Wenn sich Mikrofinanz und Bildung die Hand reichen

Nathan Byrd, Leiter Bildungsfinanzierung bei Opportunity International, erläutert, wie Mikrofinanz dazu beitragen kann, Herausforderungen im  Bildungssektor in  Entwicklungsländern zu bewältigen.

Die Mikrofinanzorganisation Opportunity International (Opportunity) befasst sich seit einigen Jahren mit der Schnittstelle zwischen Mikrofinanz und Bildung. In Zentrum stehen dabei die grossen Herausforderungen, vor denen Mikrofinanzkunden bei der Ausbildung ihrer Kinder stehen. Heute erreicht ihre Initiative zur Bildungsfinanzierung schätzungsweise eine Million Kinder. Das Unternehmen entwickelt sektorspezifische und an die Bedürfnissen einkommensschwacher Gemeinden angepasste Finanzinstrumente. Nathan Byrd erklärt, wie Opportunity mit ihrer Initiative für Bildungsfinanzierung Mikrofinanz einsetzt, um den Herausforderungen im Bildungssektor in Entwicklungsländern entgegenzuwirken.

Allison Bearden: Was ist die Initiative für Bildungsfinanzierung?

Nathan Byrd: Die Initiative für Bildungsfinanzierung stimmt das traditionelle Mikrofinanzmodell auf die Unterstützung von Lernenden, Familien und Schulen bei der Bewältigung der Herausforderungen ab, die Kinder in Entwicklungsländern daran hindern, einen Schulabschluss zu erreichen. In Afrika sind Kosten, lange Schulwege, Bildungsqualität, die generell als tief eingestufte Relevanz von Bildung für die berufliche Zukunft und familiäre Notfälle wie etwa der unerwartete Tod eines Elternteils die grössten Hürden für einen Schulabschluss. Die Initiative für Bildungsfinanzierung bietet Lösungen für Kredite, Sparguthaben, Versicherung und Schulungen, damit unsere Kunden gerüstet sind, um die wichtigsten Hindernisse zu überwinden, mit denen sie beim Zugang zu hochwertiger Schulbildung konfrontiert sind.

Wie fördert eine Mikrofinanzorganisation Bildungsreformen bei gleichzeitiger Verbesserung der finanziellen Eingliederung?

Opportunity bietet den Hauptakteuren im Bildungssektor Finanzdienstleistungen und Schulungen, damit Kinder durchgehend in die Schule gehen können. Wir haben Produkte zur Unterstützung von Eltern entwickelt, die Schwierigkeiten bei der langfristigen Aufbringung des Schulgelds haben. So bieten wir ein Sicherheitsnetz, damit Kinder auch in finanziell schwierigen Zeiten die Schule besuchen können. In einigen Ländern vergeben wir Kredite an Studenten, damit sie die Universität abschliessen können. Wir bieten auch massgeschneiderte Kredite und Schulungen für preisgünstige Privatschulen in Gemeinden mit niedrigem und mittlerem Einkommen.

Warum geben Sie Privatschulen Kredite?

Im Laufe der Zeit haben wir erkannt, dass eine erfolgreiche Privatschule Probleme sowohl hinsichtlich Zugang zu Bildung als auch hinsichtlich Qualität der Bildung innerhalb einer Gemeinde lösen und gleichzeitig sinnvolle Beiträge zur wirtschaftlichen Entwicklung dieser Gemeinde leisten kann. Vor sieben Jahren gewährte Opportunity der Eigentümerin einer preiswerten Privatschule in einem kleinen ghanaischen Fischerdorf einen Kredit. Die Schule wurde von einer Einheimischen eröffnet, die festgestellt hatte, dass viele Kinder in ihrer Gemeinde während der arbeitsbedingten Abwesenheit ihrer Eltern unbeaufsichtigt waren. Sie eröffnete die Schule bei sich zu Hause mit nur zehn Schülern, hatte jedoch die Vision von etwas Grösserem, das die kleine Gemeinde nachhaltig verändern könnte. Dank mehrerer Kredite konnte die Schuleigentümerin ein Grundstück kaufen, ein Schulgebäude bauen und mithilfe der wachsenden Schulgeldeinnahmen pünktlich Rückzahlungen an die Bank leisten. Inzwischen hat sie ihre Schule auf über 500 Schüler erweitert. Mitglieder ihrer Gemeinde berichten, infolge des Wachstums der Schule soziale Veränderungen zugunsten des Schulbesuchs von Kindern festgestellt zu haben. Die Schule beschäftigt ausserdem nicht nur Lehrer, sondern auch Sicherheitskräfte, Bauarbeiter, Köche, Schreiner, Fahrer und andere Dienstleister – und schafft so viele neue Arbeitsplätze. Darüber hinaus wurden Unternehmen rund um die Schule gegründet, um deren Bedarf zu decken und den Menschen, die nun dank der Schule beschäftigt sind, Produkte und Dienstleistungen zu bieten.

Arbeiten Sie im Rahmen der Initiative mit anderen Organisationen?

Ja, durch die Zusammenarbeit mit führenden Nichtregierungsorganisationen aus dem Bereich Bildung können wir uns auf unsere Kernkompetenzbereiche konzentrieren, während wir durch vielfältige und partnerschaftliche Einsätze wichtige Entwicklungsergebnisse erzielen. Beispielsweise arbeiten wir mit Anbietern von Bildungstechnologie in Afrika, die uns ermöglichen, preiswerten Privatschulen Finanzinstrumente und Fachkenntnisse zu bieten, damit sie beispielsweise Computerlabors speziell für Schüler und einkommensschwache Gemeinden bauen können. Ausserdem bieten wir neben Schulungen zu sozialen, finanziellen und unternehmerischen Themen in Zusammenarbeit mit Aflatoun auch Kindersparkonten an. Das Schulungsprogramm von Aflatoun informiert darüber, welche beruflichen und wirtschaftlichen Türen Bildung öffnen kann, und unser Kindersparkonto trägt dazu bei, junge Menschen in den formellen Finanzsektor einzuführen. Dank solcher Partnerschaften können wir unsere wirkungsvollen Finanzdienstleistungen parallel zu nicht-finanziellen Dienstleistungen anbieten, die Expertenorganisationen erbringen.

Wie soll die Zukunft von Bildungsfinanzierung aussehen?

Meine Vision für die Zukunft sieht mehr Einfluss, erhöhte Nachhaltigkeit und bessere Skalierung wichtiger Bildungsfinanzierungsleistungen wie beispielsweise Schulgeldkredite über das globale Netzwerk von Finanzinstituten vor, über das Opportunity verfügt. Dabei stehen zwei strategische Ziele im Vordergrund. Erstens sehen wir Innovation als schrittweisen Prozess – Opportunity arbeitet daher nach dem Zyklus «(Neu-) Entwicklung – Umsetzung – Auswertung», um unsere Produkte laufend auf das Kundenfeedback und die sich verändernden Bedürfnisse abzustimmen. Zweitens hoffen wir, dass mehr Akteure in diesem Markt aktiv werden. Wenn diese Agenda erfolgreich vorangetrieben wird, kann Opportunity dazu beitragen, dass «Bildung für alle» in Entwicklungsländern zu einer erreichbaren, nachhaltigen Realität wird.