Wo stünden wir ohne Banken?

In den sieben Jahrhunderten ihrer Existenz haben Finanzhäuser für grosse Veränderungen gesorgt und selbst grosse Veränderungen durchlaufen. Das ist vermutlich das Einzige, was sich in Zukunft nicht ändern wird.

Ohne Banken gäbe es keine Kredite, um Häuser oder Autos zu kaufen. Wir hätten kein Papiergeld, um die notwendigen Dinge zu erwerben. Wir hätten keine Geldautomaten, um Papiergeld von unserem Konto abzuheben. Und es gäbe auch keine Werbegeschenke bei der Eröffnung von Konten. Im Ernst: Alle genannten Dinge waren zu ihrer Zeit ein Novum – ein Novum, das von Banken eingeführt wurde. Sie waren Teil einer kontinuierlichen Entwicklung im Finanzbereich, heute würden wir vielleicht von einer Revolution sprechen. Wie auch immer: Es tut sich viel bei den Hauptfunktionen im Bankbereich, und dies hat grosse Auswirkungen darauf, wie Banken (oder wie auch immer wir sie in Zukunft nennen mögen) reguliert werden.

Transaktionsabwicklung: ein von Einzelhändlern angebotenes Extra?

Stellen Sie sich vor, Sie müssten Tauschhandel betreiben: Wie um alles in der Welt wird man sich in Zeiten ohne Rückgeld einig, wenn man achteinhalb Ziegen für eine einzige Kuh tauscht? Die Banken haben derartige Probleme vor langer Zeit aus dem Weg geräumt. Zuerst wurden Geldscheine, dann Schecks, später Kreditkarten eingeführt, die das Kaufen und Verkaufen vereinfacht haben. One-Click-Shopping ist der neueste Trend. Er hat zur Mutmassung geführt, dass seine Vorreiter – darunter Amazon & Co., eBay und Google – Banken unter ihrer eigenen Marke gründen werden, die die herkömmlichen Banken mit Blick auf die Transaktionsabwicklung verdrängen. Der Bericht «Why Google Bank Won't Happen» des IT-Marktforschungsunternehmens Forrester widerspricht der ersten Mutmassung, ist jedoch der Meinung, dass sich die zweite durchaus bewahrheiten könnte. «Die Menschen möchten keine weitere Bank», behauptet die Hauptautorin Oliwia Berdak. Die Menschen möchten vielmehr so einfach (und sicher) wie möglich einkaufen (aus diesem Grund wollten sie auch keinen Tauschhandel mehr). Auch ist es nicht so, dass Amazon & Co. Banken werden möchten. Vielmehr möchten sie Waren so einfach und sicher wie möglich verkaufen. Ausserdem hätten sie gerne ein Hauptbuch über die Transaktionen jedes Käufers, sodass sie eine Vorstellung davon bekommen, was sie ihm als Nächstes anbieten können. Die Transaktionsabwicklung wird also eher als Lockmittel für Kunden betrachtet, vergleichbar mit kostenlosem Versand oder Geschenkverpackungen. Sie wären keine Banken und möchten auch keine sein, aber sie könnten immerhin einen erheblichen Teil der Transaktionsabwicklung übernehmen.

Vermögensverwaltung: Roboter und Crowdsourcing machen Menschen Konkurrenz

Ein Tresor eignet sich zweifellos besser als eine Matratze, um Bargeld zu verwahren. Also haben Banken angefangen, Geld sicherer aufzubewahren. Ausserdem haben sie begonnen, Kunden dabei zu helfen, eine Rendite auf ihr Erspartes zu erwirtschaften. Dies war traditionell die Domäne der Privatbanken und Aktienhändler, deren Revier jetzt von zwei Seiten betreten wird. Zum einen entsteht Konkurrenz durch die automatisierte Beratung, angeführt von Acorns, Betterment, FutureAdvisor, Nutmeg, TrueWealth und WealthFront. Genauso wie Reisebüromitarbeiter von Computern ersetzt werden, ersetzen diese Unternehmen Bankmitarbeiter durch Software, die auf der Basis von Kundenprofiling und Marktanalysen Anlageentscheidungen treffen. Robotern unterlaufen keine menschlichen Fehler, sie handeln sofort, sind rund um die Uhr im Einsatz und hinterlassen eine perfekte Dokumentation ihrer Beratung und Entscheidungen. Der andere Konkurrent für Banken ist das «Crowdsourcing». Spezialisten wie Estimize, Robinhood, Seeking Alpha und Wikifolio fungieren als eine Art Markt für Märkte, die die vielen Ideen in einer «Wisdom of Crowds» (Die Weisheit der Vielen) zusammenführen, wie von James Surowiecki in seinem 2004 erschienen Buch mit demselben Titel angepriesen. Es ist jedoch noch nicht klar, ob diese Ansätze bessere Ergebnisse als Bankmitarbeiter oder Broker liefern, die Kosten sind jedoch zweifelsohne geringer. Das erklärt, warum nicht nur Dotcom-Unternehmen auf diesen Zug aufspringen, sondern auch konventionelle Banken. Die Credit Suisse beispielsweise integriert beide Elemente in ihr Kundenportal, die digitale Private-Banking-Plattform. Die Automatisierung schreitet mit rasanter Geschwindigkeit voran und erobert zahlreiche Bereiche, so Marco Abele, Leiter Digital Private Banking bei der Credit Suisse, und das Networking unter Kunden wird eingeführt.

Darlehen: Freunde mit gewissen Vorzügen

Bevor Banken das Kreditgeschäft betrieben, musste man sich Geld von Familienangehörigen, Freunden oder Gangstern leihen, was häufig in Tränen, Schlägereien oder beidem endete. Kreditsachbearbeiter führten einen objektiven Vermittler mit Risikostreuung zwischen Kreditgeber und -nehmer ein. Aber selbst dieser erfolgreiche Ansatz könnte von neuen Kreditvergabekonzepten, erneut angetrieben durch Roboter und Crowdsourcing, verdrängt werden. Vorreiter des ersten Ansatzes, erklärt Christine Schmid, globale Leiterin Equity and Credit Research bei der Credit Suisse, ist ein Unternehmen namens Lenddo. Das in den Philippinen ansässige Unternehmen ist eine internetgestützte Kreditauskunftei. Potenzielle Kreditnehmer ermöglichen es Lenddo, ihr gesamtes digitales Leben einzusehen. Lenddo erhält Einblick in ihre sozialen Netzwerke, Kontoauszüge, Gesundheitsberichte, E-Mails und andere Online-Informationen, um ihre Kreditwürdigkeit zu bewerten. Das Unternehmen Zopa verfolgt einen anderen Ansatz und bietet Peer-to-Peer-Kredite, die sich praktisch nicht von Bankkrediten unterscheiden, ausser dass die Kosten, die durch die Unterhaltung eines Zweigniederlassungsnetzes, einer Bankinfrastruktur und Regulierungen entstehen, wegfallen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die beiden Ansätze in einem Unternehmen zusammengeführt werden, sagen Beobachter. Derzeit wird der Ansatz von Lenddo hinsichtlich des Screenings von Kreditnehmern von Banken geprüft.

Geldgenerierung: nicht für Nichtbanken

In den meisten Ländern hat es Jahrhunderte gedauert, bis moderne Geldsysteme entwickelt wurden. Die Zentralbanken haben heute ein Monopol auf nationale Währungen. Sie steuern deren Verfügbarkeit vor allem durch Geschäftsbanken, die, um es in den Worten von Ökonomen auszudrücken, Geld aus dem Boden stampfen. Das heisst, die Zentralbanken weiten die Geldmenge aus oder reduzieren diese, indem sie Geld an Geschäftsbanken verleihen oder diesen Reserveanforderungen auferlegen. Soweit alles schön und gut (zumindest besser als die alten Systeme). Ökonomieprofessor Richard Werner von der University of Southampton weist jedoch darauf hin, dass dies auch bedeutet, dass Nichtbanken kein Geld generieren. Sie geben es lediglich weiter, wie er in dem 2014 erschienenen Peer-Review-Artikel «How do banks create money, and why can other firms not do the same?» darlegte. Auch wenn Unternehmen wie Acorns oder Zopa Banken Konkurrenz machen, indem sie Bankfunktionen – von der Transaktionsabwicklung bis zur Vermögensverwaltung und Kreditvergabe – anbieten, können sie kein Geld generieren. Hierbei handelt es sich um einen zentralen Hebel der Finanzpolitik der meisten Regierungen.

Folgende Frage muss man sich im Zusammenhang mit diesen spannenden Bankinnovationen stellen: Können die Sicherheits- und Transparenzanforderungen von Banken auch Nichtbanken auferlegt werden? Und wenn Nichtbanken die wichtigsten Bankfunktionen übernehmen, wie können Regierungen die Staatsfinanzen steuern? Das könnte sich in den nächsten Jahren zeigen.