Welcher Weg führt zu einer multipolaren Welt?
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Welcher Weg führt zu einer multipolaren Welt?

Ereignisse des vergangenen Jahres wie der Brexit oder die Wahl von Donald Trump scheinen auf das Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen, hinzudeuten. Der Entwicklungskurs der Welt wird sich verändern. Werden wir den Aufstieg mehrerer regionaler Mächte erleben? Das Credit Suisse Research Institute wirft in seinem neuesten Bericht einen Blick auf die Verlagerung in Richtung einer multipolaren Welt.

Das Ende der Globalisierung?

Der Bericht des Credit Suisse Research Institute «Getting over Globalization» schlägt aufgrund der jüngsten Ereignisse drei mögliche Szenarien vor:

  1. Die Globalisierung setzt sich auf ihrem bekannten Weg fort,
  2. die Welt wird multipolar oder
  3. die Globalisierung endet.

Michael O'Sullivan deutet in seinem neuesten Video in Richtung des zweiten Szenarios – der Multipolarität: der Aufstieg von Regionen, die sich nun im Hinblick auf ihre wirtschaftliche Grösse, politische Macht, Haltung zu Demokratie und Freiheit und ihre kulturellen Normen unterscheiden.

Wir können derzeit eine sich ändernde Dynamik in der Weltordnung beobachten – diese entfernt sich stetig von der Hegemonie von Europa und den USA und bewegt sich auf ein eher regional geprägtes Mächtespiel zu. Die Multipolarität zeigt sich am deutlichsten in wirtschaftlicher Hinsicht, da sich der wirtschaftliche Schwerpunkt der Welt stetig nach Osten verlagert und das in einem Masse, dass einige Autoren nun von einem Prozess der «Veröstlichung» sprechen. Die alte politische Ordnung in den Industrieländern verursacht dagegen entweder Apathie, Wut oder politisches Unternehmertum. In Europa ist ein deutlich erkennbarer und scheinbar struktureller Rückgang des Vertrauens in die Europäische Union und eine Zunahme des Pessimismus gegenüber der EU zu beobachten.

Die Struktur einer multipolaren Welt

Derzeit bilden sich drei bedeutende und leicht erkennbare Pole heraus: Nord-, Mittel- und Südamerika, Europa und ein auf China ausgerichtetes Asien.

Auch wenn Altmächte wie die USA, das Vereinigte Königreich und Japan weiterhin dominant bleiben und bei den meisten Indikatoren relativ hohe Werte erzielen, sehen wir doch, dass Japan in dieser Hinsicht zunehmend an Schwung verliert, weil dem Land die weitreichenden und schwierigen Bemühungen um eine Neuausrichtung der Wirtschaft nach wie vor Probleme bereiten. Das Abschneiden der kleinen Industrieländer ist bemerkenswert, denn sie können durchaus mit grösseren Mächten konkurrieren. Grössere wachsende Schwellenländer (Russland, Indien, Brasilien, Chile und Südafrika) werden als bedeutende Pole erkannt, die aber ihr Potenzial noch nicht voll entfalten.

Die Stärke der Pole

Die Stärke der Pole

* Repräsentative Eurozone bestehend aus Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien
** Luxemburg, Singapur, Schweiz, SVZ Hongkong, Belgien, Irland, Dänemark, Island

Quelle: Credit Suisse 

Eine weltweite Verlagerung

Ein interessanter und intuitiv nachvollziehbarer Weg, um die Entwicklung der Welt von einer unipolaren zur einer stärker multipolaren Welt zu betrachten, ist ein Blick auf den Standort der 100 höchsten Gebäude der Welt. Unserer Meinung nach ist der Bau von Wolkenkratzern (ab einer Höhe von 200 Metern) ein gutes Mittel zur Messung von Anmaßung und wirtschaftlichem Machismo. Zwischen 1930 und den 1990er Jahren dominierten die USA die Spitzenränge der höchsten Gebäude. Um die Jahrtausendwende gab es jedoch einen drastischen Wandel und Wolkenkratzer im Nahen Osten und in Asien schossen in die Höhe. Heute befinden sich ca. 50 Prozent der höchsten Gebäude der Welt in Asien, weitere 30 Prozent Hochhäuser im Nahen Osten und gerade einmal 16 Prozent in den USA und eine Handvoll in Europa. Genauer gesagt befinden sich drei Viertel aller im Jahr 2015 fertiggestellten Wolkenkratzer in Asien (vor allem in China und Indonesien), gefolgt von den VAE und Russland. In Panama wurden mehr Wolkenkratzer fertiggestellt als in den USA.

Die Migration ist zu einem der umstrittensten Aspekte der Globalisierung geworden. Insbesondere erzwungene Migration hat sich zu einer schwerwiegenden politischen und geopolitische Frage entwickelt. Heute ist die weltweite Zahl von Migranten (beziffert als Anteil der Gesamtweltbevölkerung) auf dem höchsten Stand seit 25 Jahren (3,3 Prozent im Jahr 2015 im Vergleich zu 2,9 Prozent im Jahr 1990, 2,8 Prozent im Jahr 2000 und 3,2 Prozent im Jahr 2010). In der Vergangenheit strömte ein Grossteil der Migranten von ärmeren in reiche Länder. In letzter Zeit hat sich das Muster dieser Ströme jedoch verändert – zwischen 1990 und 2015 stieg die Abwanderung von Europa nach Lateinamerika um das 4-Fache und nach Asien um das 3,4-Fache. In ähnlicher Weise erhöhte sich die Migration von Nordamerika nach Afrika im gleichen Zeitraum um das 4,2-Fache und nach Asien und Lateinamerika um das 2,5-Fache. Interessant ist auch, dass die Migration innerhalb der Regionen im gleichen Zeitraum relativ stabil blieb.

Eine andere wachsende Form von Menschenströmen ist der Tourismus. In vielen Schwellenländern ist die «Reise ins Ausland» eine der am höchsten geschätzten Formen des Konsums, allerdings bei schwacher Marktdurchdringung. 2015 erreichte die Zahl internationaler Touristen einen Höchststand von 1,2 Milliarden Menschen, das ist zweimal so hoch wie der Stand im Jahr 1995. Im gleichen Zeitraum haben sich Tourismusausgaben verdreifacht. Chinesische Touristen geben auf US-Dollar-Basis mehr aus als Touristen aus den USA, Deutschland, Grossbritannien und Frankreich zusammengenommen.

Darüber hinaus zeigen Studien des Pew Research Center auch ein erhebliche Änderung in der Mittelklasse. Der Bericht «American Middle Class Is Losing Ground» zeigt die «eingeklemmte Mitte», in der die Anzahl der als «Mittelklasse» erachteten Menschen (ca. 120 Millionen Menschen) nun unter der kombinierten Anzahl der Menschen in den unteren und höheren Klassen liegt. Noch wichtiger ist die Beobachtung, dass der Anteil des Gesamteinkommens der Mittelklasse von 62 Prozent im Jahr 1970 auf 43 Prozent im Jahr 2015 gefallen ist. Davon unabhängig zeigte der Wealth Report der Credit Suisse Research Institute aus dem Jahr 2015, dass die geschätzte Zahl der Mitglieder von Chinas Mittelklasse nun über der von Amerikas wohlhabender Mittelklasse (nahezu 92 Millionen Menschen) liegt.