Was erwartet die Schweizer Branchen 2015?

Die Aufhebung der EUR/CHF-Untergrenze mit der darauf folgenden Frankenaufwertung dürfte 2015 die Agenda vieler Branchen dominieren. Leiden dürften vor allem das Gastgewerbe, die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) und der Detailhandel.

Das Schweizer Wirtschaftswachstum fiel 2014 volatil aus. Zwar gewann der Aussenhandel gegenüber 2013 an Dynamik, die Beschleunigung war aber von Rückschlägen geprägt. Im Inland begann der sogenannte «Super-Zyklus», getrieben durch tiefe Zinsen, einen Immobilienpreisboom und hohen Zuwanderungsraten, als Wachstumstreiber an Kraft zu verlieren. Dies führte bei den meisten mehrheitlich binnenorientierten Dienstleistungsbranchen 2014 zu einer schwächeren Dynamik und einem niedrigeren Beschäftigungswachstum. Davon waren Handel und Unternehmensdienstleister ebenso betroffen wie die staatsnahen Branchen Unterrichts-, Gesundheits- und Sozialwesen. Letztere Branchen bekamen unter anderem den wachsenden Spardruck bei den öffentlichen Haushalten zu spüren. Für die Baubranche verlief das Jahr 2014 dank weiterhin tiefer Zinsen und einer starken Planungstätigkeit in den Vorjahren hingegen sehr dynamisch. Im Gegensatz zu den binnenorientierten Dienstleistungsbranchen gewann die Exportindustrie etwas an Fahrt – wenn auch deutlich weniger stark als erwartet und nicht flächendeckend.

2015: Komplett neue Voraussetzungen

Das laufende Jahr begann mit einem geldpolitischen Erdbeben. Mit der massiven Aufwertung des Frankens im Zuge der Aufhebung der EUR-Wechselkursuntergrenze wurden Schweizer Produkte und Dienstleistungen gegenüber dem Ausland augenblicklich teurer. Die Exportwirtschaft verlor schlagartig an preislicher Wettbewerbsfähigkeit und fuhr zum Teil grosse Buchverluste ein. Der abermals erstarkte Franken dürfte aber auch in der Binnenwirtschaft Spuren hinterlassen. Wir rechnen für das laufende Jahr deshalb mit einem deutlich niedrigeren Wachstum der Gesamtwirtschaft als 2014 und revidierten unsere BIP-Wachstumsprognose für die Schweiz von 1.6 Prozent auf 0.8 Prozent. Bei einem durchschnittlichen Wechselkurs zum Euro von etwas über 1.00 gehen wir jedoch nicht von einer Rezession aus. Die Frankenstärke dürfte 2015 daher für viele Branchen das dominierende – aber nicht einzige – Thema bleiben. Die Aufhebung der Wechselkursuntergrenze fand im Kontext einer zögerlichen weltwirtschaftlichen Erholung und einem Abflauen der Binnendynamik statt. Das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative vom Februar 2014 schwebt immer noch wie ein Damoklesschwert über den volkswirtschaftlich wichtigen bilateralen Verträgen mit der Europäischen Union, und die geopolitischen Risiken schwelen auch zum Beginn des laufenden Jahres weiter. Die neue geldpolitische Realität überstrahlt nun jedoch die anderen Unsicherheiten und Entwicklungen.

Trübe Aussichten für das Gastgewerbe

Von den grösseren Schweizer Branchen ist das Gastgewerbe wohl am stärksten von den jüngsten Ereignissen betroffen. Die Destination Schweiz wurde auf einen Schlag markant teurer, was zu rückläufigen Übernachtungen ausländischer Gäste führen dürfte. Weiter dürfte der Anreiz für die Einheimischen steigen, ihre Ferien im Ausland zu verbringen. Da zudem die Kostenbasis, auch aufgrund des hohen Anteils der Löhne an den Produktionskosten, praktisch ausschliesslich in Franken anfällt, besteht für die Branche wenig Spielraum für Effizienzsteigerungen. 

Die meisten Industriebranchen sind von der Aufwertung betroffen

Auch für die Branchen der Exportindustrie dürfte 2015 ein schwieriges Jahr werden. Die Frankenstärke trifft fast jede Industriebranche – wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise. Inwiefern eine Industriebranche betroffen ist, hängt neben der Exportorientierung von der Höhe der Marge, dem Anteil der Produkte, welcher in ausländischen Währungen fakturiert wird, dem Anteil der Kosten, welcher in der Schweiz anfällt, und der Preissensitivität der Abnehmer ab. Besonders sensitiv dürfte dabei die exportorientierte Maschinenbau-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) reagieren, welche sich bereits ohne die erneute Aufwertung des Frankens auf einem fragilen Wachstumspfad befand. Auch die Umsätze der chemisch-pharmazeutischen Industrie dürften im laufenden Jahr gegenüber 2014 aufgrund des Wechselkurseffekts kaum zulegen, genauso wie diejenigen der Uhrenhersteller. Hersteller von Pharmazeutika und Uhren dürften diesen Umstand aber besser verdauen als Unternehmen anderer Industriesektoren, da sie die Aufwertung besser über die Margen abfedern können. Angesichts der Wechselkurssituation dürfte die verarbeitende Industrie 2015 insgesamt Stellen abbauen.

Bei Dienstleistungsbranchen leidet vor allem der Detailhandel unter der Frankenstärke

Der starke Franken dürfte 2015 auch beim Detailhandel ein dominierendes Thema sein. Wir erwarten, dass der sich bereits auf hohem Niveau befindende Einkaufstourismus neuen Aufwind erhält und rechnen daher damit, dass die Detailhandelsumsätze im laufenden Jahr tiefer ausfallen als 2014. Dies wird sich voraussichtlich auch negativ auf die Branchenbeschäftigung auswirken. Abgesehen von den Banken dürfte die Frankenstärke für die meisten anderen Dienstleistungsbranchen im Jahr 2015 vergleichsweise geringere Auswirkungen haben. Wir rechnen damit, dass die Frankenaufwertung mit einer gewissen Verzögerung zu einer geringeren gesamtwirtschaftlichen Nachfrage nach Arbeitskräften führt, was sich einhergehend mit einer niedrigeren Zuwanderung wiederum dämpfend auf das Nachfragewachstum, beispielsweise für Telekommunikations- oder Spitaldienstleistungen, auswirkt. Wir gehen jedoch davon aus, dass sich dieser Effekt kaum vor 2016 einstellt. Auch Unternehmensdienstleister und IT-Firmen dürften im laufenden Jahr sowohl ihre Umsätze als auch ihre Beschäftigung langsamer steigern als 2014, da die Beratungs- und IT-Budgets ihrer Kunden in der Finanzbranche und Industrie aufgrund der Frankenstärke unter Druck kommen. Beide Branchen profitieren aber nach wie vor von wichtigen Trends wie der zunehmenden Regulierung besonders in der Finanzbranche, aber auch vom schnellen technologischen Wandel, welcher Unternehmen zu Investitionen in produktivitätssteigernde IT-Lösungen zwingt.

Gesundheitsnahe Branchen und IT mit den besten mittelfristigen Aussichten

Die einzelnen Branchen unterliegen aktuell nicht nur konjunkturellen und wechselkursbedingten Schwankungen, sondern sie werden auch von strukturellen Faktoren und Trends beeinflusst, die in der mittleren und langen Frist wirken dürften. In diesem Zusammenhang nehmen wir jährlich eine mittelfristige Chancen-Risiken-Bewertung der wichtigsten Schweizer Branchen vor. Einer der wichtigsten branchenübergreifenden Trends, welcher in die Chancen-Risiken-Bewertung einfliesst, stellt der demografische Wandel dar. Gepaart mit dem medizinisch-technologischen Fortschritt, welcher laufend neue Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten eröffnet, führt die zunehmende Alterung in den Industrieländern zu einem stetigen Anstieg der Nachfrage nach Gesundheits-, Pflege- und Betreuungsleistungen sowie Produkten der Pharmaindustrie und der Medizintechnik. Diese Branchen belegen in der Chancen-Risiken-Bewertung daher auch die Spitzenränge. Ebenfalls unter den Branchen mit einer überdurchschnittlichen Chancen-Risiken-Bewertung befindet sich die Informatikbranche. Die Nachfrage nach IT-Dienstleistungen wird vom technologischen Fortschritt und der zunehmenden Digitalisierung der Wirtschaft und Gesellschaft getrieben. Die mit dem technologischen Fortschritt verbundenen Adaptionsprozesse in den Unternehmen bescheren dabei nicht nur der IT-, sondern auch der Beratungsbranche zusätzliche Aufträge. In diesem Bereich tragen zudem immer zahlreichere und komplexere Regulierungen sowie steigende Compliance-Anforderungen zum Nachfrageanstieg bei.