Die Wertschöpfung der Sharing Economy
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Die Wertschöpfung der Sharing Economy

Wie viel trägt die Sharing Economy zum BIP bei? Lässt sich das überhaupt messen? Aktivitäten, die sich aus traditionellen Sektoren in Sharing-Bereiche verlagern, sind schwerer messbar und verbergen die wahre Wirtschaftsleistung eines Landes.

Neben anderen Indikatoren lässt sich die wirtschaftliche Leistung von Unternehmen anhand ihrer Wertschöpfung messen, also am Wert ihrer Produktion abzüglich der Vorleistungen. Konkreter umfasst die Wertschöpfung Löhne für Angestellte, entrichtete Steuern, Zinszahlungen, Mieten und Gewinne der Besitzer (sprich Nationaleinkommen). Sie misst ausschliesslich den Output und klammert etwa die Zufriedenheit der Kunden mit einem Produkt aus. Zur Messung der Wirtschaftsleistung eines Landes wird die Wertschöpfung aller inländischen Unternehmen aufaddiert. Die Berechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) eines Landes berücksichtigt ausschliesslich im Inland produzierte Güter und Dienstleistungen – abzüglich Subventionen und zuzüglich Steuern.

BIP-Komponenten

Quelle: Credit Suisse

Das European System of Accounts 2010 erfasst bei der BIP-Messung nicht nur kommerzielle Firmen: Weitere produktive Sektoren wie öffentliche Verwaltung, unbezahlte Haushaltsarbeiten, Kinderbetreuung und Teile der Schattenwirtschaft finden ebenfalls Eingang. Die Wertschöpfung dieser Sektoren muss in der Regel geschätzt werden, da sie nicht direkt erfasst werden kann oder keinen eigentlichen Produktionswert besitzt.

Sharing Economy schwieriger zu messen

Sharing-Aktivitäten, die bezahlt werden oder Transaktionen zwischen Firmen und Konsumenten ähneln, sind demgegenüber für die Wirtschaftsleistung relevant. Internetplattformen wie freelancer.com etwa führen Arbeitskräfte und Unternehmen für eine projektbasierte Kooperation zusammen. In diesem Fall findet die Wertschöpfung des Projekts Eingang ins BIP. Die Buchungsgebühr, die Blablacar für Carsharing-Dienste berechnet, ist Teil der Entlöhnung der Angestellten und des Gewinns der Anteilsinhaber. Diese Komponenten des Carsharing fliessen ebenfalls ins BIP ein. Die Entschädigung, die ein nicht professioneller Airbnb-Gastgeber für die Vermietung seiner Wohnung erhält, kann dagegen im BIP oft nicht berücksichtigt werden. Wer jemandem unentgeltlich sein Sofa für eine Nacht zur Verfügung stellt, schafft keinen monetär messbaren Wert. Deshalb ist diese Aktivität heute definitiv nicht BIP-relevant.

Sektoransatz

Schlüsselt man das BIP nach einzelnen Branchen auf, können die Sharing-Aktivitäten in der Gesamtwirtschaft annähernd berechnet werden.

Von der Sharing Economy am stärksten betroffen sind gegenwärtig die Sektoren Einzel- und Grosshandel, Transport sowie Beherbergung und Gastgewerbe. Schon bald könnte es dem Finanzwesen sowie diversen wissenschaftlichen und technischen Aktivitäten ähnlich ergehen. Diese Branchen steuern in Industrieländern rund die Hälfte zum BIP bei – zum Beispiel 45 Prozent in der Schweiz oder 50 Prozent in den USA.

Der BIP-Beitrag des Sharing in den Branchen beruht auf zwei Faktoren: dem prozentualen Anteil der Menschen, die Sharing-Dienste nutzen, und dem Anteil ihrer Gesamtausgaben, der in Sharing-Angebote fliesst. Der Anteil der Schweizer Bevölkerung, der an der Sharing Economy partizipiert, schwankt sektorabhängig zwischen 0 und 30 Prozent, wobei die Branchen Transport und Beherbergung oben ausschwingen. Der Anteil der Ausgaben, der in die Sharing Economy fliesst, lässt sich am Anteil der Haushaltsausgaben via Internet schätzen, der von weniger als 1 Prozent bei den Finanzdienstleistungen bis zu 14 Prozent für Unterkünfte reicht.

Eine Multiplikation dieser Faktoren (BIP-Anteil einer Branche; Anteil der Kunden, die Sharing-Angebote innerhalb einer Branche nutzen; Anteil der Sharing-Ausgaben dieser Kunden) ergibt den Sharing-Gesamteffekt der jeweiligen Branche auf das BIP. Dieser Gesamteffekt ist mit 0,25 Prozent des BIP noch relativ gering, weil die Branchen, in denen Sharing bereits stark verbreitet ist, eher klein sind (Beherbergung) oder die Branchen zwar gross sind, aber einen noch niedrigen Sharing-Anteil aufweisen (Finanz- und Versicherungswesen). Wenn wir davon ausgehen, dass Sharing-Kunden 80 Prozent ihrer Ausgaben in diesem Bereich tätigen (Maximalszenario), steigt der Gesamteffekt auf rund 1 Prozent des BIP.

Sektoren mit relevantem Prozentanteil von Sharing-Aktivitäten am BIP

Quelle: Credit Suisse, Eurostat

Haushaltsansatz

Die Bottom-up-Methode konzentriert sich auf die am stärksten betroffenen Sektoren: Finanzwesen, Dienstleistungen, Güter, Beherbergung und Transport sowie Streaming von Musik und Videos. Der Ansatz schätzt für jeden Sektor den Anteil der Haushaltsausgaben, der in Sharing-Aktivitäten fliesst. Diese Methode berücksichtigt nur die Ausgaben für potenzielle Peer-to-Peer-Aktivitäten. Ein Grossteil der Haushaltsausgaben im Finanzsektor betrifft beispielsweise Zahlungen für Miete/Hypothek, Wasser und Strom. Diese Ausgaben werden nicht berücksichtigt. In einem nächsten Schritt werden die Ausgaben für Vorleistungen – wir gehen hier vom selben Umfang aus wie bei Unternehmen – von den Ausgaben für Sharing-Angebote abgezogen. Die Summe über alle Haushalte und Sektoren hinweg entspricht der Wertschöpfung der Peer-to-Peer-Aktivitäten. Im Maximalszenario erreicht der Peer-to-Peer-Handel einen Anteil von rund 80 Prozent der Ausgaben von Haushalten, die Sharing-Angebote nutzen. Mit dieser Annahme generiert der Peer-to-Peer-Bereich in der Schweiz eine Wertschöpfung von rund 6 Milliarden Schweizer Franken jährlich, das entspricht 0,95 Prozent des BIP. Das konservativere Szenario geht davon aus, dass die Sharing-Haushalte etwa gleich viel für Peer-to-Peer-Angebote ausgeben wie für den Online-Einkauf. In diesem Fall resultiert für den Peer-to-Peer-Bereich in der Schweiz eine Wertschöpfung von rund 0,5 Milliarden Schweizer Franken jährlich (0,1 Prozent des BIP).

Offensichtlich führen unsere beiden Ansätze zu ähnlichen Resultaten. Zudem leistet die Sharing Economy selbst im Maximalszenario – zumindest heute noch – einen bescheidenen Anteil am BIP der Schweiz.

Two approaches to estimating the value added of sharing activities

Bisher gibt es keine Methode, welche die Wertschöpfung von BIP-relevanten Sharing-Aktivitäten erfasst. Doch lässt sich ihr Umfang annähernd abschätzen. Unsere Top-down-Methode schätzt den Effekt der Sharing Economy für jede Branche. Unsere Bottom-up-Methode schätzt den Effekt der Sharing Economy als prozentualen Anteil an den Haushaltsausgaben. In beiden Fällen nimmt das Basisszenario an, dass die Ausgaben für Sharing-Aktivitäten etwa jenen für Online-Einkäufe entsprechen. Das Maximalszenario geht davon aus, dass 80 Prozent der Ausgaben in die Sharing Economy fliessen.

Quelle: Credit Suisse

Noch ist der Gesamteffekt gering

Der BIP-Effekt der Sharing Economy gleicht in seinem Ausmass jenem anderer Aktivitäten, die sich nicht genau messen lassen, wie etwa anderer Teile der Schattenwirtschaft. Der Gesamteffekt ist gering, aber das rasante Wachstum der Sharing-Aktivitäten impliziert, dass die Berechnungen des BIP-Wachstums das reale Wachstum in diesem Bereich unterschätzen, zumal sich immer mehr Aktivitäten aus traditionellen Sektoren in die Sharing Economy verlagern. Diese Verlagerung könnte somit weitreichender sein, ihr Nettoeffekt bleibt aber klein. Darüber hinaus erfassen BIP-Berechnungen nicht alle vorteilhaften Aspekte der Sharing Economy. Allerdings ist das BIP als Masszahl weit verbreitet und beeinflusst viele wichtige wirtschaftliche Indikatoren wie das Bonitätsrating und die Steuerbasis eines Landes. Falls die Sharing Economy künftig weiter expandiert und damit eine fortgesetzte Verlagerung zu schwieriger messbaren Aktivitäten stattfindet, werden wir neue Ansätze der BIP-Messung nicht vermeiden können.