Wann ist der Hunger endlich gegessen?

Ertharin Cousin hat ein ehrgeiziges Berufsziel: Die Chefin des Uno-Welternährungsprogramms will den Hunger besiegen. Nicht irgendwann, sondern sehr bald.

Das «Forbes Magazine» hat sie schon zweimal auf die Liste der mächtigsten Frauen der Welt gesetzt. «Time Magazine» kürte sie im letzten Jahr zu einer der international einflussreichsten Persönlichkeiten. Dennoch ist ihr Name den wenigsten geläufig. Ertharin Cousin, Chefin der grössten humanitären Organisation der Welt, legt wenig Wert auf Medienlärm, der mit ihrer Person zu tun hat.

Wenn sie hingegen vor Spendern auftritt, ist sie durchaus laut und kräftig. Wie im vergangenen Februar, als sie in Brüssel die Mitglieder des Europarats eindringlich davor warnte, die Flexibilität des Welternährungsprogramms einzuschränken. Das macht keine Schlagzeilen, ist aber zentral für den Erfolg des World Food Programme (WFP), das durch Spenden von Staaten, Unternehmen und Privaten finanziert wird. Die Spenden einzutreiben ist Aufgabe des WFP. Und darin ist die Amerikanerin Spitzenklasse. «Ich bin glücklicherweise eine überzeugende Person», sagt sie über sich, «sobald ich den Mund öffne, hören die Leute, dass ich weiss, worüber ich rede. Wenn ich fertig bin, denken die meisten, die ist okay.» Anders, glaubt sie, wäre eine Arbeit wie die ihre auch gar nicht zu leisten. «Wenn wir uns gegen die, mit denen wir arbeiten, nicht durchsetzen können, wie sollen wir dann die leiten können, die überhaupt keine Stimme haben?»

Geld ist nicht das Problem

Ertharin Cousins grösstes Problem als WFP-Chefin ist selten das Geld an sich. Nie in seiner Geschichte erhielt das World Food Programme mehr Unterstützung als im letzten Jahr: über 5,5 Milliarden Dollar. Das Problem sind die daran geknüpften Bedingungen: 95 Prozent aller Spenden kommen mit Auflagen. Wer für Hungernde bei Dürrekatastrophen in der Sub-Sahara spendet, will selten, dass allfällig überschüssige Gelder verwendet werden, um syrische Bürgerkriegsflüchtlinge zu ernähren. Der Einsatz des WFP ist aber gegenwärtig in Konfliktgebieten wie Syrien, Jemen oder in der Ukraine besonders dringend. Und genau dort wollen angesichts der komplexen Verhältnisse wenige Länder und Unternehmen als Spender auftreten. Dann ist Ertharin Cousin gezwungen, etwa im letzten September in Syrien, Nahrungshilfe zurückzufahren, obwohl der Spendentopf gut gefüllt ist. In solchen Momenten verzweifelt sie am Mangel an Flexibilität, am Mangel an Verständnis dafür, dass nicht politische Parteinahme, sondern die Ernährung hungernder Menschen die Aufgabe ihrer Organisation ist.

Cousins steiler Aufstieg zur Direktorin des WFP, der grössten humanitären Organisation der Welt mit rund 13'000 Angestellten, war kein Zufall. Zwar kennt die in Chicagos Inner City geborene Tochter einer Sozialarbeiterin und eines Fürsorgers die Obamas seit Jahrzehnten, weil man sich in Chicago immer wieder beim Einkaufen begegnete. Aber die Juristin war bereits eine gesuchte Expertin für nationale und internationale Ernährungspolitik, als den Namen Obama noch kaum einer kannte.

Kampagne für Bill Clinton

Cousin, Mitglied der demokratischen Partei, hatte seit dem Abschluss ihres Anwaltsexamens 1982 für staatliche und private Organisationen gearbeitet, die sich mit Hungerhilfe beschäftigten. 1994 holte Bill Clinton sie als Verbindungsfrau zwischen dem US-Aussenministerium und dem Weissen Haus nach Washington. Zwei Jahre später trat sie zurück, um in Illinois die Kampagne zur Wiederwahl des Tandems Clinton/Al Gore zu leiten. Nach dem Wahlsieg berief Clinton sie ins Board for International Food and Agricultural Development (BIFAD). Das Gremium berät die grösste staatliche Hilfsorganisation USAID zu Fragen globaler Armut und Unterstützung beim Aufbau nachhaltiger demokratischer Gesellschaften.

2002 wechselte Cousin in den Aufsichtsrat der nationalen Hungerhilfe-Organisation «Americas Second Harvest» (heute: «Feeding America»), deren Spendengelder sich während ihrer Amtszeit mehr als verdoppelten. Vier Jahre später gründete sie in Chicago ihre Beratungsfirma «The Polk Street Group». Ihre Karriere als Unternehmerin war kurz. Als sie 2009 von Präsident Barack Obama zur amerikanischen Botschafterin bei den Uno-Organisationen Food and Agriculture Organization (FAO) und WFP ernannt wurde, übergab Ertharin Cousin die Firma an ihren Sohn Maurice und zog nach Rom, wo FAO und WFP ihren Sitz haben.

Dass ihr Auftrag, die amerikanischen Interessen bei den beiden Uno-Organi-sationen zu vertreten, mit diplomatischem Status, Villa, Dienstwagen und Chauffeur einherging, genoss Cousin durchaus. «Wenn dich die Leute plötzlich Exzellenz nennen, gibt das schon einen Kick», sagte sie – mit viel Selbstironie – bei einem ihrer seltenen Medieninterviews. «Andererseits musste ich auf gebackene Hähnchen verzichten, denn mit Olivenöl schmecken sie einfach ganz anders. Dafür habe ich in Rom acht Kilo abgenommen.» Seit sie vor drei Jahren in das ungleich spannendere und einflussreichere Amt der WFP-Chefin befördert wurde, ist der diplomatische Glanz dahin. Ertharin Cousin hat wieder Beamtenstatus, lebt in einem Mehrfamilienhaus und steuert ihr Auto meist selber. Dafür, sagt sie, lebe sie nun wirklich in Rom. Die Marktfrau sagt, was frisch ist, der Metzger legt ein besonders gutes Stück für sie zur Seite. «Es fühlt sich gut an», sagt Cousin. Nur ganz selten gönnt sie sich eine Portion Pommes frites bei McDonald’s, «weil manchmal nichts so sehr nach Heimat riecht wie die Luft dort».

Lösungen, die siegen

Für ihr Amt als WFP-Chefin hat sich Cousin ein ebenso simples wie kühnes Ziel gesetzt, das sie keineswegs für unerreichbar hält: «Ich will den Hunger auf der Welt noch zu meinen Lebzeiten enden sehen. Wir haben die Werkzeuge, die Technologie und ein weltweites Engagement der Länder, die spenden.» Die Zeit sei schon seit Jahren vorbei, wo das WFP sich lediglich darauf beschränkte, notfallmässig Nahrung herbeizuschaffen – weil eine Naturkatastrophe oder ein politischer Konflikt Hunger produzierte–, ein paar Wochen lang Essen verteilte und dann wieder abzog.

«Früher kamen wir oft an und sagten, wir haben die Lösung», sagt die WFP-Chefin, «und sahen dann immer wieder dieselben Orte und Menschen, Krise um Krise». Tatsächlich, räumt Cousin ein, hätten frühere Nahrungsprogramme bei den Empfängern eine Opferhaltung gefördert, «denn wir bauten nichts Nachhaltiges auf». Die grosse Veränderung kam mit der Bereitstellung von Mitteln und Schulung, die den Empfängern erlaubten, sich möglichst rasch selber zu versorgen: «Heute überlassen wir den Regierungen und lokalen Gemeinschaften die Führerrolle, dann schlagen wir Langzeit-Strategien vor.
Dadurch wird garantiert, dass wir uns auf Lösungen zubewegen, die den Hunger besiegen werden.»

Vorbei ist auch die Zeit, als Uno-Organisationen wie die FAO (auf langfristige Nahrungsprojekte spezialisiert), das Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge sowie die Uno-Kreditorganisation IFAD und das WFP sich gegenseitig lieber kritisch beäugten, statt gemeinsame Lösungen zu erarbeiten. «Heute», sagt Cousin, «geht ohne die anderen Uno-Organisationen fast gar nichts mehr. Wir von WFP können Güter erwerben, Nahrung und Vouchers verteilen. Aber die nötige Schulung für nachhaltige Fischzucht, Land- und Forstwirtschaft kommt von der FAO, Langzeit-Kredite an Kleinbauern vergibt IFAD.»

Strategien für die Frauen

Ein entscheidender Schwerpunkt der zukunftsorientierten WFP-Strategie besteht darin, sich vor allem auf Frauen zu konzentrieren. «Wir können das Hungerproblem nicht lösen, wenn wir keine geschlechtsspezifischen Programme haben, die Frauen bessere Chancen geben, seien das Schulungseinrichtungen oder Gerätschaften wie solarbetriebene Küchenherde.» Die neue Strategie, sich auf die Frauen zu konzentrieren, hat keine ideologischen, sondern rein faktische Gründe. «Die Mehrheit der afrikanischen Kleinbauern sind nun mal Frauen», sagt Cousin. «Und in den Städten sind es vor allem Frauen, welche die Haushalte führen.»
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Verlagerung von importierten Hilfs- und Nahrungsgütern zum Einkauf regionaler Produkte, sofern sie ausreichend vorhanden sind. Nicht jede Dürre, nicht jeder Konflikt betrifft ein ganzes Land. Dem oft geäusserten Vorwurf an das WFP, es mache vor allem mit Weizenspenden aus den USA einheimische Bauern brotlos, die auf ihren Produkten sitzenbleiben, begegnet die Organisation, indem sie immer häufiger bei ansässigen Bauern Produkte zu landesüblichen Preisen einkauft, um Nahrungsprogramme für Schulen oder Dörfer sicherzustellen. «Wir werden damit eine Art Auslöser-Markt», sagt Ertharin Cousin, «denn das Ziel ist ja, dass Kleinbauern fähig sind, ihre Produkte langfristig auf dem Markt oder an die eigene Regierung zu verkaufen.»

Private sind flexibler als Regierungen

Etwa 805 Millionen Menschen, einer von neun Weltbewohnern, sind immer noch chronisch unterernährt. 98 Prozent von ihnen leben in Entwicklungsländern. Ihre Zahl hat in den letzten zehn Jahren um 100 Millionen abgenommen und um 209 Millionen seit 1990. In den ärmsten Ländern der Welt liegen die durchschnittlichen Ausgaben für Nahrungsmittel bei 60 bis 80 Prozent des verfügbaren Einkommens. In den meisten Industrieländern machen sie noch 10 bis 20 Prozent des Einkommens aus. Um das Millenniumsziel der Uno zu erreichen («Halbierung des Welthungers zwischen 1990 und 2015»), müsste die Zahl der Hungerleidenden noch dieses Jahr unter 500 Millionen fallen. Die aktuelle Prognose liegt bei 791 Millionen.

Die FAO hält dieses Ziel immer noch für erreichbar. Kritiker halten jedoch die Hungerstatistiken grundsätzlich für fragwürdig. Denn der Hunger ist am verbreitetsten in Staaten, in denen es keine verlässlichen statistischen Angaben über die Einwohner gibt. Die Daten von Hilfsorganisationen stützen sich notgedrungen auf Hochrechnungen, die zutreffend sein können oder auch nicht. Möglicherweise sind sie auch nach Bedarf interpretierbar. Organisationen, die von Spenden leben, brauchen vorzeigbare Erfolge, um vertrauenswürdig zu bleiben. Was auch die schärfsten Kritiker anerkennen: Es gibt kein auch nur annähernd so erfolgreiches globales Programm gegen Hunger wie das der Uno.

Von Spöttern hört die WFP-Chefin gelegentlich, sie sei der einzige Boss der Welt, der energisch am Untergang der eigenen Organisation arbeite. Vermutlich nimmt Ertharin Cousin es als Kompliment. Sie hält ihr Ziel immer noch für erreichbar. Die Erfolge nachhaltiger Programme sind messbar. Es sind die politischen Krisen, die der WFP-Chefin zusetzen, weil kaum ein Land für Hungernde spendet, die unglücklicherweise da wohnen, wo Terror-Regime die Überhand haben. «Ich klopfe jetzt häufiger an die Türen privater Geldgeber», sagte Ertharin Cousin vor Kurzem, «sie sind flexibler als Regierungen».