Volunteering: «Googles Mission ist eine soziale Mission»

Im Rahmen der von der Credit Suisse und IAVE veranstalteten European Conference for Corporate Volunteering vom 31. August bis 1. September 2015 diskutieren wichtige Meinungsführer, wie sich Volunteering-Einsätze nachhaltig und wirksam gestalten lassen. Einer von ihnen ist Patrick Warnking, Country Director von Google Schweiz.

Alice Bordoloi: Wodurch zeichnet sich die Volunteering-Kultur bei Google aus?

Patrick Warnking: Zu einem gewissen Grad ist freiwilliges Engagement für uns eine Selbstverständlichkeit. Die Mission von Google ist in allererster Linie eine soziale Mission, da wir es uns zum Ziel gemacht haben, Informationen auf der ganzen Welt zu organisieren und somit universell zugänglich und nutzbar zu machen. Das bedeutet, dass wir alle unsere Assets, d. h. unsere Produkte, unsere finanziellen Vermögenswerte und unsere Fähigkeiten zum Nutzen aller Bereiche einsetzen. Wir verfügen über ein engagiertes Team, das sich GooglersGive nennt und weltweit mit einem weitreichenden Netzwerk von «Ambassadors» standortübergreifend zusammenarbeitet. Unsere Mitarbeitenden stehen hinter den Werten des Unternehmens und sehen es daher als Selbstverständlichkeit, sich aktiv in der Freiwilligenarbeit einzubringen und entsprechende Projekte zu unterstützen.

Wie können Unternehmen am besten effektive Partnerschaften mit NGOs aufbauen und wie kann die Wirksamkeit von Volunteering-Einsätzen gewährleistet werden?

Bei der Zusammenarbeit mit NGOs ist es uns wichtig, dass beide Seiten von solch einer Partnerschaft profitieren. Das Team GooglersGive hilft unseren Mitarbeitenden, diesen Grundsatz bei der Entwicklung von Ideen mit NGOs zu berücksichtigen. Darüber hinaus stellen wir natürlich sicher, dass wir Projekte gemeinsam in Rahmen einer echten Zusammenarbeit realisieren. So holen wir die Meinung der Experten im jeweiligen Bereich ein und bringen dann die entsprechenden Kompetenzen zur Verwirklichung des gewünschten Resultats ein.

Welche Rolle spielen Technologie und die dadurch entstehenden Möglichkeiten, um die Teilnehmerzahl und Reichweite von Corporate-Volunteering-Projekten zu vergrössern? Können Sie uns ein Best-Practice-Beispiel bei Google nennen?

Wir betreiben unsere eigenen Systeme, die es unseren Mitarbeitenden ermöglichen, Projekte zu entwickeln, Freiwilligenarbeit zu leisten sowie die dafür investierte Zeit und die Art des Projekts aufzuzeichnen. Auf diese Weise kann das Unternehmen dann der entsprechenden NGO für den geleisteten Einsatz des Mitarbeiters einen Beitrag zahlen. Diese Systeme stehen allen unseren Mitarbeitenden weltweit zur Verfügung, sorgen für eine wirksame Berichterstattung und ermöglichen es uns, Daten zu analysieren, um somit wertvolle Rückschlüsse zu ziehen. Es wird Sie nicht überraschen, wenn ich Ihnen sage, dass wir bei unseren Zielsetzungs- und Entscheidungsprozessen sehr stark auf gesammelte Daten zurückgreifen. Dadurch ist es uns möglich, herauszufinden, wo wir die grösste Wirksamkeit erreichen können oder vielleicht noch mehr Zeit investieren müssen.

Welche Möglichkeiten und Herausforderungen ergeben sich im Digitalzeitalter durch soziale Medien und Online-Volunteering?

Mit Blick auf Volunteering bei Google selbst sind soziale Medien ein Weg, um intern und, in kleinerem Massstab, extern von unseren Projekten zu berichten. Entscheidender ist für uns vielleicht die Fähigkeit, unsere technischen Kompetenzen durch Online-Volunteering noch stärker auszunutzen. Wir haben begonnen, Ideen mit Unternehmen wie Catchafire und SocialCoding4good zu testen, die es uns ermöglichen, aussergewöhnliche Fachkompetenz bei bestimmten Projekten einzubringen. Und schliesslich ist es immer noch so, dass die meisten Leute sich freiwillig engagieren, wenn sie von anderen gebeten werden, mitzumachen. Viele Online-Volunteering-Angebote sind so aufgebaut, dass man alleine nach Möglichkeiten suchen muss, wie man sich freiwillig engagieren kann. Wir haben festgestellt, dass es in den seltensten Fällen vorkommt, dass sich jemand ohne eine Bezugs- oder Vertrauensperson an seiner Seite freiwillig für etwas engagiert.

Welche sozialen und wirtschaftlichen Lücken kann Corporate Volunteering füllen? Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang fähigkeitsbasiertes Volunteering?

Ich bin der Ansicht, dass wir nicht versuchen sollten, diese Art von Lücken durch Corporate Volunteering zu füllen. Die Bedeutung, die freiwilliges Engagement in einer Gesellschaft und einer Volkswirtschaft hat, ist stark regionenabhängig. Diese Unterschiede basieren auf historischen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen. Bei der Entscheidung, welche Art von Freiwilligenarbeit wirksam ist, müssen diese Aspekte daher berücksichtigt werden. Viele unserer Mitarbeitenden bringen ihre Fähigkeiten auch sehr gerne in ihrer Freizeit zum Einsatz. Es gibt auf der anderen Seite jedoch genauso viele, die sich lieber mit anderen Dingen beschäftigen oder eine Funktion innerhalb des Unternehmens innehaben, die gesellschaftlich bedeutsam sein kann, wie z. B. Kleinunternehmen beim Entwurf von digitalen Strategien zu unterstützen oder Produkte zu entwickeln, die es Kleinunternehmen in Entwicklungsländern ermöglichen, kosteneffizient online zu gehen.

Welchen Mehrwert hat Corporate Volunteering für NGOs, die öffentliche Hand sowie Unternehmen und ihre Mitarbeitenden?

Mehrwert entsteht, wenn man sich der Gesamtziele einer Partnerschaft, der Rolle der beteiligten Parteien und der gewünschten Resultate für die Interessengruppen bewusst wird. Im Laufe dieses Prozesses können alle Beteiligten viel voneinander lernen. Unternehmen bringen ihre eigenen Konzepte zur Problemlösung mit ein und betrachten Dinge aus einer anderen Perspektive, wovon NGOs und die öffentliche Hand bisweilen profitieren können. Auf der anderen Seite erfahren Unternehmen, vor welchen Herausforderungen diese Organisationen stehen, und können somit die Komplexität der drängendsten gesellschaftlichen Probleme besser nachvollziehen.

Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen der finanziellen Performance eines Unternehmens und seinem sozialen Engagement?

Ihnen ist vielleicht aufgefallen, dass Google um sein Engagement in diesem Bereich (im Vergleich zu anderen Unternehmen) öffentlich kein grosses Aufheben macht. Wir vertreten die Überzeugung, dass es für ein modernes, dynamisches Unternehmen vollkommen normal ist, sich sozial zu engagieren. Die finanzielle Performance hängt mit den Leistungen des Unternehmens zusammen, und bei Google sind das selbstverständlich die von unseren Mitarbeitenden weltweit entwickelten und unterstützten Produkte. Wir möchten, dass diese Teams soziale Verantwortung übernehmen, sich ihrer Rolle in der Welt bewusst sind und ihren Beitrag leisten; unser gemeinnütziges Engagement und die Zusammenarbeit mit NGOs sind bedeutende Aspekte eben dieser Unternehmenskultur, die zu unserer Performance beiträgt.

Wie können Privatunternehmen am besten Partner für ihre Corporate-Volunteering-Programme gewinnen?

Dieser Punkt gewinnt immer mehr an Bedeutung. Tatsächlich sind wir momentan dabei, Partnerschaften mit anderen Unternehmen in der Schweiz aufzubauen. Eine solche Zusammenarbeit kann vom gegenseitigen Erfahrungsaustausch bis hin zur Zusammenarbeit bei bestimmten Projekten, bei denen eine Reihe von Fähigkeiten gefragt ist, reichen. Natürlich gibt es Fälle, bei denen betriebliches Know-how nötig ist und somit wettbewerbliche Überlegungen eine Rolle spielen. Ich denke jedoch, dass man, wenn man offen und kooperativ miteinander umgeht, zur Einsicht kommt, dass viele verschieden denkende Köpfe oftmals die besten Lösungen entwickeln!

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung von Corporate Volunteering?

Einige der interessantesten Entwicklungen im Bereich Corporate Volunteering werden wir dort erleben, wo sich Unternehmen auf deutlich längerfristige Projekte einlassen. Wir unterstützen beispielsweise verstärkt Google-Mitarbeitende, die sich in ihrer Freizeit für die Förderung des Informatikunterrichts für Schüler sämtlicher voruniversitärer Einrichtungen einsetzen. Solche Einsätze haben natürlich keine kurzfristigen Auswirkungen auf die Geschäftsergebnisse und tragen auch nicht auf direktem Wege zur Deckung unseres Personalbedarfs bei. Nichtsdestotrotz ist es von eindeutigem gesellschaftlichem Wert, sicherzustellen, dass unsere Kinder die Fähigkeiten und das Wissen vermittelt bekommen, um in einer sich ständig verändernden Umwelt erfolgreich zu sein; dieser langfristige Denkansatz unterscheidet sich stark von der klassischen, auf Quartalsergebnisse fokussierten Geschäftskultur.