.

Weltweit rechnet die FIFA mit einem TV-Publikum von mehreren hundert Millionen Fans. «Wir werden dafür sorgen, dass Broadcaster und Fans von der umfangreichsten TV-Produktion profitieren können, die es je bei einem Frauenfussballturnier gegeben hat», verspricht Niclas Ericson, Direktor von FIFA TV. Wie hatte der Kommunikationswissenschaftler Marshall McLuhan schon gesagt? «The Medium is the Message.» Das Medium ist die Botschaft.

Fest steht deshalb schon heute: Wer auch immer den Titel gewinnt - der grösste Sieger dieser WM ist der Frauenfussball rund um den Globus. Er wird danach noch populärer sein, als heute.