Die ungewisse Zukunft der Globalisierung
News & Videos

Die ungewisse Zukunft der Globalisierung

Der Weg, den die Globalisierung in den letzten Jahrzehnten verfolgt hat, geht zu Ende. Der Aufstieg der Regionalmächte und der steigende Protektionismus deuten auf kommende Änderungen hin. Wird die Welt multipolar oder werden wir Zeuge des Endes der Globalisierung? Das Credit Suisse Research Institute spricht sich in seinem vor Kurzem veröffentlichten Bericht «Getting over Globalization» dafür aus,  das düsterste Szenario zu vemeiden und stattdessen den Weg zur Multipolarität einzuschlagen.

Wird 2017 das Jahr, das die Globalisierung veränderte?

Das Jahr 2017 scheint dafür bestimmt zu sein, eine neue Ära in der Geschichte der Globalisierung einzuläuten. Mehrere Ereignisse des vergangenen Jahres deuten auf das Ende einer langen Phase der Globalisierung hin. Diese wurde vor allem durch westliche multinationale Unternehmen, Märkte und Gesetze sowie die überraschende Zunahme des Wohlstands in Schwellenländern vorangetrieben. Der Bericht «Getting over Globalization» des Credit Suisse Research Institute analysiert unter Berücksichtigung von Handels-, Personen-, Finanz- und Medienströmen drei Szenarien:

  1. Die Globalisierung setzt sich auf ihrem bekannten Weg fort.
  2. Die Welt wird multipolar.
  3. Wir sehen das Ende der Globalisierung.

Kann die Welt unipolar bleiben?

Szenario 1 geht davon aus, dass die westlichen multinationalen Unternehmen, Gesetze und Institutionen weiterhin die Welt gestalten, der US-Dollar die dominante Währung bleibt und der Handel sich ausweitet. Dieses Szenario hat etwas Beruhigendes, es will uns glauben machen, die Welt könne so bleiben, wie wir sie kennen. Allerdings ist es nicht sehr wahrscheinlich. Der Globalisierung scheint die Puste auszugehen: Das Wirtschaftswachstum ist langsam, Protektionismus breitet sich aus und neue regionale Mächte steigen auf, was die Existenz der unipolaren Welt gefährdet. Der Brexit und die Wahl von Donald Trump –  beide entgegen der allgemeinen Erwartung eingetreten – haben uns gelehrt, das Unerwartete zu erwarten.

Verlauf der Globalisierung

Verlauf der Globalisierung

Die Kennzahl, mit der das Credit Suisse Research Institute anhand des Handels-, Finanz-, Dienstleistungs- und Personenverkehrs die Globalisierung misst, ist unter das Niveau von 2012–2013 auf etwa den Stand der Krisenjahre 2009–2010 gefallen.

Quelle: World Bank, Datastream, SIPRI, Credit Suisse

Der Weg zur Multipolarität

Multipolarität würde das Ende der unipolaren Welt und einen Aufstieg der Regionen bedeuten: Rund um den Globus würden sich parallele wirtschaftliche Zentren ausbreiten. Die Globalisierung selber verursachte die Entstehung der Multipolarität, denn eine ihrer zweifellos positiven Nebenwirkungen ist die bessere Verteilung des Wohlstands. Von diesem Trend profitierten vor allem Entwicklungsländer mit grosser Bevölkerungszahl wie Indien und China. Sie sind nun auf dem besten Weg, sich zu regional führenden Kräften zu entwickeln. Gemäss diesem Szenario würde die Welt künftig auf drei Säulen aufbauen: Nord- und Südamerika, Europa und ein von China dominiertes Asien. Multipolarität hätte neue internationale oder regionale Institutionen, einen Aufschwung der «gelenkten Demokratie» und stärker regional ausgerichtete Versionen von Rechtsstaatlichkeit zur Folge. Die Weltwirtschaft würde weiterwachsen, das Wachstum wäre aber ungleich zwischen den Regionen aufgeteilt.

Die ungewisse Zukunft der Globalisierung (EN)

Das Unerwartete erwarten

Nirgends auf der Welt rechnet man mit einem Ende der Globalisierung. Käme es dennoch, würde dies einen Schock auslösen. Dieses dritte vom Credit Suisse Research Institute vorgestellte Szenario ist das düsterste und negativste. Es wird genährt durch eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums und einen rückläufigen Handel, das Risiko eines makroökonomischen Schocks (z. B. Verschuldung, Ungleichheit, Immigration) oder einen verstärkten Protektionismus – um nur einige Faktoren zu nennen. Die Auswirkungen könnten sehr schädlich sein, sie zu beheben sehr viel Mühe und Zeit kosten. Laut den Forschern des Institutes könnten wir die Vorherrschaft von «nationalen Champions» und eine Konsolidierung der Macht unter einigen dieser Champions, eine Fragmentierung der globalen Finanzmärkte, Währungskriege oder sogar offene militärische Konflikte erwarten. Für diejenigen, die nach historischen Parallelen suchen, verweist der Bericht auf das Ende der ersten Welle der Globalisierung im Jahr 1913 und den anschliessenden Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Der Welthandel liegt unter dem Spitzenwert

Der Welthandel liegt unter dem Spitzenwert

Quelle: World Bank, Credit Suisse

Wie lässt sich die Globalisierung beibehalten?

Viele wollen an einer Form der Globalisierung festhalten, die sie bereichert, und stehen einer multipolaren Welt, in der andere grössere wirtschaftliche und politische Macht gewinnen könnten, daher ablehnend gegenüber. Angesichts des langsamen Wachstumstrends und der Skepsis gegenüber den Vorteilen der Globalisierung werden Versuche, diese in ihrer gewohnten Form beizubehalten, vermutlich scheitern.

Der Wandel zu einer multipolaren Welt ist dem Szenario «Ende der Globalisierung» vorzuziehen und scheint bereits im Gange zu sein. Daher ist es vermutlich besser, sich auf die Schaffung eines gut funktionierenden multipolaren Systems zu konzentrieren. Multipolarität, insbesondere in der Entstehungsphase, ist voraussichtlich anfällig für politische Fehler, Rivalitäten und geopolitische Spannungen. Es könnte sich daher lohnen, ein Regelwerk und geeignete Institutionen einzurichten, um die multipolare Stabilität zu stützen.

Protektionistische Massnahmen herrschen vor und verzerren den Welthandel

Protektionistische Massnahmen herrschen vor und verzerren den Welthandel

Da es nun so aussieht, als ob TPP und TIPP nicht ratifiziert werden und immer mehr handelshinderliche Massnahmen eingesetzt werden, sind das Volumen und die Stabilität des Handels möglicherweise die wichtigsten Variablen, die im Blick zu halten sind.

Quelle: Global Trade Alert, Credit Suisse