Welche revolutionäre Innovation wird unser Jahrhundert prägen?
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Welche revolutionäre Innovation wird unser Jahrhundert prägen?

Robert J. Gordon, amerikanischer Ökonom und Universitätsprofessor, spricht mit der Credit Suisse über die Frage, ob Robo-Advisor Arbeitsplätze vernichten werden und ob Facebook zu einem neuen Ford werden könnte.

Wir gehen oft davon aus, dass Fortschritt ein langsamer, gradueller Prozess sei. Robert J. Gordon, Professor an der Northwestern University, behauptet hingegen in seinem jüngsten Buch «The Rise and Fall of American Growth» (Der Aufstieg und Fall des amerikanischen Wachstums), dass sich einige der einschneidensten Veränderungen im Leben der Amerikaner bemerkenswert schnell vollzogen. _Seine überzeugende These: Die Lebensqualität in Amerika zwischen 1870 und 1970 wurde durch eine Reihe von Innovationen nachhaltiger verändert als jemals zuvor an irgendeinem Ort in der gesamten Menschheitsgeschichte.

Die Credit Suisse sprach mit Gordon über dieses «besondere Jahrhundert», die Gründe, warum es sich kaum wiederholen dürfte, und den Unterschied zwischen modernen Innovationen und jenen der Vergangenheit.

Credit Suisse: Wie kann man sich das schiere Ausmass der Innovationen im Verlauf des «besonderen Jahrhunderts» erklären?

RG: Ich glaube, die Zeit war einfach reif. Eine Erfindung führte zur nächsten: Der Telegraph führte zum Telefon, die Erfindung der Batterie führte zu Edisons Experimenten, aus denen das elektrische Licht hervorging, und der Verbrennungsmotor ermöglichte den Gebrüdern Wright, ein Flugzeug zu fliegen.

Wie einschneidend waren die Veränderungen im Alltag der Amerikaner zwischen 1870 und 1940?

Die Unterschiede sind gewaltig. 1870 waren die amerikanischen Haushalte isoliert. Um 1940 hatten sie dagegen fünf verschiedene Verbindungen zur Aussenwelt – Elektrizität, Gas, Telefon, fliessendes Wasser und Abwasserentsorgung –, die sich alle erheblich auf die Lebensqualität auswirkten.

Könnte es ein weiteres «besonderes Jahrhundert» geben oder wurden alle grossen Probleme bereits gelöst?

Ich glaube, die grössten Probleme sind mittlerweile gelöst. Denken Sie bloss an Geschwindigkeit und Temperatur. Die Entwicklung ging vom Pferd und Segelschiff als den schnellsten Fortbewegungsmitteln zu Beginn des 19. Jahrhunderts zur Boeing 707 im Jahr 1958, die mit 80 Prozent der Schallgeschwindigkeit fliegen konnte. Früher lebte man in Räumen, die starken Schwankungen von extremer Hitze und Kälte unterworfen waren, doch Zentralheizung und Klimaanlage führten zu ausgeglichenen Raumtemperaturen.

Wir haben nur 30 Jahre gebraucht, um die Anzahl der Autos, die auf den Strassen unterwegs sind, von 8000 auf 26 Millionen hochzuschrauben. Die Auswirkungen waren gewaltig. Jetzt kommt das selbstfahrende Auto, dessen revolutionäres Potenzial aber durch die Tatsache gedämpft wird, dass wir bereits über 200 Millionen Autos haben, die nach wie vor von Fahrern gesteuert werden müssen. Die Menschen werden ihre derzeitigen Autos nicht einfach entsorgen, nur um in den Genuss eines fehlerbehafteten selbstfahrenden Autos zu kommen.

Wie kommen Sie zu der Annahme, dass selbstfahrende Autos nicht so revolutionär sind wie die ersten Automobile?

Fahrerlose Autos sind toll, wenn man auf der Autobahn im zähfliessenden Verkehr feststeckt, aber sie sind weniger geeignet, wenn es darum geht, bei Nacht auf einer Landstrasse zu fahren oder im Dunklen sein Haus zu finden. Ausserdem müssen die Menschen nach wie vor Zeit im Auto verbringen, um von A nach B zu kommen. Hinsichtlich der Produktivität ist das also kein Vergleich zur Erfindung des Automobils. Fahrerlose LKWs haben in dieser Hinsicht mehr Potenzial, aber viele LKW-Fahrer fahren nicht nur, sondern entladen ihre Fahrzeuge auch. Die Entladungsfunktion wird nicht einfach wegfallen.

Sie schreiben viel über Produktivität. Allerdings verlangsamt sich das Wachstum der totalen Faktorproduktivität seit 1970. Kann man also behaupten, dass sich die Innovation auch verlangsamt hat?

Nein. Im Bereich Computer, Kommunikation und Unterhaltung können wir wesentliche Innovationen verzeichnen. Die Veränderung des Fernsehens ging in den vergangenen 20 Jahren schneller vonstatten als in den 20 Jahren davor, und seit Fernseher in den 1950er-Jahren zum Massenprodukt wurden, haben sie sich von Schwarz-Weiss-Geräten mit verschwommenem Bild zu hochauflösenden Modellen in Farbe mit Kabelanschluss, Streaming-Funktionen und einer riesigen Programmauswahl entwickelt. Der PC und das Internet haben zwischen 1975 und 2005 die Büroarbeit überall komplett verändert, aber seitdem gab es kaum weitere Veränderungen. Smartphones stellen hauptsächlich eine Revolution hinsichtlich der sozialen Netzwerke und des Kaufverhaltens dar. Sie haben die Büroarbeit nicht gleichermassen revolutioniert.

Das Silicon Valley wird häufig für seine Innovationsstärke bejubelt. Werden Unternehmen wie Facebook ähnlich revolutionär sein wie beispielsweise Ford während des «besonderen Jahrhunderts»?

Nein. Den Menschen in aller Welt die sozialen Netzwerke zur Verfügung zu stellen ist eine bewundernswerte Leistung, und die Möglichkeit, miteinander zu kommunizieren und Bilder auszutauschen, hat das Leben der Normalbürger verändert. Ich habe grossen Respekt vor dieser Arbeit, aber ich bezweifle, dass soziale Netzwerke zum Kern unseres langsamen Produktivitätswachstums vordringen, das ja die Quelle unserer Einkommen ist. Einfach dadurch, dass Menschen Bilder mit ihren Familien teilen können, schaffen wir weder mehr noch bessere Arbeitsplätze.

Was ist mit Robotern und künstlicher Intelligenz? Viele glauben, dass sie die Art, wie wir arbeiten, in den kommenden Jahrzehnten vollkommen verändern werden.

Roboter, die Menschen ersetzen, machen in Wahrheit nur sehr langsame Fortschritte. Im verarbeitenden Gewerbe gibt es seit 50 Jahren Roboter, und bereits vor 20 Jahren erledigten Roboter in Fahrzeugfabriken den Grossteil der Lackierungs- und Karosserieschweissarbeiten. Die Automatisierung hat die Anzahl der Arbeiter in der Produktion weiter reduziert, aber es gibt immer noch eine ganze Menge Aufgaben, die Roboter gar nicht oder nur langsamer als Menschen erledigen können.

Bezüglich der künstlichen Intelligenz konnten wir im Verlauf der letzten 15 bis 20 Jahre beobachten, wie die Websites von Fluggesellschaften Reisebüros zum grossen Teil überflüssig machten. Seit Kurzem können wir auf Stimmerkennung, Sprachübersetzung und Computer, die Röntgenbilder lesen können, zurückgreifen. Ebenso auf Robo-Advisor, die individuelle Finanzberatung geben. Doch diese Fortschritte vollziehen sich sehr langsam und in sehr begrenzten Bereichen der Wirtschaft, und jährlich schaffen wir nach wie vor zwischen zweieinhalb und drei Millionen Arbeitsplätze. Ich glaube, dass künstliche Intelligenz nur langsame Fortschritten zeitigt wird. Anders als manche Leute dies voraussagen, wird sie  nicht wie ein Blitz einschlagen und die Hälfte aller Arbeitsplätze vernichten.

Wie werden sich Wirtschaftswachstum und Produktivität in Zukunft entwickeln?

Im Vergleich zum «besonderen Jahrhundert» wird das Wachstum in den kommenden 25 Jahren enttäuschend sein. In den 1970ern und 1980ern gab es eine Phase geringen Produktivitätswachstums, doch das Wirtschaftswachstum insgesamt war recht hoch, da Frauen auf den Arbeitsmarkt kamen und die Zahl der Arbeitsstunden pro Person stieg. Dadurch konnte das Durchschnittseinkommen pro Kopf steigen. Mit dem Renteneintritt der Babyboomer bewegen wir uns nun in die entgegengesetzte Richtung.

Was ist Ihre absolute Lieblingserfindung aus dem «besonderen Jahrhundert»?

Ich bin ein Fan der Toilettenspülung.