«Um die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen, brauchen wir Vielfalt»
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«Um die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen, brauchen wir Vielfalt»

Laura Barrowman, Chief Technology Officer der Credit Suisse, über (Un-)Gleichgewichte, Arbeitsplätze der Zukunft und darüber, warum die Entwicklung der Gesellschaft weniger rasch verläuft als die der Technologie.

Frau Barrowman, Sie sind eine leidenschaftliche Befürworterin der MINT-Bildung (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Was ist der Grund dafür?

Es ist mir ein grosses Anliegen, mehr Frauen für MINT-Fächer zu gewinnen. Betrachtet man die technologische Entwicklung, den Fortschritt der Automatisierung und der Robotik, wird deutlich, dass die Arbeitsplätze der Zukunft – sagen wir in 20 Jahren – ganz andere Fähigkeiten erfordern werden. Um eine Tätigkeit auszuüben, mit der man einen gesellschaftlichen Beitrag leisten kann, wird man Problemlösungskompetenz, Kenntnisse in Mathematik und Naturwissenschaften sowie Programmierungskenntnisse benötigen.

Die Zahl der Mädchen weltweit, die MINT-Fächer studieren, ist aber immer noch nicht zufriedenstellend: In vielen Industrieländern ergreifen weniger als 10 Prozent der Frauen einen MINT-Beruf und die Tendenz ist sinkend. Die Entwicklung geht nicht mal in die richtige Richtung. Und solange wir nicht das Problem angehen, dass heute zu wenig Mädchen MINT-Fächer wählen, schaffen wir automatisch zukünftige Ungleichheit am Arbeitsplatz.

Vor Kurzem haben Sie an der EPFL Lausanne an der Podiumsdiskussion «EnGENDERing Success in STEM» teilgenommen. Ich vermute, dies war eine Möglichkeit, das Thema anzugehen?

Bei der Diskussion ging es um die Fragen, warum nicht genug Frauen im MINT-Bereich tätig sind, wie wir das Problem lösen können und was wir bisher dafür getan haben. Bei den Teilnehmenden handelte es sich um eine interessante Mischung: die Informatikprofessorin Sabine Süsstrunk, die Datenwissenschaftlerin Ivana Chingovska, den Personalleiter des CERN James Purvis sowie Caitlin Kraft-Buchman, Leiterin der gemeinnützigen Organisation «Women@TheTable». Vertreten war also ein wesentlich breiteres Spektrum als nur das Bank- oder Finanzwesen, und es stellte sich heraus, dass mangelnde Geschlechtervielfalt ein branchenübergreifendes Problem ist. Klar ist, dass wir mehr Mädchen in MINT-Berufe bringen müssen. Die Grundlagen hierfür müssen bereits in jungen Jahren gelegt werden, und deshalb müssen wir die Lehrer in den Prozess einbeziehen. Andernfalls werden Arbeitgeber weiterhin um die immer gleiche kleine Gruppe potenzieller Mitarbeitender buhlen.

Nur eine kleine Anzahl Studentinnen wählen MINT-Fächer in ihrem Hochschulstudium (Weltdurchschnitt)

Quelle: Cracking the code: Girls' and women's education in science, technology, engineering and mathematics (STEM), UNESCO 2017 (EN)

15

Gesundheitswissenschaften

8

Ingenieurwissenschaften, Fertigung und Bauwesen

5

Naturwissenschaften, Mathematik und Statistik

3

Informations- und Kommunikationstechnologie

Welche konkreten Massnahmen können Unternehmen wie die Credit Suisse ergreifen, um ein Gleichgewicht zu schaffen?

Ich sehe da mehrere Möglichkeiten. Erstens können wir Einfluss auf unsere Geschäftspartner ausüben. Die Credit Suisse arbeitet im Technologiebereich mit einer Reihe von Anbietern zusammen, bei denen es sich zum Teil um grosse Technologieunternehmen handelt. Ihnen müssen wir immer wieder die Frage stellen, was sie im Hinblick auf Frauen und MINT-Ausbildung tun. Wenn sie verstehen, dass es sich hierbei um ein echtes Unterscheidungsmerkmal handelt, das ausschlaggebend dafür sein kann, ob wir mit ihnen oder mit einem anderen Unternehmen zusammenarbeiten, kann dies sehr wirkungsvoll sein und die Veränderung auf breiterer Ebene voranbringen.

Zweitens können wir mit staatlichen Stellen zusammenarbeiten oder mit verschiedenen Organisationen kooperieren. Die Credit Suisse ist eine Partnerschaft mit der MINT-Organisation STEMconnector® eingegangen. Diese unterhält das Programm «Million Women Mentors», das darauf abzielt, Interesse und Selbstvertrauen von Mädchen in Bezug auf eine Ausbildung und Karriere im MINT-Bereich zu stärken.

Menschen bevorzugen Menschen, die ihnen ähnlich sind. Das ist ganz natürlich – wir müssen diesen Punkt nur hinterfragen.

Drittens können wir viel konsequenter vorgehen, wenn es darum geht, im Unternehmen die Vertretung beider Geschlechter zu verbessern. Je mehr Frauen wir in unseren Reihen haben, desto mehr Frauen werden wir für unser Unternehmen gewinnen. Bei externen Stellenbesetzungen müssen wir daher sicherstellen, dass wir unterschiedliche Bewerber zu Gesprächen einladen und einen möglichst ausgewogenen Kreis von Interviewern haben. Natürlich sollten wir den für die jeweilige Stelle am besten geeigneten Bewerber auf Grundlage seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten auswählen, doch wir sollten unseren Horizont erweitern und sicherstellen, dass stets eine diverse Bewerbergruppe berücksichtigt wird.

Es gibt eine starke Anti-Gender-Diversity-Bewegung von männlichen Mitarbeitern im technischen Bereich, die behaupten, dass Frauen lediglich aus statistischen Gründen eingestellt werden und nicht die gleichen Fähigkeiten mitbringen. Wie sehen Sie das?

Wir brauchen Vielfalt, um aus jedem Produkt, jeder Technologie und sogar jeder Regierungsform das Beste herauszuholen. Andernfalls werden wir immer vor der gleichen Situation wie heute stehen, bei der es keine ausgewogenen Entscheidungsprozesse gibt, weil auch die Zusammensetzung der Entscheidungsträger nicht ausgewogen ist. Es geht aber nicht nur um Gender Diversity. Es gibt ja auch noch die Vielfalt der Denkprozesse und die Vielfalt der Nationalitäten und Kulturen – alles zusammen führt zu besseren Lösungen, und genau aus diesem Grund müssen wir für Vielfalt sorgen.

Ich vermute, dass der technologische Fortschritt viel schneller vonstattengeht als der Fortschritt unserer Gesellschaft.

So ist es. Ich bin immer davon ausgegangen, dass die neue Generation das Problem der Geschlechterungleichheit beheben würde. Aber leider ist es nicht so gekommen. Menschen bevorzugen Menschen, die ihnen ähnlich sind. Das ist ganz natürlich – wir müssen diesen Punkt nur hinterfragen.

Es gibt zahlreiche Untersuchungen zu diesem Thema , die mehrheitlich zum Schluss kommen, dass ein hoher Frauenanteil mehr Frauen anlockt, was die Dynamik verändert. Es ist wichtig, dass wir Frauen im gesamten Unternehmen haben. Es geht nicht darum, das Problem nur in den oberen oder den unteren Etagen zu lösen. Die Dynamik muss auf allen Hierarchiestufen verändert werden, um Entwicklungschancen für unsere Mitarbeitenden zu schaffen und jedem zu ermöglichen, aufzusteigen und fair voranzukommen.

Aus irgendeinem Grund scheinen der Technologie- und der Finanzsektor grössere Probleme mit Geschlechtervielfalt als andere Sektoren zu haben.

Dies ist vermutlich zum Teil kulturell bedingt. Historisch betrachtet sind Banken traditionsbewusster und seit jeher männlich dominiert. Gleiches gilt für den technischen Bereich, der traditionell sehr männlich geprägt ist: Naturwissenschaft, Technik und Mathematik gelten als männliche Fächer. In den Schulen werden diese Bereiche auf eine Weise vermittelt, die für Jungen attraktiver ist als für Mädchen. Meiner Meinung nach benötigt das Bildungswesen neue Strategien, damit Mädchen auf eine ihnen angenehme Weise aufholen können. Erst dies wird eine wirkliche Veränderung herbeiführen. Wir müssen sicherstellen, dass von Anfang an das richtige Bildungsangebot vorhanden ist.

Im letzten Jahr wurden Sie von der Financial Times in die Liste der 100 einflussreichsten Frauen der Finanzwelt aufgenommen, eine bedeutende Auszeichnung. Was muss eine Frau mitbringen, um erfolgreich zu sein?

Alleine erreicht man nichts. Alles, was wir erreichen, erreichen wir als Teil eines Teams, einer Organisation. Ich bin sehr dankbar für die Chancen, die ich bekommen habe, und für meine Position, in der ich mich weiterentwickeln konnte und mir zunehmend Verantwortung übertragen wurde. Im Laufe meiner Karriere durfte ich grossartige Menschen kennenlernen, von denen viele in meiner beruflichen Laufbahn eine wichtige Rolle gespielt haben, die mich unter ihre Fittiche genommen und gefördert haben, weil sie Vertrauen in mich setzten.