Keynes und seine Bedeutung für die moderne Welt
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Keynes und seine Bedeutung für die moderne Welt

John Maynard Keynes gilt als einer der grössten Visionäre der Geschichte: Seine Theorien prägten die Wirtschaftspolitik jahrzehntelang. Und sein Biograf, der Historiker Robert Skidelsky, glaubt sogar, der Zweite Weltkrieg wäre möglicherweise nicht ausgebrochen, hätte man auf Keynes gehört. Auch für die moderne Wirtschaft sind seine Ideen relevanter, als Sie vielleicht annehmen.

Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» bezeichnete Keynes einst als den «mächtigsten Ökonomen des 20. Jahrhundert». Doch eigentlich war er ja gar kein richtiger Ökonom, seine Wirtschaftsausbildung war äusserst mager…

Ja, stimmt, formal gesehen würde Keynes heute kaum als Ökonom durchgehen. Aber gleichzeitig war er eben «mehr als ein Ökonom», wie seine Frau einst treffend formulierte. Er kam ursprünglich eher von der Philosophie, Ethik und Mathematik her und war zeit seines Lebens leidenschaftlich interessiert an Kunst und Literatur. Er war ja Teil des berühmten literarischen Zirkels «Bloomsbury Group» und war eng mit der Autorin Virginia Woolf befreundet.

Keynes schöpfte seine visionäre Kraft als Ökonom aus seiner intellektuellen Vielseitigkeit?

Keynes sah wirtschaftliche Fragestellungen in einer ganz anderen Optik als die Ökonomen der klassischen Schule. Er dachte mehr in gesellschaftlichen und psychologischen Kategorien. Er sah, dass Instinkte, Gefühle und Herdenverhalten das Wirtschaftsleben und die politischen Verhältnisse stark prägten. Diese andere Sicht auf die Realität war auch schon bei den Friedensverhandlungen in Versailles nach dem Ersten Weltkrieg unübersehbar. Keynes reiste erzürnt ab, weil man seine Warnung, Deutschland mit immensen Reparationsforderungen ins wirtschaftliche Elend zu stossen, in den Wind schlug.

Keynes ahnte damals schon, dass auf die wirtschaftliche Katastrophe unweigerlich die politische Katastrophe folgen würde?


Richtig. Hätten die Politiker der Siegermächte auf Keynes gehört – wer weiss, ob Hitler je an die Macht gekommen wäre und ob es überhaupt einen Zweiten Weltkrieg gegeben hätte…

Die Zwischenkriegszeit war generell eine Zeit grosser intellektueller Umwälzungen. Auch die Wirtschaftswissenschaft war damals ein Tummelfeld neuer Ideen.

Ja, und Keynes war mittendrin in diesem Prozess der Selbstfindung der Ökonomie. Man darf nie vergessen: Die Grosse Depression war der grösste Wirtschaftskollaps der Moderne. Die Welt sah sich mit enormen wirtschaftlichen und mit entsprechend grossen politischen Problemen konfrontiert: mit dem Aufstieg des Faschismus und gleichzeitig mit der Herausforderung durch den Kommunismus. Wenn man also das liberale demokratische System erhalten wollte, musste man mehr tun, als die Massenarbeitslosigkeit zur Kenntnis zu nehmen und die Situation dem Markt zu überlassen im Vertrauen darauf, dass er es richten werde.

John Maynard Keynes, der heute eher als linksliberal wahrgenommen wird, rettete also den Kapitalismus?

Das kann man durchaus so sehen. Die traditionelle Ökonomie verfügte über keinerlei Rezepte, wie man Massenarbeitslosigkeit verhindern konnte. Oder was man machen konnte, wenn sie bereits Realität war.

Keynes sah wirtschaftliche Fragestellungen in einer ganz anderen Optik als die Ökonomen der klassischen Schule. Er dachte mehr in gesellschaftlichen und psychologischen Kategorien. Er sah, dass Instinkte, Gefühle und Herdenverhalten das Wirtschaftsleben und die politischen Verhältnisse stark prägten.

Robert Skidelsky

Keynes machte 1930, mitten in der Weltwirtschaftskrise, eine Voraussage, die damals nicht ernst genommen wurde, die heute aber viel realistischer erscheint: In seinem Essay «Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder» prophezeite er, dass unser Wohlstandsniveau in hundert Jahren (also im Jahr 2030) 4 bis 8 Mal höher sein würde und wir nur noch 15 Stunden in der Woche arbeiten würden. Die erste Prognose war exzellent, mit der zweiten lag er weit daneben. Wie erklären Sie das?

Keynes unterschätzte die Unersättlichkeit der menschlichen Konsumwünsche und den kompetitiven Konsum: Die Leute wollen nicht einfach genug haben, sie wollen häufig mehr als die anderen. Und schliesslich unterschätzte er wohl auch die Macht der Werbung, die diese Wünsche noch zusätzlich anheizt. Wir leben nun einmal in einer Konsumkultur, sie ist der Kern der westlichen Wirtschaften.

Es gibt aber auch in den wohlhabenden Ländern des Westens zahlreiche Menschen, die sehr viel arbeiten müssen, nur um über die Runden zu kommen. 

Ja, das sah Keynes nicht voraus, denn er operierte nur mit Durchschnittswerten, über die Einkommensverteilung machte er sich weniger Gedanken. Und was er auch nicht voraussehen konnte, war, dass die realen Einkommen so stark stagnieren würden wie in den letzten 20, 30 Jahren. Keynes ging davon aus, dass die Reallöhne parallel zur Produktivitätssteigerung zunehmen würden, und bis in die 1970er Jahre war das ja auch der Fall. Aber seither eben nicht mehr in diesem Masse. Das heisst, viele Menschen haben gar nicht die Möglichkeit, ihre Arbeitsstundenzahl so frei zu wählen, wie Keynes dachte.

Also gilt selbst für den Visionär Keynes: Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen? 

Nun, so schlecht war die 15-Stunden-Prognose dann doch nicht. Die durchschnittlichen Arbeitsstunden haben sich tatsächlich deutlich reduziert, zumindest in den reicheren Ländern; es dürften heute um die 30 Stunden pro Woche sein, wenn man richtig rechnet: also unter Berücksichtigung von Ferien, Feiertagen und vor allem der viel längeren Phase der Pensionierung.

Bis in 12 Jahren, also bis 2030, könnte die Treffsicherheit der 15-Stunden-Prognose allerdings noch zunehmen. In einer stark digitalisierten Wirtschaft könnte eine Art «Freizeitklasse» entstehen, zumindest für die Hochqualifizierten könnte ein Leben in Musse zur Lifestyle-Option werden. Aber was ist mit den vielen anderen? 

Die Frage stellt sich selbstverständlich: Taugt Keynes’ Vision vielleicht nur für die «happy few»? Denn das waren die Mitglieder der «Bloomsbury Group»: lauter ökonomisch privilegierte Bildungsbürger, die ihre Zeit für kreative und intellektuelle Projekte nutzten. Es ging Keynes ja um Musse, nicht um Freizeit im Sinne von arbeitsfreier Zeit. Aber viele Menschen wären wohl ohne strukturierten Arbeitstag überfordert. Das hängt vom Grad der Bildung ab: Wenn wir reicher werden, fliesst mehr Geld in die Bildung, und damit haben die Menschen auch mehr Möglichkeiten, sich kreativ zu betätigen.

Werden wir alle langfristig ein bisschen wie Keynes und seine «Bloomsbury Group»? Wohlhabend, gebildet, kreativ? 

Keynes denkt darüber nach in «Economic prospects for our grandchildren» [deutsch: «Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkel», Anm. d. Red.]. Er schreibt, die Voraussetzung, dass wir dereinst diesen Zustand erreichen, sei nichts weniger als ein allgemeiner Nervenzusammenbruch. Was er damit sagen will: Nur mit einer gewaltigen Transformation des Arbeitslebens und des Bildungssystems wäre das möglich – und das wäre alles andere als einfach.