Leben wir bald in einer bargeldlosen Gesellschaft?

Dänemark möchte Barzahlungen abschaffen, Schweden will nachziehen. Gehört Bargeld bald der Vergangenheit an? Diese Vision scheint nicht gänzlich utopisch zu sein, wenn man sich die derzeitige Revolution bei den Transaktionstechnologien vor Augen hält.

Plato zufolge sind nichtmaterielle, abstrakte Ideen realer als ihre physische Form. Er wäre begeistert zu sehen, dass sich unsere Gesellschaft genau in diese Richtung entwickelt. Gedruckte Bücher, die wir stolz in unseren Regalen platzierten, werden durch E-Books ersetzt. Anstatt CDs zu leihen oder zu kaufen, haben wir Zugriff auf digitale Musikbibliotheken im virtuellen Raum. Und wenn wir Zahlungen abwickeln, greifen wir immer seltener zum Portemonnaie – es sei denn, es handelt sich um eine digitale Brieftasche.  

Bargeldlose Gesellschaft

Wir entwickeln uns langsam zu einer bargeldlosen Gesellschaft und die nordischen Länder übernehmen hier eine Vorreiterrolle. Prognosen zufolge werden Barzahlungen dort bis 2030 abgeschafft. Bislang erfolgt die Umstellung auf natürliche Weise – durch die Entscheidungen der Kunden. Die dänische Regierung wird jedoch möglicherweise den gesetzlichen Rahmen entsprechend anpassen und es bestimmten Läden und Dienstleistern erlauben, ab Januar 2016 Bargeldzahlungen abzulehnen. Ein derartiger Vorschlag wurde von der dänischen Handelskammer gemacht. Der kontinuierliche Rückgang des Bargeldverkehrs wird von allen begrüsst: den Kunden, den Unternehmen und den Behörden. Jede Gruppe schätzt die Umstellung aus anderen Gründen, dennoch gibt es ein gemeinsames Ziel: Sicherheit.
Die Kunden müssen kein Geld mehr mit sich führen und gehen somit kein Risiko ein, Opfer eines Diebstahls zu werden. Und am Ende des Monats müssen sie sich nicht fragen, was mit dem ganzen Geld geschehen ist: Mit einem Kontoauszug lässt sich jede einzelne Transaktion einfach nachvollziehen. Für Unternehmen bedeuten bargeldlose Transaktionen höhere Sicherheit und Zeit- und Geldersparnisse, da der Bargeldverkehr kostenintensiv und zeitaufwendig ist. Eine von Bhaskar Chakravoti und Benjamin Mazotta an der Tuft University (USA) durchgeführte Studie hat ergeben, dass jedes Jahr Gesamtkosten von rund 200 Milliarden US-Dollar für die Abwicklung von Barzahlungen von Kunden, Unternehmen und der öffentlichen Hand entstehen.

Die Qual der Wahl

Dem «World Payments Report 2014» von Cap Gemini zufolge verzeichnete der bargeldlose Zahlungsverkehr weltweit ein jährliches Wachstum von 7,7 Prozent. Neue Zahlungslösungen wie digitale Brieftaschen, Kryptowährungen und Peer-to-Peer-Zahlungen haben die kritische Schwelle erreicht und dürften bald rasantes Wachstum verzeichnen. Der Zahlungsverkehr gehörte in der Vergangenheit zu den Finanzdienstleistungen. Die derzeit stattfindende Zahlungsrevolution führt jedoch zu einer Flexibilisierung des Sektors, und die Kunden können nicht nur die Zahlungsmethode wählen, sondern auch entscheiden, wer ihre Transaktion abwickelt. Und das müssen nicht unbedingt Banken sein. Zu den bestehenden oder neu hinzukommenden Akteuren im Zahlungsverkehrssektor gehören Computergiganten wie Apple, führende Internetunternehmen wie PayPal, Google oder Facebook sowie Mobilfunkanbieter und Detailhändler. Ganz zu schweigen von den unzähligen Start-ups auf der Suche nach Geschäftschancen.

Das gute alte Plastik

Die Zahlung per Karte ist einfach, schnell und bequem. Sowohl Kunden als auch Unternehmen schätzen sie, und bis vor Kurzem war sie die digitale Währung der Wahl. In den 1990er Jahren setzte sich die Karte gegen einen neuen Konkurrenten durch – digitales Geld. Das allererste Unternehmen für digitales Bargeld – DigiCash – wurde 1990 von David Chaum, einem Meister der Kryptologie, gegründet. Er wollte digitale Zahlungsmöglichkeiten schaffen, die genauso sicher und anonym wie der konventionelle Bargeldverkehr sind. Doch er war seiner Zeit weit voraus. Niemand interessierte sich für seine Erfindung, DigiCash ging acht Jahre später in Konkurs. Obgleich sich die Vorlieben geändert haben und Kunden heutzutage eine grössere Auswahl an Zahlungsmethoden erwarten, erfreuen sich Karten nach wie vor grosser Beliebtheit. Sie sind der Schlüssel zum Tresor unserer Bankkonten. Mobile und Online-Zahlungen müssen auf irgendeine Weise mit unserem Geld verbunden werden, und das geschieht entweder über ein Bankkonto oder eine Kreditkarte. Angesichts der Zuwächse im globalen bargeldlosen Zahlungsverkehr wird das neue Potenzial von Kreditkarten allmählich erschlossen. Die Studie von CapGemini bestätigt, dass Karten der Haupttreiber für die Zuwächse bei bargeldlosen Transaktionen sind. 2012 wurde ein weltweiter Anstieg der Debit- und Kreditkartennutzung um 13,4 Prozent bzw. 9,9 Prozent verzeichnet. Uwe Neumann ergänzt: «Ihr Ruf, ein sicheres Zahlungsmittel zu sein, macht sie zu einer guten Alternative zu den viel diskutierten Marketing- und datenbasierten Initiativen im Bereich mobiler Zahlungen.»

PayPal, die Nummer eins

Das Internet hat im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ganz neue Möglichkeiten, Wünsche und Erwartungen generiert. Dazu gehört auch das Online-Shopping. Und jeder Einkauf geht mit einer Zahlung einher. Zweifelsohne ist PayPal von Ebay die Nummer eins im Online-Zahlungsverkehr. Das Unternehmen fungiert als Schnittstelle zwischen Verkäufer und Käufer. Es ist seit 1998 auf dem Markt und hat sich zum grössten Online-Bezahldienst entwickelt, der täglich fast 12,5 Millionen Transaktionen abwickelt. PayPal hat im letzten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein Umsatzwachstum von 14 Prozent ausgewiesen und einen Anstieg der aktiven Kundenkonten von 11 Prozent verzeichnet. Angesichts immer neuerer Möglichkeiten, die sich durch mobile Zahlungen ergeben, versucht PayPal jetzt, sein Geschäft auf mobile und Detailhandelskäufe auszuweiten. Um PayPal in einem «richtigen» Ladengeschäft nutzen zu können, müssen sich Kunden mit der Cloud verbinden und auf ihr Konto zugreifen. Da das Internet heutzutage allgegenwärtig ist, sollte dies problemlos möglich sein. 

Schöne neue Welt der Zahlungen

Die Verbreitung von Smartphones hat dazu geführt, dass neue Akteure auf den Markt drängen, die sich das Potenzial von Smartphones zunutze machen möchten und hierfür auch das nötige Know-how besitzen. Uwe Neumann vom Global-Research-Team erwartet im Bereich mobile Zahlungen in naher Zukunft grosses Wachstum. Er verweist auf eine Prognose von Gartner, einem IT-Forschungs- und Beratungsunternehmen. Eine Studie von Gartner hat ergeben, dass der globale Wert der mobilen Transaktionen jährlich um durchschnittlich 42 Prozent wachsen und bis 2016 617 Milliarden Dollar erreichen wird. Diese Zahlungsmethode wird sich in Entwicklungsländern besonders schnell ausbreiten, so Neumann. In Afrika und Asien spielen mobile Zahlungsverkehrssysteme aufgrund der unzureichenden Bankeninfrastruktur eine grosse Rolle.

Uwe Neumann unterteilt die neuen Marktteilnehmer in zwei Kategorien: Eine Gruppe, zu der auch Google Wallet zählt, konzentriert sich auf die Erhebung und Monetarisierung von Daten zu Kundentransaktionen. Die zweite Gruppe, zu der Paypal gehört, versucht, einige konventionelle Akteure in der Zahlungskette zu umgehen. Google ist seinem Ziel bereits recht nahegekommen. Der Inhaber eines Google-Kontos kann sein gesamtes digitales Leben – E-Mails, Dokumente, Bilder, Karten, Reiseverlauf und auch Geldangelegenheiten – bei einem einzigen Anbieter verbringen. Eine Google Wallet-App ermöglicht nicht nur die Zahlung in Läden oder online oder das Abheben von Bargeld am Geldautomaten, sondern bietet gmail-Nutzern auch die Möglichkeit, Geld als E-Mail-Anhang zu überweisen.

Ein neuer, von Apple eingeführter Dienst könnte Google Konkurrenz machen. Apple Pay basiert auch auf den kontaktlosen Zahlungsterminals und ermöglicht Zahlungen über ein Mobiltelefon oder Apple-Gerät wie das iPad oder Apple Watch. Das Unternehmen hat vor Kurzem bekannt gegeben, dass die Lösung im Juli in Grossbritannien eingeführt wird. Zurzeit sondiert das Innovationsteam bei der Credit Suisse den Markt auf der Suche nach einer geeigneten mobilen Lösung. Schweizer Kunden können nächstes Jahr mit einer innovativen Zahlungslösung rechnen.

Uwe Neumann zieht folgendes Fazit: «Die vielversprechendsten geeigneten Zahlungsplattformen scheinen von den grossen Internetplattformunternehmen entwickelt zu werden: eBay mit PayPal (Abspaltung ist für 2015 geplant), Apple Pay, Android Pay, Samsung Pay. Es gibt zwar eine Vielzahl kleinerer Unternehmen, die Lösungen zur Zahlung über das Smartphone anbieten, es sind jedoch unserer Auffassung nach die grossen Internetplattformunternehmen, die die Macht haben, Standards zu setzen.»

Der Wert von Daten

Obgleich die neuen Zahlungsmöglichkeiten das Leben der Nutzer erleichtern sollen, gibt es auch Vorteile für die Anbieter der Zahlungslösungen. Sie gelangen in den Besitz von etwas Persönlichem, extrem Wertvollem: Daten. Google, Apple und Facebook wissen bereits jetzt sehr viel über ihre Nutzer und machen ihr Wissen zu Geld. «Die Konsumgewohnheiten der Nutzer in Erfahrung zu bringen, ist das Puzzleteil, das noch fehlt», erklärt Daniel Höfelmann vom Innovationsteam im Digital Private Banking der Credit Suisse. Uwe Neumann bekräftigt dies: «Als Nächstes wird es darum gehen, die Kaufdaten der Kunden im Zusammenhang mit den Zahlungen zu nutzen.» Die an Kundendaten interessierten Parteien sind nicht nur die neuen Akteure, sondern auch Unternehmen, die bereits im Bereich Zahlungsverkehr aktiv sind. Kunden, die Wert auf die vertrauliche Behandlung ihrer Daten legen, dürften jedoch weiterhin auf konventionelle Zahlungsmethoden oder auf neue von Banken angebotene Zahlungslösungen setzen. Die Verpflichtung einer Bank zur Wahrung der Vertraulichkeit und Sicherheit von Daten kann sich beim Kampf um Kunden als Trumpfkarte erweisen.

Der Zahlungsverkehrssektor befindet sich in einem tief greifenden Wandel, der sich mit atemberaubender Geschwindigkeit vollzieht. Angesichts der Bestrebungen, den Bargeldverkehr zu reduzieren, der wachsenden Zahlungsverkehrsinfrastruktur und der Weiterentwicklung des Online-Geschäfts besteht kein Zweifel daran, dass die Zukunft dem bargeldlosen Zahlungsverkehr gehört. Welche Lösung den Markt dominieren und wer den neuen Standard in der Branche setzen wird, wird sich jedoch noch zeigen. «Wir stehen vor anspruchsvollen und spannenden Aufgaben zugleich, doch die bargeldlose Gesellschaft ist eine langfristige Perspektive», so Daniel Höfelmann.