Frauen und Geld. Die Reise geht weiter.
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Frauen und Geld. Die Reise geht weiter.

Zu keinem anderen Zeitpunkt gab es auf der Welt so viele berufstätige Frauen, Unternehmerinnen und finanziell unabhängige Frauen wie heute. 20, 40 und 50: das sind die prozentualen Anteile weiblicher Versorger von Familien in der Schweiz, den USA und Lettland. Und das letzte Wort haben Frauen in dieser Sache noch nicht gesprochen. Ist die Finanzbranche bereit für sie? 

  • «Werden an die Frauen ebenso wie an die Männer Kreditkarten ausgegeben?»
  • «Gewiss.»
  • «Der Kredit der Frauen lautet wohl auf geringere Summen, da sie infolge ihrer Familienpflichten ihre Arbeit oft unterbrechen müssen?»
  • «Geringere!» rief Dr. Leete aus. «O nein! Der Unterhalt aller unsrer Leute ist der gleiche.»

Die obige Unterhaltung zwischen einem Zeitreisenden aus dem 19. Jahrhundert und Dr. Leete aus dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts stammt aus dem Buch «Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887», das Edward Bellamy vor 128 Jahren verfasste. Damals war die Vorstellung, dass Frauen Finanzdienstleistungen in Anspruch nehmen und Männern gleichgestellt sein könnten, ebenso exotisch wie der Begriff «Kreditkarte» (der übrigens von Bellamy erfunden wurde). Heute, im Jahr 2015 – 15 Jahre nach der von Bellamy beschriebenen Zeitreise –, sind Kreditkarten keine Zukunftsfantasie mehr. Was kann die Finanzbranche Frauen heute bieten? Haben wir Bellamys Voraussagen übertroffen oder sind Kreditkarten das Beste, was Frauen bekommen können?

Frauen und Geld – eine immer engere Verbindung

Es überrascht nicht, dass es heute mehr berufstätige Frauen, mehr Unternehmerinnen und mehr finanziell unabhängige Frauen als jemals zuvor gibt. Immer mehr Frauen treffen in der Familie und zu Hause finanzielle Entscheidungen und aufgrund des demografischen Wandels steigt die Zahl der Frauen, die während eines Lebensabschnitts – z. B. nach einer Scheidung oder dem Tod des Partners – alleine leben. Dr. Amlan Roy, Leiter Global Demographics Research bei der Credit Suisse, weist darauf hin, dass im Zuge dieser Entwicklung Bedarf an Produkten und Lösungen entsteht, die speziell auf Frauen zugeschnitten sind. Er fügt hinzu: «Das Gehirn, die Psyche und die Entscheidungsfindung funktionieren bei Frauen anders als bei Männern. Viele Branchen akzeptieren dies und entwickeln auf Frauen ausgerichtete Lösungen.»

Laut einem Anfang des Jahres von BMO Financial Group veröffentlichten Bericht kontrollieren Frauen in den USA 51 Prozent des privaten Vermögens. In 40 Prozent der amerikanischen Haushalte ist eine Frau der Hauptversorger, und das obwohl Frauen weniger verdienen – nur 78 Cent für jeden Dollar, den ein Mann verdient. Auch in Europa steigt die Zahl der weiblichen Versorger. Nach Angaben des britischen Institute for Public Policy Research liegt der europäische Durchschnitt der Haushalte, die überwiegend von einer Frau finanziert werden, bei 32 Prozent. An der Spitze steht Lettland mit einer sehr ausgeglichenen Statistik von 50:50. Die Schweiz bildet mit einem Anteil von 20 Prozent das Schlusslicht. Grund für diesen wachsenden Trend sowohl in den USA als auch in Europa sind der Verlust von Arbeitsplätzen und geringere Gehälter nach der Finanzkrise sowie die steigende Zahl alleinerziehender Mütter.

Veränderungen des Anteils weiblicher Familienversorger in ausgewählten Ländern Europas, 2004–2013

Veränderungen des Anteils weiblicher Familienversorger in ausgewählten Ländern Europas, 2004–2013

Quelle: Britisches Institute for Public Policy Research

Die zunehmende Gleichstellung der Geschlechter spiegelt sich auch in der vermögendsten Gruppe. Zwar liegt der Anteil der weiblichen Milliardäre auf der Forbes-Liste bei nur 10 Prozent, doch die Zahl nimmt stetig zu. 2013 fanden sich 138 Frauen auf der Liste, ein Jahr später war die Zahl um über 30 Prozent auf 172 angewachsen. Und in diesem Jahr gab es einen weiteren Rekord: die Zahl der Milliardärinnen stieg auf 197.

Der Aufstieg eines neuen Kundentyps

Versteht die Branche die Bedürfnisse dieser potenziellen neuen Kundengruppe? Vielen Frauen, die oftmals für ihre laufenden Haushaltsfinanzen verantwortlich sind, fehlt es an Selbstvertrauen, um eine langfristige Finanzplanung zu betreiben. Laut der in diesem Jahr von Fidelity Investments veröffentlichten Studie «Money FIT Women Study» sind 72 Prozent der Befragten überzeugt, ihr Familienbudget alleine verwalten zu können, doch nur 37 Prozent sehen sich in der Lage, die Finanzen für ihren Ruhestand zu planen, und nur 27 Prozent glauben, die korrekte Finanzinvestition auswählen zu können. Was ist der Grund dafür? Bei der Antwort herrscht unter den Befragten grosse Übereinstimmung: Die meisten von ihnen machen mangelnde Kenntnisse als Ursache verantwortlich. Und genau diese Kenntnisse kann die Finanzbranche bieten. Solange die beiden Parteien miteinander kommunizieren, sollten beide Seiten profitieren.

Was würde Sie motivieren, sich in den kommenden zwölf Monaten stärker mit Ihren Finanzen auseinanderzusetzen?

Quelle: Credit Suisse, Fidelity Investments «Money FIT Women Study»

Das scheint doch recht einfach zu sein, nicht wahr? Schwieriger ist jedoch die richtige Kommunikation. In mehreren Umfragen haben Frauen deutlich gemacht, dass eine klare und informative Botschaft wichtig für sie ist. Mike O'Sullivan, Chief Investment Officer der Credit Suisse für Grossbritannien und EEMEA, ist überzeugt, dass auch Männer von einem veränderten Kommunikationsverhalten profitieren werden: «Frauen haben eine Abneigung gegen Fachjargon. Sie wünschen sich Transparenz und Klarheit. Von einer branchenweiten Einführung solcher Standards würden auch Männer profitieren. Die Branche muss sich auf einen neuen Kundentyp einrichten. Es geht dabei nicht einfach darum, Männer durch Frauen zu ersetzen – es geht darum, eine männlich geprägte Einstellung zu ändern. Das ist ein kultureller Faktor und es stellt eine Herausforderung dar.»

Was ist besonders wichtig an einem «idealen» Finanzberater?

Quelle: Credit Suisse, LPL Financial Women and Finance White Paper

Lana Lewin, Managing Director im US Asset Management der Credit Suisse, weist darauf hin, dass die Erhöhung des Frauenanteils in Unternehmen zahlreiche Vorteile mit sich bringt und dazu beitragen könnte, diese neuen Kunden zu gewinnen: «Menschen wollen sich mit anderen identifizieren können. Und Banken müssen zur Kenntnis nehmen, dass Kunden den Kontakt mit Menschen wie sie selbst suchen. Vielfalt ist eine Bereicherung, und eine vielfältige Bank bedeutet eine vielfältige Kundengruppe.»

Ist die Branche bereit?

Dr. Amlan Roy gibt zu, dass in den Industrieländern in den unteren Ebenen zwar eine gewisse Gleichstellung von Frauen und Männern erreicht wurde, die Finanzbranche in den höheren Ebenen jedoch noch immer von Geschlechterungleichheit geprägt sei. Er sieht im Finanzdienstleistungssektor eine stärkere Ungleichheit von Frauen und Männern als in anderen Branchen. Dr. Roy ergänzt, dass das Thema heute häufiger und offener diskutiert wird und dass Massnahmen zur Reduzierung der Ungleichheit am Arbeitsplatz eingeführt werden, beispielsweise Massnahmen zum Schutz vor Entlassungen, Schutz während des Mutterschaftsurlaubs oder Unterstützung bei der Vereinbarung familiärer und beruflicher Verpflichtungen.

Trotz dieser Bemühungen zeigt sich bei den Fondsmanager-Statistiken weltweit ein eher deprimierendes Bild. In den europäischen Ländern (die von den «Fondsfrauen», einem Netzwerk für Frauen in der Investmentfondsbranche, gesammelten Daten stammen aus Grossbritannien, Deutschland und Österreich) liegt der Anteil der weiblichen Fondsmanager bei unter 10 Prozent. In den USA ist der Anteil noch geringer: dort sind es lediglich 2 Prozent! Während die Zahl der Frauen, die möglicherweise eine Anlageberatung wünschen, kontinuierlich zunimmt, sind Frauen in den Instituten, die sie unterstützen sollten, stark unterrepräsentiert. Dr. Anja Hochberg, Chief Investment Officer für Europa und die Schweiz bei der Credit Suisse, will gegen dieses Problem angehen und engagiert sich aktiv bei den «Fondsfrauen». Auf die Frage nach den Gründen für die aktuelle Situation gibt Dr. Hochberg an, dass die Antwort auf diese Frage genau der springende Punkt sei und dass die «Fondsfrauen» daher aktiv Forschung betreiben, um herauszufinden, was Frauen von einer Karriere in der Fondsbranche abhält. Trotz des düsteren Bilds bleibt Lana Lewin optimistisch: «In 10 Jahren dürfte die Statistik anders aussehen. Ich gehe davon aus, dass mehr Frauen Führungspositionen in der Branche innehaben werden, da sie ihre Karriere in einem anderen, viel stärker gleichberechtigten Umfeld beginnen, das mehr Aufstiegsmöglichkeiten bietet.»